ein bild

Full springtime in Chattanooga, Tennessee


Hinterm Haus spielen die Kinder, streiten sich
schreiend vor der brüchigen Mauer, in jeder
Hand ein Spielzeugauto. Im Umkreis

des Hauses verwischen die Grenzen zwischen
den Grundstücken, geflickte Zäune
schrecken hier niemanden ab. Die Kinder

schleudern ein Auto durch ein Loch in der
Mauer, und sofort, ohne zu zögern, setzt das
Kleinste sich in Bewegung.

13.05.2004 15:02:57 

In the Stoneleigh Terrace Hotel, Dallas


Die alten Sessel, eine Leidenschaft
in retro. Den Aufenthalt zu strecken
ein lebensnaher Lichteinfall: wie

Frühstück auf dem Zimmer, Morgen-
luft. In Wahrheit Abgestandenes, florale
Regression: das Vorhangmuster, die

Flasche Medizin auf dem Tisch.

31.05.2004 12:48:48 

Nashville, Tennessee


Kreuzung, Querung, verhunztes
Stillleben. Ins Bild rollt ein
Erinnerungstransport: Im gelben Capri
durch den Kiesbergtunnel, der Fahrer
hustet und ist bald schon tot.

Ins Bild rollt Gegenteil
von Statik: Sattelschlepper-
reminiszenzen, ein Neffe
ohne Vater, der mobile Mangel.

18.06.2004 16:46:15 

Steele, Mississippi


Unter Schichten
von Putz, Postern und Tapeten
eine zu fühlende Beginn-
losigkeit:
             Antworten aus den
Elendsquartieren, unfreie Sendungen.

Ein Kaufladen
im Schatten, alterslos, unre-
novierbar: ein vorgeldlicher
Tauschverkehr, Bauschutt zwischen

Relief und Struktur.

13.09.2004 10:35:30 

Untitled


Am besagten Ort: flüchtiger Krach
aus kreuzenden Autos, Musik wie von
fernen Planeten. Sternzeit: später

Vormittag, hellrosa Blüten vor
verlaufendem Blau. Dieser Moment
ist schon vergangen und wird

vermerkt im weißen Logbuch Zeit. Ko-
ordinaten: Auge und Ohr. Ende
der Aufzeichnung.

29.09.2004 17:44:52 

View from the Courthouse Tower, Morristown, Tennessee


Im Hof des Baumes schläft, den Rücken
hin zum Stamm gewandt, ein Hund. Dort,
wo kein Laub hinfällt, liegt nur das Tier
und streckt die Beine Richtung Sonne.

19.10.2004 14:30:15 


little lights

little lights

01.12.2004 14:25:58 





william wilson (für mirko)

14.12.2004 13:22:48 

Jefferson Avenue, Memphis


Wäre dies ein Treffpunkt, wer träfe
sich hier? Zwei Liebende, die Abschied
nehmen, Agenten mit gefälschten
Pässen, ein Priester, der an Gott
verzweifelt?
                 Und stets fiel Regen
auf die leere Straße, die trist gepflegten
Rasenflächen und die Nadelbäume,
stoisch trotzend jeder Emotion: als
könnten Sackgassen sich kreuzen.

27.01.2005 11:13:47 

Vizcaya, Miami


Venedig im Nachbau, die Verzweiflung
des Geldes: keine Mole dieser Welt kann
diesen Hunger stillen, kein Mensch kann
an einem Ort nur sein.
                                 Darum die Sinne
nun trennen, Apparatemedizin: über Kopfhörer
onkyo, ein Sinuston löscht das Meer aus, die
ganze gefälschte Kulisse. Der Oszillator
schickt Wellen an die nackten Füße.

für Sachiko M

01.05.2005 12:07:23 

Untitled


Wir einigten uns auf Wolken, waren
froh, dass die Erde sich dreht.

11.09.2005 12:16:09 

Untitled


Der schüchterne Löwe: ein in
Stein gehauenes Zagen, die
müde Pfote auf der nicht mal

Kürbis großen Kugel: mein
Kinderkopf, meine abblätternden
Haare auf dem zerkratzten Boden.

29.09.2005 11:12:48 

The Transrapid Disaster Versus The Noodle


Es macht mich traurig
von 'geistigem Eigentum' zu lesen
wenn ich daran denke
wie arm
die Welt wäre ohne
Buchdruck Flugdrachen
und Nudeln.


aus: Brautigan Drives On Deep Into China

17.02.2006 12:51:47 

Aprilscherz


"In der Literatur will ich das Feld ein wenig öffnen, auch im Hinblick auf das, was jenseits des Atlantiks passiert. Die amerikanische Literatur ist von DuMont bisher ja nur vereinzelt wahrgenommen worden. Das halte ich für ein Versäumnis."

