ein bild



„In der kommenden Silvesternacht werden die (Funk-)Uhren nach 0:59:59 beim nächsten Sekundentick nicht auf ein Uhr springen, sondern kurz innehalten und eine kleine Portion Extrazeit einbauen: eine Schaltsekunde. Denn unsere Erde schwankt und torkelt stets ein wenig vor sich hin und wird in ihrer Drehbewegung sogar tendenziell langsamer; so wirken Ebbe und Flut wie eine permanent schleifende Bremse. Wird die Erde jedoch langsamer, dehnen sich die Tage, was sich über Jahrhunderte hinweg durchaus bemerkbar macht. Schaltsekunden machen deshalb aus der eher abstrakten Atomzeit die ‚koordinierte Weltzeit’.“

31.12.2008 13:11:07 


blitze2

(...)
wir knallen voran

Ulrike Draesner: enteisent


Allen Poesieverrückten ein glückliches neues Jahr!

31.12.2008 12:57:51 

~


18. August 2006 – 2 Uhr 22 | stop | CNN. | stop | Israelische Kinder, die in einem Bunker von Beton und Stahl mittels Stühlen und Tüchern weitere Bunker bauen. | stop | Kinderhöhlen. | stop | Wie viele dieser Kinderhöhlen werden jenseits der Grenze existieren? | stop | Man möchte sie alle herausholen. | stop | Die einen, wie die anderen. | stop |

30.12.2008 10:18:48 

Fundstück 6


"Bei uns sind ja Kriege vorbei, aber jetzt, wo es keine mehr gibt, wollen die neulich erst fertigggestellten Länder auch welche haben, und nehmen daher die alten von uns, auch wenn sie nicht passen, und machen sie nach..."
Reinhard Lettau, Zur Frage der Himmelsrichtungen (1988!)

29.12.2008 18:13:31 

Plädoyer für einen Hund


3 (Fortsetzung)

In Marseille schloss ich meinen ersten Roman „Der junge Fordt“ ab und widmete ihn meinen Großeltern: Ein stürmisches Buch, getragen von einem Witz und einer Verve, die mir zehn Jahre später oft peinlich sind und noch öfter auf die Nerven gehen. Ohne Ziel, nur auf Körperkontakt aus, wie Drängler in der Menge, kommt diese hart gefügte und doch lavaweiche Eruption daher, die Erlebnisse in meiner Kindheit und Jugend durcheinander wirbelt, umordnet und fortwälzt. En passant verarbeitet „Der junge Fordt“ Doderer, Kafka, Kleist, Schiller, Trakl und andere Lektüren auf dem Weg zu einer neuen, epochalen Erzähllogik des Zweifels. Dafür steht mein Alter ego mit seinem Namen ein, den er zum Gedenken an seinen an Krebs gestorbenen Dobermann vorübergehend ändert in „Hundt“. Beredte Ratlosigkeit, ein funkelnder Scherbenhaufen ist der Lohn des Lesers nach 277 Seiten, die mich drei Jahre meines Lebens kosteten. Als Trojanisches Pferd konzipiert, ging das Buch als Bleiente unter. Dennoch bin ich den Gründen für die doppelte Zerrüttung der Ehe meiner Eltern, die einander zweimal heirateten und sich zweimal voneinander scheiden ließen, nie dichter auf den Fersen gewesen, mithin den Wurzeln meiner eigenen, nicht minder katastrophalen Liebesbiographie. Und ich schrieb in jenem Winter in Marseille unter dem Eindruck des plötzlichen Todes meiner Großmutter ein paar Seiten, denen es gelingt, drei der vier Überfälle, die der Tod auf mich selber verübte, so darzustellen, wie ich sie erlebt hatte, gepackt zwar von nacktem Entsetzen, aber nie und nimmer gewillt, mich zu ergeben:


