ein bild

Der Karpfen


In euren Teichen, euren Seen,
Wie könnt ihr, Karpfen, lange stehn,
Der Tod will euch wohl nicht erwischen,
Ihr trüben Fische?

Guillaume Apollinaire, aus: Bestiarium
frisch übersetzt von Hans Test
(der meinte:: eintreten immer mit dem Standbein zuerst,
später auch zu Pferd & in Daunen::)

03.03.2006 12:01:04 

pelzige Singstimme


melke die Bienen (Arp) und
bei den Sittichen nimm Platz

den Partisanen entflohenen
Grünflügeln die sich picken
im halbnackten Baum am
Kanal

über uns und morsen
an ihre Verbündeten die Abwasser-
krokodile und Laufratten
tellurischen

flugelsowas skri
skri über uns mit Mundschutz (wir)
sittsam die Alten auf Bänken wenn
es uns beißt

die Bienenmilch. Wenn der Wind
wischt die Schwärme aus
den pfälzer Wäldern

vom Ural vom
Bosporus
langgestreckt
Felle Federn

06.03.2006 22:49:00 

Textikel


1. Fibrille
später auf der B 36 vor Hockenheim wurde Hans Test von einem Jesusporsche überholt.

14.03.2006 14:40:00 

Textikel


2. Bazillen

damals habe Monsieur Teste sich grußlos an Hans Test
vorbeigedrückt, der gerade in einem Parisführer des zweifelhaften

Baron d`Ormesan das Kapitel »Türme und Weine«
(Eiffel/Mosel) studiert und von einem Zeilenzitat

des zweiflügligen Apollinaire nicht aufgeblickt habe:
»mots finissant en el comme les noms des anges,

le ciel que l´on médite et le miel que l´on mange«,
Zeilen, mit denen Hans Test bei der einen oder anderen Isabel

Wirkung erzielt hatte. Als dann der Menschenstrom in den
oberirdischen Katakomben von Leipzig vor »baumlosen

Blättern« zu einer panischen Lava erstarrt war, habe
Hans Test bereits die Schirmpartisanen Janko und

El Che (Guttenbrunn) für den Plan eines gemeinsamen
Sellers gewinnen können, dessen Titel sich beim Auswickeln

einer dünnblättrigen Monte Christo sofort und bei den drei
Freunden gleichzeitig eingestellt habe: »65 Wohlfühlrezepte

für Nichtraucher«. Auf dem Weg zum honiggelben Sofa
des Gesundheitsminsters habe Hans Test eine schlaftrunkene

silbergraue Schimpansin aus einem Pulk singender
Kostümkinder befreit, mit der Sackkarre durch den Glastunnel

geschoben und draußen in einen Bus gesetzt.

22.03.2006 10:01:21 

Ginsberg in H


Hans Test hatte sich einen Mercedes älterer Bauart gekauft. Er holte Allen, Peter und Stephen am Bahnhof ab. Die Gäste aßen von den Äpfeln aus der Kiste im Kofferraum und faßten beifällig in sein langes Haar.
In Manfreds Wohnung brieten Angelika, Ulla und Dorothea den Fisch und dünsteten das Gemüse für ein Buffet.
Am Abend ließ Allen sich zum Essen im Hotel abholen. Er umarmte Hans, eben hatte er ein Gedicht geschrieben. Hans entschuldigte sich. Er hatte nur mit Mühe in der Altstadt einen Parkplatz gefunden.
Man aß vom buddhistischen Büffet und trank Vinho Verde aus Korbflaschen. Jetzt war Allen an den poetologischen Überlegungen von Hans nicht interessiert. Peter sagte: aber was er sagt, ist Kierkegaard. Peter sagte: du mußt meditieren, Hans. Der Oberbürgermeister wollte die Altstadt von H niederreißen und wieder neu aufbauen. Manfred berichtete von repressiven Maßnahmen gegen die oppositionellen Kräfte.
Am nächsten Tag besichtigten sie Jörgs Buchladen. Mit einigen Journalisten und vielen Genossen gingen sie zum Schloß hinauf. Manchmal rief Allen einen zu sich und ließ sich etwas erklären. Er sagte: Hans, sag mir bitte: warum dieser eingefallene Turm? Zum Abschluß machte er mit seiner Instamatic ein Foto.
In der Nacht war Frank Wolf Matthies in Ostberlin verhaftet worden. Die Lesung sollte mit einem Aufruf beginnen. Allen bestand darauf, zuerst ein Lied von William Blake zu singen. Er begleitet sich auf einem tragbaren Harmonium. Dann kam Michael auf die Bühne und griff in einer kurzen Rede die Herrschenden an. Allen und Peter trugen ihre einfach gebauten Gedichte vor. Dazu schlug Stephen Akkorde auf der Gitarre. Peters Auftritt war eher schüchtern. Er hatte das lange Haar hinten zusammengebunden. Allen deklamierte im Stehen. Wenn er sang, lockerte er seinen Körper mit schlangenartigen Bewegungen. Sein Kopf rollte frei über die Schultern. Gedichte gegen Konsum, Krieg und Atomenergie.

