ein bild


Dass auch gute Autoren wie Updike, den ich sehr schätze, schlechte Bücher, wie „Bech in Bedrängnis“ schreiben können. Und dass mich das nicht tröstet, sondern außerordentlich bekümmert. Besonders, wenn ich mich gerade daran abarbeite, wie in den letzten Tagen, einen Text vom Boden hochzureißen und zum Fliegen zu bringen. Und wenn dann dieser Text plump absackt und ich gerade da ein Buch, von jemandem, der all das doch wirklich können und wissen müsste, lese, das auch plump absackt, dann ist das Vertrauen, dass Texte sehr leicht und mühelos zum Fliegen zu bringen sind, wieder mal dahin. Hinzu kommt, dass Texte vom Boden hochzuschreiben ja leider (mir) immer nur mit dem Vertrauen möglich ist, dass das alles ganz leicht und keine Kunst ist, dass das allermeiste Handwerk ist, zum Beispiel das.

24.02.2004 19:07:21 


Na, na, so weit kommt es noch, ein anderes Medium zu beneiden, plötzlich dem Filmen in nichts nachstehen zu wollen und alles, was nachsteht, dem Schreiben dann vorzuwerfen. Dass es einfach zu karg sei zum Beispiel und wenn nicht zu karg, dann zu klebrig. Dass beinah alles durch alle Lücken fällt, und schließlich nur dasteht, was irgendwie von einer kleinen Bedeutung ist. Und so ein Zappeln der befragten Person, das wirklich von gar keiner Bedeutung ist - wer will das denn aufschreiben und wozu? Aber gerade an diesem Zappeln ist mir, die ich diese Dokumentation sehe, sehr, ungeheuer gelegen. Und all meine Worte könnten diesem gefilmten kurzen Gezappel nicht das Wasser reichen. Mit Worten geht einfach gar nichts, mit filmen alles, das weiß ich dann.

17.03.2004 14:14:42 


Sich da einfach hineinzusteigern und so einem Roman vor allen Leuten einen Tritt in den Hintern zu geben, das gibt es von heute an nicht mehr. Von heute an ist so etwas streng verboten. Von heute an wird seelisch gereift und weniger gesprochen. Von heute an wird ein Buch erst zuende gelesen, bevor es getreten wird. Ein Roman, auch wenn er nur hundertfünfzig Seiten hat, kann sich nach sechzig Seiten immer noch prächtig entwickeln. Ein Roman ist nicht die ersten Seiten. Nur Mädchen und Lyriker beschimpfen einen Roman schon nach den ersten Seiten. Auch in den Himmel gehoben wird nichts mehr, bevor es fertiggelesen ist. Keiner wird mehr in den Himmel gehoben, gar nichts und gar niemand mehr.

Unter anderem beinahe häßlich über "Herr Lehmann" gesprochen

23.04.2004 22:47:33 

Literatur in Bewegung


Es gibt ja wirklich wunderbare Tage, an denen so etwas stattfinden kann. Der Himmel blau, ein leichter Wind und überall in den Rabatten winzige, wilde Apfelbäume und allerhand Blühendes geschmackvoll und sorgsam arrangiert. Und dann dort einen Text vortragen. Dann dass dort ein Text vorgetragen und vorgetanzt wird, dass Trommeln ertönen, sich andere exotischere Musikinstrumente von Zeit zu Zeit hineinmischen. Die Vortragende wiegt sich, sie singt den Text, der nicht ihr Text ist, sie gestikuliert den Text, der nicht ihr Text ist, sie tanzt ihn. Grobgewebte Leinenhose in Orange- oder Gelbtönen dazu passend die ärmellose Leinenbluse. Eine Leinenkombination in Orange, in Gelb also, so könnte die Vortragende aussehen. - Und lächelt. Das Lächeln einer Fühlenden lächelt sie, während sie den Text vorträgt, diesen Text, der vom Schauen und Bemerken handelt, vom ganz genau und konzentriert Hinschauen und vom Gesehenen, das wie mit scharfen Messern vom Nichtgesehen und Nichtzusehenden getrennt ist. In so einem Singen und Wiegen ist all das sorgsam und genau Herausgeschnittene nicht eben gut aufgehoben, denke ich mir, während ich so zwischen den Apfelbäumen und Blüten sitzen, zwischen denen sich die Stimme und in ihr der Text in die Luft hebt, in Richtung des blauen Himmels, der wirklich entzückend ist.

