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Die Bibliothek


Shackleton hat unsere Abfahrt ins Eis für den Mittag in drei Tagen festgelegt. Seit vorgestern ist er mit Cheetham, Crean und Wild in Stromness, um mit Kapitän Sørlle zu reden, und während fast alle von uns an Land weilen und im Spritzenhaus die verbleibende Zeit nutzen, um Briefe nach Hause zu schreiben, die das Postschiff mit zurück nehmen soll zu den Falklands, bin ich an Bord geblieben und fahre mit Bakewell, der die Arbeit vorm Mast verrichtet, mit Holness, der der ENDURANCE Feuer unterm Hintern macht, und mit dem Skipper, der für einen Tag das alleinige Sagen über die Brücke hat, hinüber nach Leith Harbour, um letzten Proviant und Kohle zu bunkern. Keiner weiß, wieso die Walfangstation der Russen am Fuß des Coronda Peak genauso heißt wie der Hafen von Edinburgh, aber wichtig ist ja auch nur, dass der Sir mit den Russen einen günstigen Preis ausgehandelt hat. Bauholz, Mehl, Kondensmilch und einundvierzig Kisten Kartoffeln schaffen die Walfänger, dirigiert von Worsley, an Bord, bevor sich die eigenwillige Bunkerkonstruktion, die Chippy McNeish zwischen Deckshaus und Hauptmast gezimmert hat, als tauglich erweisen muss. Und während die schnell völlig schwarzen Russen Stunde um Stunde die Kohle in die Rigg schippen, stehe ich vor den blitzblanken leeren Regalen in Shackletons Kajüte, überlege, wohin ich welches Buch stelle, krame in einer Kiste, popele ein bisschen in der Nase und lese.
Wie soll ich eine Bibliothek sortieren, die vielleicht nicht sehr groß ist, doch von deren bestimmt an die hundert Büchern ich außer der Bibel und den Tagebüchern Scotts kein einziges kenne? Alphabetisch, würde man meinen. Aber so leicht will ich es mir nicht machen, zumal es nicht das sein dürfte, was der Boss von mir erwartet.
Was erwartet er dann? Eine Zeitlang spiele ich mit dem Gedanken, die Wälzer nach ihrer Größe zu ordnen, oder nach der Farbe ihrer Rücken, so wie im Lager von Vater Nägel, Schrauben, Werkzeug und Holz in ihren Dosen und Kisten und Borden akkurat einsortiert und deshalb prompt wiederauffindbar sind … während es in Muldoons Laden ganze Bereiche gibt, in denen eine einzige Farbe vorherrscht: rote Stricke, rote Taue, rote Leinwand. So dass man einen Moment stockt, wenn Ennid ein rotes Kleid anhat und hinter dem Tresen einfach aus dem roten in den blauen Bereich hinübergeht. Shackleton, der ein bestimmtes Buch sucht, wäre damit allerdings kaum geholfen. Die Bücher nach Größe oder Farbe zu sortieren, würde bedeuten, dass er sich das Aussehen von einem jeden einprägen und ständig parat haben müsste, welche Farbe beispielsweise dieser zweibändige Schinken "Voyage autour du monde" eines gewissen Louis-Antoine de Bougainville hat, nämlich ein ziemlich abgegrabbeltes Schwarz. Ebenso müsste er sich merken, dass das schmalste Buch in seiner Sammlung eines von Fridtjof Nansen ist, "Auf Schneeschuhen übers Gebirge. Von Bergen nach Kristiania". Und es würde bedeuten, dass ich Nansen leider von Nansen trennen müsste, denn das andere Buch von ihm, das Shackleton besitzt, "In Nacht und Eis. Die norwegische Polarexpedition 1893 - 1896", zählt eindeutig zu den dicksten Bänden und müsste somit am anderen Regalende zu stehen kommen. Kann das der Sinn der Sache sein?
Wenn der furchtbare Lärm der in den Riggbunker krachenden Kohle einmal nachlässt, hört man die Schreie der Vögel, die über der Bucht kreisen. Die Russen, die ihre Schubkarren über eine Planke an Bord rollen, werden nicht müde zu lachen. Einen Augenblick lang wünsche ich mir, ich könnte mit einem von ihnen tauschen. Aber dann sage ich mir, dass während für mich der erste Schritt der schwerste ist, für diese Jungs oben an Deck alle Schritte gleich schwer sind. Ich stelle mich in das durch die Kajütfenster fallende Licht und schlage das dünne Nansen-Bändchen an einer beliebigen Stelle auf.
