ein bild


Der Weg entweder zwischen den zwei Bächen … oder um einen von den beiden herum, der Weg in Gedanken, ich weg und alles, was einfällt, da: Gedichtwitterung. Fremder Garten, noch erschüttert vom Kahlschlag unter den Tannen, in die die Spiddel letzten Sommer den Ball droschen, finde ich mit einem Mal die halbe Flanke des Bachs an der Koppel gerodet, brandgerodet, und in der feuchten Schneeluft die zwei Rauchfahnen von so bösem wie schönem Milchblau.

08.03.2004 21:57:56 


Während im Gedicht die Verordnung bereits stattgefunden hat, das (wo es gut geht, ins Unwillkürliche kalkulierte) Fehlen, bei dem es allem auf alles ankommt, der Umtausch: wenn man Glück hat, kriegt man was raus.

07.03.2004 14:50:48 

Fundstück


luat enier sidtue an eienr elgnhcsien uvrsnäiett, ist es eagl in wcheler rhnfgeeloie die bstuchbaen in eniem wrot snid. das eniizg whictgie ist, dsas der etrse und der lztete bstuchbae am rtigeichn paltz snid. der rset knan tatol deiuranchnedr sien und man knan es ienrmomch onhe porbelm lseen. das legit daarn, dsas wir nhcit jeedn bstuchbaen aeilln lseen, srednon das wrot als gzanes.

06.03.2004 20:37:51 

Auf Distanz


Mich hinabzubeugen und die Schuhe zu schnüren, bestimmte das gesamte vergangene Jahr. Und das Jahr zuvor. Die Hand an den elastischen Senkeln, die eine Neigung haben, sich von selbst zu öffnen, wenn sie nicht doppelt verknotet werden. Je nachdem, wie lange ich laufen würde, zog ich die Schnürung fester oder ließ etwas Platz für die Füße, die sich auf der Strecke weiteten, plattgetreten wurden und den ganzen Raum erfüllten, den der labberige Leisten ihnen ließ. Ich beugte mich vornüber, noch vor dem Start, und ging in die Hocke, streckte die Muskeln der Beine, der Rücken hing aus, am Gewicht des Körpers, der wie ein Kind beim Spiel in der Pfütze vor sich versunken war, wie eine Frau, die zum Urinieren ins Gebüsch tritt und die anderen Spaziergänger bittet, wegzusehen. Der Start war ein unmerkliches Antreten, ein plötzlicher schnellerer Schritt, der es versäumte, den Boden zu berühren, so daß für einen kurzen Moment kein Fuß auf dem Asphalt ruhte, so plötzlich und unmerklich, daß die erste Veränderung vom Gehen zum Rennen eine Befreiung von etwas war und noch keine Hingabe an etwas anderes. Das Warmlaufen war eigentlich ein Freilaufen, der Trab eines Frierenden an der Haltestelle, der sich aber nicht auf der Stelle erschöpfte, sondern auf Distanz ging, der dem Bus keine Beachtung schenkte, keiner Abfahrtszeit ...

04.03.2004 21:02:30 


"Das Leben also", würde Atze da sagen und wieder mal kichern, sich überschlagen vor Kichern, sich krümmen vor Kichern, bis die geschüttelte Heiterkeit in einem tiefen Hustenanfall verebbt.

Atzesche Notizen

04.03.2004 00:53:57 


Beiseite treten, in ein Zimmer sehen. Den Raum ausspähen nach Stimmen, die nicht von der Hafenbehörde erzählen (wir haben das erwartet, haben wir das erwartet?). Und dem Gesang eines grünen Jünglings lauschen, dem Schweigen des Alten und sich ducken vor dem immer wieder aufflammenden Gelächter des Mittleren. Wenn es nur ein Raum wäre, der aufs Meer führt. Wundert es dich, dass an diesen Orten von dir erzählt wird? Dass das Wort nie fällt? Selbst wenn sie sich bei der Hand hielten. Aber stattdessen wird hochgestimmt, ein rotes Licht entzündet und wieder gelöscht. Wie Leuchttürme senden sie Lichter ins Dunkel, augenblicklang das Gefühl, ein Schiff zu sein und die Zeichen zu verstehen. Dann wären wir der Hafen, dann wären wir die Schiffe. Und die Behörde? Ein Zimmer?

