ein bild

Aufgenommen


Baltisch


während der Finanzkrise. Ostsee, im Februar.

09.02.2009 19:15:54 

Krise


Geh mit leeren Händen
zur Quelle.
Benetze die Finger,
nimm einen Mundvoll
Erinnerung an das Bisschen,
das hervorquillt.
Geh zur Mündung
und spuck aus in den Überfluss.

16.01.2009 17:51:26 

Material


Wer das Wort vermeiden kann:
Ich. Oft träume ich von Insekten.
Staaten entstehen und alles ist
kollektive Intelligenz und Zerstörung.
Träume, in denen das Vernichten
seine Nester baut. Gefurchte Materie,
die grau ist wie alle Farben auf einmal.
Tief in der Mitte haust die Königin und
gebärt. Ich um Ich kommt zur Welt
und wird Gedicht. Nichts ist verkehrt.

09.01.2009 18:14:14 

Wespenspinnen und Palliativmedizin


Plakative Färbung beschert den Tieren
Aufmerksamkeit der Biologen. Sie sorgt
auch für reiche Beute. Eine wärmeliebende
Art ist der Tod. Er rückt nach Norden
vor. Früher vor allem in Mittelmeerraum
zu finden, ist er heute mehr als eine regionale
Rarität. Wo unheilbar Kranke zuhause
schmerzfrei und in Würde sterben wollen,
baut er sein Netz zwischen Krankenkassen
und Richtlinien – immer dicht am Boden,
wo die Chance besteht, Grashüpfer zu fangen –
eine besonders fette Beute. Bald wird er
überall vorkommen. In vielen Fällen liegen
Übelkeit, Atemnot, Verwirrtheit oder Erbrechen
vor und bedrohen die Patienten. Spirituelle
Betreuung kommt bei Spinnen zu kurz:
Zusatzkosten. Farbmuster, die an stechlustige
Insekten erinnern, können Fressfeinde
und Vögel abschrecken. Was mit der wachsenden
Zahl alter Sterbenskranker geschehen soll,
wird in Zukunft dringend zu klären sein.
Weibchen der Gattung sind kannibalistisch.
Todgeweihte sind landesweit anzutreffen.

12.12.2008 17:48:48 

Maiwald


Ich kannte Peter Maiwald einmal ganz gut. Er war früher stolz darauf, als Lyriker zu arbeiten und nicht an der Werkbank oder sonst wo. Später hat er darunter gelitten, kein Geld zu haben bzw. nur kärglich entlohnt zu werden. Er konnte mächtig trinken und sehr gut reimen. Seine Kindergedichte waren umwerfend komisch. Nach einer Lesung dieser Gedichte in Düsseldorf versuchte ich ihn zu loben, aber er wiegelte ab und sagte, es müsse nicht immer alles witzig sein. Ich blieb beharrlich, es sei aber witzig gewesen usw. Irgendwann intervenierte seine Freundin und herrschte ihn an: Jetzt lass dich doch mal loben. Er hob sein Glas, lehnte sich zurück und ließ sich loben. Es muss nicht alles lebendig sein. Aber er war lebendig.

04.12.2008 13:31:03 

Selbstauslöser


Zwei Tage in Folge ist ewig.
Was früher war, ist ein Foto.
Alles was wahr ist, färbt ab
wie Gerüchte. So mächtig.
Was nichts kostet, ist nichts wert.
Alles Wichtige ist gesagt.
Alles weitere: Bitte lächeln.
Was klein ist, kann wachsen.
Wut, besonders Mut. Manches
schrumpft. Was weich ist,
siegt. Was geliebt wird,
wird später verachtet.
Weißt du noch? Alles Ärgerliche
ist ärgerlich. Laub fehlt.
Winter kann kommen.
Die Dichter müssen lernen,
Schluss zu machen. Wann,
wenn nicht jetzt? Alles
Wichtige ist nicht so wichtig.
Ein Wort ist eine Wohltat.
Was nichts kostet, koste es.

10.11.2008 14:55:52 

Auf einem Briefkasten in Blankenese


"Warnung:
Keiner hilft keinem.

Warum?"

14.10.2008 09:54:43 

Vice versa


Jeder hat seine eigene Geschichte
schon von anderen gehört.

Viele, die unter Blitzen leben wollten,
haben mehr Bücher im Regal als Zeit.

Arbeit ist das Gefühl für Trauer.
Das Meer erstreckt sich meilenweit.

14.09.2008 19:23:48 

Eltern


Die beiden stehen im Garten und streuen
Dünger auf die Beete, sie bewegen sich
in einer Mischung aus Arthritis und Flinkheit,
lange geübt. Die Rosen sind prächtig,

es wird langsam dunkel, Gurren
von zwei dicken Tauben.