Da steht: "Endlich hatte ich das Schlimmste überwunden. Puh, war das heiß! Das griff Arme und Beine an, und die Sonne briet. Ich empfand brennenden Durst, und der Schnee labte wenig. Vor Freude darüber, so weit gekommen zu sein, holte ich die Apfelsine hervor, die ich solange aufgespart hatte. Sie war gefroren und hart wie eine Kokosnuss. Ich aß sie ganz, Schale und Fleisch; mit Schnee gemischt war sie eine gute Erfrischung."
Nach einer Weile, die ich nicht untätig verstreichen lasse, sondern dazu nutze, sämtliche Bücher aus ihren Kisten und Kartons zu holen und vor Shackletons Schreibpult aufzustapeln, bin ich wild entschlossen, die Sache anders anzugehen. Ich werde, sage ich mir, die Schmöker nach ihrer Entstehungszeit ordnen, oder besser nach der jeweiligen Zeit, von der die einzelnen Bücher handeln. Denn es fällt ja sogar mir auf, dass auf fast jedem Buchrücken nach dem Titel zwei Jahreszahlen vermerkt sind, eine für den Beginn und eine für das Ende der Reise, die der Bericht schildert. Merce, das musst du überprüfen. Bücher mit Jahreszahlen im Titel kommen auf einen, solche ohne auf einen anderen Stapel. Auf den ersten lege ich den dicken Nansen, auf den zweiten den dünnen. Auf den ersten kommt F. A. Cooks "Die erste Südpolarnacht: 1898 - 1899. Bericht über die Entdeckungsreise der BELGICA in der Südpolarregion", auf den zweiten dagegen "Umständlicher Bericht des Arthur Gordon Pym von Nantucket" von Edgar Allan Poe sowie "Die fliegenden Menschen oder Wunderbare Begebenheiten Peter Wilkins, darunter sein Schiffbruch am Südpol", ein Buch, das, wie auf der ersten Seite zu lesen ist, Robert Paltock im Jahr 1784 geschrieben hat. Was mich auf eine weitere Idee bringt. Ich nehme ein beliebiges Buch von denen ohne Jahresziffern und schaue nach, ob auch das ein Erscheinungsjahr aufweist: Alexander Dalrymple, "Historische Sammlung der verschiedenen Reisen nach der Südsee und der daselbst gemachten Entdeckungen". Gleich auf der ersten Seite werde ich fündig: London 1770. Und um ganz sicher zu gehen, dass sich jedes der Bücher zeitlich einordnen lässt, greife ich mir nochmal den Poe: "Umständlicher Bericht des Arthur Gordon" undsoweiter. Vorne drin keine Jahreszahl. Aber hinten, versteckt auf der letzten Seite und ganz winzig, steht es: New York, 1838.
Von seinem eigenen ehemaligen Boss und späteren Widersacher liegen zwei Bücher in Shackletons Kisten: "Robert Falcon Scott: Die Reise der DISCOVERY 1901 - 1904" und dasjenige, das auch mein Bruder hat und mir abends immer vorlas: "Letzte Fahrt. Scotts Tagebücher 1910 - 1912". Ich weiß sofort, wo ich besagte Stelle finde, denn der Eintrag, in dem Scott das Ende von Titus Oates beschreibt, ist einer der letzten, bevor er selbst Abschied von der Welt nimmt: "Sollte dieses mein Tagebuch gefunden werden, so bitte ich um die Bekanntgabe folgender Tatsachen: Oates' letzte Gedanken galten seiner Mutter; unmittelbar vorher sprach er mit Stolz davon, dass sein Regiment sich über den Mut freuen werde, mit dem er dem Tod entgegengehe. Wir drei können seine Tapferkeit bezeugen. Wochenlang hat er unaussprechliche Schmerzen klaglos ertragen und war tätig und hilfsbereit bis zum letzten Augenblick. Bis zum Schluss hat er die Hoffnung nicht aufgegeben - nicht aufgeben wollen. Er war eine tapfere Seele, und dies war sein Ende: Er schlief die vorletzte Nacht in der Hoffnung, nicht wieder zu erwachen; aber er erwachte doch am Morgen - gestern! Draußen tobte ein Orkan. 'Ich will einmal hinausgehen', sagte er, 'und bleibe vielleicht eine Weile draußen.' Dann ging er in den Orkan hinaus - und wir haben ihn nicht wiedergesehen. Wir wussten, dass der arme Oates in seinen Tod hinausging, wir versuchten auch, es ihm auszureden, aber er handelte als Held und als englischer Gentleman. Wir drei übrigen hoffen, unserm Ende mit ähnlichem Mut entgegenzugehen, und dieses Ende ist sicherlich nicht mehr weit."
