ein bild

flaute


Zur Zeit vergeht und verwirklicht sich in den Weltereignissen
immer die langweiligste und uninteressanteste Variante.
Daniil Charms

vom magnetberg aus ankert ein schiff nur
abseits vom strom und zwischen den nägeln
zieht mannhaft die mannschaft
den boreas den passat ganz
stromgerecht in ihre lungen ein

und steht und geht mit der zeit:
das erste jahr war ein dilemma
das zweite wurde noch viel schlimmer
allein das dritte war wie immer

16.01.2009 20:26:26 

Krise


Geh mit leeren Händen
zur Quelle.
Benetze die Finger,
nimm einen Mundvoll
Erinnerung an das Bisschen,
das hervorquillt.
Geh zur Mündung
und spuck aus in den Überfluss.

16.01.2009 17:51:26 


lim2

: illuminated

15.01.2009 13:26:18 

taktet


die basalte ansammelst hektar für hektar
bellt die genagelten die wollenen die
reste formloses papier

magnetische tote in gespürt
mundbeete oststrom mag mindest
asthaut aber flusst das lang

listet und taktet das meter babelbecken
meisselt und holzt
ausser ast nebel und barsche gelangten

ins schwarmland schlossglas
erst fächer und fotolose tiere
dann noch wald flure kleinholz

14.01.2009 23:38:09 

Plädoyer für einen Hund


5 (Fortsetzung)

Dass ich am Leben blieb, verdanke ich zwölf Hunden: in Lissabon keinem, dafür einem in Bukarest, zehn in Toronto und einem in meiner Heimatstadt Hamburg. Dem rumänischen Physiologen Nicolae Paulescu gelang 1916 im Tierversuch an einem Hund herauszufinden, was sechs Jahre später der kanadische Arzt Frederick Banting und sein Assistent, der Medizinstudent Charles Best, mit Hilfe von Experimenten an zehn qualvoll verendenden Hunden wiederholten, nämlich dass winzige Zellorgane in der Bauchspeicheldrüse für die Registrierung des Blutzuckerspiegels und die Herstellung eines lebenswichtigen Hormons verantwortlich sind. Unabhängig voneinander gelang den drei Forschern die Isolierung des Hormons und damit die Verfertigung und Nutzbarmachung eines Schlüssels, der die Tür zur Behandlung des Diabetes mellitus öffnete. Paulescu, der sich später in Verruf brachte mit pseudowissenschaftlichen Artikeln unter anderem zur Verbindung von Judentum und Alkoholismus, nannte den von ihm entdeckten Botenstoff Pankrein, Banting und Best dagegen tauften ihn Isletin. Durchgesetzt als Bezeichnung für das Hormon hat sich Insulin, und erstmals erfolgreich injiziert wurde es einem Hund, dem man zuvor die Bauchspeicheldrüse entfernt hatte, im Sommer 1922. Mit dem Extrakt aus Bauchspeicheldrüsen von fünf seiner bereits toten Artgenossen überlebte dieser gleichfalls namenlose Hund fünf Tage lang.
77 Jahre später hatte ich nach fünf Tagen zehn Kilo meines Körpergewichts verloren. Zurücktransportiert aus Sesimbra an den Tejo, dann weiter an die Elbe, fehlte mir noch immer jede Vorstellung, worunter ich litt. Meinem Hausarzt ebenso. Er verordnete Ruhe, Zwieback, Hühnerbrühe, und als meine Haut grau wurde und die Augen zurücktraten in ihre Höhlen, mahnte er Bewegung an, Sonne, kräftigendes Essen. Unterdessen fielen mir die Haare aus, meine Haut wurde schuppig, die Nägel rissig. Tags zerfraß mich innere Unruhe, und über Nacht ließ meine Sehschärfe nach und verschwamm die Welt in einem frühmorgendlichen Zwielicht, das sich aufzuhellen nicht länger bereit war. Es war mir gleichgültig, solange ich trank. Ich träumte, ich schwimme in einem See aus Mineralwasser, und ich durchforstete die Zeitung nach Annoncen von Wasserlieferdiensten, auch wenn Telefonnummern sich nicht mehr entziffern ließen.