(für Mirko Bonné)

30.03.2006 23:55:22 

Hockenheim


(Hans Test erinnert sich: Städte standen wieder auf / vom Gras gebissen)

Das fahle Signal des unter der Haut hervorleuchtenden
Fleisches die Röte der darübergehängten Haut die Blässe
der Ober- / die Bleichheit der Dicke der geschnürten Titten
die tätowierte Brennung gebrannte Fahlheit unter der Haut
das schwabbelnde Fleisch Dosen umschließende Bindegewebe
als sie uns entgegenkamen

das aus dem Gewebe platzende geröstete Rot von
Schweinefleischessern ein Gargant hat sie in diese Runden
gerülpst fädelt sie durch die Unterführung die
Aufhängung der Bäuche im Nackenstück

die über dem inwendigen Brausen verstopften Ohren
die eingenähten Wülste die unter der horizontalen
Sonne rotgeriebene Haut der fahle Hof um das haarige
Stück Schatten das sie zwängte und uns in sie hineintrieb

blasse Würste rot gebrühte Falten gebläht im Fett unterm Fleisch
rot geäderte Augen ins durchsauste Innere gesteckt
ein langsames bleiches Schieben stilles Vorwärtsstoßen

Auferstehung von geräderten Tieren gepolsterten Säcken
schwer auf den Erdmittelpunkt zuhängend durch die
wir staksten gegenläufig

bunt getütet in berstende Lendenschurzfragmente
und Tittensäcke auflachende Tücher die uns da
zwei und zwei an ihre Freßkisten gehängt schweigend
entgegenstapften

durch den Schnee des gebleichten Straßenbelags
unendlich kriechende Theorie von der Sonne
gescheuchter Fahlheit durch den schwarzen Balken
der Unterführung gequetscht

uns breiig entgegenschwimmende geplatzte Füllung
durchmischt mit bunten Brocken / wahrer Schluck
quellender Sonnenqual nach Rennschluß

für Werner Aust

10.04.2006 13:41:43 

Stele


Claude Esteban
1935 - 2006

»Jemand, Pavese vielleicht, hat geschrieben: der Tod wird kommen und er wird deine Augen haben. Ein schöner Satz, rätselhaft, lange habe ich ihn nicht verstanden, weshalb hätte ich ihn auch verstehen sollen, es war zu früh, der Tod würde schon kommen, wenn es an der Zeit wäre. Und dann kommt dieser Satz, dieser Vers vielleicht, hat Pavese überhaupt Verse geschrieben? Er nähert sich, läßt nicht locker, verlangt nach mir. Der Tod wird kommen und er wird deine Augen haben. Anfangs glaubte ich, es seien die Augen einer Frau, um die es geht, sein ganzes Leben lang hat man auf sie gewartet, sie sei freundlich oder ein Verhängnis, und am Ende, im letzten Augenblick, trägt der Tod ihre Züge. Diese Annahme erschien mir faszinierend, aber doch auch zu romantisch, der Tod ist keine Frau, sondern nur ein Atemzug, der etwas zu kurz ausfällt, ein Herz, das aufhört zu schlagen. Mittlerweile glaube ich diesen Vers verstanden zu haben, zumindest scheint meine Interpretation, die so lange auf sich warten ließ, die richtige zu sein. Wenn der Tod kommen wird, wird er meine Augen haben. An den Sterbenden, an ihn und niemand anderes, hat Pavese sich gewandt« …
Claude Esteban
(Aus: Janvier, février, mars, Ed. Farrago, Tours 1999; deutsch von Hans Test)