Wir standen an der Mole und winkten mit weißen Tüchern. Beinahe so, als hätten wirs nicht gewusst. Dass im Becken öliges Wasser steht und Möwen untergehn. Dass der Wind Töne tragen kann und auch davonträgt. Dass in unserem Zimmer ein Meer steht und Geräusche macht. Ein Sturm, sagst du und lässt das Tuch los. Aber ja.

Wo soll man hin, man bleibt, wo man ist. Und : Three is a magic number.

Port Authority


°
Schön, Hendrik zappelt im Netz.... Willkommen.

01.03.2004 21:59:05 

Barrakuda


Beim Mittagessen in der Mensa kam das Gespräch auf 68. "Hört doch auf", sagte unser Professor, er sei damals in Paris gewesen, wo es im Gegensatz zu hier echte Barrikaden gegeben habe. Aha, sagte ich, und wie sei das so gewesen. Ruhig, antwortete er, an einem Institut im Vorort habe er damals ungestört unterrichten können.

Mirko bat mich, hier mitzumischen und Fische anzuzünden. Das will ich gern tun.

01.03.2004 20:44:08 


"H. geht auf Distanz zur beobachteten Natur und macht dabei immer wieder ungeheuerliche Entdeckungen. Vermutlich ist er der weltweit Einzige, der sich ernsthafte Gedanken macht, wie die durch das Blattwerk einer Hecke gebrochene Wahrnehmung eines Vogels aussehen könnte."

27.02.2004 21:40:27 

SEQUENZ - Tel Aviv : Frankfurt am Main – 18. August 2002


buchzimmer



Heute, bei großer Hitze, wurde von einem Bildschirm aus, der auf dem hölzernen Boden eines meiner Zimmer steht, folgendes berichtet.


Vor Chelmno wartete einmal ein Zug unter Bäumen. Fünf der Waggons des Zuges kamen aus dem griechischen Süden, das wissen wir jetzt aus großer Entfernung, drei waren Budapest entnommen, sieben von irgendwo her aus dem Osten herangeführt, zwei holländischer Herkunft. Letztere nun, das waren komfortable Wagen, Pullmann oder von ähnlich nobler Herstellungsadresse. Sie hingen dem Zug in Fahrtrichtung am Ende an, zwei Personenwaggons, ihnen voran vierzehn Waggons für Güter, für Vieh. Langsam, in einem halbstündigen Takt jeweils um die Länge zweier Waggons, rückte der Zug vorwärts.


Das Gesicht der Frau, die von diesem Zug erzählt, ist ruhig, wirkt gefaßt. Dunkle, tiefliegende Augen. Sie steht an der Brüstung eines Balkons, trägt ein leichtes Sommerkleid, einen hellen Hut auf dem Kopf, die Haut ihrer Arme ist gebräunt. Im Hintergrund das Meer, eine glatte, schimmernde Fläche.


Oh ja, sagt sie, wir waren besorgt. Wir wußten nicht wohin man uns bringen würde. Wir haben das ein oder andere gehört, aber wir glaubten nicht alles, sie verstehen? Zwei Tage und zwei Nächte waren wir unterwegs. Wir hatten Zeit zu packen gehabt. Wir waren vorbereitet. Wir waren Gefangene. Aber man hat uns gut behandelt. Man sagte, wir sollten ausgetauscht werden. Ich kann mich nicht erinnern gegen was oder für wen.


Sie schweigt, wendet sich ab, schaut auf das Meer, das nur durch ein paar Schritte von dem Haus, auf dessen Balkon sie steht, entfernt zu sein scheint. Dann kommt sie zurück. Ein kurzer, ein fester Blick hin zur Kamera.


Ich kann nicht sagen für wen wir ausgetauscht werden sollten, was wir glaubten, was wir dachten, ich erinnere mich nicht. Vielleicht hat man uns nichts erzählt davon, vielleicht haben wir nicht danach gefragt. Wir hatten Hoffnung, sie verstehen? Wir waren 82 Frauen. Französinnen, Holländerinnen und einige Deutsche. Wir hatten gepackt für eine lange Reise.