4

„Ich habe dem Tod des öfteren ins Auge geblickt – das sagte sich so leicht. Paradox: den Tod ein lebendiges Gegenüber zu nennen, das Macht nur über den hat, der, unfähig sich zu beherrschen, in sein Medusengesicht starrt. Als hätte man im Angesicht des Todes die Wahl. Allerdings musste man zwischen vielen verschiedenen Arten von möglichem Tod unterscheiden – zumal jeder dem Tod auf seine Weise begegnete. Überhaupt: Wer erschien sterblich, wenn nicht der, der vom Tod sprach? – Der junge Fordt hatte zwei Spielarten des Todes kennengelernt, die eine gleich zweimal: Als er mit acht Jahren auf dem Busbahnhof stand, stieß ihn ein rasch durch die Menge drängender Mann auf die Fahrbahn; im selben Moment kam der Bus; als er fiel, dachte er nichts; erst als er hart gegen die Seitenwand prallte, auf den Bürgersteig zurückgeschleudert wurde und dort unversehrt aufstand, wusste er, dass er nicht mehr leben würde, wenn der Bus ein klein wenig später gekommen wäre. Kurz nachdem er den Führerschein gemacht hatte, unternahmen sein Vater und er eine Spritztour aufs Land. Vom Beifahrersitz aus bestimmte Fordt die Geschwindigkeit: auf geraden Strecken Gas geben, in Kurven Tempo drosseln. Es wurde Abend, nur wenige Wagen kamen ihnen entgegen. Auf einer langen Gerade zwischen zwei Waldinseln überholte sie ein Motorrad. Fast im selben Moment erkannte er an zwei dicht nebeneinander liegenden Scheinwerfern einen Traktor, der, aus dem zweiten Wäldchen kommend, in die Straße einscherte. Die drei mit Strohballen beladenen Anhänger waren unbeleuchtet, der Motorradfahrer sah sie zu spät, und auch der junge Fordt hätte sie zu spät gesehen, wäre mit seinem Vater neben sich in die Hänger gerast und gestorben wie der Junge auf seiner Suzuki, bei dem er sich bedanken konnte, dass er noch lebte, und – paradox – doch nie, solange er lebte, sich würde bedanken können.

(Fortsetzung folgt)

*



27.12.2008 14:45:31 

Hans Test kauft: Dampfbügeleisen


Plastikes sakke konnen die gefahren bringen. Um stickung zu meiden wegbleiben die sakke von Babys und Kinder!

27.12.2008 13:26:54 

~


7.15 - Es hatte Stunden lang geregnet, jetzt dampfte der Boden im südwärts vorrückenden Nordlicht, und das Laub, das alles bedeckte, die steinernen Bänke, Brunnen und Skulpturen, die Büsche und Sommerstühle der Cafes, bewegte sich trocknend wie eine abgeworfene Haut, die nicht zur Ruhe kommen konnte. Boulespieler waren vom Himmel gefallen, fegten ihr Spielfeld, schon war das Klicken der Kugeln zu hören, Schritte, Rufe. Wie ich so zu den Spielern schlenderte, kreuzte eine junge Frau meinen Weg. Sie tastete sich langsam vorwärts an einem weißen, sehr langen Stock, den ich eingehend beobachtete, rasche, den Boden abklopfende Bewegungen. Als sie in meine Nähe gekommen war, vielleicht hatte sie das Geräusch meiner Schritte gehört, sprach sie mich an, fragte, ob es bald wieder regnen würde. Ich erinnere mich noch gut, zunächst sehr unsicher gewesen zu sein, aber dann ging ich ein Stück an ihrer Seite und berichtete vom Oktoberlicht, das ich so liebte, von den Farben der Blätter, die unter unseren Füßen raschelten. Bald saßen wir auf einer nassen Bank, und die junge Frau erzählte, dass sie ein kleines Problem haben würde, dass sie einen Brief erhalten habe, einen lang erwarteten, einen ersehnten Brief, und dass sie diesen Brief nicht lesen könne, ein Mann mit Augenlicht hätte ihn geschrieben, ob ich ihr den Brief vorlesen könne, sie sei so sehr glücklich, diesen Brief endlich in Händen zu halten. Ich öffnete also den Brief, einen Luftpostbrief, aber da standen nur wenige, sehr harte Worte, ein Ende in sechs Zeilen, Druckbuchstaben, eine schlampige Arbeit, rasch hingeworfen, und obwohl ich wusste, dass ich etwas tat, das ich nicht tun durfte, erzählte meine Stimme, die vorgab zu lesen, eine ganz andere Geschichte. Liebste Marlen, hörte ich mich sagen, liebste Marlen, wie sehr ich Dich doch vermisse. Konnte solange Zeit nicht schreiben, weil ich Deine Adresse verloren hatte, aber nun schreibe ich Dir, schreibe Dir aus unserem Cafe am Bryant Park. Es ist gerade Abend geworden in New York und sicher wirst Du schon schlafen. Erinnerst Du Dich an die Nacht, als wir hier in unserem Cafe Deinen Geburtstag feierten? Ich erzählte Dir von einer kleinen, dunklen Stelle hinter der Tapete, die so rot ist, dass ich Dir nicht erklären konnte, was das bedeutet, dieses Rot für sehende Menschen? Erinnerst Du Dich, wie Du mit Deinen Händen nach jener Stelle suchtest, wie ich Deine Finger führte, wie ich Dir erzählte, dass dort hinter der Tapete, ein Tunnel endet, der Europa mit Amerika verbindet? Und wie Du ein Ohr an die Wand legtest, wie Du lauschtest, erinnerst Du Dich? Lange Zeit hast Du gelauscht. Ich höre etwas, sagtest Du, und wolltest wissen, wie lange Zeit die Stimmen wohl unter dem atlantischen Boden reisten, bis sie Dich erreichen konnten. – An dieser Stelle meiner kleinen Erzählung unterbrach mich die junge Frau. Sie hatte ihren Kopf zur Seite geneigt, lächelte mich an und flüsterte, dass das eine sehr schöne Geschichte gewesen sei, eine tröstliche Geschichte, ich sollte den Brief ruhig behalten und mit ihm machen, was immer ich wollte. Und da war nun das aus dem Boden kommende Nordlicht, das Knistern der Blätter, die Stimmen der spielenden Menschen. Wir gingen noch eine kleine Strecke nebeneinander her, ohne zu sprechen. Ich seh gerade ihren über das Laub tastenden Stock und ein Eichhörnchen mit einer Nuss im Maul, das an einem Baumstamm kauerte. Beinahe kommt es mir in dieser Sekunde so vor, als hätte ich dieses Eichhörnchen und seine Nuss nur erfunden.