Es ist das erste Mal, dass ich das selbst lese, und wie damals, als ich im Bett liegend Dafydd zuhörte, läuft es mir kalt den Rücken dabei hinunter. Ich sehe wieder das Innere des winzigen Zeltes vor mir, in dem in ihren gefrorenen Schlafsäcken die drei Männer kauern, abgezehrt, vor Durst und Hunger halb besinnungslos und unfähig, ein verständliches Wort herauszubringen, weil die Zunge im Mund so dick geschwollen ist. Scott, Bowers und Wilson hören nichts als das endlose ohrenbetäubende Heulen des Sturms, der an dem Zelt zerrt und wieder und wieder gegen dieses einzige Hindernis im Umkreis von hunderten von Kilometern anrennt. Und Scott hat einen Bleistiftstummel und schreibt. Kritzelt etwas wie: "handelte als Held und als englischer Gentleman." Unfassbar. Als würde man sich vor dem brüllenden Rachen, der einen gleich verschlucken wird, die Krawatte binden. Dafydd fand immer, dieser Todesmut sei an Tapferkeit nicht zu übertrumpfen. Für mich dagegen - und das ist es, was mir Schauder über den Rücken jagt - schreibt da ein Toter, einer der mit allem abgeschlossen hat, auch mit der Tapferkeit.
Ich lege das Tagebuch auf den Stapel. Vier Türme sind entstanden: ein Stapel aus den zwanzig Bänden der Enzyclopädia Britannica, einer aus Büchern mit Jahreszahlen im Titel, einer aus solchen nur mit Erscheinungsjahr und schließlich einer aus fünf Büchern, die weder das eine noch das andere aufweisen und die, soweit ich sehen kann, allesamt Geschichtsbücher sind, Bücher, die davon handeln, welche Vorstellungen Ptolemäus und die anderen alten Griechen und Römer von der Antarktis hatten. Ich muss immer noch an Scott denken. Indem ich Shackletons Kisten leer räume und seine Bücher hierhin und dorthin sortiere, spukt mir plötzlich wieder der Satz im Kopf herum, der, als Dafydd ihn vorlas, mir so zusetzte, dass ich heulen musste, sobald wir das Licht ausgemacht hatten und ich unter meiner Decke allein war: "Also schön, mein Lebenstraum - leb wohl!", schrieb Scott nämlich am Morgen vor der Rückkehr vom Pol. Oder nein, der Satz lautet anders. Ich suche das Buch nochmal heraus. Und da steht es: "Wohlan! Traum meiner Tage - leb wohl!"
Unter den letzten Büchern, die ich aus der Holzkiste herausfische, ist schließlich auch das Buch, das Shackleton erwähnte. Es ist grün und abgestoßen, und es hat Jahreszahlen im Titel: "Entdeckungsreise nach dem Süd-Polar-Meere in den Jahren 1839 - 1843". Von Sir James Clark Ross. Die übrigen drei sind in dünnes weißes Papier eingeschlagen und völlig gleiche Drillinge: Es sind Exemplare von Shackletons eigenem Buch "Das Herz der Antarktis. 21 Meilen vom Südpol. Die Geschichte der britischen Südpol-Expedition 1907 - 1909". Zahlreiche Abbildungen sind darin, Zeichnungen, die sanft und zugleich grimmig wirken, genauso wie ihr Schöpfer George Marston, mit dem ich heute noch gefrühstückt habe. Es gibt Porträts von Shackleton im Pullover vor einer weiten Eisfläche, eines heißt "Die NIMROD vor Tafeleisbergen vertäut", ein anderes zeigt ein Grammophon, das vor einer Gruppe neugierig die Hälse reckender Pinguine im Schnee steht, und auch ein Selbstporträt ist darunter: "Der erfindungsreiche Marston bei der Lektüre" liegt lesend in der Koje, auf seiner Schläfe eine brennende Kerze im Halter aus Porzellan. Damit bin ich einmal durch. Der Rest ist ein Klacks. Ich werfe noch einen Blick in die leeren Kisten und merke plötzlich, dass es ganz still ist. Kein Russe lacht, kein Bakewell kostet amerikanische Flüche aus, und ich höre, als ich im Kajütgang stehe, keinen australischen Skipper hinter seiner Tür auf und ab stiefeln. In Shackletons Kajüte türmt sich mein Werk: vier Stapel, die nach nichts aussehen, aber eine Heidenarbeit waren. Auch ich habe mir eine Pause verdient. Mit dem Schlüssel des Sirs schließe ich ab. Und bin noch nicht an Deck, da fällt mir ein, was ich vergessen habe: Wo zum Teufel steckt die Bibel der Königinmutter?