Der Vortragenden liegt sehr an ihrem Vortrag, das ist gut zu merken, ihre Hände ziehen durch die Luft wie Segelschiffe, und ihre Augenbrauen heben und senken sich. Und dem Trommler und Musizierer scheint sehr an seinem Musizieren zu liegen, vielleicht auch an Musik, vielleicht auch an der Vortragenden. Vielleicht ist er der Mann der Freundin der Vortragenden und musiziert, während der Mann der Vortragenden herumgeht und immer wieder seine Kamera auf die Vortragende richtet, derweil die Frau des Musizierenden ein mit Geschenkpapier beklebtes Kartonchen herumreicht, in das das nicht geringe Eintrittsgeld zu legen ist. Es könnte auch sein, dass das Publikum, das ein wenig schwitzt unter dem blauen Himmel, zu großen, größten Teilen aus den Freunden und Bekannten der Vortragenden, und des Mannes der Freundin der Vortragenden besteht, und dass nur sehr wenige sich des Textes wegen eingefunden haben und weil sie sich diesen Text von manch einer Stimme, sehr schön und beglückend vorgetragen hatten vorstellen können. Eine dem Text gewogene Stimme, so hatten sie sich das gedacht, eine die schon die Auswahl des Textes mit Sorgfalt betrieben hatte, so eine Stimme.

19.07.2004 21:50:55 


Immer sage ich, das ist es jetzt, jetzt hast Du es endlich erreicht, hier bist Du sicher. Alles im Griff und im Blick. Und dann (qu)waatsche ich doch wieder im Nebel herum. Mayröckers „Stilleben“, nur das, als einziges erfreulich in letzter Zeit. Dieses vergnügte, fraulich-verschmitzte Fließen der Sprache, diese kleinen, zärtlichen Details. Nicht zuletzt die vielen „– chens“, die schon beglücken. Ein „Täschen Tee“ zum Beispiel, und schon strahle ich, ein „Strauss von Minze“, die beiden beieinander. Und dann sage ich mir, dass auch ich hier ja Krähen habe, die ich vom Fenster aus sehe, eine ganz besonders, die abendlich auf der Stromleitung sitzt und zwischen zwei Häusern hindurch wie auf einem Sofa ins Land späht. Krähe sein, denke ich mir dann manchmal, was für ein erfreulicher Beruf. Dieser Himmel über allem, heute feucht von Regen, ein paar Sturmwolken rechts, und links Sonnentagflecken.

08.05.2005 21:22:40 


Sie wird damals elf gewesen sein oder zwölf, da beginnen sich die Haare auf ihrer Stirn und zur Seite hin zu mehren. Ganz feine Haare sind das, blond und leicht gelockt. Reizend, sagt die Mutter, wenn sie ihr die Haare zu einem Zopf zusammenfasst, wie es sich da ringelt und flaumig absteht, ein Strahlenkranz. Sie aber hat die Befürchtung, dass von nun an kein Halten mehr sein wird. Dass ihr die Haare übers Gesicht wachsen werden, ihr weit ins Gesicht hineinwachsen werden, bis sie ganz verunstaltet ist. Und wird also in diesem Sommer vielfach vor dem Spiegel stehend vorgefunden, das Gesicht gegens Licht gekehrt, um den genauen Haarverlauf immer wieder neu zu untersuchen und zu bestimmen.


Porträts. Stückwerk.

