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Geschäftsbericht


Dieses Jahr wieder ein, zwei Wahrheiten
in den Onlineschlagzeilen, die wir immer
schon wussten. Wie damals, die Erfindung des Gleitschirms.
Der erfolgreiche Paarmensch im Schlafzimmer
erwähnt nur das Positive, Betriebe überleben, wenn sie wachsen,
ein Organismus oft noch danach. Sind

die Grauwerte ausgelagert, werden Berichte zu einer notorisch
verspäteten Gattung. Worüber sollen wir noch reden?
Lacher wirken verdächtig. Das 21. Jahrhundert ist eben
gelandet, so früh hat es niemand erwartet. Jetzt stehen wir, stetig,
uns nur noch selbst im Weg. Der Rest ist Arithmetik.
Die Pessimismen von früher dürfen belächelt werden. Ein Tor ist,

wer seine Träume nicht umbenennt. Der Ton ist härter geworden zwischen
den Geschlechtern. Für Nostalgien habe er
keine Zeit mehr, meinte kürzlich ein Bekannter.
Gestern das Telefonat mit den Eltern: Sie mischen
noch mit. Eine Generation weit weg, und so viel Misstrauen schon.
Gesenkt werden konnten die Kosten für Kommunikation.

24.11.2008 11:42:17 

Zum Thema Mann ohne Eigenschaften


Jeder Text, der Kunst sein will und nicht bloß Unterhaltung, d. i. Betrug, reflektiert die imaginäre Natur von Sinnstiftungen. Wenn Identität verhandelt wird, wird die imaginäre Natur der Identität reflektiert. So ist die Literatur mit der Wahrheit verknüpft, während sie andererseits, als Geschichte, zufällig und vergeblich bleibt. Was an ihr wirksam ist, greift auf das Leben über, dessen Sinnstiftungen nicht minder imaginär sind. Eine so simple Geschichte wie „ich gehe durch diese Türe“ ist letztlich vollständig imaginär. Das ist das Problem mit dem Wahrheitstrieb, er nimmt einem mehr als man ahnte.

24.11.2008 10:50:44 

Zum Wiederfund (9)


Die Geist nun wieder. Entzückend. Den Mann ohne Eigenschaften lese nämlich auch ich gerade. Jeden Abend liegt er da, ein wenig selbstgenügsam, auf seiner Chaiselongue, die es nicht gibt. Und wenn ich ihn zur Hand nehme, streckt er seine Finger aus in Richtung Gegenwart. Nur Weniges, ganz Weniges wohl, müsste man an ihm ändern (eine Uhrkette? einen Hut?), um ihn Modell stehen zu lassen zur Beschreibung der Mechanismen, in denen sich die Gegenwart bewegt. In jeder Hinsicht. Er ist da. Gerade letztens, bei einer Tanzperformance, stand auf irgendeiner Leuchttafel Moosbrugger herum. Ich lese das, staune und ermüde und schlafe perplex ein.

21.11.2008 19:23:02 

Das heiße Fleisch der Wörter (Köno)


Das heiße Fleisch der Kanten und Flechten die vor deinen
Augen fließen. Reiß aus die Flügel der Schrift.
Lege dein Hundeohr neben ihre Luft neben
den Schmerz der in der Luft ist. Hilf den Fischen

in den Fluß der Schrift. Singe die Brücke über ihre Rücken.
Faß die Beinchen der Brücke über den Zähnen
der Schrift. Wische die Amöben der Schrift
von der weißen Fläche usw.

21.11.2008 14:27:33 

~


8.02 - Hatte gestern, ohne die Zeit noch zu bemerken, 6 Stunden erste Spuren eines anatomischen Hörspiels bearbeitet. Kurz vor Mitternacht dann in angenehmer Balance mit Cormac McCarthys düsterem Roman Die Strasse auf dem Sofa. Ein Buch, das mir Freude macht, nicht weil es Endzeit, nein, weil es in kleinen Abteilen vorwärts erzählt. Als würde in einem unendlich großen, dunklen Raum je für kurze Zeit das Licht angeschaltet, Phasen zeichenloser Dunkelheit, Sekunden-, Minuten-, Stundensprünge, dann wieder ruhige Sprache, einfache, präzise Sätze. Darüber eingeschlafen. Morgens von Regengeräuschen geweckt, die nicht wirklich existierten. - Kurz nach sieben Uhr und noch immer wundere ich mich, dass ich eingenickt war, ohne auch nur einmal zu denken: Du wirst gleich schlafen. Die Idee, dass vielleicht Bücher existieren, die als Schlafbücher anzusehen sind, Bücher, die einen geheimen Code enthalten, hypnotische Zeichenfolgen, unwiderstehlich in ihrer Wirkung. Man könnte in Buchhandlungen eine weitere Kategorie sortieren, die der Narkotika nämlich, Romane, die ins Jenseits befördern, nicht zu lesen im Gehen, in Zügen, im Stehen! – Guten Morgen!

teilchen

19.11.2008 07:47:11 

Der gute Satan X


(zu ihm)


Lass mich gehen, mein Herr, in den Wald.
Lass mich weiden auf deiner Hand.
Deine dornige Hand blüht, deine Hand stützt den Himmel,
der schon lange, so lange schief hängt.