Wieder schweigt sie, wieder geht ihr Blick zur Kamera hin, flüchtig, bald senkt sie die Augen, bald richtet sie ihren Blick unmittelbar gegen das Objektiv, als würde sie durch das Glas hindurch direkt zu mir ins Zimmer schauen. Von unten her kommt eine Hand ins Bild, spielt an einer Kette herum, dunkle Perlen, hölzerne Perlen.


Unsere Männer waren schon fortgebracht. Man sagte, wir würden sie bald wiedersehen. Wir hatten ja Hoffnung deshalb. Wir haben uns gut eingerichtet im Zug. Von Zeit zu Zeit wurden unsere Waggons rangiert, zwei Waggons waren das, sie verstehen, sehr schöne Waggons, kostbare, hölzerne Verkleidungen, dunkelblaue Vorhangstoffe. Aber wir konnten die Fenster nicht öffnen. In einer Stadt kleiner Häusern, ich erinnere mich, standen wir für einige Stunden still. Ein Offizier kam herein und sagte, daß wir bald am Ziel seien. Wir sollten alles zusammenpacken. Er war sehr freundlich, ein junger Mann.


Wieder schaut sie zum Meer hin, zeigt ihr Profil, ein mageres, altes Gesicht. In großer Entfernung ist ein Tankschiff am Horizont zu erkennen, Möwen durchkreuzen den Ausschnitt des Bildes. Jetzt fährt sie sich mit einer Hand über das Gesicht, drückt ihren Hut fest ins Haar. Es ist windig, ein Wind, der vom Meer her kommt. Böen, leichte Böen. Und Sirenen, jaulende Sirenen, Ambulanzen vielleicht.


Sehen sie, fährt sie fort, da waren wir beruhigt. Man hat ja viel gehört. Aber man hat nicht alles geglaubt.


Sie schweigt kurz, drückt ihre linke Hand fest gegen die Stirn.


Dann wurden wir wieder rangiert. Einige Güterwaggons kamen vorüber, bunte Stoffe hingen aus den Luken. Und Hände. Hände waren zu sehen, ich erinnere mich. Plötzlich wurde es sehr still im Zug. Ein paar Soldaten liefen an unseren Waggons vorüber. Sie sahen zu uns herauf. Sie lachten. Sie waren freundlich. Da redeten wir wieder. Wir waren froh, bald angekommen zu sein, waren müde vom Sitzen. Langsam fuhr der Zug aus der Stadt. Das war jetzt ein langer Zug geworden. In den Kurven konnte ich eine Lokomotive erkennen. Sie war weit entfernt. Ich erinnere mich an mächtigen Dampf, weißen Dampf, und an Güterwaggons, ich erinnere mich an Güterwaggons, sie fuhren uns voran. Dann hielten wir an. Da waren Bäume, da war Schatten. Wir hörten Hunde bellen. Wir sprachen über unsere Pläne, sie verstehen? Wir waren schon recht vertraut miteinander.


Wollen sie noch etwas trinken, fragt sie plötzlich.


Sie streckt eine Hand in Richtung der Kamera. Sie wiederholt ihre Frage, spricht zunächst in hebräischer, dann in arabischer Sprache, dann wieder Deutsch.


Nicht? Es ist heiß heute.


Sie führt eine Tasse zum Mund. Ein kurzer, scheuer Blick, indessen sie trinkt. Dann stellt sie die Tasse auf der Balkonbrüstung ab, sieht wieder zur Kamera hin, fährt fort zu sprechen.


Wir zogen also unsere Schuhe an. Wir ordneten unsere Kleider. Von Zeit zu Zeit fuhr der Zug ruckartig an, bremste wieder, stand still. Noch einmal kam der Offizier herein. Er sah sich um, war zufrieden. Er lächelte. Er sagte, daß wir in einer halben Stunde aussteigen könnten. Er sagte noch, daß wir nicht alles mitnehmen müßten, nur das leichte Gepäck. Als er die Waggontüre öffnete hörten wir Stimmen. Jemand schrie. Dann wieder alles gedämpft, aber Stimmen. Es roch sehr merkwürdig, die Luft, sie verstehen?