So wie sie nicht miteinander reden, funktioniert
alles reibungslos. Kein Wort nötig –
ich habe diese Erziehung genossen
und bin geworden wie alle.

Die aufblühende Nachtkerze überragt die beiden.
Sie stehen vor der Eibe, einem schwarzen Passepartout.

Mit meinen Eltern kann ich kein Geld verdienen.
Ich habe es versucht und sie in einem Karton
vors Haus gestellt und angeboten. Später
standen sie lange als Staubfänger im Regal.

Die väterliche Figur sagte regelmäßig:
Ich dachte, du würdest mal mein Nachfolger.

Irgendwann fanden sie zurück in die gebändigte Natur,
nachdem Schluss war mit Erziehung. Der Garten,
üppig, wie alles, was wir uns angedeihen lassen.
Ich will nicht viel von ihnen.

Dafür, dass ich groß geworden bin, verlange ich nichts,
nichts für die gemeinsame Zeit. Geht aufs Haus.

Sie tragen den Eimer mit dem blauen Dünger
in die Garage, mit steifer Hüfte, vorgebeugt,
fällt ihr Blick schräg vor die Füße – zwei Fragezeichen.
Viel zu spät fällt mir eine passende Entgegnung ein:

Ich bin längst dein Nachfolger. Ich gleiche dir,
wie eine Antwort die Frage enthält.

Ich verdiene mein Geld mit Geheimnisverrat:
Tatsache ist, dass wir nie in Flammen standen.
Im letzten Licht sind die beiden verschwunden
zwischen den Ziersträuchern.

Nichts Schlimmes ist geschehen. Groß und betörend
steht die Nachtkerze mitten im Garten.

16.08.2008 08:36:11 

Gebet


Wenn du nicht ruhig bist,
übe Ruhe,
wenn du nicht üben kannst,
erinnere dich ans Üben,
an den Moment,
in dem du unruhig geworden bist,
übe Unruhe
in der Erinnerung,
wenn du nicht üben kannst,
sei ruhig.

20.06.2008 14:58:03 

Tagesschau


Sarkozy, der kleine Charmeur, und Merkel treffen sich in Bayern, küssen sich, sehen sich die Fähnchen der Kinder an und ein Schild, auf dem die Namen Sarkozy und Merkel stehen. Dann folgt das gemeinsame Biertrinken. Die Pressekonferenz: Es wurde beschlossen, dass Übergangslösungen gelten. Man verstehe sich gut. Frankreich spielt 0 zu 0. Alles ist in Blau gehalten, Merkel trägt eine orangenhautfarbige Kostümjacke. Schließlich ein Bericht über Rühmkorf, Dichter im Habichthabitus. Vogel mit Paris-Hilton-Brille. Rühmkorf: Für Schönes sei er nicht zuständig, sondern Schroffes. Schnitt: Deutsche Großlimousinen bringen die Staatenlenker zurück in Regierungszentralen. Viel Lyrik für die Nachrichten. Danach wieder das Fußballspiel. Allgemeine Verwirrung. Wohin ist Merkel noch mal übergegangen? Sarkozy ist auch keine Lösung. Vivat, Peter.

10.06.2008 15:08:48 

Hand aufs Herz


Statt eines Rücktrittsgesuchs
schrieb ich eine Liebeserklärung,
und plötzlich war das Leben,
das wir geteilt haben, unser Leben,
das wir miteinander führen werden.
Vor einem Jahr wird in einem Jahr,
weißt du noch wird du wirst sehen,
es war einmal: einmal ist keinmal.
Und anders als im täglichen Geschäft
erleben wir, wie die Verhältnisse
wieder sie selbst werden und Beamte
und Oberhäupter so weit zurücktreten,
dass sie nie im Amt gewesen sind,
bis du wie in der ersten Nacht
neben mir liegst, als alle Dinge
noch die Kraft hatten, das zu sein,
was sie wollten, dreckig oder vollkommen
rein und dazwischen hin und herwechselten,
weil sie von Macht keinen Schimmer hatten
und Liebe irgendwie lustig fanden.

28.05.2008 10:04:15 

Substanzen


Jedes Ding ist nicht ein Ding, sondern
zum Beispiel ein ehemaliger Hühnerstall,

jetzt das unbegreifliche Haus eines
Mannes, der über den Dingen brütet.

Alles war uns vertraut aus den Gedichten –
aus der Zeit, bevor wir sie kannten.

Er glaubt nicht an Gott, aber alles,
was er notiert, ist anwesende Abwesenheit.

Als er herzog, schaffte er Ordnung,
er verscheuchte die Hühner,

dann kamen seine Töchter und sie gingen.
„Irgendwo hab ich doch …“, ist seine Devise.

Er verbringt seine Zeit mit Erinnerungen
an keinen Gott, das heißt mit Büchern.

„Arbeit spart, wer Ordnung wahrt“:
Sinnspruch auf Emaille schief an der Wand.