(Fortsetzung folgt)

*


12.01.2009 15:00:09 

Material


Wer das Wort vermeiden kann:
Ich. Oft träume ich von Insekten.
Staaten entstehen und alles ist
kollektive Intelligenz und Zerstörung.
Träume, in denen das Vernichten
seine Nester baut. Gefurchte Materie,
die grau ist wie alle Farben auf einmal.
Tief in der Mitte haust die Königin und
gebärt. Ich um Ich kommt zur Welt
und wird Gedicht. Nichts ist verkehrt.

09.01.2009 18:14:14 

Plädoyer für einen Hund


5

„Der junge Fordt“ erschien im Herbst 1999. Kurz zuvor verübte der Tod sein viertes Attentat auf mich, und diesmal hatte er zumindest teilweise Erfolg. Ich fühlte mich, als sei ich gestorben, und trudelte betäubt durch endloses Dämmern. Das Verlöschen ist ein Zauber, und so war es eines der schönsten Erlebnisse meines Lebens auch deshalb, weil ich weder wusste, wie mir geschah noch was mir fehlte. Ich aß nichts. Lieber trank ich Unmengen an Wasser aus Hähnen und Flaschen. Ich trank mich aus der Welt, vergaß trinkend, wer ich war, und schlief, unterhalten von süßesten Träumen, ununterbrochen drei Tage lang. Dass noch 77 Jahre zuvor nichts mehr mich gerettet hätte, wusste ich nicht, doch fühlte scharf und träumte deutlich, dass der Tod nun nicht mehr neben mir lag, sondern dass er in mich hineingekrochen war und ich ihn in mir hatte.
Das Bett, in dem ich träumend mit dem Tod rang, stand im früheren Mädchenzimmer meiner damaligen Frau. Vor den Fenstern ihres Elternhauses lag Westfalen, das Bergische Land, und der Sommerwind, der durch die Jalousien strich, sorgte im Garten, an dem Hang, unterhalb dessen die Stadt lag, für leises Rauschen in Apfel- und Quittenbäumen. In dem verdunkelten Zimmer mit der Gitarre auf dem Schrank, mit den Kindheitsfotos der zwei Töchter und den Drucken von Miró-Gemälden an den Wänden sann ich Tagen nach, die soeben verstrichen sein mussten, Bildern von Lissabon, Belém, Sintra und Sesimbra, und in einer Art versilberten Verzweiflung lag ich da und stand doch wieder am Ufer des Tejo, blickte auf das Wasser und verspürte nichts als den Wunsch, den Fluss leerzutrinken bis auf den Grund.
Nie hatte ich einen breiteren Strom gesehen als den Rio Tejo bei Lissabon. Meine Frau schlief noch, als ich am Fenster unserer Pension im Schatten der eingerüsteten Sé-Kathedrale stand und mir ansah, wie weit draußen, präsentiert auf einem funkelnden Silbertablett, ein Lastschiff entladen wurde. Ein Schwarm Barkassen näherte sich langsam, schwärmte aus, und aus dem Stern kleiner, bauchiger Boote schnellte immer nur eines dem großen Pott entgegen, machte an seinem Rumpf fest und wurde dann beladen mit dem Kies oder schwarzen Sand, den der Frachter stromaufwärts befördert hatte.
Ich suchte mit Blicken den herrlichen Fluss ab. Die rote Hängebrücke führte südwärts in den Alentejo, das portugiesische „Jenseits des Tejo“, ein turmhoher Jesus breitete die steinernen Arme über den Fluss und die Kurs offenes Meer nehmenden Schiffe.
Wir mieteten uns einen Wagen und fuhren am Tejo entlang, bis der Fluss so breit wurde, dass er im Meer aufging. Ich fühlte mich kräftig, frei und gesund, als ich mich an dem felsigen Strand unter dem Schloss von Sintra in die Brecher stellte, die über den Atlantik hereinrollten. Eine Welle, doppelt so mächtig wie die anderen, spülte bis zu unseren Sachen herauf, Handtasche, Taschenbuch, Schuhe schwappten davon und trieben dann in der Brandung unterhalb des Cabo da Roca.
Ach, Tejo! Die heißen Sommernachmittage in Belém und Estoril, und der warme Abend im schwarzen Sand, im Schatten der Fischerboote von Cascais. Ich hätte, vielleicht, nicht über den Fluss fahren sollen. Dort, am anderen Ufer, holte er mich ein. Das Glück, es war zunächst doch immer nur ein glückliches Gefühl; kräftig, frei und gesund zu sein; im Silber des Atlantiks zu baden; abends in einer Spelunke, wo präparierte Katzenhaie im Fenster hingen, Schnaps aus wilden Erdbeeren zu trinken.
Bitter, und doch war es das Wasser, das mir den honigsüßen Tod brachte – eine vielleicht in 80, in 100 Jahren nie erneuerte, nie beherzt gereinigte Leitung in einer kleinen Pension in dem kleinen Ort Sesimbra. Da saß das Tejo-Bakterium und wurde, als ich es trank, binnen Sekunden von meiner Körperpolizei als feindlich erkannt und ausgelöscht. Bloß etwas übereifrig gingen meine Weißen Blutkörperchen dabei vor, denn sie, die Leukozyten, zerstörten irritiert marodierend die Langerhans-Inseln meiner Bauchspeicheldrüse gleich mit. Und so wäre ich gestorben in Sesimbra. Und ich sang meinen Fado:

Schwarz, ach so schwarz,
schwarz war der Sommer,
ach schwarzer, schwarzer
sommerdunkler Sommer.

(Fortsetzung folgt)

*


09.01.2009 14:31:11 

Annogram 4


ABDELWAHAB MEDDEB

T 'incline pas devant le chaos
I nscrit dans le désordre des rues
S imple mouvement des gens
A ffolés par les trous du Caire
T out est ou n'est pas le temps va
U n tunnel oú les serpents sifflent
N i tristesse ni joie c'est au-delá

T aumle nicht vor dem Chaos
I m Wirrwar der Straßen zu lesen
S tändig in Bewegung die Leute
A ufgeregt von Kairo seinen Löchern
T renne ist von ist nicht die Zeit eine
U nterführung wo Schlangen zischen
N ie traurig oder froh - jenseits davon

(tis'atun = arabisch: neun)

08.01.2009 15:16:30 

Limits are


lands

: landscape

(oder: Kniende Berge)

08.01.2009 12:57:16 

Annuschka II


Du erinnerst dich: durchsichtige Stämme der Bäume,
langsames Blut das da eilt wie ein Blitz;
im Kreis stehen sie alle und singen so leise,
dass der Donner seinem Nest entfällt –
ein Schlag der nicht eintreffen will.
Es wächst sein Fehlen immer mehr
und weiter nichts.

Du misst das Land von Tag zu Tag
mit Wolken die du bläst, mit Herden
die du treibst über die Erde,
die so zärtlich schwankt, dass Berge knien.
„Sie knien vor ihr ob früh oder spät“
Das wusstest du, bevor du auf die Erde kamst
aus einem Berg heraus, aus seiner Brust.

Du erinnerst dich: ein Bienenschwarm
– die Zeit, die schnitt dir einen Leib,
der Atem floss golden in dich,
alles was war, als war es gar nicht,
als wäre das Wahre das was nie war.
Du sagst: „Nur davor geh´ ich in die Knie“
Und du kniest und du sinkst ...