park

27.12.2008 07:18:02 

Annuschka I




(Schlaflied)


Ein Vorbild ist der Mensch
der betet mit dem Blick.
Ein Stern tritt scheu hervor
wie Tau an seiner Stirn.
Er betet, und es summt ein Lied
in seinem Mund
von Fischern, Ferne und von Lust.
Er will nichts wollen.
Er betet mit dem Blick,
das Lied summt mit,
es summt so fleißig wie sein Blut
in ihm die Wege geht. Er betet mit dem Blick,
er schüttelt sanft den Kopf. Was soll er tun?

An Fäden gleiten Engel schon herab
Es regnet wohl. In seinen Augen
ein trüber Tag, in seinen Augen nichts
was etwas sagen will, doch es sagt,
es sagt was er nicht ahnt.

Ein Vorbild ist der Mensch,
er schüttelt seinen Kopf. Was
soll er tun? Er betet mit dem Blick.
so fleißig wie sein Blut in ihm die Wege geht.
Das Lied summt mit. Wie Tau an seiner Stirn der Stern,
er tritt hervor...

25.12.2008 16:06:48 

Der gute Satan XIV


xxxxx


(zu ihm)

Nicht, dass ich friere, nein -
die Hände wärme ich so:
Dein Lied, mein Herr,
hauch´ ich in sie hinein,
dein Lied, mein Herr …

Du gehst.
Ob du bemerkst:
die Blume schwankt
auf ihrem Bein,
schaut sanft in mich,
weil dieses Lied versiegt.

Ob es versiegen kann?
Du schweigst.

Als dürfte ich jetzt wissen:
golden ist mein Blick,
grün blau und nichts
kann meinen Kopf aufhalten
der in der Leere kreist
um deinen Traum allein -
wie viele tausend Mal?