19.04.2006 10:47:39 

13 Buchstaben


G iganten reden englisch. Gut okay ruft
R ufus ein garantiert orientalischer Rettich Gärtner
E rde gar gebraten oder roh gibt richtig
G räten orakelt Renate. Geniesserische Riecher erreichen
O lympia rudernd: gute Rücken. Elysisches Gequake
R eizt grüne Raben. Engel gebt Obacht!

L ala sangen die Planeten aus alten Eimerstimmen
A laska war nah die Bootsleute schlüpften in ihr Hundefell. Wir
S ägten Schlitten aus dem Gebirge das mit Ästen fuchtelte
C hemische Idioten schickte die trieben uns ins Meer mit Keulen.
H eringsschwärme kamen angeschwommen um uns zu erfreuen.
E chsen fraßen ihre Schuppenhaut es goß aus Traufen und Trompeten
N och gab es das singende Salz und unser Fuß war gut geölt

(zum 65. Geburtstag)

08.05.2006 16:53:31 

Club der Einsilbigen


Hans Test hatte den Club der Einsilbigen Dichter gegründet. Es bestand Zwangsmitgliedschaft. Alle waren einverstanden, außer Tom Kling, der leider tot war. Eine Hierarchie sollte es nicht geben, auch keine demokratische Verfassung. Kling war auf der Stelle zum Ehrenvorsitzenden promoviert. Jetzt stand eine Reihe von Leuten Schulter an Schulter und machte Geräusche: Schmatz, Uetz, Geist, Erb, Haufs hätten in ein Taxi gepaßt. Am Alex warteten Falb, Rinck und Rost. Schrott war wieder unterwegs, vielleicht zu Graf. Brecht zog ein Gesicht usw. Das kleine Wörtlein einst in Zukunft und Vergangenheit. Merz war sogar Schweizer, die sind schweigsam. Test war vergeßlich, es hatte einen Krieg gegeben. Wovon schwiegen die Einsilbigen? Sie trafen sich ja nie. Braun, Wehr, Schwerenöter. Gräf, wo war der bloß abgeblieben? Und Lu die Sau aus dem Spam? Mon hatte Geburtstag. Staeck? Präsident und kein Dichter. Gernhardt war nie einer gewesen, doch das gehörte nicht hierher.

10.05.2006 11:38:23 

Gratula (= kleiner Kratzfuß) für OP


Oskar Pastior

Wenn ein seltenes Tier durch einen seltenen Gegen-
stand springt, entsteht ein Sog, in dem die Seltenheit
des Tieres und die Seltenheit des Gegenstandes sich
selten schön mischen. Das Ergebnis nennen wir schö-
nen Impuls. Er teilt sich dem Sog mit und bewirkt, daß
auch andere seltene Tiere durch seltene Gegenstände
springen. Die Repetition ist die Mutter des Widerspruchs;
sie besitzt einen Zirkus und schwenkt Impulse. Durch
die Kuppel pfeift ein Sog, den häufige Tiere beim Sprung
durch häufige Gegenstände hervorrufen; das Ergebnis
nennen wir schöne Resistenz.