Wieder sieht sie in die Kamera, ins Zimmer, ruhige Augen. Eine Möwe nähert sich ihrer Tasse. Mit einer heftigen Bewegung der Hand scheucht sie den Vogel davon.


Wir hatten Hoffnung, verstehen sie? Wir machten uns zurecht. Einige der Frauen schminkten sich. Sie waren sehr hübsch. Dann fuhren wir noch einmal vorwärts. Eine Wand, eine Mauer. Die Türen wurden aufgerissen. Jemand brüllte. Ein Mann brüllte. Raus! Raus!


Heftig fährt sie sich mit der Hand über die Stirn. Dann wieder der Blick in das Objektiv. Ein schönes, altes Gesicht, dunkle, tiefliegende Augen, schlohweißes Haar, Hut auf dem Kopf. Ein leichter Wind geht, aber das Meer in der Ferne erscheint bewegungslos. Das Tankschiff am Horizont, verschwunden. Zwei schnelle Kanonenboote durchkreuzen das Bild von links nach rechts. Sie nimmt die Tasse von der Balkonbrüstung auf, trinkt in kleinen Schlucken, stellt die Tasse zurück, drückt den Hut auf den Kopf, lächelt kurz. Dann spricht sie, tiefe Stimme, sehr leise, so daß die Worte kaum noch zu hören sind.


Ich habe einem der Männer gefallen. Er hat auf mich gedeutet. Ich habe ihm gefallen. Ich war jung, ich war hübsch, sie verstehen?

koffertext

26.02.2004 20:08:22 


Und dann sitzen wir in der kahlen Küche und rauchen. Und ich nehme an, dass es Frühling wird, weil er wieder gekommen ist, die Fenster zu putzen, mit einem langen Stab und einem Schwamm und sich weit nach draußen beugt dabei, aus dem vierten Stock. Und alle müssen ganz still sein und möglichst nur Klappern mit der Tastatur, aber nicht reden. Er könnte erschrecken und aus dem Fenster fallen, einmal wäre er beinahe, als jemand eine Tasse auf den Tisch knallte. So sitzen wir und rauchen, knarrend bewegt der Wind das offene Fenster. Die Sonne scheint und er schwitzt, zieht sich das Ballonseidenjäckchen aus. Morgen fängt er an zu schreiben, er wird sich ein rotes Notizbuch kaufen und einen Strich machen, auf der Mitte jeder Seite. Die guten und die schlechten Dinge will er aufschreiben und dann erzählen. Ich darf mir eine Geschichte wünschen. Etwa jene, wie die Weiße Flotte sank an einem Sommertag. Und dass er im dreißigsten Stock freihändig Fenster putzen kann, aber nie, niemals in tiefes Wasser geht.
Und dass sein Haus fast fertig ist, im Erdgeschoss Weihnachten, im ersten Stock Halloween und unterm Dach Ostern. Und dass er müde ist und jetzt nach Hause geht. Morgen wieder kommt und dann auch meine Fenster putzt. Die Blumen soll ich wegräumen und das Papier, damit nichts nass wird und kein Wellenschlag zu hören. Und morgen die Geschichte von Ulbricht. Die steht aber auf der schlechten Seite. Macht nichts, sag ich. Mach ich, sagt er.

Atzesche Notizen

25.02.2004 23:47:12 


Dass auch gute Autoren wie Updike, den ich sehr schätze, schlechte Bücher, wie „Bech in Bedrängnis“ schreiben können. Und dass mich das nicht tröstet, sondern außerordentlich bekümmert. Besonders, wenn ich mich gerade daran abarbeite, wie in den letzten Tagen, einen Text vom Boden hochzureißen und zum Fliegen zu bringen. Und wenn dann dieser Text plump absackt und ich gerade da ein Buch, von jemandem, der all das doch wirklich können und wissen müsste, lese, das auch plump absackt, dann ist das Vertrauen, dass Texte sehr leicht und mühelos zum Fliegen zu bringen sind, wieder mal dahin. Hinzu kommt, dass Texte vom Boden hochzuschreiben ja leider (mir) immer nur mit dem Vertrauen möglich ist, dass das alles ganz leicht und keine Kunst ist, dass das allermeiste Handwerk ist, zum Beispiel das.