Marcel Hartges, neuer Verlagsleiter bei DuMont, heute in der Welt.

01.04.2006 19:35:14 

Q & A


Q: Warum Vögel?

A: Nennen Sie mir eine Alternative.

28.05.2006 10:58:20 

Küss mich für immer


küss mich für immer halt meine hand
wir sind alleine verlaufen im sand
küss mich für immer in diesem raum
sind wir die einzigen die ihm vertraun

küss mich für immer in einem stern
förmigen weltall sind wir herrn
küss mich für immer in diesem sinn
bin ich ein anfang und du der beginn

wir sind ein anfang und du der beginn
wir sind ein anfang und du der beginn

und wir sehen zu den wolken hinauf
und wir nehmen ihren regen in kauf
denn sie wollen uns beim aufwachen sehen
denn wir können ihre ängste verstehen

denn wir können ihre ängste verstehen
denn wir können ihre ängste verstehen

samba

17.08.2006 00:54:42 

Paris, Kentucky


Assoziation Eiffel: wir sprachen von
Stahl, von zu Hause, wie dauerhaft das
Denken sich ausformt, wie im Kleinen
das Kleinste noch grosstut: die Allgegenwart

von Wuppertal ist die Allgegenwart
dieses Eindrucks: als Kind die tägliche Fahrt
mit dem Wahrzeichen, beim Ausstieg
der schwankende Boden unter den Füßen.