Ja, dieses tropfende Rot wird Beere genannt.
Menschen nennen es so, geben dir Namen, zu wissen
um ihren eigenen Platz. Klüger hättest du es nicht gemacht:
wer dich benennt, kann nicht enteilen
zu dir
in den weiten, sich weitenden Raum
ungerufen.

Bis du rufst,
wirst du benannt.
Den Saum deines Rocks kitzelt der Atem.
Er formt Worte, sucht Halt
im Dunklen und du legst dich
zart kreisend herab, Nacht!
Zahllos die Namen, die du uns gabst,
dass wir sie dir geben. Immer wieder und wieder

Lass mich gehen, mein Herr, in den Wald.
Lass mich weiden auf deiner Wange,
stolpern über deine dornige Hand,
die nie böse sein kann, auch wenn sie mich zerreißt.
Das bin ich und werde immer sein:
Gravitierende Sanftmut - dein Diener.



18.11.2008 16:47:59 

Morgen


Es aus meterlosen, Not sind Schnüre flurlose Sinne, mauern, anlippen. Hebt, als wäre nichts hoffen astlos daran oder Brot. An die Schnur richtet, geschrankt am Bogen als läge Morgen.

18.11.2008 00:05:14 

Wiederfund (9): Die Lust am Würdigen sieht ganz unwürdig aus


Es gibt so Bücher, auf die sollte man eigentlich gar nicht hinweisen. So würdig sie sind, so unwürdig ist das eigene Lesen und schon gar die reichlich verspätete Freude darüber, denn zum einen sollte man sie eh längst kennen, und außerdem steckt für den, der´s hört, im Jubelruf des begeisterten Lesers immer auch ein bisschen bildungshubernder Stolz. Aber für mich ist es diesmal sozusagen ein Wiederfund der dritten Art. Es ist nämlich das bisher einzige Buch, das ich komplett vergessen hatte!
Ich sehe noch den fensterlosen Seminarraum, in dem sich das morgengraue Grüppchen zur Lektüre von Musils Mann ohne Eigenschaften versammelte (um acht Uhr morgens), habe die Stimme des Tutors im Ohr, auch an die Gesichter einiger Kommilitonen erinnere ich mich, es gab die üblichen er- und gezwungenen Referate und Semesterarbeiten, man sollte meinen, ich wäre gar nicht umhin gekommen, wenigstens ein paar Brocken aufzuschnappen. Doch als ich den ersten Band nach mehr als zwanzig Jahren erneut zur Hand nahm, zeugten nur der abgegriffene Umschlag und ein paar eselsohrige Seiten davon, dass ich das Buch kennen müsste, und auch beim Wiederlesen stellte sich kein Gefühl des Wiedererkennens ein, keines des Textes jedenfalls.
Was ist geschehen bzw. nicht geschehen, damals? War ich gelangweilt, ließ mir das Buch etwa zu viel nicht-narrativen Platz mitten im Erzählten? Fand ich nichts daran, weil ich mich nicht wiederfand darin? Hatte ich andere Erwartungen, solche, die sich mehr an eine bestimmte Handlung und deren Protagonisten hängen als an die dem Ganzen zugrundeliegenden Fragen? Aber ist die Wahrscheinlichkeit des Wiedererkennens nicht desto höher, je mehr nicht-narrativen Platz ein Werk lässt und je allgemeiner das eigene Herangehen an es gefasst ist? War ich einfach zu jung, könnte es sein, dass das Individuelle in einem umso stärker „verallgemeinert“, je dichter das mehr oder minder unbeschriebene Blatt, das man einmal war, sich mit Eigenem füllt? Oder wollte ich diesem Werk vielleicht irgendetwas abringen, es „mit Gewinn“ lesen, „es schaffen“, und scheiterte deshalb, wie ein Bergsteiger, der irgendeine Leistung erbringen will und an der Landschaft vorbeischnauft?
Wie dem auch sei, jetzt lese ich es bei geschlossener Tür, für alle Fälle. Keine Ahnung, ob ich dabei grimassiere, gestikuliere oder vor mich hinmurmle, aber manchmal finde ich mich mitten im Raum wieder, nach wer weiß wievielen Metern, aufgeschreckt von meinem Lachen. Wie gesagt, gerade die lustvolle Lektüre hat die Tendenz, im Erscheinungsbild unwürdig zu sein und im Kern nicht-gravitätisch, schwerelos.
Und wie sollte es auch anders sein, liest man etwa vom Abenteuer des Generals mit dem schlichten Gemüt, Stumm von Bordwehr, der auf der Suche nach einer großen Idee – irgendeiner großen Idee, bittesehr, am besten freilich der größten! - ausgerechnet im Bibliotheksdiener die bestinformierte Instanz antrifft, und zwar nicht, weil der alles gelesen hätte, sondern weil er seit Jahrzehnten den distinguierten Bildunsgbeflissenen zugehört hat, die über der Fülle des von ihm bescheiden herangeschleppten Ideenstoffs zumindest etwas ratlos geworden sind? Oder von der fin-de-siècle-göttlichen, ebenso fleischigen wie vermeintlich vergeistigten Diotima, in deren Salon man hinsichtlich dieser Idee zu keinem Ergebnis kommt, außer dem der Vertagung? Oder von dem Pädagogen Lindner, der die Überwindung all jener Leidenschaften, für die ihm die Begabung fehlt, in seinen (spärlichen) Wasch- und Gymnastikriten zu erblicken geneigt ist? Ich spare mir Zitate, denn aus dem funkelnden Gewimmel von lauter Sternsekunden partout eine herausgreifen zu wollen - so verrückt bin ich auch wieder nicht.

