ein bild

Kathedrale


Ein Ebereschenstrauch
steht im Morningside Park
unterhalb der Kathedrale
von St. John the Divine.

Die Beeren leuchten,
der graue Bau, der brannte
vor sieben Jahren, ist eingerüstet,
und immer noch fehlen hundert
bis zu einem Glockenturm.

Die Beeren leuchten,
rot im Oktober, verschmäht
von den Upper West Side-Staren,
die in Wolken südwärts davon
nach Staten Island ziehen.

Glaub du älteren Zeugen,
vertrau den Vögeln: Stumm
im Wind geht die rote Glocke
aus leuchtenden Beeren.

*


23.10.2008 05:41:48 

Zur Verteidigung von nichts


Ich denke, diese Linie von Wohnwagen längs der Straße müsste reichen.
Ich denke, dieser krumme Eukalyptusbaum auch.
Ich denke, diese Straße wird reichen müssen und die Autos
     mitsamt den Leuten darin, unterwegs.
Die Gegenwart kommt uns immer entgegen, erreicht, umzingelt uns.
Es ist schwer, sich Atome zu denken, schwer
     sich die Bindung von Wasserstoff und Sauerstoff zu denken,
     es wird reichen müssen.
Dieser Himmel mit seinen Wolkenflecken ebenso
     und die Überlandleitung zur Linken, eine durchbrochene Linie.

Peter Gizzi

16.10.2008 12:58:47 

~


8.58 - Habe gestern den halben Abend mit dem Gedanken zugebracht, was ein moderner Kentaur, ein Kentaur unserer Tage, der in einem Laubwald unter Buchen, Eichen, und Lindenbäumen leben könnte, zum Frühstück gerne zu sich nehmen würde. Wie im Flug ist die Zeit vergangen, so als wären Stunden Minuten, eine geliebter Zustand der Selbstvergessenheit, den ich seit Wochen schmerzlich vermisste. Ich habe mir zunächst Dunkelheit vorgestellt, dann Dämmerung und in diesem glimmenden Licht des nahenden Tages, die Umrisse eines Kentaur von zierlicher Gestalt, wie er noch schlafend seitlich auf etwas Moos gebettet liegt und träumt. Kaum sichtbare Atmung, die Hände, lose gefaltet, ruhen auf der Brust, ein Auge leicht geöffnet, peitschende Bewegung seiner weißhaarigen Schweifspitze. Von einem ersten Sonnenstrahl berührt, setzt er sich auf, reibt sich das Fell, dann eine schwungvolle Bewegung und schon steht der Kentaur auf seinen vier Beinen. Stellen Sie sich nun einen wunderbar blauen Himmel vor, einen Himmel, den man sofort für ein kopfüber in den Tag treibendes Meer halten könnte, ein Meer ohne Wind, ruhig, da und dort eine Wolke von Fisch. Aber vergessen wir dieses Meer am Himmel und nähern uns wieder dem Kentaur. Er liegt, jetzt anderen Ortes, wiederum seitlich auf dem Boden, den sehr schönen Kopf auf eine Hand gestützt, nascht von einem Häufchen Beeren, blättert in einem ramponierten Telefonbuch der Stadt Chicago, liest den ein oder anderen Namen laut vor sich hin, einmal eine Himbeere, dann wieder einen Namen. Ja, gestern Abend hatte ich die Idee, Kentauren bevorzugten Himbeeren zum Frühstück. Ich besuchte dann ein paar Freunde kurz vor Mitternacht. Natürlich erzählte ich von meinen Gedanken, von der Überlegung eines Kentaurenfrühstücks. Wir diskutierten weitere Beerensorten, Heidelbeeren zum Beispiel, und Erdbeeren oder Marimbabeeren, wilde Johannisbeeren, Datteln, Moosbeeren und Schneebeeren, auch ein Cocktail verschiedener Beerensorten wurde in Erwägung gezogen. Mit meinem müden Früchtekopf dann bald zu Bett. Versuchte vergeblich von meinem Kentaur zu träumen. Heute Morgen nun die Frage, ob es Kentauren möglich ist, Bäume zu besteigen?





