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Proposition


Es gab nichts zu erklären, da alles klar war, auf dem Fünfer-Turm. Wittgenstein hatte Recht. Er konnte sich nicht umdrehen und wieder runtersteigen. Technisch wäre es machbar gewesen und praktisch möglich, mit Hilfe von Sprachspielen. Er konnte die falsche Badehose angezogen haben. Es war albern.

Den Unsinn, den jeder erkennen konnte, der durch Sätze, auf ihnen, über sie hinaus gestiegen wäre.

Das Sprechen bewegte die Szene. Er sagte: "Wittgenstein zitierend spreche ich erstarrte Sätze, die als Leitung dienen, für nicht erstarrte, flüssige Sätze."

Die Geräusche verhallten. In der Stadt, dem Gewinkel von Gassen und Plätzen, den alten und neuen Häusern, Zubauten aus verschiedenen Zeiten, umgeben von Vororten, ungeraden Straßen und geraden. Das Ganze zerfiel nicht in Dinge, sondern Tatsachen.

Die Zunge ins Bodenlose, das Sprungbrett zitterte. Auf seinen Lippen erstarrten flüssige Sätze und feste wurden flüssig. Eine Familienähnlichkeit unter Menschen fiel ihm auf, an den Knien der Leute vor dem Abheben.

Der Bademeister bewegte die Luft, führte Kreise aus, ruderte mit den Armen. Sein Beitrag zur Entkrampfung der Situation. Es war seine Pflicht so zu tun, als hätte er Probleme gelöst, wenn er keine Probleme löste.

Nachdem sich genügend andere vorbei gedrängelt hatten, wurde es ihm leichter, als wäre einiges von ihm mit nach vorne gegangen und dort abgefallen. Die Selbstbesänftigungsstragie hatte sich tot gelaufen. Eine dramatische Geste der Selbstaufgabe war angesagt. Der Bademeister hatte Recht mit seinen Armen und der Kreisbewegung.

Der Unsinn war offenkundig geworden. So weit war es gekommen, dass er übergegangen war vom nicht offenkundigen zum offenkundigen Unsinn. Das war der Grund, warum er Lehrer geworden war. Er winkte seinen Schülern am Beckenrand zu.

Was auf einer Leiter erreichbar war, interessierte ihn nicht, und wo er wirklich hin wollte, dort musste er schon sein. Er hatte vor, mit einem Philosophen zu landen. Dies sollte es sein, um was es sich handelte.


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27.11.2007 00:19:57 

Optimismus


Es gelang mir die brennende Kerze, die vom Leuchter kippte, rechtzeitig aufzufangen. Ich hatte gute Reflexe, ohne Aufhebens zu machen, konzentriert auf die anderen Gäste, die mir sowohl bekannt waren, als auch nicht. Schalen mit Nüssen machten die Runde, die versprochene Mahlzeit drückte auf das Gepräch. Angesichts meines Hungers vertiefte ich mich in die Dinge, die auf dem Tisch lagen, die Gaben der landwirtschaftlichen Produktion: saftige Weintrauben in beiden Farben, Gurkensalat, der nur mit Zitrone gewürzt werden durfte. Es wurde formlos und enthusiastisch mit Limo zugeprostet. Uns fiel kein Trinkspruch ein. Der Mann neben mir arbeitete in derselben Branche. Alles war weitgehend so, wie Soziologen es beschrieben. Die Spaghetti und die Soße überzeugten. Es wurde ein schöner Abend und ein voller Erfolg. Ich entschuldigte mich bei dem Jubilar für mein unangemessenes Glücksgefühl. Er hätte es rücksichtslos finden können, dass jemand einen Tick zufriedener war als er, an seinem Ehrentag. Doch das war nicht der Fall. Wofür ich ihn besonders liebte. Er hatte logisch eingesehen, dass man die Gegenwart nicht überbewerten sollte, dass sie vor allem später etwas bringen würde, wenn sie gewesen sein wird.

26.09.2007 21:30:30 

Ohne doch, aber, trotzdem


Den ausgepackten Infinitiv selbst wieder einpacken. Damit weiter machen, niemanden beherrschen wollen, zu sprechen haben. Offenes Verfahren, Fragen, das wären die besten Ideen, die mir einfallen.