“Ach, sag es mir noch mal”
kann ich nicht sagen,
weil ich in meine Hände hauche …
Dein Lied, mein Herr …
Nicht, dass mich friert …

24.12.2008 16:10:40 

Plädoyer für einen Hund


3

Ein „Nahtoderlebnis“ – den Ausdruck habe ich nie begreifen wollen. „Unser Leben ist der Mord durch Arbeit; wir hängen 60 Jahre lang am Strick und zappeln“, sagt Georg Büchner zu Recht, auch wenn es mittlerweile 80 Jahre sind, die man hat an „durchschnittlicher Lebenserwartung“, was ein ebenso absurder Begriff ist, und auch wenn Büchner selbst nur 23 wurde. Ich erinnere mich an die Zeit, als auf den Tag genau elf Monate vor dem Warngauer Zugunglück mein Großvater starb: ein Jubelfest im ganzen Land. In der Nacht auf den 8. Juli 1974, als die Fußballnationalelf Weltmeister geworden war, schlief mein Großvater selig vor Glück und Stolz ein und wachte nie mehr wieder auf. Die Freude, hieß es, sei zuviel für ihn gewesen, eine Ansicht, die ich nicht teile, denn er, der im Jahr, als der Kaiser abdankte, so alt war wie ich, und der im Hitlerkrieg Funker und nach dem Krieg Eisverkäufer war, mein Großvater, er ging zum Lachen nicht in den Keller. Und nie getraut, schon damals nicht, als ich neun war, habe ich der ärztlichen Hypothese, nach der ein amerikanischer Granatsplitter, der meinen Großvater 1943 in Ligurien getroffen haben soll, 31 Jahre lang durch seine Blutbahnen gewandert sei, um in jener Nacht auf einer Woge der Freude in sein Herz gespült zu werden. Ebenso überzeugend finde ich die Vorstellung, mein Großvater könnte bereits 1914 in Galizien verwundet worden sein, wo er nie war, geschweige denn als Siebenjähriger. In einem dichterischen Gemüt liegen die Zeiten wohl synchron nebeneinander, die Vernunft der Chronologie jedenfalls ist nicht bedeutsamer als jede andere denkbare Möglichkeit. So schreibt Zbigniew Herbert über seinen im Zweiten Weltkrieg gefallenen Bruder:

ein granatsplitter
traf ihn bei Verdun
vielleicht bei Tannenberg
(die einzelheiten hatte er vergessen)

Zu jeder Zeit und noch im größten Glück steht neben mir der Tod und lehnt die Stirn an meine Schulter. Ich schlafe nicht allein, o nein. Jede Nacht liegt neben mir in meinem Bett ein großer schwarzer Hund und zuckt im Traum. Dort bin ich ihm und ist er mir so nah, wie ich mir selbst es nie sein werde. An jedem Morgen neu wache ich auf nach so einem Nahtoderlebnis, und jeder Tag ist erneut ein Wunder nicht zu guter Letzt darum, weil neben mir der Schatten geht.
Wie ein Schatten stets bei mir ist auch meine tote Großmutter. Unvermutet wie aus dem Nichts materialisiert steht sie neben mir und streckt die Hand nach meinem Arm aus. Als ich im November 2007 von Ushuaia auf Feuerland abfuhr und das Schiff Kurs nahm auf die Antarktis, las ich das Versepos „La Araucana“ des spanischen Spätrenaissance-Dichters Alonso de Ercilla, den Chile als Nationalhelden verehrt. Ercilla beschreibt darin die Indios vom Stamm der Araukaner auf eine Weise, dass ich, ohne es zu wollen, leibhaftig meine Großmutter vor mir sah und sie daraufhin im Sinn behielt auch am vergletscherten Ende der Welt:

Robust und bartlos, sanft
Die Gestalt und muskulös,
Glieder hart, Nerven stählern,
Wendig und ehern, fröhlich,
Beseelt, wagemutig und tapfer,
Abgehärtet von Arbeit, geduldig
Bei tödlicher Kälte, Hunger, Hitze.