07.01.2009 23:34:41 

Geschichte. Zum Tod von Inger Christensen


Schwer, jedes – auch und gerade das eigene – ästhetische, politische, philosophische oder anders geartete Programm zu vermeiden. Doch jeder neue Text, besser jede neue Zeile soll so lange als möglich im unsicheren Neuland bleiben. Und schon dieses Diktum kommt mir zu seicht, zu nahe an ein poetologisches Programm heran.
Immer wieder wurde versucht, Claude Simon als kriegskritischen, engagierten Autor zu fesseln, indem man auf seine detaillierten, minutiösen Schilderungen der Schlachten in Belgien wie des Bürgerkrieges in Spanien verwies, die ja auch wirklich monströs sind gerade durch ihre Langsamkeit. Doch findet sich nirgends eine auf ein Ganzes, theoretisch, gar programmatisch Fassbares abzielende Anklage. In beinahe jedem seiner Bücher taucht das Soldatenpferd auf, halb in den Boden gesunken, mitten in der Bewegung erstarrt und verendet. Über die fünfzig Jahre seines Werkes hinweg – das Pferd, Pferd, Pferd. Beim Durchschauen von Materialien von dem Soldatenlager, in dem Simon in Sachsen inhaftiert war, fiel ihm die Darstellung eines Swimmingpools auf, den es in Wirklichkeit gar nicht gegeben hat. Es sind einzelne, winzige Punkte, Nuancen, kleinste Verschiebungen, Facetten. Mir scheint, Simon geht es darum, GESCHICHTE zum Stillstand zu bringen, um sie wiedererkennbar werden zu lassen als Zeit.
Geschichte: Am Boden liegt der tote Bobby Kennedy, seine Frau, seine Witwe drängt zu ihm und wird zurückgehalten, -gerissen von einem Reporter, der Fotos schießt und die stumme, die kreischende Frau anbrüllt, ohne sie anzusehen: "This is HISTORY!"
Inger Christensen schreibt in "Die klassenlose Gesellschaft" sinngemäß, als Schriftstellerin betrachte sie sich weder als Vermittler noch als Meinungsproduzent, ja nicht einmal als Einwirkender auf das Bewusstsein. Werde sie gegen ihre Absicht in dieser oder jener Funktion gebraucht oder missbraucht, sei das, kurz gesagt (der Aufsatz ist eloquent poetisch und im Zeilenbruch geschrieben): okay.
Inger Christensen: "Ich will auf die Blindheit einwirken. / Die Menschen schaffen die Geschichte in einer verworrenen Mischung aus Bewusstsein und Blindheit." Mehr als auf den im Prinzip bekannten Faktor lohne es sich auf den unbekannten einzuwirken. "Ich betrachte es als die Aufgabe eines Schriftstellers, einen Code zu konstruieren, der den Würfelfall lesbar macht."
Ähnliches haben Novalis und Keats mit ihren Entwürfen zu einer "willkührlichen Magie" bzw. "negative capability", zu einem "Sichnichtfestzulegenfähigsein" gemeint, "eine Wahrheit zu erfinden, die den Zufall notwendig macht, und sich ein Zeichensystem vorzustellen, das die Blindheit übermittelt", wie Christensen schreibt. Dich verlassen die Geister, wenn sie in Gesellschaft kommen; wenn die noch-nicht-existierende Sprache einer noch-nicht-existierenden Gesellschaft zu gebrauchen Aufgabe zu sein habe.
Versuchen, etwas von der Bewusstmachung des Glücks zu formulieren, Zufall und Aufundab des Lebens auf die Spur zu kommen. Wie wichtig die Unterscheidung ist, wird deutlich, wenn man sich fragt, ob im Fall offen oder verdeckt kultur- und damit menschenfeindlicher Äußerungen der bewusste oder der blinde Faktor zu beleuchten anstehe. Das Buch liegt offen da – Trakls Satz steht darin: Alle Menschen sind der Liebe wert.