20.09.2007 20:11:04 

Interpretation


Etwas verstehen, nicht
verstanden haben

20.09.2007 16:41:41 

Lesen


Eine Fliege auf        sympathie
zwei Klatschen        antipathie
                             _________
                             ökonomie

20.09.2007 15:58:33 

Der Derrida-Gadamer-Medien-Hype


Hermeneutik prallte auf Dekonstruktion, also Welten. Man muss gar nicht so viele Bücher gelesen haben, im Internet. Es ging um unverschämte Fragen, die Derrida ("Falschgeld", 1993) seinem älteren Kollegen ("Wahrheit und Methode", 1960) gestellt hat, als sie sich 1981 zum ersten Mal vor Publikum in Paris trafen. Es waren Fragen zu Heideggers ("Sein und Zeit", 1927) Nietzsche-Lektüre (Nachlass) zwischen 1939 und 1944. Dabei hatte der Heidegger-Schüler Gadamer am Abend zuvor lediglich einen Vortrag mit dem Titel "Text und Interpretation" gehalten.
Derrida:
- Verbirgt sich im guten, im hermeneutischen Willen zur Verständigung nicht doch ein Wille zur Macht - so etwas wie die Regung zur verständnisvollen Bevormundung der Unverständigen und Verständnislosen, zum Überspielen von Differenz und Dissens?
Gadamer:
- Die Fragen von Herrn Derrida demonstrieren unwiderleglich, dass meine Bemerkungen über Text und Interpretation . . . jetzt ihr Ziel nicht erreicht haben. Ich habe Mühe, die an mich gestellten Fragen zu verstehen. Aber ich gebe mir Mühe, wie jeder tut, der einen anderen verstehen will oder von dem anderen verstanden werden will.

19.09.2007 20:03:20 

Real


Der eine Schuh war schon mal gut. Er wollte den Zweiten haben, in beiden vor dem Spiegel hin und her gehen und sehen, wie er sich fühlte. Sein Blick wanderte über die Regale. Offenbar alles billiger. Der Grund für seinen Aufenthalt. Wo früher Wal-Mart war. Im neuen Real, neben dran. Wegen der Ebbe, die herrschte. Er war bereit, Ausbeutung in Kauf zu nehmen, das hatte er sich vorzuwerfen dann. Es ging ihm nicht um den Boom in Fernost. Das wäre geheuchelt gewesen. Es ging ihm um den zweiten Schuh. Er war skrupellos darauf fixiert, unterste Mittelschicht. Die Verkäuferin verschwand im Lager. Sie konnte ihn nicht finden. Er war nicht da. Der Mann am Infostand sagte, der Schuh wäre nicht Real.

13.09.2007 23:23:29 

1977


Es war mir schon klar, dass Elvis gut singen konnte. Das wusste ich an diesem Sommerabend, als „If I Can Dream“ im Radio gespielt wurde, bereits. Leise summte ich den Song mit, während das Abwaschwasser meine Hände umspülte. Dieser Mann sollte also tot sein. Er war am Ende seines medikamentenreichen Lebens angekommen. Ich wollte den Song selbst singen können, das Mitsummen reichte mir nicht. Wenigstens den Refrain. Ein Versuch genügte. Die Erkenntnis, dass ich niemals meine Stimme erheben würde wie er, stand glasklar im Raum. Ein Traum war zerplatzt, kaum, dass er aufgegangen war; ein Stern verglüht, noch bevor er richtig gefunkelt hatte. Schauspielern war etwas anderes. Das konnte ich auch nicht. „Tell me why...?“, heulte ich. Das mir eingestandene Unvermögen brachte mich Elvis näher als jemals zuvor. Ich war ich. Er war der King.

16.08.2007 14:55:14 

Entfernter Bekannter


Ein gemeinsames Taxi lehnte er ab, früh am Morgen.
Er wollte mit dem Fahrrad nach Hause fahren.
Tagelang wusste niemand, wo er abgeblieben war.
Es stellte sich heraus, dass er schwer verletzt in einem Krankenhaus lag.
Man hatte ihn in künstliches Koma versetzt.
Es waren dieselben Worte, immer wieder auf Nachfragen vorgetragen, dass es noch nichts Neues gab.
Die zahlreichen Besucherwünsche, auch von Leuten, die ihn kaum kannten.
Seine angereisten Eltern, denen das Geld für ein Hotel fehlte.
Iris und Astern im Schaufenster von „Blumenhaus Goerke“.
Die Idee, Eintritt zu verlangen, Freunde und deren Freunde einzuladen, vorbei zu kommen, um alles Gute zu wünschen.
Freundliches Zuflüstern, wenn es besser war, dass sie wieder gingen.
Er konnte reich sein beim Aufwachen.
Gespräche über seine Krankenkasse und die laufenden Ausgaben.
Er sollte ausschlafen, ohne Stress.
Dass niemand Angst haben musste, weil er meinte, ihm fehlten die Nerven zum Aufwachen, und vor allem, dass das Leben für ihn noch nicht vorbei war.
Seine Augen konnten geschlossen bleiben, wenn ihn das Sehen zu sehr anstrengte.
Inzwischen blieb unklar, ob er etwas erzählt bekommen wollte, oder vorgelesen.