Shackleton und ich, 2. Buch, 6. Kapitel, Winter 2003/04

02.05.2004 09:55:18 

Begehbare Baustellen


Nichts wird auf meinen Baustellen je fertig. Im Grunde wird auch nicht viel gebaut, es handelt sich eher um Ausgrabungsgelände. Hie und da eine Strebe, ein Stützbalken, und natürlich ein stetes Sichten, Säubern, Sortieren und Flicken des Gefundenen, das kein Ende findet. Deshalb begehbar, anders geht´s nicht.

Die dritt- und viertletzten Zeilen von Ausfahrt kenne ich schon seit fast zwei Jahren. Da sie dort, sonst aber noch nirgends, hinzugehören schienen, fügte ich sie in die zweite Fassung eines Gedichts ein, die ich Pendler nannte. Doch irgendwie - tut mir leid, aber es war tatsächlich bloß ein irgendwie - störte das Stück dort mehr als es die Pendler in Fahrt brachte. Inzwischen habe ich deren Bus stillgelegt und mich von ihnen verabschiedet. Das Teil, das an allem schuld war, hob ich auf. Es sah aus, als wäre es noch mal zu gebrauchen.

für Nadja

01.05.2004 18:43:00 

Testfall (vormals "Ausfahrt")


Die Faust im Griff bereit wie ein Stein
in der Schleudermulde, eine Kralle aus Luft
entert die Pumpe: diese Angst wird geübt

für das erste Mal. Stehen im Pulk. Glieder
Puppenlieder klappern: auf in den Hang
verklappte Verhaue, Liegenschaften, Ligaturen

aus dem Kies geknöchert, Stufen stummen
Alarms, zu Bestürzendes. Jede Kurve kippt
den verpassten Zielen ein neues hinterher.

Mithalten jetzt, die Hand auf
Zu. Finden, es ist nicht genug.

01.05.2004 18:20:47 


„Lieber Gott, bitte hilf mir, dass ich wieder aufwachen kann. Deine Britta.“

In das Bittbuch der Neurologischen Klinik
Bad Aibling eingetragen von Marianne am
22. Februar 2004.

30.04.2004 06:27:32 

Senso unico


Im Vorhof Karossen. Männer verkünden Rauch. Drakonisches
Zäunen wider Phalangen aus Namenlosigkeit und Geläuf. Statuetten
entsteigen den Mauern um fünf, den Fackelarm gestreckt
zum Münzwurf, die Wandlung der Brunnen
zu feiern, Wasser zu Stein, während der Pinien
öldunkles Triebwerk auf Schatten schaltet.