Wer eine Formel für das Spektakuläre besäße, könnte reicher werden als jeder Tycoon. Oskar Pastior nimmt sich eine spektakuläre Situation vor, unterzieht sie gleichsam einer vertikalen Definition, die der exakten Wissenschaft entliehen scheint. Den sich hinter der Konstruktion verbergenden Erklärungsbedarf, die zentrale Frage des Gedichts könnte man so formulieren: Was passiert, wenn wir verblüfft sind? Wie entsteht der »schöne Impuls«? Auf der Suche nach einer Antwort verblüfft uns der Text seinerseits mit triftigen aber unerhörten Zusammenhängen. Spätestens die Tatsache, daß die Repetition als Mutter des Widerspruchs einen Zirkus besitzt wie Berlusconi mehrere Kanäle, zeigt uns die solide Erdung dieser Geschichte, der durch die Kuppel pfeifende Sog schließlich bringt jene Gegenkraft ins Spiel, die den Vorgang auf den Kopf stellt. Nichts bleibt wie es ist. Pastior selbst hat das einmal so ausgedrückt: »Die Zeit, die ich brauche, um ›ich‹ zu sagen, ist dieselbe, in der sich rundherum Wirkung in Ursache verkehrt«.
Oskar Pastior ist ein unermüdlicher Schöpfer neuer Formen und Gedichttypen. Nach seinen als Meta-Texten ausgewiesenen Prosagedichten (Gedichtgedichte, 1973), wandte er sich rhetorischen Elementen aus der Tradition (Anagramm, Palindrom) und Versformen zu (Sonette, Sestinen), paraphrasierte Petrarca (33 Gedichte, 1983) und Baudelaire (o du roher iasmin, 2002). Bereits die Namen, die er seinen Neuschöpfungen gibt, signalisieren, daß er die Mühen der Repetition mit Witz meistert: »Wechselbalg, sonetburger, Vokalisen, Gimpelstifte«. So bevölkert Pastior sein Paradies des (scheinbar) absichtslosen Sprechens mit einem Bestiarium poetischer Fabelwesen. Man muß sie sich alle gleichzeitig und durcheinander redend vorstellen, als eine Art balkanisches Sprachgewirr (das bis ins Krimgotische reicht), geschöpft aus dem breiten Sprachfluß der bundesdeutschen Wirklichkeit.
Die vorliegende Zirkusnummer habe ich in Höricht (Verlag Klaus Ramm, 1975) gefunden. In ihrer Nachbarschaft finden sich andere Sensationen und Erstaunlichkeiten, die gleichsam durch den Filter des Hörensagens gegangen sind: »ein Bombay benannter Höricht«, »Traum des Erdhundes«, »Der blasse Dachdecker pfeift«. Sie handeln vom Sehnsuchtsmaterial des Phantastischen. Der Untertitel »Übertragungen aus einem Frequenzbereich« deutet darauf hin, daß mit den Texten etwas nicht stimmen könnte. Ein Übertragungsfehler? Nein, wir finden sie genau richtig wie sie sind in ihrer schönen Gestalt. Die Bescheidenheit des alten l´art pour l´art ist kein schlechter Ratgeber, wenn man etwas sagen möchte. All die Kanäle, die vorgeben, uns Informationen zu verkaufen, mögen dies auf noch so einfallslose Weise erledigen, nach einer medienkritischen Formel Marshal MacLuhans landen sie doch wieder in selbstreferentiellen Gefilden: das Medium ist die Botschaft.


15.05.2006 23:13:33 

Hans Test erinnert sich: Pfingsten


Sage I
Item waz eyn knabe van vierzehen jairen zu Heiligeroide mit syme fader und moder des mandag(es) na pynxsten (1429 Mai 16) und saede, wie hey van eyme boyme in eyne stecken an eyme zune gefallen were yn synen lyff und brach sich selver uß dem stecken, also dat yne alle syne yngeweyde uß seyme lyve geinck, und greiff der knabe dar und hielt syne derme in syne armen, bis hey heym quam, und en konde yme dat neman weder yn brengen und woirden vader und moder zu gedencken an die genade unser liever frauwen zu Heiligerode und geloiffden den knaben aldar und alsbalde sy die geloiffde gedaden, doy namen sy die derme und daden dy dem knaben weder yn und genaß der knabe des woil und is vader und moder mit yme zu Heiligeroide geweist und loiffden und danckten Marien.