02.07.2007 17:20:53 

Florentiner Atmosphäre


Die Tropopause im Schwerefeld: Luft, Druck, Dampf. Evangelista Torricelli wollte den Durchbruch schaffen. Das Vakuum war möglich, er lieferte den Beweis, ein für alle mal. Was er konnte, konnten auch andere. Von wegen „horror vacui”! Schwer machte es die Luft. Mehr Druck durch größere Luftfeuchtigkeit. Er stellte die Glasröhre vorsichtig ins Wasserbad. Seine Bewegungen waren fließend. Und voilà: Die Quecksilbersäule wanderte nach oben. Was immer das zu bedeuten hatte. Zunächst ein Faktum, das nicht zu leugnen war. Er wollte nicht übermütig werden, es war gelungen, er war sich nur nicht ganz sicher, was. Und was sie für Folgen hatte, die Leere der Leere, gegen die sich alles gesträubt hatte. Die Nackenhaare hatten sich jahrhundertelang aufgestellt. Als hätte man befürchtet, dass ein Vakuum herzustellen war, nur auf Kosten allen Lebens. Das Blut begann zu kochen bei dem Gedanken. Man wurde in kleinste Splitter zerteilt, zerplatzte. Niemand hatte Interesse an Experimenten, die Angst machten. Der Wind blies ihm ins Gesicht. Er wollte es hier und da durchsickern lassen, aber kein großes Aufhebens davon machen. Lieber arbeitete er weiter an der optischen Linse.

28.06.2007 11:01:03 

Kinderleicht ist Heidegger


Er sieht aus, als läge ihm etwas auf der Zunge.
Ich helfe ihm auf die Sprünge, stelle hypothetisch fest:
„Heißen ist einladen.“
Er fragt: „Was soll das heißen? Du meinst, wie beim Einkaufen?“

Prompt sind wir im Gespräch. Kinder lieben Einkaufengehn.
Wir laden die Dinge ein, durch das Heißen laden wir sie ein.
Damit sie die Menschen etwas angehen.

(Martin hat schon als Baby über Sprache philosophiert.
Ich fand das zu früh, wollte ihn bremsen.
Nutzte nichts, er hat seinen Kopf durchgesetzt.)

Er will wissen: „Dieses Ding, und jenes Ding?”
Ich sage: „Pack sie ein. Die Versammlung der Dinge.“

Er folgt dem Geheiß, aber er will, dass was Süßes dabei ist.
Ich sage: „Nimm das wieder aus dem Wagen.”
Er bleibt dabei. Er will es unbedingt haben.

Wir stehen an der Kasse und bezahlen.
„Meine Empfehlung an die Welt!”, sagt die Kassiererin.
Sie gibt uns das gratis mit.
Ich mache eine noble Geste, vollziehe eine Gebärde.

Er fragt: „Damit die Dinge im Dingen die Welt gebären?”
„Ja, genau.” Sie soll zu den Dingen, die Dinge sollen zur Welt kommen.
Martin sagt: „Alles klar!”

Auf dem Parkplatz rufe ich hin und her. Er ist fort, nicht da.
Ich denke, ich bin laut genug, man versteht mich überall.
Plötzlich steht er vor mir: „Was ist Heißen nochmal?”

„Heißen ist Sprechen über den Unterschied, über den Riss
zwischen Welt und Ding, die einander durchmessen.“

Zunächst kommt er nicht mit. Ich heiße ihn einzusteigen,
die Tür zu schließen und sich anzuschnallen:

„In der Mitte von Zweien, unsere Sprache nennt es das Zwischen.
Dazwischen hebt sich das Ding in sein eigenes, sorgt die Welt dafür, dass es bleibt.“

Martin versinkt in seinen Sitz. Scheint langsam einzuschlafen.
Aber es lässt ihm keine Ruhe:
„Das Stillen ist in die Ruhe bergen?”