17.11.2008 18:00:38 

Das heiße Fleisch der Wörter (Köno)


Drück das Wort aus dem Hundemaul. Steige auf die
Schultern der Schrift die ein Riese ist. Steige
auf den Stein der Schrift. Fühle unter
deinen Füßen die Nacken

der Selbstmörder die im Mars am Flußgrund marschieren.
Trink das Auge der Stimme. Trink das Dreieck
und die Wasserwaage. Sing die Maurerische
Musik einer Stimme namens Tim. Sing
Egalität usw.

15.11.2008 18:09:11 

An der Seite meiner berühmten Frau (3)


Es ist, was ich zu sagen oft vergesse, an der Seite meiner berühmten Frau auch sehr schön. Wer, wenn nicht sie, hätte Heinz Badewitz wieder zu Verstand gebracht, als er, sonst die Güte in Person, alle Güte fahren ließ, als ich, der ich mich mit auffälligem Warmlaufen für die Startelf der Hofer Filmtage empfohlen hatte, gleich mit dem Anpfiff meine letzten Reserven schwinden fühlte, verloren links im Rasen bohrte, mich frühzeitig verladen und einen der Altherren zum 1:0 passieren ließ. Vor dem Spiel noch hatte mich Heinz Badewitz liebfest gedrückt und sich besorgt gezeigt um meine Wärme. Nach der Niederlage (2:3) verteilte er Hofer Sweatshirts, auch in S, doch ich ging leer aus, wäre nicht an meiner Seite die berühmte Frau.

13.11.2008 00:56:00 

Zeit zu bleiben, Zeit zu gehen


Der Schreibtisch passt nicht in den Koffer,
er leert sich also, nichts will bleiben.
Muss alles unterwegs sein? Dabei bellt
seit Monaten da draußen dieser kleine Hund
in dem umzäunten Auslauffeld, und durch
die Decke kommt wie jeden Abend spät
Rachmaninov, die stille Melodie auf dem Klavier.
Licht blitzt herüber von den Fotoateliers
am Broadway, und in dunklen Pausen sind
noch dunkle Silhouetten auf dem Dach zu sehen,
die ihre allerletzten Runden drehen, obwohl
es kühl und windig ist und Zeit zu gehen.
Die Blätter von den Gingkobäumen treiben
hinauf ans Fenster, wo ich immer stand.

*


12.11.2008 19:37:16 

Das heiße Fleisch der Wörter (Köno)


Kleb die Fliegen auf das heiße Fleisch der Seite. Fühl
die Beinchen des Windes. Zwing den Lothar
durch den Wald wie einen Schwaben.
Höre das heisere Herz des Windes.

Hol die kalte Zehn und ihre Null in dein Haus aus Stein.
Spüre die zwölf Zähne der Stadt. Verfolge sie mit
den Fingern deiner Tastatur. Zwing den
Gestank der Stadt in deine Stimme

die ein Fluß ist. Sieh das Fell der Stadt ein buntes T-Shirt.
Laß den Hund auf der Wiese hungern. Lies den
Rost vom Fell des Fuchses. Lies den Müll
der Schrift da sie verfällt.