So lang wie Georg Büchner lebte, 23 Jahre lang, lebte sie nach dem Tod meines Großvaters noch weiter. Klein und kleiner wurde sie, nervös und etwas fahrig, und zehrte von der Idee, ihre „Babiere“ in Ordnung zu bringen, Steuerunterlagen, Versicherungspolicen, Schuldentilgungstabellen und einen Stammbaum, der in einem kleinen, in rotes Leder gebundenen Buch zurückreicht bis zu meinem Urururgroßvater, von dem sie behauptete, er sei verwandt gewesen mit Karl May. Sie starb im Januar 1998 unerwartet und plötzlich nach einer erfolgreichen Blinddarmentfernung an einer Lungenembolie, der von ärztlicher Seite nicht vorgebeugt worden war. Am Neujahrsabend hatte ich sie zuletzt gesehen: Kaum größer als ein Kühlschrank, aus geröteten Augen lächelnd, stand die Araukanerin, die Erzgebirge und Hohe Tatra liebte, mit dem ewigen Geschirrtuch in der Hand in der Haustür und rief mir etwas nach in ihrem Sächsisch, das so spitz und schnell sein konnte, dass die beiden Namen ihrer Heimatstadt, wenn sie sie aussprach, ununterscheidbar klangen und auf diese Weise wieder eins wurden. So habe ich nie einen Zweifel daran gehabt, dass Chemnitz und Karl-Marx-Stadt immer eins gewesen sind. Sie winkte noch, meine Großmutter Käte, die ich Oem nannte, und tags darauf flog ich, um ein Stipendium anzutreten, nach Marseille davon.

(For(d)tsetzung folgt)

*


23.12.2008 18:30:35 

Hans Test kauft: Sujitha Hot Mixture


Product aus Indien
Zutaten: Bassinmehl, gebratene Erdnuß, kühles Puder, Gelbwurzenergie, Asafoitida, Banane bricht, Curry verläßt, Salzwasser und raffiniertes Pflanzenöl.

(willkommen Hartmut Abendschein!)

22.12.2008 23:13:21 

Bad beer


Im Soliloquium. (Eine plötzliche Wahrnehmung unterbricht das Lesen. Das Lesen die Wahrnehmung. Das Aussen das Innen. Das Innen das Aussen. Doppelt gebrochen.)

Warum erfährt die Würde des Geglaubten mehr Schutz als die des Beweisbaren? (Die Occasionen - Die Gebrauchtspuren der Welt).

Und: Gibt es etwas Ausdifferenzierteres als der Handykabelmarkt? (Vielleicht müsste man ein Essay, Manifest oder einen Aufsatz über den Verlag als poetisches Konzept schreiben. Der Verlag als Dichtung. Der Verlag als Erzählstruktur).

„Innere Rede“ heisst es, wortwörtlich. Sie entwickelt einen gewissen Sog, sage ich ihr, wortwörtlich. Ich bin froh, dass ich diesen Text verlegen darf. Versteht mich, versteht uns da jemand? Ich hoffe doch, bin ich nicht ganz alleine hier. Oder?

(Von schlechtem Bier bekomme ich Kopfschmerzen. Von schlechtem Kaffee Depressionen.)

[notula nova 18]

22.12.2008 08:26:42 

~


Als wir vor einigen Monaten eine elektrische Bibliothek im Internet besuchten, Hartmut Abendscheins Bibliotheca Caelestis, wussten wir sofort, dass wir entweder unverzüglich per Mouseklick weiterreisen oder viel Zeit nehmen sollten, um uns durch den Dschungel der Texte zu arbeiten, die in der Bibliotheca Caelestis versammelt sind. Eine Substanz leuchtet auf dem Bildschirm, die sich vor einer Leserin oder einem Leser wie eine Flüssigkeit verhält, ein Wesen, dessen Untersuchung höchst anspruchsvoll sein wird, da man zunächst persönliche Zugänge finden und sich einen ersten Eindruck verschaffen muss von der filigranen Mechanik des Projektes, die im Verborgenen liegt. Fein gewirkte Texte sind zu entdecken und zu kombinieren. Ein herzliches Willkommen im Goldenen Fisch, Hartmut Abendschein.


Nikolai Vogel
Andreas Louis Seyerlein



22.12.2008 05:34:49 

Far Rockaway


Ein kleiner Junge neben mir am Geländer
   spielte Nintendo DS und zeigte mir genau,
wie unerschöpflich wandelbar Monster sind,

   seine Mutter drehte seiner Schwester Zöpfe
in ihr funkelndes Haar, Destiny, sagte die Frau,
   du sollst mich anschauen, nicht das Meer.