15.10.2008 19:57:57 

Auf einem Briefkasten in Blankenese


"Warnung:
Keiner hilft keinem.

Warum?"

14.10.2008 09:54:43 


Und jeder Bundesbürger zahle 5710 Euro zur Rettung der armen Banken!

(Schwein gehabt, Igel gerettet: nachwort.de)

13.10.2008 14:46:07 

Elizabeth


In meinem Roman „Wie wir verschwinden“ spielt ein amerikanisches Ehepaar eine Nebenrolle. Adriana und Christopher, Aid und Chris, sind Botschaftsangestellte in Paris, die aus Elizabeth, New Jersey stammen. Mir gefiel der sinnliche, vertraut klingende Name der Stadt, ihre Nähe zu New York. Elizabeth trennt von Staten Island nur der Fluss Arthur Kill, im Süden und Westen wird es rasch ländlich, beliebte Pendlervororte liegen dort, Roselle Park, Hillside, Rahway.
Elizabeth aber, durchflossen vom Elizabeth River, der der Stadt den Namen gab, ist ein beinahe reiner Industriestandort, was ich nicht wusste, ein verschandelter Fleck Erde nur mehr für Einkaufszentren, Baumärkte, Parkplätze, Truckverladerampen bis hinunter ans Wasser, das hier ebenso tot scheint wie die Landschaft. Auf der Bucht von Newark lösen einander im Stundenrhythmus die Frachter und Tanker ab, die im Hafen der Stadt, in Port Elizabeth, gelöscht oder beladen werden, beides gleichzeitig ist das wahrscheinlichste. Ein paar Kilometer stadteinwärts rauscht auf dem New Jersey Turnpike, der Interstate Route 95, der Verkehr durch Gewerbemischgebiete und Gebirge aus rotgeklinkerten Mietblocks von Mautstation zu Mautstation. In der Luft hängt ein süßer Kerosinduft. Elizabeth ist zudem Einflugschneise. Im Norden liegt der Newark Liberty Airport, ein betoniertes Gelände von fast derselben Ausdehnung wie die ausgeschlachtete und zum Warenumschlagplatz hergerichtete Stadt. Ich bin selbst auf dem Flughafen gelandet. Die Shuttlebusse nach Manhattan fahren aus Schluchten zwischen Parkhäusern und Terminals ab, über die sich leere Rampen und gläserne Brücken spannen, deren Zweck unergründlich bleibt. Die silbernen Maschinen der Continental Airlines landen und starten im Halbminutentakt.
An das Flughafengelände grenzt im Süden ein Areal aus Lagerhäusern. Zwischen einem Busdepot und dem Auslieferungsmagazin der Supermarktkette ShopRite steht hinter Stacheldrahtzäunen eine ehemalige Lagerhalle, die von dem Privatunternehmen Correction Corporation angemietet wurde. Sie beherbergt ein Internierungslager für rund 300 dort inhaftierte illegale Einwanderer und Asylbewerber zumeist aus Lateinamerika, aufgegriffen und hierher deportiert im Auftrag der Immigrations-and-Customs-Enforcement-Behörde, kurz ICE, einer Abteilung des von der Bush-Administration nach den Terroranschlägen vom 11. September eingerichteten Heimatschutzministeriums. Die Nähe zum Flughafen ist kein Zufall. Das Detention Center Elizabeth ist ein Abschiebehaftlager und geriet wegen dort herrschender rigider Praktiken erst kürzlich in die Schlagzeilen, als einer der Insassen nach einer Kopfverletzung tagelang ohne medizinische Versorgung geblieben, ins Koma gefallen und wenige Wochen darauf verstorben sei, wie „Die Zeit“ in ihrer Ausgabe vom 11. September 2008 unter der Überschrift „Der amerikanische Albtraum“ berichtet. Amerikaweit ermittelte die New York Times 66 vergleichbare Todesfälle zwischen 2004 und 2007, unter anderem durch Vergiftung, Nierenversagen und Suizid. Rund 330.000 Menschen würden derzeit in amerikanischen Abschiebegefängnissen einsitzen, während der Gewinn von Unternehmen wie der börsennotierten Correction Corporation of America sich in den vergangenen drei Jahren beinahe verdreifacht habe, seit die ICE dazu übergegangen sei, illegale Einwanderer massenhaft zu internieren.
Aus diesem gespenstischen Ort also, von dem man sich nicht wünscht, dort leben zu müssen, stammen Adriana und Christopher, die allerdings zum Glück für sie ja selber bloß Gespenster sind. Vom Leben der Romanfiguren trennen mich Meere, die Interkontinentalflugzeuge weder ihrer noch meiner Welt überwinden können. Aid und Chris wuchsen auf in einem anderen Elizabeth, einem, wo der Name, sein Klang und seine Bedeutung, Wirklichkeit stiftet. Diesseits des erfundenen Elizabeth aber ist es bittere Realität, dass das Wünschen nie geholfen hat. Spiegel, Stacheldraht, Kontinente stehen zwischen den Leuten, Betonrampen und Brücken aus Glas verbinden uns, nur wissen wir nicht, wozu. Lange küssen wir uns in der steinernen Flughafenschlucht, bevor wieder so ein riesiger silberner Bus, beklebt mit Werbung für ein isotonisches Getränk, Sabine und mich hinüberfährt nach Manhattan. Nach drei Wochen Getrenntsein sind wir gemeinsam in Amerika, preschen über den Turnpike und können es erleben: Raum ist für alles, seine Großzügigkeit setzt die Maßstäbe. So tot zwischen Industriebrachen die Seenlandschaft auch scheint, die da überspannt wird von kilometerlangen Stahlviadukten, so wenig ist sie es. Schwäne, Kormorane und Enten wassern und heben ab unterhalb der Brücken, sie fliegen über die Schilfgürtel von New Jersey durch die blendende Mittagssonne.