Der Tag ist ein Blitz, was das Sehen wert wäre
ein Okular ins Auge des Betrachters
durch einen eingefleischten Kniff
zu lösen, den Ausblick auf ein Geschäft zum Beispiel
hin, wo man das Schlangenhaupt als Oktopus verkauft
oder als Narrenkappe, das Schellen im Schädelfach: Noch da?

26.04.2004 18:20:18 

Folklore


Baumscheibe. Schicht um Gesprächsschicht.
Kaltgetränke, die Vorstellung von Jahren als Kreis.
… jetzt nicht
nicken, mit dem Kopfende in Luft scharren.

24.04.2004 22:55:31 

Der Nutzen von Glas


Bei Nieselregen in der Bürostadt
glänzen die Hofbäume. Dein Anruf,
das Prasseln im Garten. Doch ich,
tief in den Senderskriptgegenden,
verschickt in beschleunigtes Land,
Brombeerheckenbraunelle.html.

Sag du mir, wie das kam.
Es ist kein wirklich heller Tag.
Dein Kuss erklärt den Nutzen von Glas.

Unter der blauen Stoffschräge
dreh ich das schwere Gesicht hinein
in den Spalt Sonne. Die Fieberwelt …
Linden halten den Duft bis zum Herbst,
dann reicht leichter Wind und er erlischt.
Krank sein, schlafen, nichts Schöneres.

Sag du mir, wie das kam.
Es ist ein heller Tag.
Dein Kuss erklärt den Nutzen von Glas.

Auf dem Sockel des Spiegelschranks
saß ich mit Zahnschmerzen als Junge,
bis ich lachte, weil Oma mich küsste.
Ihr Bild blickt mich an, ein Gesicht
wie ein Garten, ein Grab, Handwerk
ihres Lebens, verscharrt in der Zeit.

Sag du mir, wie das kam.
Es ist ein wirklich heller Tag.
Dein Kuss erklärt den Nutzen von Glas.

24.04.2004 22:02:10 


Sich da einfach hineinzusteigern und so einem Roman vor allen Leuten einen Tritt in den Hintern zu geben, das gibt es von heute an nicht mehr. Von heute an ist so etwas streng verboten. Von heute an wird seelisch gereift und weniger gesprochen. Von heute an wird ein Buch erst zuende gelesen, bevor es getreten wird. Ein Roman, auch wenn er nur hundertfünfzig Seiten hat, kann sich nach sechzig Seiten immer noch prächtig entwickeln. Ein Roman ist nicht die ersten Seiten. Nur Mädchen und Lyriker beschimpfen einen Roman schon nach den ersten Seiten. Auch in den Himmel gehoben wird nichts mehr, bevor es fertiggelesen ist. Keiner wird mehr in den Himmel gehoben, gar nichts und gar niemand mehr.

Unter anderem beinahe häßlich über "Herr Lehmann" gesprochen

23.04.2004 22:47:33 


Der Text wurde autorisiert gelöscht am 03.12.2004 15:10:46.

20.04.2004 19:25:54 


Der Text wurde autorisiert gelöscht am 24.04.2010 15:58:36.

19.04.2004 20:37:26 


Aber das im Ohr:
sagt nicht nein, nur: Ist das so?
Durch das im Ohr rauschen die Wirbel weg, nach wie vor vor
und zurück, immerhin zu keinem Schluss.
Das will was hören am andern Ende, was vom Tag, eine Meldung von heute
auf morgen haltbar, etwas, das gleich gilt und nur dann und wann
wenn nicht jetzt. Na schön, es kann auch eine Scherzfrage sein, eine Leerstelle
in einem Kreuzwort. Das im Ohr schweigt
von den besseren, den gegnerischen Beispielen, es nennt keine Namen
die helfen am andern Ende auch nicht weiter, nicht wirklich.