Jenseits des Gleises, wo wir vier warteten
   auf die Subway nach Queens, lagen grau
Dünen voll wildem Müll, im Gras der Schrott

   eines in Brand gesteckten, lange gelöschten
Thunderbird, der im Sand versank als Verhau
   aus Gummi und Blech, und in den Augen

des still sitzenden Mädchens, dessen Zöpfe
   schimmerten, sah ich den Ozean, sein Blau,
wie es hereinbrandete ohne Zukunft oder Ziel.

*


18.12.2008 21:41:07 

Der gute Satan XIII


(zu ihm)


Ich schien zu gehen,
mein Herr, ich schien
auf Staub zu schweben,
auf goldenen Körnern,
unzählig und gleich ihre Zahl
in Ewigkeit Amen. Die Luft
rührte sich um,
darin kreisende Vögel
wie Teeblätter, nach rechts
ging die Uhr
und der Turm winkte
mit seiner Prinzessin
ins Auge getroffen
von der Ferne
so blind.

Du sagst:
"Alles geschieht ungeschehen.
Nie ist etwas passiert.
Für den Anderen sollst du träumen,
wenn du wachst träume für ihn!"

Mein Herr, dieser Turm,
er weiß nicht was tun.
Für den Traum einer Toten die lebt
geht er nicht in die Knie
selbst vor dir.

Lass mich bitten
in deinem Namen:
lass es geschehen
geschehen:
ihr Liebster mag springen
durch das Auge des Turms!

Herr, ich flehe:
sag: "Geh nach links!" zu der Uhr.