Gepostet im "Forum der 13", Februar 2000; erschienen in "Zwischen den Zeilen" 19/2002

*


06.01.2009 17:46:16 

Stele


Inger Christensen
1935 - 2009

WAS IST MEIN TOTRISSIGER KÖRPER

Was ist mein totrissiger Körper?
Die Ameisen im Schnee haben nichts zutun.
Mein Gedicht Gedicht Gedicht ist mein Körper.
Dies schreibe ich hier: was ist mein Körper?
Und die Ameisen tragen mich planlos
fort, Wort für Wort, fort

(deutsch von Gregor Laschen. Aus: Ist mein Gedicht Körper. Neue Poesie aus Dänemark. Poesie der Nachbarn Bd 1., edition die horen, 1989)

06.01.2009 15:57:14 

Zur Vermittlung


Im Schaufenster auch: Homers Odyssee auf Bärndütsch. (Muss das wirklich sein?)

Dabei: Über Menschen lachen, die einen Stoff suchen. Der Stoff ist man selbst, denkt man. Man suche eine Bearbeitungsform. (Vgl. Ingold, Literaturkritik, Schopenhauer)

Und die Synthese? Die Frage: Bringt eine Vermittlung (eine Übertragung) in den Exotismus eines Dialektes Mehrwert? Die Sprache formt vielleicht das Werk. Oder umgekehrt. Was aber haben Mentalitäten (Adaptionen) in diesem Prozess zu suchen?

Noch einmal: Nicht der Stoff. Und nicht der Inhalt. Die Bearbeitung des Stoffes. Die Darstellung des Inhalts. Diese: mit ihren Sorgen.

Überhaupt: wurde ziemlich viel gesagt, in letzter Zeit. (Z.B. steht dort ein Körperklaus. Die Sorte Mann, die sich eigentlich nicht tanzend bewegen kann. Unter Alkoholeinfluss aber kann sich eine beachtliche Dynamik entwickeln. Excuse me, this is a non-smoking club!)

[notula nova 19b]

06.01.2009 09:06:29 



früh morgendliches licht
die vor frost glühenden hände
an ihren rissen erhitz ich mich

06.01.2009 09:02:31 

Plädoyer für einen Hund


4 (For(d)tsetzung)

Auf dem Busbahnhof wäre er zufällig gestorben. Auf der nächtlichen Landstraße starb zufällig ein Anderer. Beide Male hatte er die Empfindung von plötzlichem Zugriff: vom überfallartigen Piranha-Verhalten des Todes. In der Luke dagegen herrschte die Langsamkeit. Was war der Zufall? Zwei aufeinander folgende oder benachbarte Punkte im Raum-Zeit-Gefüge überlagerten sich schlagartig: rapide Verschiebung der Lebenstektonik. Der junge Fordt in der Luke, ein Hund in der Schlinge: lange Zeit in Todesangst – das hatte folglich mit Zufall wenig zu tun. Oder? In der zweiten Spielart verlangte der Tod einen Gegner, der aushielt oder erschlaffte: Agonie. Aber hielt man das Python-Verhalten des Todes denn aus? Mit dem Tod nur zu ringen, hieß doch schon sterben; es sei denn, dich rettete …: der Schlüsselnotdienst; ein Arzt. Schwer zu entscheiden, ob seine Mutter an diesem Tag zufällig früher nach Haus kam. Sie habe so ein ungutes Gefühl gehabt, sagte sie.“