Hör den Atem der Wege. Pack ihn wie einen Sack auf
deinen Rücken. Fühl den Rock der
Revolution usw.

12.11.2008 12:15:56 

~


8.28 - Ist Ihnen vielleicht bekannt, dass Wale, Pottwale genauer, wenn sie schlafen, Kopf nach oben im Wasser schweben? Langsam sinkende Türme, leise singend, leise knatternd, friedvolle Versammlungen, die mit dem Golfstrom treiben. Wenn Sie einmal wach liegen sollten, wenn Sie nicht schlafen können, weil Sorgen Sie bedrängen oder andere schmerzvolle Gedanken, wird es hilfreich sein, eine Tauchfahrt zu unternehmen im Kopf durchs Bild der träumenden Wale. Oder Sie reisen an die Ostsee, nehmen die nächste Fähre nach Turku. Sie werden dann schon sehen. Ballone, zum Beispiel, Ballone werden Sie sehen am Horizont, Ballone am dämmrigen Himmel, dort müssen Sie hin. Alles ist gut zu Fuß zu erreichen, eine Stunde oder zwei, nicht länger, je nach Gepäck. Man wird Sie schon erwarten, man wird Sie freundlich begrüßen, man wird Sie fragen, wie lange Zeit Sie zu schlafen wünschen, welcher Art die Dinge sind, die Sie zu vergessen haben, die Sie beschweren. Man wird Ihren Blick zum Himmel lenken und Sie werden erkennen, dass unter den Ballonen Menschen schweben, aufrecht und reglos, in Daunenmäntel gehüllt, von einem leichten Wind hin und her geschaukelt, hunderte, ja tausende Menschen. - - Stille herrscht. - - Nur das Fauchen der Feuermaschinen von Zeit zu Zeit. – Guten Morgen! Heute ist Dienstag oder Mittwoch oder Samstag. Auf nach Turku!




11.11.2008 07:15:34 

Selbstauslöser


Zwei Tage in Folge ist ewig.
Was früher war, ist ein Foto.
Alles was wahr ist, färbt ab
wie Gerüchte. So mächtig.
Was nichts kostet, ist nichts wert.
Alles Wichtige ist gesagt.
Alles weitere: Bitte lächeln.
Was klein ist, kann wachsen.
Wut, besonders Mut. Manches
schrumpft. Was weich ist,
siegt. Was geliebt wird,
wird später verachtet.
Weißt du noch? Alles Ärgerliche
ist ärgerlich. Laub fehlt.
Winter kann kommen.
Die Dichter müssen lernen,
Schluss zu machen. Wann,
wenn nicht jetzt? Alles
Wichtige ist nicht so wichtig.
Ein Wort ist eine Wohltat.
Was nichts kostet, koste es.

10.11.2008 14:55:52 

Das heiße Fleisch der Wörter (Köno)


Greif die sieben Beinchen der Stämme die nach Holland
treiben. Zähle den Juli als September. Drück den Septakkord
aus den Saiten des Akkordeons.
Lerne schunkeln wie die Sieben

im Mai. Zwing die Stimme des Hundes in den September.
Rufe die Schwaben aus den Häusern. Nenne die
Birke Griffel in der Hand der Schwaben.
Spüre das kalte Bein des Schattens

der mit dem Dezember kommt. Hör das Stottern
des Windes wie er durch die Lücken
pfeift. Nimm die Null aus dem
Dezimalsystem usw.

10.11.2008 10:49:45 

Harlem


Das letzte Haus an der Madison Avenue
ist ein verrußter Ziegelbau: Nummer 2066.
Besprüht mit Graffitis, parkt davor ein Van,
ausgeschlachtet auf den Felgen im Regen.

An Gusseisengittern entlang geht es hinauf
in einen kleinen Park: Bänke, Turm, Glocke.
Aus roten Bäumen ein Rund, wo auf Mauern
Gestalten sitzen, hinabblickend nach Harlem.