09.09.2006 14:24:04 

Die Zukunft ist jetzt


Zwanzig Jahre ist es jetzt her, dass Wiliam Gibson mit seinem ersten Roman "Neuromancer" den Grundstein legte für eine neue, schnell tonangebende Spielart der Science-Fiction. An die Stelle der klinisch reinen Utopien der fortschrittsgläubigen Nachkriegszeit setzten die Autoren des Cyber-Punk eine dreckige Zukunft, deren Protagonisten – einsame Datenkuriere und nachtaktive Hacker – keine strahlenden Helden mehr waren, sondern schlicht um ihr Überleben in einer gewalttätigen Welt kämpften. Lediglich das Virtuelle bot ihnen noch einen letzten Schutzraum, und um dessen Bedrohung drehte sich zumeist die Handlung. Doch Mitte der 90er Jahre drehte sich dann der Wind: "Neuromancer" stand mittlerweile in jedem guten Haushalt, kaum ein Substantiv kam mehr ohne die Vorsilbe "Cyber-" aus und als virtuell galt inzwischen sowieso die ganze Realität. Gibson schrieb eine zweite SF-Trilogie, aber vieles darin kam einem inzwischen doch recht bekannt und schematisch vor. Und dann, als niemand mehr damit gerechnet hatte, erreichte Cyber-Punk in Form der Matrix plötzlich noch einmal einen weltweiten, auch kommerziellen Erfolg. Es war, wie man rückblickend und nach Sicht der beiden Matrix-Fortsetzungen sagen kann, ein letztes Aufbäumen. Schlechte Zeiten also für William Gibson? Könnte man meinen. Doch ausgerechnet in dieser Lage hat der Mann einen neuen Roman geschrieben, den in den USA nicht wenige für seinen bisher besten halten. Der Clou an der Sache ist der: "Mustererkennung" ist Gibsons erster Non-SF-Roman. Der Mann, der jahrelang unsere Vorstellung der Zukunft geprägt hat, widmet sich auf 460 Seiten ausschließlich der Gegenwart. Und die ist in vielem der Zukunft von gestern recht ähnlich.
Es geht um Cayce Pollard, eine junge Frau, die allergisch gegen Mode und Marken ist. Der Anblick von Tommy Hilfiger-Produkten löst bei ihr Panikattacken aus, was ihren Alltag nicht gerade erleichtert, sie aber zu einer der bestbezahlten Design-Beraterinnen gemacht hat. Denn bei ihrer Sensibilität reicht ein Blick auf ein neues Logo oder Design, um zu erkennen, ob es wirklich neu ist oder nicht. Seit einiger Zeit verfolgt Cayce gebannt das Erscheinen von anonymen Video-Clips im Internet, die an immer verschiedenen Stellen abgelegt werden, aber offenbar aus einer einzigen Quelle stammen. Diese kurzen, wenige Sekunden dauernden Film-Fragmente zeigen unbestimmte Szenen – ein Mann auf der Straße, ein Pärchen in einem Hauseingang – von denen jedoch eine sogartige Wirkung ausgeht. So ist Cayce nicht der einzige Cliphead, eine ganze Internet-Community hat sich bereits um die Clips gebildet und verfolgt und kommentiert fiebrig jedes neue Segment. Am heftigsten wird dabei die Frage nach dem Urheber der Clips diskutiert: Ist es einzelner Mensch, wären die Fragmente also Teile eines Kunstwerks? Steckt eine Firma dahinter, handelt es sich um eine neue Form des Guerilla-Marketings? Während eines Aufenthaltes in London laufen Cayces Job und persönliche Interessen überraschend zusammen. Ihr Auftraggeber outet sich als Cliphead und bietet Cayce an, ihr die finazielle Rückendeckung für die Suche nach dem Ursprung der Clips zu geben. Und so macht sich Cayce auf eine Reise, die sie nicht nur nach Japan und Russland führen wird, sondern auch zurück in ihre eigene Geschichte.
Cayces Vater, ein Sicherheitsexperte mit gutem Draht zur CIA, befand sich am 11. September 2001 in New York und gilt seitdem als vermisst. Obwohl es keinen wirklichen Beweis dafür gibt, geht Cayce davon aus, dass er zu den Opfern des Anschlags auf das World Trade Center gehört. Dennoch lebt in ihr eine letzte Hoffnung, dass er einfach nur untergetaucht ist und eines Tages wieder vor ihr stehen wird. Psychologisch stimmig verbindet Gibson die äußere Handlung mit der inneren Entwicklung Cayces: Je näher sie dem Ursprung der Clips kommt, umso deutlicher wird ihr, dass sie ihren Vater nicht wiedersehen wird. Dieses allmähliche Abschiednehmen im Laufe des Buches, die Erinnerungen an den Vater gehören zu den stärksten Passagen des Romans und zeigen, dass Gibson viel mehr kann, als nur spannend über Technik zu schreiben. Sie liefern darüber hinaus auch ein Indiz dafür, warum Gibson nun sein Augenmerk auf die Gegenwart und nicht mehr die Zukunft richtet: Zwar ist vieles von dem, was Gibson einst vorhergesehen hat, heute technischer Standard; die Entwicklung aber, die die Welt seit dem 11. September genommen hat, hätte wohl niemand voraussagen können. Und diese Entwicklung ist es offenbar, die der Gegenwart selbst für einen SF-Autor eine Dringlichkeit verleiht, die ihn von seinem eigenen Genre Abschied nehmen lässt. Man mag es übertrieben finden, darin schon eine politische Handlung zu sehen, dem Autor Gibson aber dürfte dieser Schritt nicht gerade leichtgefallen sein, bedeutet über die Gegenwart zu schreiben doch auch immer, sich verletzbar zu machen, offen zu sein für die Realität.
Und so findet Cayce am Ende zwar die Lösung des Rätsels, das die Clips darstellen, für das viel größere Rätsel aber, das unser Leben ist, hat sie damit nur einige neue Fragen gewonnen.

***

Das schrieb ich im Sommer 2004 über "Mustererkennung", und die Clips, liebe Christine, die Du hier postest, kommen mir vor, als stammten sie direkt aus diesem Buch. Merci.

26.09.2006 23:39:25 

Endlich alt


Als jüngster Sohn eines jüngsten Sohnes war ich in meiner Kindheit von Rentnern umgeben. Es schien mir deshalb immer selbstverständlich, dass man ab einem gewissen Alter nicht mehr zu arbeiten braucht, sondern von irgendwoher Geld bekommt, um sich ein schönes Leben zu machen. Als mir schließlich die Wahrheit dämmerte, war es schon zu spät: mein eigener Lebensentwurf hatte sich ein für allemal verfestigt. Seitdem ertappe ich mich immer wieder dabei, dass ich mir vorstelle, wie schön es doch wäre, in einem Altersheim friedlich vor mich hin zu leben...

09.02.2007 20:15:33 

Mit den Clowns kamen die Dänen


Aber mal im Ernst, liebe Löve: Soll das ein Beispiel für friedlichen Widerstand sein? Polizisten anpupsen? Sehr kreativ. Und übrigens nicht weniger selbstgerecht als "die Mächtigen" es angeblich sind. Vielleicht kann mir bei der Gelegenheit jemand einen ähnlichen Ritus erklären: das Blockieren von Atomtransporten. Wenn die wirklich so gefährlich sind, warum setzen dann immer wieder Tausende von Leuten alles daran, sie möglichst lange auf der Strecke zu halten?

11.06.2007 17:01:37 

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