kein Gedicht, aber davon für jeden Tag eins

16.04.2004 18:39:02 


Die dichterische Position angesichts gesellschaftlicher Umwälzungen - die nicht zu bestimmen, sondern mir überhaupt klar zu werden, wie eine solche beschaffen sein, wodurch sie sich auszeichnen könnte, erscheint mir äußerst schwierig, sowohl vor entstehungs- und rezeptionsgeschichtlichen Hintergründen einzelner Texte wie auch im Sinne von Selbstbefragung. Sieht man von Äußerungen in Briefen oder Tagebüchern ab, drängt sich wohl zunächst der Eindruck der Verzögerung auf. Ich kenne die Entstehungsgeschichte von Easter, 1916 nicht, doch wurde der September 1916 als Arbeitszeitraum angegeben, was wiederum nicht für einen eruptiven, sondern sukzessiven Umgang mit dem sprachlichen Instrumentarium spricht. Im täglichen Theaterstück / Mitspielen will er weiter nicht - ich beziehe das jetzt auf den Dichter - eher arbeitet er sich an dem Stein ab, um den sich die Wirbel nie einen, während Ross und Reiter Anamnese und Bestandsaufnahme davongaloppieren (womit ich nun doch anlange beim Versuch, so etwas wie meine Position auszumachen).

Dabei sind die Widerstände, die sich aus der Langsamkeit des Mediums gegenüber gesellschaftlichen Umwälzungen ergeben, noch die geringsten, niemand verlangt heute der Dichtung ernsthaft tagaktuelle Kommentare ab. Trotzdem haben Journalismus und Dichtung etwas gemeinsam, den Zweifel, und warum nicht die Schraube noch etwas fester anziehen: die Überzeugung des Zweifels. Also die Exposition der Frage. Also die Notwendigkeit der Recherche, der Suchbewegung, die weniger linear verläuft denn als ein Um- und Einkreisen der Gegenstände. Also ein Glauben an das mögliche Vorhandensein von Alternativen, auch alternativer Realitäten, was sich eben nicht zuletzt in der Frage ausdrückt: Wie war oder ist es wirklich? Ein Standort, der als "anderer" wahrgenommen wird, als nebengeordneter, als der eines Beobachters. Dessen Report gleichwohl Wirkungen zeitigen kann, erhöhte Aufmerksamkeit, Sensibilität für gesellschaftliche Prozesse etwa?
Nach der Einschätzung der Wirkung seiner Arbeit befragt, antwortet mancher Journalist so zweifelnd, als sei seine Position ähnlich "ungesichert" wie die dichterische und ebenso machtlos, was die Bedeutung seiner Arbeit allerdings nicht mindert. Weil er informiert, man etwas von ihm wissen will? Weil Information ein Vehikel der Annäherung an Tatsachen ist, weil Tatsachen den Zugang zu Wahrheit, spätestens seit Aristoteles ein Wert an sich, öffneten und die Informationen darüber selbst zum Wert würden? Irgendwo zweigt hier der Weg zur dichterischen von der sichterischen Position ab. Dass irgendwer was vom Verfasser von Gedichten wissen will, ist das nicht unerheblich, schon mangels Rezipientenmasse? Der Verfasser von Gedichten - dass ich jetzt die Bezeichnung "Dichter" vermeide, ist mir nicht so peinlich wie das Wort selbst. Der Verfasser von Gedichten: "Was ist Wahrheit" fragen und sich dabei die Hände in Unschuld waschen, darauf, so scheint´s mir oft, könnte sein Beharren auf der "Unsicherheit" seiner Position hinauslaufen. Und nochmals aber: wie könnten Gedichte aussehen, deren Verfasser sich gegenüber einem Frager von außen in der Pflicht sähen? Vordergründig? Effekthascherisch? Propagandistisch gar? Oder könnte diese angenommene Verpflichtung (sei sie noch so hypothetisch, noch so "eingebildet") nicht auch Genauigkeit abnötigen, Sorgfalt bei Aufnahme und Widergabe des Materials sozusagen (keine unlauteren Schnitte, z.B., etcpp)?
Ich glaube das nicht, das ist der Haken, und noch dazu glaube ich es aus keinem besonders guten Grund nicht. Ich zweifle an einer Position, die ich selbst gar nicht einnehmen kann. Ich werde angesichts gesellschaftlicher Umwälzungen, gesellschaftlicher Prozesse überhaupt, von deren Hin und Her, Für und Wider, ihrem Sowohl-als-auch, ihren Wirbeln umspült und überholt, lediglich das Phänomen dieses Wirbelns, seine Widersprüchlichkeit und Unauflösbarkeit im Einzelnen bieten einen Anhalt, eine Säule, an dem sich manchmal ein Text ausrichten kann, und auch das unabsichtlich. Subjektivismus also. Selbstgespräche. Aber aber. Man will sich die glauben können, oder wenigstens den müden Zug um den Mund, den kann man gestehen, der sieht derart all-gemein aus, das ist wenigstens etwas, so banal wie entscheidend im großen ganzen Wirbel und durch zig Quellen gesichert. Die dichterische Position angesichts gesellschaftlicher Umwälzungen: keine irgendwie herausgegehobene, nicht einmal eine verbrieft unsichere, sondern eine, die dauernd komfortabel zu werden droht, das ist - vielleicht - ihr einziges Risiko, wenigstens genau hier, von mir aus gesehen und heute.