Heute gibt es den Busbahnhof nicht mehr, wo vor 30 Jahren in Gestalt eines durch die Menge eilenden Mannes der Tod auf mich wartete, um mich auf die Fahrbahn zu stoßen. Der Kiosk und der Imbiss, das Wartehäuschen, die Bussteige und die Fußgängerbrücke aus Regenfleckenbeton, die das trist graue Areal mit dem Einkaufszentrum verband, sind abgerissen und eingeebnet worden, um einer neuen Shoppingmall und einem Elektroniksupermarkt Platz zu machen. Das Haus, das mich zu erdrosseln versuchte, existiert zwar noch, doch leben dort inzwischen andere Leute, die es umgebaut und die Luke, in der ich mich erhängen sollte, zugemauert haben. Und auch die Landstraße, auf der ich, wider Erwarten volljährig geworden, dem Motorradfahrer folgte, bis er an meiner Statt wie mitten in den Tod hinein fuhr, ja den Tod quasi über den Haufen fuhr, kann niemanden mehr umbringen, seit zu beiden Seiten der heute verkehrsberuhigten Straße Einfamilienhäuser gebaut wurden. Für das kleine Holzkreuz, das noch ein paar Jahre lang an den toten Suzukifahrer erinnerte, fand sich in einem der neuangelegten Vorgärten keine Verwendung mehr. So will es mir immer wieder scheinen, dass ich durch mein Leben eile wie durch einen Tunnel, der hinter mir einstürzt und alle Zeichen verschüttet. Das ist das Absurde: An Orte des Schocks zieht es mich mit aller Kraft. Was zöge einen zu glücklichen Flecken? Nichts, solange das Glück nicht ruiniert ist. Erst dann will ich den See wiedersehen mit den Bäumen, die so nah am Ufer standen, dass von ihnen ins Wasser zu springen leicht war, und will den Schauder spüren beim Anblick der lange gefällten oder verrotteten Bäume, vor denen ich stehe, zu schwer, zu feige, um noch durch ihr Geäst bis über das grüne Wasser zu klettern. Nie habe ich mich verbunden gefühlt mit dem Ort, an dem ich zur Welt kam, doch seit ich vor ein paar Jahren bei einem Besuch am Tegernsee zufällig sah, wie das städtische Krankenhaus, in dem ich geboren wurde, verlassen, mit blinden Fenstern, im Nieselregen stand und verfiel, bin ich immer wieder an den See gefahren, bin am Ufer entlang und an der alten Klosterbrauerei vorbei hinaufgestiegen bis zu dem Bretterzaun, hinter dem heute bloß eine Baugrube voller Schlamm, Ziegelbrocken und schönen Silberdisteln liegt. Bewacht wird sie von einem großen schwarzen Hund. Müde trottet er auf und ab zwischen dem Zaun und einer Hütte, auf der nicht sein Name steht, sondern der Satz „Hier wache ich“. Ich aber kenne ihn, denn er ist kein anderer als der Hund auf der Zeichnung im Schreibzimmer meines Großonkels.

(Fortsetzung folgt)

*


05.01.2009 18:20:09 

~


15.12 – Das Mädchen steht im Zug neben meinem Koffer, der sie überragt. Gerade noch hat sie den Himmel betrachtet. Der Himmel bewegt sich heute schneller als sonst. Aber jetzt sieht sie mich an, lächelt, sagt, sie heiße Nadine. Das ist ein sehr schöner Name, antworte ich, wie alt bist Du denn, Nadine? Rasch schaut das Mädchen zu seiner Mutter hin, schaut nach, ob alles in Ordnung ist. Dann hebt sie die linke Hand und dort einen Finger und noch einen Finger und noch einen Finger, ihre zweite Hand kommt hinzu und ein weiterer Finger, so dass Nadine bald schon 7 Jahre alt geworden ist. Als sie den achten Finger hebt, hält das Mädchen inne. Sie sieht jetzt sehr unglücklich aus, vielleicht weil sie bemerkt, dass sie weiter zählen kann, als die Zeit in Jahren, die sie bereits lebt. Ja, sie sieht mich an und ich erkenne an ihren Augen, dass sie gleich weinen wird. Also hebe ich beide Hände und zeige mit meinen Fingern die Zahl 8. Kurz darauf kniet ein Finger nieder und ich zeige die Zahl 7, und Nadine macht meine Bewegung nach, und weil sie bereits ein sehr waches Kind geworden ist, sinken zwei weitere Finger und ich mache es ihr gleich und wir lassen beide unsere rechten Hände sinken. Nadine wird fünf, dann vier, dann drei. Als Nadine zwei Jahre alt geworden ist, bemerkt sie, diesmal mit Trotz im Gesicht, dass etwas nicht stimmt, weil noch immer drei, nicht zwei meiner Finger aufrecht zu sehen sind, und sie betrachtet den Himmel, der sich schneller bewegt als sonst, und sie betrachtet mein Gesicht und zunächst die Augen, dann den Mund ihrer Mutter und jetzt bewegt sie ihre Hand und sie sagt, nein, soviel, und zeigt mir das Ergebnis ihrer Arbeit und lächelt und leuchtet, nein, glüht vor Glück, als auch ich meinen vierten Finger in Bewegung setze.