24.02.2004 19:07:21 


Ein Fluss erwacht. Weitum Hawaii schwimmt im Meer ein Teppich aus Müll von der Größe Mitteleuropas. Lies im Internet: Die fünf Kinder Catherine, Carol, Charles, Claudia und Cecilia von Ralph und Carolyn Cummins aus Clintwood, Virginia kamen zwischen 1952 und 1966 zur Welt, alle am 20. Februar. Und von einer "Mutter aus dem Schwarzwald" heißt es: Die Frau fotografiert ihren vierjährigen Sohn, bringt den Film nach Straßburg zum Entwickeln, kann ihn aber wegen des Ersten Weltkriegs nicht abholen. Zwei Jahre später kauft sie in Frankfurt einen neuen Film, um ihre inzwischen geborene Tochter aufzunehmen. Jedoch erweist sich der Film als doppelt belichtet, die erste Aufnahme zeigt ihren zwei Jahre vorher fotografierten Sohn. Auch zwei Männer namens Franz Richter geistern durch das Netz: Zwei weder verwandte noch verschwägerte Soldaten werden im Ersten Weltkrieg ins selbe Lazarett gebracht. Sie sind beide aus Schlesien, dienen beide als Freiwillige in einer Transportkompanie und heißen beide Franz Richter. Ob einer der beiden wohl ahnte, dass am 5. Dezember 1664 ein Atlantiksegler vor der walisischen Küste sank, von dessen 81 Passagieren nur einer, ein Mann mit Namen Hugh Williams, überlebte? Die Namenszwillinge hätten sich nicht länger für etwas so Besonderes gehalten, wäre ihnen zu Ohren gekommen, dass an einem anderen 5. Dezember, 120 Jahre später, ein anderes Schiff sank, dessen einziger Überlebender gleichfalls Hugh Williams hieß. Und als am 5. Dezember 1860 ein weiteres Schiff sinkt, heißt der einzige Überlebende wiederum Hugh Williams. Carl Zuckmayer durfte kaum hoffen, einem zweiten Carl Zuckmayer zu begegnen, er muss mit einer Tapete vorlieb nehmen, einer Art Schicksalstapete. "Viele Jahre nach meiner Flucht aus dem besetzten Österreich", schreibt Zuckmayer in Als wär's ein Stück von mir, "wurde ich drüben in Amerika einmal von Freunden aus meiner Vermonter Farm- und Waldeinsamkeit weggeholt, um einen amerikanischen Schriftsteller kennenzulernen, der sich einige kleine Autostunden weit in einer Ortschaft des alten, kolonialen Neu-England angesiedelt hatte." Nach einer ausgiebigen Hausbesichtigung und nach langem Drängen "Zuckermayers" schließt der Autor, der Carl Mayr heißt, ein unbeheiztes und deshalb nicht bewohntes letztes Gartenzimmer auf, worin fein säuberlich an der Wand verklebt die Originaltapete aus Salzburg hängt. Kinder spielen in dem Zimmer, die fünf Kinder der Familie Cummins aus Clintwood, Virginia. Zwei spielen mit Soldatenpuppen, drei kleben Bildchen von Segelschiffen an Carl Zuckmayers Tapete, und Carl Mayr zieht sich die Maske von seinem ganz und gar leeren Gesicht.