Sage II
Item Nolde von Roden haitte der woilff tzwey perdt gebissen vnd synen naeckberen seben gebissen vnd der genante Nolde hait syne tzwey geloifft tzu vnserer leben frauwen vnd syne tzwey pert synt lebendich bleben von der genaden vnßerer leben frauwen vnd waren de perde gebyssen von eynem raissenden woilffe, vnde syner naecberer perde synt gestorben.
(Aus: Helmut Fischer, Sagen des Westerwaldes. Montabaur 1999, S. 152)

02.06.2006 12:16:17 

Textikel: Star-Quiz


Pilawa: Welcher Vogel steht symbolisch für Jesus Christus? A: die Taube, B: die Möwe, C: der Adler, D …
Promi I*: eilig: der Pelikan auf keinen Fall, der steht für Tinte (Gelächter).
Promi II: Der Pelikan also nicht. Mhmm: Taube? Schon eher. Adler, nein …, doch nicht der Adler. Ich bin für: die Möwe!
Promi I: Ja, die Möwe, das nehmen wir.
Pilawa: Ich logge also ein bei: Möwe?
Promi II: Klar, die Möwe.
Pilawa: Und es ist … … … nicht die Möwe, nicht die Taube … sondern: der Pelikan.
Promi I + II: Nein! Das gibts doch nicht. Der Pelikan?
Pilawa (liest ab): Weil das Pelikanweibchen die Nahrung aus seinem Hals hervorwürgt, um seine kleinen Pelikankinder zu füttern!
Promi I: Na, dann wären wir jetzt wieder bei fünftausend!

* könnte Mike Krüger gewesen sein

05.06.2006 10:42:46 

Textikel: Bordbistro


Alte – Los jetzt Kinder. Und immer dem Opa hinterher.
Kellner – Nicht immer! Sonst landet ihr im Grab!
Alte – Da haben Sie auch wieder recht!

12.06.2006 13:59:14 

Biting the air


Aristeas der mit den Pranken eine
Muschel formte den Bären abgeschaut
die Tüte ein lautes Wort macht aus
dem Fell ein Federkleid der Eckzahn
wird Schnabel im Flug über den Altai
Vogel im Waschpelz wer trägt ihn?
der Rabengesang

J. H. Prynne zum 70. Geburtstag

24.06.2006 09:21:32 

Frühlingslatein


die schlesischen Engel kamen paarweise geflogen
wie die »sine die« schreienden Pihis (Apoll.) mit
jeweils einem Flügel aus Altpapier als das Land
sich faltete wie ein Teppich getreten von den
Maurern aus Marokko

die unsere Straßen zerkleinerten um sie zu
Schlangen auszurollen Mörtelzungen schweigsamer
als ein schlesischer Schleier und für Horcher
aus der Ferne pflegten sie einen makkaronischen
Stationsdialekt abgelauscht den grünen Kerlen

und ihren Schwestern für die das alles Amazonas
hieß: träge Flüsse Gletschergrün Rebplantagen
auf Geröll hießen Kroko oder Kokos Erinnerungs-
kakao namenlose Nebel darin Margots Marathongeburt
gemalt mit Honig von Engeln aus Ruß und Lehm

im Vordergrund ein Hund der Äpfel schält und
Pferde würgt andere Engel trugen ihre Dosis
Aufruhr zu Tal rollendes Prümavaira der künstlichen
Sinatrastimme

Begrüßungsgedicht für Claire Genoux, Alberto Nessi, Antonio Rossi, Leta Semadeni, Pierre Voélin, Frédéric Wandelère, Martin Zingg, Jan Koneffke, Nadja Küchenmeister, Johann Lippet, Sabine Schiffner, Jürgen Theobaldy
anläßlich der Eröffnung von »Poesie der Nachbarn: Schweiz«
Edenkoben, 28. Juni 2006

28.06.2006 15:39:42 

Propheten


Ibn Hischam (um 800): Muhammad

Er war nicht zu groß und nicht zu klein: von mittelgroßer Statur; sein Haar war nicht sehr lockig und nicht glatt, von mittlerer Krause; er war nicht sehr beleibt und hatte kein volles Gesicht. Er hatte eine sehr helle Hautfarbe, schwarze Augen, lange Wimpern und große Gelenke und war breitschultrig. Auf Brust und Bauch und sonst am Körper war er spärlich behaart. Seine Handflächen und Füße waren dick und rauh. Wenn er ging, setzte er die Füße nicht fest auf, als ob er sich auf abschüssigem Boden bewegte; wenn er sich umdrehte, tat er es ganz. Zwischen seinen Schulterblättern befand sich das Siegel des Prophetentums, das ist das Siegel des Propheten. Er hatte die vortrefflichste Hand, das kühnste Herz, die wahrhaftigste Zunge und war der treueste im Vertrag.