Ich antworte mit einer Gegenfrage, teste aus, ob er noch reagieren kann:
„Wie heißt der Spruch richtig:
'Befiehl dem Herrn', oder 'Befehle dem Herrn' deine Wege?”

Er lacht, als hätte ich einen Witz gemacht.
Er meint: „Kann man beides sagen.” Martin ist müde...

Welt gönnt die Dinge. Das Sagen traut Welt den Dingen zu und
birgt zugleich die Dinge in den Glanz von Welt.

Er schläft, ist zweifach gestillt, verweilt unterwegs,
wird in sein Bett getragen.

Ich lass' das Licht an. Falls er wach wird und aufschreckt.
Reglos liegt da die Rückseite des Ruhenden.



Text: J. O.; performt von Holger Steen zur Ausstellungseröffnung von:
„Wasser! Fort! Au! Hilfe! Schön! Nicht!“
Am Hamburger Hauptbahnhof, Bieberhaus
2. - 16. Juni 2007

13.06.2007 16:11:18 

Event-Zelt


Der Moderator lässt das erhitzte Publikum in aller Ruhe die Nummer beklatschen. Soviel Zeit muss sein. Die Leute kühlen ab, erholen sich wieder. Währenddessen weiß der Sprecher bereits, was er als nächstes sagen wird, gewiss, dass es eine Bombe ist, die platzt: „Dies ist KEIN ZIRKUS!”. Wie bitte? Der Moderator blickt an sich hinab, er vergewissert sich, dass er in keinem Frack steckt, er fährt sich über den Schädel, um sicher zu gehen, dass er keinen Zylinder trägt, er reibt sich die Augen, dreht sich schneller und schneller werdend im Kreis. Die Arena tobt, die Feuerwehr brennt, die Polizei hat alle Zeit der Welt gestohlen, das Rote Kreuz schläft seinen Rausch aus... Doch der Höhepunkt kommt noch. Zwei Ausnahmekünstler, die sich mühsam das Singen und Sprechen abgewöhnt haben, stehen auf dem Programm. „Meine... und..., begrüßen sie mit mir, kürzlich erst von einer Baltikum-Tournee zurückgekehrt, die Unmöglichen, Unglaublichen: Papagaiaaa und Papagaiooo...!” Zwei Gestalten erscheinen, von Kopf bis Fuß mit einem bunten Fransen-Kostüm angetan, das sie sachte schütteln. Sie breiten die Arme aus, schreiten getrennt voneinander das Rund ab, treffen sich in der Mitte wieder, halten einander die Hände und blinzeln sich zu. Die Leute werfen Schoko-Riegel mit Erdnüssen nach ihnen. Sie könnten endlos nur rumstehen. Süß: die beiden stöbern sich ab.

11.06.2007 18:40:41 

Schwank


Mein viermal gebrochenes Bein
und sein Gesicht, das verloren
gegangen war, in einem Experiment

Wie reagiert ein Streichholz, entzündet
in einem Topf mit Farbe? Interessant
aber schlecht für die Haut – Kopfverband

Ich traf ihn Monate später im Schwimmbad
er sah aus wie nach einem Sonnenbrand
wir lachten, haben uns zuerst nicht erkannt