05.01.2009 13:02:47 

3. Annogramm


N ew Idaho - new elsewhere
I f numbers ever needed
N uggets - eleusinian necks immobilize
E lder narrations idle now

02.01.2009 16:01:21 

Plädoyer für einen Hund


4 (For(d)tsetzung)

Als er eine zweite Spielart des möglichen Todes erlebte, war er noch weit davon entfernt, selbst einen Wagen zu lenken. Sein Vater fuhr noch zur See. Seine Mutter war Fußpflegerin und er ihr Schlüsselkind mit den immer wieder sonntags pedikürten Füßen. Der Bus brachte ihn nicht um, sondern heim, er zog den Ranzen hinter sich her bis zur Durchfahrt mit dem Gerümpel der Nachbarn, in der Küche stand ein Gericht in Zellophan eingeschlagen, darauf klebte ein Zettel mit der Mikrowellenherd-Minutenzahl. Er durchstöberte die ‚Bild’ nach dem feinkörnigsten Nacktfoto und verschloss, auch wenn er noch Stunden allein war, die Toilettentür zweifach. Er bastelte ein ‚Faller’-Haus zusammen oder sprengte eines in die Luft, wenn von Silvester noch Böller da waren – auf dem Komposthaufen im Hof verrottete in rauen Mengen sein Plastik.
Wäre er als dieser 13-Jährige abergläubisch gewesen: er hätte gewarnt sein müssen, als er vor allen anderen im Schulbus den erhöhten Sitz überm Radkasten hatte ergattern können. Dass er sich geborgen fühlte in dieser vibrierenden Sänfte, von Stahlmantelreifen durch sattgrüne Felder getragen, hätte ihn nachdenklich stimmen müssen – und erst, dass ausgerechnet das hübscheste Mädchen aus der Parallelklasse, das blonde und schmale, das so seifig roch, sich neben ihn setzte und gar nicht unfreundlich, nur sehr erstaunt zu ihm sagte, als er ihren Pferdeschwanz anfasste: ‚Du träumst wohl?’ Zumindest musste er nach dem Sportunterricht in Gedanken gewesen sein, als er die Schnur mit dem Schlüssel im Umkleideraum hängen ließ. Er träumte nicht. Er stand im Regen, hungrig, nass und, schlimmer, nach den ersten mit Sonja gewechselten Worten mit überschäumendem Verlangen vor verschlossener Tür.
Er ließ den Ranzen liegen, ging ums Haus und fand die Hoftür genauso verschlossen. Sie führte in die Küche. Gesicht an der Scheibe, sah er sein Essen auf der Anrichte, Wurfsendungen und Zeitung im Flur auf der Fußmatte unterm Postschlitz. Auf der Treppe zu Mamas Schlafzimmer, dem Pediküre-Raum für Privatkunden und seinem Zimmer standen Flaschen: Pfandglas, das er einmal die Woche wegbrachte, um sein Taschengeld aufzubessern. Bevor sie zur Arbeit gefahren war, hatte seine Mutter die Flaschen aus dem Heizungsraum genommen und sie ihm hingestellt, als Denkstütze. Die Feuerschutztür zu diesem dunklen Raum, der an die Küche grenzte und gerade mal dem Öltank und einem Schuhregal Platz bot, stand einen Spaltbreit offen.
Aus der Garage, die nur abgeschlossen wurde, wenn ihr Wagen darin stand, holte er die ausrangierte Küchenleiter und lehnte sie neben der Hoftür an die Hauswand. Etwa zwei Meter überm Boden, unvergittert und ohne Fensterkreuz, diente dort eine Luke als Entlüftungsschacht. Sie war quadratisch und hatte ein horizontal angebrachtes Drehfenster: Wollte man die Luke als Ein- oder Ausstieg benutzen, hieß es entweder über oder unter dem Drehflügel hindurchkriechen. Er stieg hinauf, kippte das Fenster