24.02.2004 14:14:03 

84, charing cross road


Fräulein Helene Hanff wohnt nahe Central Park, 14 East 95th Street New York 28. Frank Doel arbeitet für den Buchhandel Marks & Co, 84, Charing Cross Road London, W.C.2, England. Man korrespondiert miteinander in den Jahren 1949 bis 1969 - Suchaufträge, kurze Briefe, Geschenke, vor allem Bücher und andere lebensnotwendige Dinge werden hin und her über den Atlantik geschickt. Am 9. Dezember 1949, vermutlich auf dem Seeweg, verlässt ein 6-Pfund-Schinken New York. Das Eintreffen der Kulinarie in London ist für den 20. Dezember noch desselben Jahres sicher verbrieft, man teilt das gute Stück unverzüglich unter allen Mitarbeitern auf. Eine herzliche Freundschaft, - der eine betreibt Fahndung, Fräulein Hanff, die junge Bühnenschriftstellerin, wartet. Es ist eine Zeit, als auf Bücher noch gewartet wurde.


Am 25. März 1950 folgende Adresse gegen London ...


„Frank Doel, was TUN Sie eigentlich da drüben?? Sie tun gar NICHTS, Sie sitzen nur HERUM! Wo bleibt Leigh Hunt? Und wo die –Oxford Gedichtanthologie- ? Wo bleibt die Vulgata und wo der liebe vertrottelte John Henry? All das wäre eine so nette aufbauende Lektüre für die Fastenzeit gewesen … und Sie schicken mir absolut nichts! Sie lassen mich hier sitzen und lange Randbemerkungen in Bibliotheksbücher schreiben, die mir nicht gehören. Eines Tages wird das herauskommen, und sie werden mir meinen Bibliotheksausweis wegnehmen. Ich habe mit dem Osterhasen eine Abmachung getroffen, Ihnen ein Ei zu bringen. Er wird herüberkommen und feststellen, dass Sie in Untätigkeit verstorben sind. Für den nahenden Frühling brauche ich unbedingt einen Band mit Liebesgedichten. Keinen Keats oder Shelley! Schicken Sie mir Dichter, die Liebe machen können, ohne zu sabbern – Wyatt oder Jonson oder irgendeinen anderen … denken Sie sich selbst etwas aus. Einfach ein schönes Buch, schmal genug, um in eine Anzugtasche gesteckt und in den Central Park mitgenommen zu werden. Also, sitzen Sie nicht herum! Spüren Sie es auf! Es ist mir wirklich ein Rätsel, wie dieser Laden existieren kann.“


Helene Hanff "84, Charing Cross Road", New York 1970, - sowie, in der Übersetzung von Rainer Moritz, unter gleichem Titel bei Hoffmann und Campe, Hamburg 2002 | koffertext

22.02.2004 20:30:21 

Lascia


Lasciare il fiume. Lasciare
il volo di tutto che vola. Mani
volano. Lasciare. Il posto tra
gli alberi, i rami, le foglie. La
casa. Guarda: un solo pensiero
ti fa seguire il pensiero di uno
stormo che cambia e cambia
direzione. Le passeggiate che
finiscono alle sponde. Lasciare.
Di tanto in tanto prendere, tenere
traccie. Un solo sasso che prendi
tra le mani. Mai pesante. Lascia.

19.02.2004 23:16:23 


Gestern stieß ich in einem schmalen Bändchen, das unter dem Titel "Après Aprèslude" viel Peinliches enthält, auf ein Gedicht von Astrid Claes, einer der jungen Frauen, die Gottfried Benn verehrten, und die er seinerseits ihrer Schönheit wegen, nun ja: zu erdulden hatte. Astrid Claes also, in jungen Jahren selbst Dichterin, von Benn weder so rückhaltlos begehrt wie jene Kellnerin, die ihn schließlich mit einem Käsehändler betrog, noch ernstlich von ihm gefördert, Astrid Claes verfasste ein kleines Nachrufgedicht auf den alten Mann, so schlicht und so bei sich, dass mir beim Lesen zumute wurde wie lange nicht.
Auf eine durch Technik nicht begründbare, geschweige denn zu rechtfertigende Weise wird etwas destilliert, für das mir kein poetisch kühles Wort einfällt, aber das ist nicht einmal die Hauptsache daran. "Ein alter Mann zieht singend durch die Nacht. / Singt von Septembern, Rosen, blauen Fernen, singt von Levkoien, späten Meeren, Sternen -: (...) Er singt. Es sind schon seine letzten Stunden. / Er singt. Er hat noch stets ein Lied gefunden. / Und keiner sieht, wie er im Dunkeln lacht." Die sonderbare Hauptsache gestern war, dass ich das plötzlich hörte, und in dem und für den Moment war alles vergeben, was man diesem in die Wüste geschickten und zigmal re-inthronisierten Hausgott vergeben kann, alles Phrasengefuchtel, alles Maulgetrommel, das Lachen im Dunkeln wischte das fort für diesen Moment, ich hätte Frau Astrid Claes die Hände geküsst, hätte sie da in meiner Küche gesessen.