07.06.2007 19:11:11 

Leseprobe mit dem Schwarzen Peter


Niemand soll der Schwarze Peter sein müssen. Niemand soll erklären müssen, wofür schwarz steht. Dafür ist er da. Er bietet sich an, fuchst sich stellvertretend rein. Die Jagd kann beginnen, der Kitzel mit der Macht. Jemand wird die Rolle seines Lebens spielen. Der Schwarze Peter zeigt dem Schauspieler, wo's lang geht in dem Stück, wenn er glaubhaft agieren will. Er liest also die Zeitung. Wie auch immer man auf der Bühne Zeitung liest. Eignet sich als Impro. Auf dem Titelblatt, groß, die Schlagzeile: „Ich kämpfe nicht", ein Zitat von jemandem, der das behauptet hat. „Kenn' ich”, sagt der Zeitungsleser aufblickend und wendet sich an den Schwarzen Peter. „Geht mir genau so". Oder was auch immer. Der Schwarze Peter schüttelt dagegen nur den Kopf. Wie man meinen kann, auf das Kämpfen verzichten zu können, welche Schwäche oder übertriebene Rücksichtnahme, welche Skrupel im Einzelfall dann wie motiviert sind. Handelt es sich um Propaganda? Hält er einen abgehangenen Freiheitsbegriff hoch, schwenkt er eine Fahne, bläst er in ein Horn? Vielleicht in einem historischen Kostüm? Mal sehen. – Oder übt er etwa passiven Widerstand aus gegenüber dem Regie-Konzept? Wie klar ist ihm, dass er eine Rolle zu spielen hat, also jemand anderen, und nicht sich selbst? Der Darsteller muss einsehen lernen, dass guter Rat teuer ist. Vor allem am Ende, das unter einem Baum stattfinden wird, vor einer Öffnung im Boden, es könnte ein Fuchsbau sein, muss aber nicht. Er steht davor und schöpft aus dem Nichts. Es ist erstmal besser, wenn es nichts mit Tieren zu tun hat. Ansonsten macht er einfach, was er will. Der Schwarze Peter wird dem Regie-Konzept geopfert. Darin liegt die Tragik. Der Akteur ist sich selbst überlassen, allein, aufgeschmissen ohne das gewohnte Gegenüber. Was fängt er an? Er wird nur noch die Rolle und keinen Text haben. Oder Text, aber keine Rolle. Er kann machen, was er will. Nur nicht sich selbst spielen. Worauf es ankommt, ist Ratlosigkeit. Die Technik leuchtet sie aus.

06.06.2007 15:53:45 

Vegetables


„... I'd jump up and down and hope you'd toss me a carrot...“

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05.06.2007 12:11:50 

Liebe Sylvia, ...


ich will mich keinem Diskurs verweigern, auch wenn es mir sprachliche und andere Probleme macht. Ich gestehe mir zu, einiges, das du angesprochen hast, nur zu streifen, und auf anderes vielleicht gar nicht einzugehen.

Mein Votum richtet sich ausdrücklich gegen jede Aufweichung des Grundgesetzes. Es ist ein Boden, auf dem ich stehe, und in den ich nicht versumpfen will. Da das Grundgesetz nun mal tatsächlich aufgeweicht ist und wird, könnten Warnungen wie die von Mayer überholt sein; nicht unbedingt zwecklos, aber doch vor allem ein Ritual, wie es unter Politikern üblich ist. Ich möchte allerdings nicht unbedingt Politik betreiben, wie die das machen. Auch nicht im Sinne einer Mikro-Politik.

Zu Benn wird es besonders schwierig: Ich bin am „metrischen Turm“ hängen geblieben, der „Festung aus arkadischen Metaphern“. Man sieht geradezu die Vögel kreisen um das Gebäude und hofft, dass es keine Geier sind. Ich habe mich bisher mehr mit Celan als mit Benn beschäftigt, meine Kenntnisse sind unzureichend, aber angenommen die Bewertung seines Verhaltens sieht am Ende so aus: Emigrieren könnend, aber nicht wollend. Anders handelnd als denkend. Inkonsequent. Freigegeben zum Verurteiltwerden. Was seine Ästhetik erst recht verdächtig macht. Es könnte durchaus sein, dass er schwach und feige gewesen ist. Ein ängstlicher Turm, der nicht geknickt werden will, ein trauriges Bild. Ich bewege mich allerdings in den Bereichen Spekulation und Kolportage. Gute Vorsätze: Quellen studieren. Nachdenken. Urteil bilden. (Fortsetzung 2). Im übrigen identifiziere ich mich nicht mit Benns Ästhetik. Obwohl ich, um im Bild zu bleiben, turmartig gewachsen bin. Schwierige Statik. Aber persönlich eher ein Turm der offenen Tür.

Was die „deutsche Normalität“ angeht, muss ich an ein Zitat von Hannah Arendt denken, das mir neulich zu Ohren gekommen ist: „Das eigentlich Erschreckende ist die Normalität.” Ich denke, zum Glück, die Leute flippen aus, und zwar ganz unterschiedlich. Ihr Verhalten soll dabei nicht auf eine Laissez-faire-Haltung hinaus laufen, wenn's nach mir geht – was es nicht tut. Es ist gut, wenn niemand jemandem vorschreiben kann, wie er Spielräume nutzt, auch wenn ich deren Erkauftsein auf jeden Fall kritisch hinterfragen will. Mehr sozial verträglichen, kreativen Anarchismus halte ich für wünschenswert.