Aus: Manfred Fleischhammer (Hg.) Altarabische Prosa. Reclam Leipzig 1988. Deutsch von Manfred Fleischhammer.
Für Assia Djebar zum Geburtstag


30.06.2006 23:29:30 

Francesco Petrarca


Strapaziersonett

61. Benedetto sia ´l giorno e ´l mese et l´anno

Gepriesen Tag Monat Jahr
Saison Zeit Stunde Moment
Land, liebliches, und Ort da mich (von mir) getrennt
gefesselt und gefügt das schöne Augenpaar;

gepriesen erstes Bangen süße Gefahr
erschöpftes Keuchen, Amor rennt,
mit Pfeil und Bogen, direkt im Herzen brennt
der Wundkanal des Treffers der mir beschieden war.

Gepriesen zahllose Stimmen ausgetrieben
als ich der Herrin Namen in der Luft verstreute
und Seufzer, Tränen, Sehnsüchte nach Belieben;

gepriesen alle Blätter vollgeschrieben
zu ihrem Ruhm, was ich erdacht in Schaffensfreude
gilt ihr — für andere ist nichts geblieben.


(Übersetzt von Hans Test zum Geburtstag 20. Juli 1304)

20.07.2006 09:19:21 

Textikel


3. Fibrille
Am Tag, als mir die Einbürgerungsurkunde überreicht wurde, trug der Beamte im Kreishaus eine Donald-Duck-Krawatte.
(Vincenzo Velella, Meine Leitkultur, FAZ vom 12. Juni 2006)

26.07.2006 11:25:35 

Die kleinen Tagzeiten der Abgestorbenen


Nit das Creuz Holz bette an
sondern den der gehangen dran


1
Im Norden enden die Flüsse kniehoch zwischen Hütten.
Wenn der Tag von den Dächern gestiegen ist, rennen
die Kinder übers leichte Eis. Die Tiere atmen das
von den Pflanzen verschluckte Licht.

2
Das elterliche Holz jetzt im Gestrüpp des Monats Atember

3
Die Stadt liegt an den Flüssen wie ein Gott, der die Fliegen
anzieht. Die Insekten sind aus dem Raps gefahren, haben
die Fische berührt, jetzt kühlen sie die Städter, die aus
den schwarzen Fabriken kommen.

4
Der Kranke geht durchs Kaufhaus, einen
Korken zwischen den Zähnen. Erwachend unter dem späten
Bett, spreche ich mit den Abgestorbenen,

5
die das Fleisch anbeten und das grüne Wasser des Himmels
unterm Makadam. Ich sage: Anderswo. Die Frauen tragen
Austernstaub, bedecken sich mit Leinen und Fellen.

6
Die Sardinen singen für die Abgestorbenen, die das Holz
anbeten, weil es vom warmen Wind mit sich trägt.

7
Die Frauen tragen den Windstoß unter ihren Röcken.
Die blinden Sardinen bewachen das Haus. Ich, eine Kaulquappe,
trinke vom Weiherwasser.

8
Ich habe den Schlüssel vergessen, das Kleingeld.
Im Haus steht die Luft still, die Tagzeiten schweigen,
eine Wiese nach der Mahd. Im Sitzen gleiche ich
der Wohnung, die mich nährt.

9
Meine Stimme aus Algen und Fleisch. Die schimmlige
Tapete aus Holz, Wörtern. Das späte Brot,
der gegessene Schnee.

10
Der Schreier zwischen Häusern hat Unrecht. Er gleicht
der Makrele, die in den Freizonen ihren Duft verströmt.

11
Wer flüstert, lügt. Der Weiher heißt Sohn, Dad, Sonne.
Boote voll Milch und Passagieren gingen übern großen Teich.

12
Die grünen Wellen tragen den Himmel, lassen
das Holz sinken

Bertolt Brecht zum Todestag: Hans Test, gestern Linkshänder, heute schon Gratulant

14.08.2006 00:19:33 

Textikel


4. Fibrille
Neulich beim Metzger: Kartong Plö und Parkettsalami

20.08.2006 11:24:31 

   1 2 3 4 5   
counter