*


10.11.2008 00:47:21 

Der nächste Frühling


Worüber ich gern schreiben würde, nicht, um zu berichten, sondern um - vielleicht - genauer zu verstehen, was ich sehe: wie sie auf dem Sofa in ihrem Zimmer sitzt, sonderbar anmutig, begabt mit der Schönheit sehr alter Menschen, klein geworden wie ein neun- oder zehnjähriges Kind, schmaler, als sie als junges Mädchen war, und auf die Frage einer Besucherin, ob das denn eine lange Zeit sei, fünfundneunzig Jahre, verwundert den Kopf schüttelt: "Es ist kurz... so kurz." Sie lacht auf, als käme ihr der Gedanke, fünfundneunzig Jahre könnten von irgendjemandem für eine lange Zeit gehalten werden, völlig abwegig vor.
Vor drei Jahren noch hätte sie bloß abgewinkt, mit der freundlichen Souveränität der alten Dame, die den gut halbstündigen Spaziergang zum Haus meiner Eltern fast täglich mit erstaunlicher Leichtigkeit bewältigte. Jetzt erst staunt sie. Am meisten über das, was wir, wenn sie danach fragt, von ihr erzählen. Aber wir wissen nicht genug, nur ihre Fragen lassen uns ahnen, wie groß die Lücken, oder die Freiflächen, sind, die sie früher in ihren Erzählungen gelassen hat.
Sie lauscht, den Kopf zur Seite geneigt, und lässt ihre Finger mit einem Taschentuch spielen: "Also, früher habe ich an Gott geglaubt?" Wenn sie das einmal getan hat, so hat sie jetzt sogar ihn vergessen, doch das scheint sie nicht als Verlust zu empfinden, sie wirkt eher ein wenig erheitert. Was sie wirklich wissen möchte, ist, ob sie den nächsten Frühling erleben wird. Sie hat immer an die Zukunft gedacht, und auch jetzt fragt sie nach ihr, so eindringlich und ernst, dass es unmöglich ist, mit der Munterkeit der Pflegerinnen zu reagieren, die sie wie ein Kind behandeln: "Aber... glaubt ihr wirklich?" In diesem Moment flattern Sperlinge, ein Dutzend, vielleicht mehr, vor ihrem Fenster auf den sonnigen Terassenboden, und wir beschließen, noch eine Stunde draußen zu verbringen.

09.11.2008 15:39:01 

Der gute Satan IX



(zu ihm)

Nein, zu den Zweigen kehren die Blätter nicht wieder
und die Schatten rennen dem Meister nicht nach –
er hoch zu Ross das aus Atem besteht,
aus warmen Gebeten und langsamer Rede,
die sich nachts in uns dreht, uns zu Splittern zermahlt.

Das ist es nicht, Freund.
Du kamst wie du bist.
„Komm für alles zurück!“
Ich rief es, ich stand auf dem Felsen und rief.

Da rollte dein Aug aus dem Brunnen heraus,
umfasste den Finger,
deine Nähe glitt den Faden entlang
den ich dir schickte, wo auch immer du warst.
Ich warf ihn ins Meer, in den Himmel, tauchte ihn in die Erde.
Ich rief: „Komm für alles zurück!
Für die Blätter die niemals aufstehen,
für den Schatten der sich in Eile losband.“

Deine Zunge rollte dann aus dem Brunnen heraus
und leckte mein salziges Herz, leckte es rein.
Während ich schlief. Ich stand auf dem Felsen und sang.
„Komm für alles zurück!“ Du kamst um zu tanzen.
Von deinem Fuß wurde mir der Leib zerküßt.
Mein Herr, Du machtest mich so blind, dass ich dich sah, begriff.
Du Licht das mich durchdrang, mich aus Angeln hob
und niederwarf ins Licht. Bei Gott, mein Herr!

08.11.2008 16:41:30 

Okapi


Am Bordstein steht Petrarca, auf den Schultern
die kleine Tochter mit Perücke, fahl geschminkt,
wohl leprakrank. Der Tod umarmt zwei Starlets,
zu Nixons Tanz mit Mao applaudiert die Polizei.
Und oben spielt der Pianist schon wieder Liszt.
Es funkelt Berenikes Haar. Die Nacht wird kalt.

In einer Rikscha Jackie Kennedy. Und im Gejaul
von Feuerwehren unterm Teppichklopfgeräusch
der Helikopter ein Okapi in der Bleecker Street.
Zur Halloweenparade kommt die Stadt zu sich
und ich nicht weiter. Durch den Turm jagt noch
ein später Lift hinab. In Pennsylvania schneit es.

Für Norbert Hummelt

*



07.11.2008 06:12:34 

Schreyahn


Nebel.
Die Terrasse ist von Blättern überhäuft.
Ab und zu das Geräusch fallender Äpfel – immer noch, schließlich ist es November.
Nachts fast völlige Dunkelheit. Ab und zu rufen Kühe.
Der Hund, der hier stromert, sagt die Nachbarin,
ist älter als Gott.

06.11.2008 16:15:40 

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