Ich möchte meinen, Privates politisiert zu haben, einem Vorsatz nachgekommen zu sein. Wahrscheinlich nur ein Wunschtraum. Immerhin bin ich mit dieser Antwort über meinen Schatten gesprungen. Pluspunkt Kommunikation. Danke sehr für das Gespräch, Sylvia.

23.05.2007 19:07:57 

Geheimrat


„Andre verschlafen ihren Rausch, meiner steht auf dem Papiere.“

... Das auch behaupten können. Neuen Computer haben. Keine Goethe-Zitate... (Forsetzung 1: Gute Vorsätze)

16.05.2007 13:29:31 

Sylvias Variation(en)


Ich finde das insgesamt richtig, was du schreibst, Sylvia.
Allerdings halte ich die Paralelle zwischen Nationalsozialismus und Konsumgesellschaft für fragwürdig, wie auch die Schlussfolgerung, dass Benns Irrtum (?) letzlich auf Kosten von Celan gegangen wäre. Meine Frage wäre, welchen Nutzen diese Verallgemeinerungen haben.
„Jeder hat an allem Schuld” (Dostojewski)
Gehts darum, wer der größere Verbrecher bzw. der gerechtere Richter ist?
I try to fail better.

14.05.2007 21:22:47 

Mutter erzählt


Andreas Grahl: o. T. (Küken)

Es war im Urlaub. Wir sind zusammen hinaus geschwommen. Er erreichte als erster den kleinen Felsen, der einige hundert Meter vom Strand entfernt aus dem Meer ragte. Im Nu stand er oben. Die gestrickte Badehose, die er sich an einer Strandbude gekauft hatte, beulte vorne auf groteske Weise aus. Das mit der Badehose war eine perverse Idee von ihm, um mich, wie er sagte, „anzumachen”. Unsere Ehe war längst gescheitert. Als ich ihn dort stehen sah, triumphierend, harmlos, unschuldig, kam es mir vor, als ob er sich freute. Er war ein Kind, böse, wie Kinder bekanntlich sein können, hemmungslos Egoist.

Ich neigte zum Philosphieren, wenn ich Probleme hatte. Fragen auszudenken erwies sich als Spezialität von mir. Meine Stimme schraubte sich am Ende eines Satzes wie von selbst empor. Konnte oben unten sein? War die Frage dumm, naiv? Wurde ich lästig? Und wenn schon. Ich brachte alles mit, was man zum Philosphieren brauchte. Mehr als nur Verstand.

Die Seufzer kommen von alleine, entringen sich meiner Brust, es ist ein wenig wie es früher war. Sie müssen da raus kommen und aufsteigen. Ich spreche von den nicht enden wollenden Zeiten der Melancholie. Sie war unser Schatten, der wochen-, monate-, jahrelang zu Besuch blieb. Sie gehörte zur Familie, eine tägliche Begleiterin im Schlaf- und Wohnbereich, Ausflüge, Einkaufen, Eis-Essen und dergleichen. Kino.

Ich starrte und starrte, in einen Abgrund, aus dem ich heraus gekrochen war, ich schwankte zwischen den Zeiten, das eine wie das andere meldete Gegenwart an, früher und später. Mein Gesicht hatte etwas Maskenhaftes, die Haut glänzte wie Kunststoff. Ich war gelähmt. Schaufensterpuppe, Kleiderbügel, Zombie.

Das Leben lief in Film-Trailern ab. Unsere gemeinsamen Szenen zogen mich in Bann. Die Höhepunkte soweit. Grell zeichnete sich das Erlebte ab. Ich stand mit den Beinen im Himmel und sah mir den Abgrund vom Boden aus an. Ich hatte das Abzappeln satt.

Woher schlüpften wir, wenn wir nicht kamen oder gingen, sondern schlüpften? Und wohin? War das Leben eine Packung, die halb aufgebraucht war? Ich griff mit der Hand in eine Tüte, und fischte mir eine Hand voll gemischter Happen heraus, den ich zu meinem Mund führte, in dem er sicher landen sollte. Doch bevor es soweit kommen konnte, schnellte eine Hand aus dem Nichts hervor und riss mir die Bissen unter der Nase weg. Er machte ein Raubtiergesicht. Ich war die Gekniffene.