16.04.2004 12:49:07 


1


Ich habe während des von Norbert Hummelt initiierten William-Butler-Yeats-Workshops im März im Übersetzerkollegium Straelen zu bedenken gegeben, dass Yeats in seinem berühmten Gedicht "Easter, 1916" ( http://hyde.park.uga.edu/~crice/east1916.html ), von dem ich hier meine Übersetzung zeige, eine durchaus nicht so unkritische Position gegenüber den irischen Osteraufständlern von 1916 einnimmt wie allenthalben behauptet - bin damit jedoch im Eifer der Diskussionen nicht sehr weit durchgedrungen.
Mein Gefühl anhand des Textes ist nicht vergangen, ich glaube inzwischen sogar, dass die dichterische Position angesichts gesellschaftlicher Umwälzung zu hinterfragen einen Hauptbeweggrund für das Gedicht darstellt. (Foto: Spiegel-online, Bagdad, heute)

13.04.2004 12:52:10 

Ostern 1916


Ich traf sie frühabends meistens,
Sie kamen mit leuchtenden Augen
Von Schalter und Pult aus tristen
Achtzehnhunderter-Bauten.
Kurz nickend ging ich vorbei
Mit harmlosen netten Worten
Oder blieb stehen und sagte ein, zwei
Harmlose nette Worte
Und dachte, bevor ich es tat,
An einen Spottvers oder Witz,
Wie ihn ein Duzfreund gerne hat,
Wenn man im Club am Feuer sitzt,
Überzeugt, daß sie und mich
Nichts als die Narrentracht verband.
Alles änderte sich vollständig.
Furchtbare Schönheit entstand.

Tags lebte diese Frau
In stummer Emsigkeit;
Die Stimme war so rauh
Vom nächtelangen Streit.
Welch zarteres Stimmchen gab's,
Als sie, jung und umworben,
Mitritt auf Hasenjagd?
Er stand der Schule vor,
Ritt unser Flügelpferd,
Und er dort, sein Helfer und Freund,
Hat ihn erst lang nur verehrt
Und schließlich selbst von Ruhm geträumt,
So fühlend schien seine Natur,
So mutig und fein sein Kopf.
In dem da sah ich immer nur
Den Maulheld und besoffnen Tropf.
Einigen, die mir nahe stehen,
Hat er viel Unrecht zugefügt,
Und doch sei er im Lied erwähnt;
Im täglichen Theaterstück
Mitspielen will er weiter nicht;
Auch er hat es für sich erkannt
Und wandelte sich vollständig:
Furchtbare Schönheit entstand.

Herzen mit einem Ziel allein
In Sommer wie Winter scheinen
Verzaubert in den Stein,
Um den sich die Wirbel nie einen.
Das Pferd, das von der Straße stürzt,
Der Reiter, Vögel, deren Route
Aus Wolken in die Wolken führt -
Anders in jeder Minute;
Ein Wolkenschatten auf dem Fluß,
In jeder Minute anders;
Am Ufer strauchelt ein Huf,
Und ein Pferd plantscht im Wasser;
Das Moorhuhn stakst, taucht eben
Und läßt den Lockruf fallen;
In jeder Minute Leben -
Der Stein inmitten von allem.