17.12.2008 09:38:42 

Plädoyer für einen Hund


2

Im Spätfrühling 1975 jedenfalls muss es gewesen sein, als meine Mutter mich mitnahm auf eine Reise nach Warngau, wo sie eine frühere Kollegin besuchte mit dem schönen Namen Hermine und wo ich dem schwarzen Hund, von dem ich zu träumen begonnen hatte, erstmals leibhaftig gegenüberstand. Wiesen voller Butterblumen und Lupinen wellten sich dem Tegernsee und jenseits seines Türkis den Bergen entgegen, und über allem stand ein ruhiger Himmel von der Farbe meiner Augen, unter dem ich mit Schauen beschäftigt war und der mit einem Mal zerriss. Ein Furcht erregender Knall kam gefolgt von einem langen schauderhaften Kreischen am Mittag, als ich auf der Terrasse von Hermine spielte, herüber aus einem Waldstück in der Nähe, und der unsichtbare Schrecken, der sich von da an in der warmen Luft hielt, schien sich mir nicht nur auf den Garten, sein grünes Blinken und die ihn umgebenden Bäume zu legen, anzuhaften schien er genauso den Vögeln, Fliegen und Hummeln, denen ich dabei zusah, wie sie durch den Tag schwirrten, als sei nichts geschehen. Sirenen von Streifenwagen, Krankenwagen und Löschzügen heulten unablässig durch das Dorf, und auf dem Nachbargrundstück jaulte dazu ein Hund so markerschütternd, dass ich mich schließlich an den Zaun schlich und dann unter Bäumen stehend drüben das schreiende Tier sah, das in einem Zwinger auf und ab lief und das mir so vertraut schien. Als Hermine meiner Mutter und mir erzählte, dass nahe des Dorfes zwei Züge zusammengestoßen und dass bei dem Unglück sehr viele (ich weiß heute: 41) Menschen getötet und viele weitere verletzt worden waren, haben wir uns am folgenden Morgen in aller Frühe in unseren Käfer gesetzt und sind vor allem vor dem noch immer jaulenden Hund geflohen. Wie Dutzende andere Schaulustige, die über die Wiesen strömten und zwischen den Kühen umherstolperten, sind wir, ohne dass uns jemand daran gehindert hätte, mit dem Volkswagen bis zu dem Waldrand gefahren und liefen dann zu Fuß weiter zu den Gleisen.
Die zwei baugleichen roten Lokomotiven, die ineinander gerast waren und nun stumm zwischen den Bäumen standen, wirkten wie ein riesenhaftes Ungetüm auf mich, so wie die eine aus der anderen herausragte, steckengeblieben bei dem Versuch, durcheinander hindurchzufahren. Als noch viel schlimmer aber empfand ich den Anblick der Waggons, die durch die Wucht des Aufpralls in die Höhe getrieben, krumm gebogen oder in der Mitte auseinander gebrochen worden waren. Denn anders als die beiden Loks, die mir vorkamen wie zusammengeschmolzen zu einer Ungeheuermaschine, bereit, auf der Stelle davonzubrausen, waren die Waggons nur mehr Schrott, zerfetzte, zerplatzte Wracks, aus deren Innern das Schaudern hervorquoll. Man sah keine Krankenwagen mehr, und es war keine Suchmannschaft mehr vor Ort. Die Verletzten waren versorgt, die Toten geborgen worden, während ich auf der Terrasse verzweifelt gespielt hatte, ich weiß nicht mehr, womit, um das Jaulen des Hundes zu vergessen. Als ich an der Hand meiner Mutter durch das Gerümpel stieg, das über Hunderte von Metern den Bahndamm säumte, Koffer, Sitze, Flaschen, alles was aus den zwei Zügen geschleudert und von den Rettungstrupps ins Freie geworfen worden war, hatte ich das Gefühl, zwischen dem ganzen Müll aus noch am vorigen Morgen eingepackten intakten Dingen wenigstens eines entdecken zu müssen, das eine Spur wäre und mir verriete, wem es gehört hatte und was mit seinem Besitzer geschehen war. Es war dumpf und unaufrichtig, dieses ungute Gefühl. Zwischen den Habseligkeiten der Verunglückten suchte ich in Wirklichkeit mit gierigen Blicken nach einem handfesten, blutigen Beweis dafür, dass Andere ausgelöscht worden waren, während zurselben Zeit ich weiterlebte.
Weder in dem Waldstück bei Warngau noch auf den Unfallbildern meines Großonkels war der Beweis zu finden. Liegen gelassene, aufgegebene Dinge, Habseligkeiten und Bäume, Wald, Moor und Äcker, und darin die Verheerung, das Böse, der brüllende schwarze Hund. So wenig an Spuren von einem der zu Schaden gekommenen Menschen ich ausmachen konnte zwischen alledem, was mir wie das nach außen gestülpte, vollkommen entseelte Innenleben der beiden zerstörten Züge vorkam, so wenig wussten die Fotos von dem Autounfall über diejenigen zu berichten, die da mit ihrem Wagen irgendwann einmal gegen einen Baum gerast und gestorben waren. Nirgends ein Mensch, ein Opfer oder einer, der sich wehrte, so wenig wie auf der Zeichnung von dem gespenstischen Hund. Meine Mutter kann sich nicht daran erinnern, und dennoch bilde ich mir ein, sie an dem Tag vor 35 Jahren in Warngau gefragt zu haben, wo alle die Leute seien, denen alle die Sachen gehört hätten, womit ich nur zum Ausdruck brachte, dass mir etwas Wichtiges fehlte, ein Hinweis, der deutlich gemacht hätte, was in dem Waldstück wirklich geschehen war.
Es gab ihn nicht, nicht für einen Zehnjährigen: Von den Überbleibseln einer so umfassenden Zertrümmerung auf das Unglück selbst zu schließen, gelang mir nicht. Und wie in dem Wald, durch den die erste Sommersonne fiel und wo die Vögel sangen zum Geraune derer, die mit uns umherstöberten im Müll der Toten und Davongekommenen, so vermisste ich auch auf den Bildern von dem Autounfall die Leute, die ihn miterlebt hatten. Wäre da nur einer gewesen, der geschrien oder geweint hätte. Wäre unter den Fotos nur eines mit auf dem Schreibtisch ausgelegt gewesen, das ein Opfer zeigte, im Hintergrund einen Mann, eine Frau, ein Kind mit einer Wunde. Ich glaube, ich hätte noch immer kaum begriffen, warum hier wer verunglückt war, wenigstens aber hätte ich eine Vorstellung davon gehabt, weshalb mein Großonkel alle die Bilder sammelte: Das Tragische gehöre verworfen, nachdem man ihm ins Gesicht geblickt habe, nicht vorher, schreibt Albert Camus, der in diesem Auto starb, als es in dem kleinen Ort Villeblevin gegen einen Baum raste.