Er kam irgendwo rein, als würde er mit offenen Armen ausrufen „Freunde!” „Was kann ich für euch tun?”, „Was könnt ihr für mich tun?”. Ohne Worte. Offenbar versessen auf regen Austausch, auf Geben und Nehmen. Ein großer Vogel in einem Mantel, dessen Innentaschen die Einladung enthielten, in ihnen zu verschwinden.

Ein Erstbester hat es gutgemeint, losgelegt mit seiner Wärme, und war dabei ein Ding mit einem anderen Erstbesten auszubrüten. Beide zusammen von Natur her für einander bestimmt, damit es Leben geben konnte. Das unerschütterliche Selbstverständnis des Ausbrüters und die Passivität des Eis. Es war so einfach. Die Rechnung schien aufzugehen.

Womit er mich beworfen hat: Bälle, Schnee, Reis, Getränke, Sand, Blumen, Hausschuhe, Steine...
Womit ich ihn beworfen habe: Bälle, Schnee, Reis, Getränke, Sand, Erde, Hausschuhe, Steine...

Wir telefonierten viel am Anfang. Es war schön. Ich wurde zu einer runden Sache, wenn ich es noch nicht gewesen war, mit einem Ohr am Hörer. Ich krümmte mich. Wir lachten über unser angebliches Verkalktsein, sprachen durch Wände. Im Licht unserer Stimmen, das gute und das schlechte Wetter, alles von Interesse wurde gestreift. Auch was wirklich wichtig war, weil wir mehr von uns wissen wollten. Uns wuchsen Schnäbel zum Picken und Hacken, Krallen zum Scharren. Ich dachte, wir könnten, eines Tages, praktisch frei wie Vögel sein.

Mit den Jahren gewöhnten wir uns an die Streitereien. Ich wurde immer idealistischer. Es war eine Sucht, ein Reflex, den ich nicht beherrschen konnte. Ich war für meine Kinder da. Ein Grund, mich weniger wichtig zu nehmen. Ich habe mich gerne aufgeopfert, es geradezu genossen, hin uns wieder, das gebe ich zu. Gibt es jemanden, der keine Schuldgefühle hat? Lange kein Grund, nachtragend zu sein. Es geht in Ordnung, wenn ihr für mich eine Parade der Aufmerksamkeiten arrangiert, zeigt, dass ihr mich begriffen habt. Etwas an mir. Es stimmt: Ich habe mich mit eurem Vater nicht verstanden.


Gelesen am 8. März 2007 (Internationaler Frauentag)
zur Ausstellungseröffnung „Frau Hölle”
hafen+rand / galerie auf st. pauli

11.05.2007 22:05:47 

Gute Vorsätze


Unbedingt klar machen, woran man was verkehrt findet. Herausarbeiten, inwiefern Metaphysik und Emanzipation als Widerspruch begriffen werden müssen. Milieu-Kritik. Demonstrieren, dass man die letzten 3000 Jahre im Großen und Ganzen, Kleinen und Fragmentarischen halbwegs kapiert hat. Anachronismen aufzeigen. Metaphern-Check. Widersprüche aushalten, aber nicht an ihnen festhalten. Als Person Profil zeigen. Die Gegenwart nicht für bereits überholt halten, weil sonst Geschichte geleugnet, Zukunft sabotiert wird. Vogelblick runterholen. Diplomatie lernen. Überhaubt Lernen aus den Fehlern. Nicht so empfindlich, aber feinfühlig bleiben. Soziale Kompetenz ausbauen. Privates politisieren. Sich öffentlich machen. Alles geben. Emotional angreifbar werden. Sich möglichst niemals erpresst fühlen. Fremdes Interesse wertschätzen. Selbstbild hinterfragen. Nicht pampig werden. Zusammen arbeiten. Aufhören mit Ratschlägen an sich selbst. Aus Fehlern lernen. Kunst nicht überbewerten. Biografie aufarbeiten. Nicht ins Abseits geraten. Nähe suchen, ohne sich einzuschleimen. Humor nicht als Waffe verwenden. Aus Fehlern lernen. Sich nicht zuviel und vor allem nichts Falsches vornehmen. Kein Vorbild sein können und wollen. Sorrysagen, wenn man Ärger verursacht hat. Sich selbst meinen. Niemanden überfordern. Zeit haben. Text schreiben, wenn Text nötig. Sich geirrt haben können...

10.05.2007 14:05:27 

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