23.07.2005 01:13:36 



In letzter Zeit immer wieder Träume von kleinen Tieren, Igel handtellergroß und auch von Nilpferden in dieser Größe, die unter den Sofas hervoreilen oder hinter der Tür, als werde mit ihnen gerechnet. Heute ein Traum von kleinen Krokodilen, daumenlang und durchsichtig, Geleekrokodile, die sich, viele davon, durch den Abfluss meines Waschbeckens drängten. Und verbissen sich mit ihren Geleegaumen routiniert in meine Finger, als ich sie vorsichtig heraushob.

30.07.2005 15:59:44 


Er ist sechs und lebt schon in Deutschland. Seine Amme schläft mit ihm und seinem kleinen Bruder im gleichen Zimmer, kümmert sich um den Bruder mehr als um ihn. Da träumt er diesen Traum, dass er sich auf sie stürzt, während sie schläft, dass er versucht, sie zu ersticken, mit ihr ringt. Als er aufwacht, ist alles wie immer. Keiner erfährt etwas davon, seine Amme nicht. Aber er weiß es von nun an, dass er so ist, dass er tief innen böse ist. Als er sechs ist weiß und vermutet er das.

Porträts. Stückwerk.

11.08.2005 16:58:52 

Schwiegersöhne


Dass sie gar nicht so klein sind, gar nicht klein seine Ohren, das weiß ich und das weiß meine Schwester. Aber sie beginnt sie plötzlich zu loben, stimmt einen Ohrengesang an: wie klein, sagt sie, wie zart und ziseliert diese Ohren für so einen großen Mann. Da wissen wir, meine Schwester und ich, dass es gelungen ist, die Klippen umschifft, die langen Jahre der Dürre überwunden. Allein durch Ausharren, durch sein langjähriges immer freundliches Ausharren ist das gelungen, zu erwarten war das ja nicht. Dass er nun plötzlich angenommen ist, plötzlich zu dem Schwiegersohn geworden ist, aufgestiegen, dem ersten in der Familie, und hat sich so also gezeigt.

29.03.2006 16:14:24 

Eine Reise in den Süden


Heute Nacht werden wir in ein Abenteuer aufbrechen, sagt mein Vater und klatscht in die Hände, dass ihr euch ja die Zähne putzt, euch hinter den Ohren wascht, bevor es losgeht. Und wir, die wir so etwas nicht gewohnt sind, keine Reise, gar nichts, die wir blass sind, vom Herumsitzen in dunklen Wohnungen und Zimmern, waschen uns hinter den Ohren, putzen die Zähne und bürsten uns die Haare, bis sie glänzen und fliegen. Wir ziehen unser feinstes Nachthemd an und tappen an der Hand unseres Vaters, unser Köfferchen unter dem Arm, durch die nächtlichen Straßen zum Bahnhof, der ein Bahnhof ist, der zum Aufbruch in den Süden nur so einlädt.
Es wird eine Fahrt, an die wir uns immer erinnern werden. Erinnert Euch an diese Fahrt, sagt unser Vater, denn so etwas erlebt ihr nicht alle Tage, so ein herrliches Abenteuer. Und also schauen wir aus dem Zugfenstern, lehnen uns weit aus den Zugfenstern die ganze Nacht über, um ja nichts zu verpassen von dieser köstlichen Fahrt und Aussicht. Es wirbelt uns der Wind durch die Haare und wir singen in die Nacht hinein alle Reiselieder, die wir kennen. Als die Dämmerung hereinbricht und die ersten Orangenbäume und Pinien sichtbar werden, die ersten Landhäuser und der südliche Himmel, rollen wir uns auf unseren Sitzen zusammen, ziehen uns die Nachthemden weit über die Zehen und schlafen bis in den Mittag hinein, bis unser Vater uns wach rüttelt. Auf, auf, sagt er, auf, auf, das Abenteuer beginnt. Er bindet uns, jeder, eine Schleife ins Haar, streicht uns die Nachthemden glatt und nimmt uns an der Hand, an der wir in den Süden hinaustreten. Ein freundlicher Wind weht und von allen Seiten lächelt man zu uns herüber. Blonde Haare und blaue Augen, sagt unser Vater, davon hat man hier immer geträumt, und er zwinkert uns munter zu. Noch auf dem Bahnhofsvorplatz stehend, winkt er einer Frau, die aussieht, als habe sie nur auf uns gewartet. Hier, sagt er, hier, ein wunderbarer Tag, und legt unsere Hände feierlich in die ihren, wie eine Gabe, ein Geschenk. Selbstverständlich sehen wir uns nicht um, sind wir doch die Töchter unseres Vaters, als wir uns von ihr an all den Straßenbahnen und Bussen vorbei in eine und dann in die nächste und übernächste der engen Gässchen und Straßen dieser Stadt führen lassen.