(Fortsetzung folgt)

*

15.12.2008 21:05:41 

B HÜTE


Ein Hut hat mich umgebracht.
Nichts als ein Hut.

Und was daran?
Etwa die Krempe?

Der Hut regnete.
Der Hut regnete mir gut zu.

Von seinem Träger.
Von dessen erstem Milchzahn an.

Ui, bin ich tot!
Oh, hoppla, bin ich tot!

Aber auch der Hut
hat seinen Innenwandinfarkt.

15.12.2008 19:51:30 

Pioniere


„Bärtierchen haben als Überlebenskünstler mit Flechten und Bakterien gleichgezogen. An Bord einer Raumkapsel wurden sie im Ruhestadium einem Vakuum und unterschiedlich harter Strahlung ausgesetzt - und zeigten sich bei ihrer Rückkehr in recht guter Verfassung.“


"Anfang November sind 150 Kaulquappen, die in einer Raumkapsel in den Weltraum geschossen worden waren, um den Einfluss der Schwerkraft auf ihren Gleichgewichtssinn zu erforschen, um davon ausgehend auf Störungen des menschlichen Gleichgewichts zu schließen, heil wieder auf der Erde gelandet."

15.12.2008 17:48:33 

~


2.12 - Schon weit nach Mitternacht, aber immer noch ein später Abend summender Luft. Habe drei lange Stunden versucht 18.924.150 Zeichen des menschlichen Genoms als Sequenz in mein Textverarbeitungsprogramm zu laden. Immer wieder scheitert die Formatierung mit der Seite 32.678 des Dokuments, als ob meine Computermaschine sagen wollte, diesen Unsinn mache ich nicht länger mit. - Nun aber rasch noch einen ernsthaften Gedanken notieren. Nehmen wir einmal an, es wäre möglich, einen Käfer zu entwickeln, sagen wir, einen Zeppelinkäfer, der nahe absoluter Schwerelosigkeit unter letzten Molekülen von Sauerstoff schwebend Ozon produzieren würde, dann könnte man sich einen zweiten Käfer vorstellen, einen Zeppelinkäfer gleichwohl, der eine Käferdame sein sollte, die sich natürlich sofort verlieben wird, weshalb wir bald einen Nebel kleinster, sehr gefräßiger Zeppelinkäfer vor uns am Himmel sehen würden. - Eine beruhigende Vorstellung, sagen wir, sehr beruhigend. - Was aber fressen sie dort oben, wo es doch nichts gibt außer Mond, Stern und Sonnenlicht? Man könnte eine Gattung weiterer Käfer erfinden, Käfer, die sehr schmackhaft sind und leidenschaftlich gerne, sobald man sie freilassen wird, hinter die Wolken steigen, um sich ihren Freuden, den Zeppelinkäfern, mit allem, was sie sind und haben, hinzugeben. - Ich sollte sofort ein kombiniertes Patent versuchen.


zeppelin


14.12.2008 17:04:05 

Wespenspinnen und Palliativmedizin


Plakative Färbung beschert den Tieren
Aufmerksamkeit der Biologen. Sie sorgt
auch für reiche Beute. Eine wärmeliebende
Art ist der Tod. Er rückt nach Norden
vor. Früher vor allem in Mittelmeerraum
zu finden, ist er heute mehr als eine regionale
Rarität. Wo unheilbar Kranke zuhause
schmerzfrei und in Würde sterben wollen,
baut er sein Netz zwischen Krankenkassen
und Richtlinien – immer dicht am Boden,
wo die Chance besteht, Grashüpfer zu fangen –
eine besonders fette Beute. Bald wird er
überall vorkommen. In vielen Fällen liegen
Übelkeit, Atemnot, Verwirrtheit oder Erbrechen
vor und bedrohen die Patienten. Spirituelle
Betreuung kommt bei Spinnen zu kurz:
Zusatzkosten. Farbmuster, die an stechlustige
Insekten erinnern, können Fressfeinde
und Vögel abschrecken. Was mit der wachsenden
Zahl alter Sterbenskranker geschehen soll,
wird in Zukunft dringend zu klären sein.
Weibchen der Gattung sind kannibalistisch.
Todgeweihte sind landesweit anzutreffen.

12.12.2008 17:48:48 

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