Erzähl das den Hennen. Erzähl es ihnen in
ihrer ruckenden, scharrenden Art,

dass jedes Ding nicht ein Ding ist,
sondern Eigenart und nichts als Arbeit.


für Rutger Kopland

04.05.2008 20:30:49 

Naturgesetze


Beim Nachspann denke ich, gleich kommt mein Name.
Mit aller Wahrscheinlichkeit ist Information eine Sphäre.
Das tägliche Mysterium hat zuhause eine Katze.

Das Wort Schneemann ist genauso ein Vehikel wie Fahrrad.
Das ist ein Bild für Liebe: ein Foto ohne Information.
Vor dem Wort Biene sind alle Menschen gleich.

Glück geht links in eine Sphäre rein und rechts wieder raus.
Schneemann, Biene, Name sind poetische Pappkameraden.
Die Katze ist echt. Ich kann auf Fotos nicht tanzen.

10.04.2008 16:02:18 

Das letzte Gedicht


Wer Recht hat, zeigen die Geschichten,
die wir an Winterabenden unseren Kindern erzählen
von guten Verlierern und schlechten Gewinnern.
Ich sah ein Eichhörnchen, das vor einem Hund
auf einen Baum floh. Der Hund, der nicht mehr sah,
warum er bellte. Vergessen. Was ich noch sagen wollte.
Das halbe Jahr sammeln die Tierchen. Überall Verstecke.

Zurzeit herrscht in neun Ländern Krieg.
Bei uns ist der Dienstleistungssektor ausbaufähig.
In einer Erziehungssendung sagte eine Mutter:
Hab mir Erziehung runtergeladen. Aber ich erinnere mich
an die Wellen der Ostsee im Winter. Sie brachen
als klirrendes Kristall an den Strand, um die nicht zu wecken,
die immer noch träumen, dass ihr Leben beginnt.

Wer kann schon leben von seiner Arbeit?
Irgendwann muss etwas auch mal vorbei sein.
Die bequemen Lügen. Tage damit verbringen,
etwas zu notieren. Die Eichhörnchen vergessen
was sie verstecken und wo. Zufällig finden sie
genug für den Winter. Warum sammeln? Ich erzähl dir
die Geschichte, von der ich nichts mehr weiß. Kläffen.

12.03.2008 14:52:24 

Lesezirkel


So endet es, du musst es gelesen
haben, bevor du es leben kannst,
bevor du ausgetrunken hast,
musst du das letzte Glas austrinken,
bevor denkst, musst du wissen,
bevor wir zusammengelebt haben,
müssen wir die Nacht zusammen
verbringen, bevor es endet,
ist es nichts, und davor ist es alles.
Du musst es leben, bevor du
es träumen kannst. Morgen ist es
vergessen, aber nicht vorbei,
weil wir nichts voneinander wissen,
kennen wir uns, wir sind Nebenbuhler
in eigener Sache. Ich verrate dir
den Ausgang. Für die Gunst der Stunde
musst du den Augenblick verpassen.
Es endet nicht. So fängt es an.

27.02.2008 21:56:33 

Goldenes Zeitalter


Dies ist kein Überwachungsgedicht
wegen der Bewegung der Verse.
Die Identifikation von Gesichtern
ist dank geringer Auflösung unmöglich.

16.02.2008 12:26:02 

Goldenes Zeitalter


Krokus: Februar.
Die Tochter schläft endlich ein,
die Zeit ist hellwach.

06.02.2008 12:16:36 

X


Das Gedicht ist Dämon in diesem Gedicht, sein Atem ist lang.
Du kannst ihm beliebig viel Geld geben. Es hat einen Riss.
Wenn du den Finger einführst, spürst du den Hohlraum.
Flüchtiges lebt darin. Das Gedicht hat jedes Wort erfunden.
Es weiß, was glücklich macht, wird verachtet. Es weiß,
„dass nichts wahr ist, solange es nur in Worten wahr ist.“
Es stimmt einfach nicht, dass jeder so viel gibt, wie er kann.
Solange es Risse gibt, gibt es auch Licht. Dieses Gedicht
leidet an Mittelmäßigkeit: „Klingt gut, aber ist es profitabel?“
Kein Wort ist erfunden. Dämon lässt sich nicht dementieren.
Es weiß, wovon es redet. Das Gedicht ist wertloses Glück.
Es weiß alles, aber es leistet nichts. Sein Atem ist länger
als deiner. Das Gedicht ist ein Dämon in diesem Gedicht.

30.01.2008 20:26:56 

Goldenes Zeitalter


Neulich habe ich seit Jahren wieder
an meine Magisterarbeit über die Lyrik
Durs Grünbeins gedacht.

Ich musste einmal kurz auflachen.

23.01.2008 13:24:44 

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