in die Waagrechte, schob den Kopf in die Bollerluft und tastete die Innenwand nach etwas ab, woran er sich festhalten und hineinziehen könnte. Soweit sein Arm reichte, spürte er Putz. Er griff in Spinngewebe, und die Spinne kroch ihm über die Hand. Er schlug mit der Hand gegen die Wand und mit dem Kopf gegen das Glas. Und während er noch zappelte, um nun so schnell wie möglich entweder hinein oder hinaus zu gelangen, weg von dem Viech; während ihm nicht etwa klar wurde, dass nach den Jahren, die sein Vater ihn nicht mehr zum Knochenfuchs, der hier lebte und sich von Fußknöcheln ernährte, in den Heizungsraum eingesperrt hatte, er offenbar zu groß geworden war, um durch die Luke ins Freie zu kriechen und damit auch umgekehrt: aus dem trostlosen Freien in ein wenigstens warmes Gefängnis; während alles, was ihm durch seine missliche Lage hätte klar werden können, in diffuser doch spürbarer Panik verflog und er spürte, ich sitze fest … fiel unter seinen Füßen die Leiter.
Kopf und linker Arm im Heizungsraum, den Rest des Körpers baumelnd, zappelnd draußen, hing er in der Wand. Was ihn festhielt, spürte er im Nacken: Der Drehflügel schnitt in den Hals ein, presste ihm die Kehle auf den Rahmen, so dass er, wenn er nicht ersticken wollte, den Kopf drehen und dadurch die Stelle im Nacken noch stärkerem Druck aussetzen musste. Erlöse mich von dem Übel!, mach, dass es gelingt, die Turnschuhe abzustreifen, mit den Sohlen finde ich an der glitschigen Wand keinen Halt! – sie waren zu fest geschnürt, kein Wunder: Wie immer, wenn ihm das achtlose Schnürsenkelbinden einmal bewusst wurde, dachte er vielleicht schlaglichtartig an den Menschen, der es ihm beigebracht hatte: ein Stammgast im Lokal seiner Großeltern namens ‚der Spargl Sepp’, ein hagerer, rotwangiger Alter mit cremefarbenem Goggomobil, der im Sägewerk arbeitete … und wahrscheinlich half ihm das, die rotierende schwarze Windmühle im Kopf abzubremsen zu einem langsam kreisenden, wiederkehrenden Dunkel. Denn bevor er das Bewusstsein verlor, deckte sich – ja, wie das nennen: die Topographie seiner Gedanken exakt mit dem, was er sah (die Finsternis im Heizungsraum) und dem, was er hörte (das gleichmäßige Surren der Ölpumpe); Außen und Innen drehten sich ineinander, sein Kopf wurde ein Raum, und die Beine, wie sie draußen gegen die Wand schlugen, dachten … er selbst wurde schwarz, ein langsam kreisender Rotor, drehte er sich um eine Achse, die durch den Schmerzmittelpunkt in seinem Nacken verlief. Erst, als er das Gefühl hatte, aufgespießt worden zu sein und herumgewirbelt zu werden auf diesem Spieß, ließ der Schmerz nach, hörte er sich nicht länger weinen. Als er die Augen schloss, tat er es im festen Glauben, zu sterben.

(Fortsetzung folgt)

*


02.01.2009 12:46:13 

2. Annogramm


N ommez eux ultra fanfares
E lefants ubuistes - Fortinbras n‘avait
U niforme fertile - nefaste epee
F ourmi - nativistes eux utriculeux !

02.01.2009 10:22:12 

Vier Buchstaben


N iemals Elaste unter Nebel
E rnten - ultrakurz Nirwana nippen
U eberschreiben nackte Neun - endlich
N ochnicht - niemals Eulen unterscheiden

01.01.2009 12:33:59 

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