04.12.2007 20:16:12 

Vom Ausräumen, Aufräumen und Anrichten


Als ich acht bin, trage ich über Monate, Wochen eine Banane in meinem Schulranzen herum. Längst sind alle Hefte und Bücher am unteren Rand braun durchweicht. Ich forsche dem nicht nach, ein Unheil, einmal angerichtet, ist nicht mehr auszuräumen, so erscheint mir das damals. Dann das Entdecktwerden der Banane durch meine Mutter, dann die aufschäumende Heiterkeit meiner Mutter, die nun wieder etwas zu erzählen hat: Die eine ihrer Töchter ordentlich, sorgsam, nie gedankenlos, die andere, unordentlich, unbedacht bis zur Schludrigkeit, die eine Tochter und die andere. - Das Gefühl, dass etwas, einmal angerichtet, nie mehr auszuwetzen, nie mehr auszuräumen ist. Die Banane im Ranzen ertragen lernen, das Sprechen von der Banane im Ranzen ertragen lernen. In dieser unaufgeräumten, unangerichteten Welt von da an über eine weitere Unzulänglichkeit Bescheid wissen. Das Bescheid wissen ertragen lernen. Dem Ausräumen und anrichten anderer dankbar zuschauen.

17.01.2008 22:42:49 

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Fische sind ja zumeist rechte wortkarge Geschöpfe, schwimmen mehr und sprechen weniger, ein ruhiges Gleiten und Flossenschlagen. Und nun wieder eine Einladung in den Goldenen-Fisch, eine neue Autorin, die mitschwimmen wird, die mitsprechen wird und schreiben. Auf dass zahllose Verknüpfungen entstehen, die Texte ineinandergreifen und das Plankton in alle Richtungen stiebt und strudelt.
Herzlich Willkommen, Simone Unger!

18.05.2008 20:53:18 

Auch mit den Farben


So ist es ja mit allem, auch mit den Farben. Dass, was ist, zum Angriff werden kann und Wurfgeschoss, zum Pfeil und Vorschlaghammer. Dass, wer ist, von dem, was ist, angegriffen werden kann und niedergedrückt, niedergeworfen und in den Erdboden gestampft. Auch von Farben, auch von Formen, die immer zu vielfältig sind, zu ausladend, zu übergriffig. Dass, wer ist, von alldem niedergeworfen werden kann und niedergedrückt die Augen schießt, die Augenlider zum Schild macht, zum Schild machen muss, zum Brustpanzer, zum Helm. Schließlich kann nichts von alldem, was ist, jemals so und so gebändigt werden, verstanden werden, sortiert. Dazu ist alles zu viel, ist alles zu hoch und himmelstürmend, ist alles zu aufwändig und nachdrücklich. Auch die Farben, auch das Rot und daneben das weiße, seifige Grün, das im grellen Licht schwitzende Blau, die Blümchen, die gestreiften Vorhänge, die Schmetterlinge.

20.08.2008 17:28:34 

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