Nicht endender Verzicht
Kann Stein aus Herzen machen.
O reicht es denn noch nicht?
Himmels Sache. Unsere Sache,
Zu murmeln Name auf Name
Wie die Mutter fürs Kind,
Das doch Schlaf überkam,
Rannte es noch so wild.
Ist es nicht Nachtbeginn?
Nein, Nacht nicht - sondern Tod.
War's letztlich ein Tod ohne Sinn?
Vielleicht hält England Wort
Nach all dem Hin und Her.
Ihr Traum ist bekannt - es genüge,
Sie träumten und sind nicht mehr.
Und was wenn Zuviel der Liebe
Sie in den Tod trieb seinerzeit?
Ich schreib es in einen Vers:
MacDonagh und MacBride
Und Connolly und Pearse,
Jetzt und auch zukünftig
Vereint im grünen Band,
Veränderten sich vollständig:
Furchtbare Schönheit entstand.

25. September 1916

William Butler Yeats

13.04.2004 11:37:33 


1



Lesung im Krakauer Turm : Nürnberg - 3. April 2004

Nadja Einzmann - Markus Stegmann - Sylvia Geist - Christine Marendon

11.04.2004 22:11:02 

Reiseorakel


Die Gegend ändert sich. Umkreise schmälern
sich unbemerkt löst Luft Flocken aus schneit
Abgebrochenes in Atem Wege ein. Mein
Gesicht. Schau weiter. Angetautes. Trau
dem nicht. Verschweiße Teile zur Bewahrung

dann

und wann zeigen Lichter einen Durst. Tragen
Adern das wo hin in die Höhe, lösen Sichten
Verschnürungen. Umgebungen so klein, meine
vergrabenen Taschen, die weg geschwemmt
auf Reise machen. Karpfenschatten im Bassin.

Gebe mir die Nummer, bestimmt ein Baum, ein
umgedrehter, der steht da. Windisches, ganz
und gar verkehrt. Im Frühling Äste schneiden,
Hilfe, keins da. Lebe aus den Einweckgläsern.

Lieber und so, weiß und weiß nicht. Wische
Geschichten vom Holz, längst gedruckt. Nur
das, verstehst du. Abgeschlossene Camera.
Und die Würfe und Stöße schüttern nichts,
können nur die kleinen Spiele in Stein würfeln.

11.04.2004 01:16:55 


Ameisengesellschaft LN - 769 [ lasius niger ] : Position 48°21’N 07°01’O : Freitag : Juli : der Neunzehnte. Folgende Objekte wurden von 20.00 – 21.00 Uhr MESZ über das südöstliche Wendelportal eingeführt : zwei trockene Fliegentorsi mittlerer Größe [ je ohne Kopf ], sechzehn Baumstämme [ à 7 Gramm ], fünfzehn Raupen in Grün, achtzehn Raupen in Orange, ein Insektenflügel [ vermutlich der eines Zitronenfalters ], zwei Streichholzköpfe [ à 2 Gramm ], acht Fliegen der Gattung Calliphoridae in vollem Saft, sonnengetrocknete Rosenblätter [ ca. 50 Gramm ], fünf Schneckenhäuser [ je ohne Schnecke ], sieben gelähmte Schnecken [ je ohne Haus ], 157 Ameisen anliegender Staaten [ betäubt oder tranchiert ], sechs Rüsselkäfer [ blautürkise ], die Aaskugel eines Pillendrehers, wenig später der Pillendreher selbst, eine Wildbiene, ein Autoreifen [ Masarati Mistral ] 8 Gramm.

anatomische notiz

10.04.2004 17:57:58 

dark rooms 5




darkr

07.04.2004 22:02:40 

Ich nehme 40


40, ich nehme 40,
das wird reichen, bis ich alt bin
und grau wie der Regen.
Möwen,
kreisen über der Bürostadt.
40, ich nehme 40,
Versicherungen, neue Leben.

Für Christine Marendon

06.04.2004 13:53:49 

0/1



1


barrikade des tages

05.04.2004 17:07:37 

   99 100 101 102 103   
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