18.02.2004 14:06:13 

Der bittere Kuss


Bring mir den Stein mit dem Schnabel,
und alles ist vergeben: In dem kleinen
Hotel an der Küste lag sie flüsternd
in seinem Arm. Geh über den Kanal!
And I keep on waiting till you'll return.

Jakob Gelden reiste schlafend elf Tage.
Er fragte die Vögel Englands um Rat,
auf den Scilly-Inseln die Schwärme
von Alpenstrandläufern, Zugvögel
Afrikas und vom Mittelmeer, die
auf den Eilanden bleiben, bis sie
gesättigt und ausgeruht für den
Flug nach Grönland, Spitzbergen
und Sibirien sind, wo sie sterben.

Jakob Gelden, o Jakob Gelden,
schrien die Watvögel der Scillies,
a strange reaction for someone
like you to remain so unsure! Und
ihre Schwärme folgten ihm nach …

Die Haubentaucher im St. James’s Park,
im Regent’s Park die Graureiher-Kolonie
und die kindsgroßen Raben des Towers,
von halb London gehätschelt, Jakob Gelden
fragte sie alle: Denn es heißt, zugrunde geht
das Dominion, sobald sie die Bastion verlassen.
In Wales, bei Stackpole, die Möwenfabriken für
die Verwertung der Glasaale aus der Sargassosee,
in den Highlands das Horse of the Wood, der Auerhahn,

Jakob Gelden, o Jakob Gelden, schrien sie, was fragst du
uns Vögel, geh und bitte die Deine um den bitteren Kuss:
It is so strange for someone like you to remain so unsure.
Und ihre Schwärme folgten Jakob nach, Jakob Gelden nach!

16.02.2004 17:21:25 

Leine, sonntags


Alle möglichen Taue gekappt
vom Nebel dümpeln die Fassaden
den Durchfahrern entgegen.

Die Verhältnisse der Brücke
auf dem Kopf, eine Parallele
zu queren jenseits vom endlosen

Gefolge der Ampelphasen, der Aufforderungen
zu gehen. Wen hält das auf:

Den Mann mit Schirm. Den Steinadler
der seit Jahrzehnten einen Flügelschlag vertut.
Die Frau mit Hund.

Drüben an die Fenster schlägt eine erste Welle
Geläut, hoch wie der Bug eines Boots
dessen Leine verfehlt.

15.02.2004 18:39:02 


Götterspeisekammer

15.02.2004 11:10:45 



cry


Für Mirko

(Installation: Kuros Nekouian)

12.02.2004 17:24:37 

Lieu


Zwischen Gesichtern Tassen und eilenden Händen
inmitten von Tauben und Lärm gibt es Orte die
Türen sind. Die Bedienung mit Tablett stolpert
über einen Ort und stößt ihn unter den Tisch. Das
Mitbringen von Orten ist verboten! singt der Mann am
Klavier und spielt ganz fürchterlich schlecht. Der Ort
schlüpft in meine Hand und legt sich auf die Linien.
Kannst du mir die Zukunft sagen? frage ich und der
Ort schüttelt sich. Stellen Sie sich doch erst einmal
vor! Natürlich hat der Ort recht und ich zeige ihm
meine Karte. Angenehm, nuschelt er, denn weil er
ein Ort ist, hat er natürlich einen Mund. Angenehm,
ich bin Anatoli Marienhof, sagt der Ort, ich komme
von weit her. Dann schläft er ein. Er bewegt sich
ein wenig, spricht im Traum. Es ist schön, mit einem
schlafenden Ort zu sitzen. Man wird dann selbst
zu einem.

12.02.2004 17:11:14 

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