*


13.10.2008 03:56:30 

Der gute Satan VI


Der Zärtliche


Du erwachst,
fällst,
fällst tief,
verfehlst
deine Wirklichkeit.
Zwischen Horizonten scheint:
ein zerbrechendes Zeichen – meine Gestalt,
die dich nicht zu rufen wagt,
denn du bist in dein Fallen vertieft.

Kind, du erwachst,
richtest dich auf,
rast zum zehnten, aberzehnten Mal
vorbei an der Wirklichkeit,
in die du gehörst.
An Horizonten zerreißt du dein Kleid.
Ob du siehst: diese Wolke aus Rauch
ist meine Gestalt;
dieses bucklige Zeichen
bin ich –
ein Springer, ein Pferd,
das sich zur Seite neigt,
dich zärtlich sterbend anschaut,
denn rufen kann es dich nicht.



12.10.2008 21:58:30 

Das heiße Fleisch der Wörter (Köno)


Pack den März an seinen Pfoten. Fühl das Auge des
Flusses als Gefangenen der Wassertropfen.
Zwing die Schrift ins Auge den Griffel
in die Pfote. Lauf über den Fluß

wie das Auge über die Schrift. Höre die heisere Stimme
des Nebels. Greif die Flasche in der das Auge des
Wassers ruht. Trink den Nebel als Stimme
des Flusses. Höre das Kläffen des
Nebels usw.

10.10.2008 09:44:51 

Die Dankbarkeit der Spinnen


Vorsicht, die Pirsch auf Leitern und Knien,
das alte Honigglas übergestülpt, untergeschoben
die weißen Böden fürs Karma? Schon jetzt ein Fehler
in ihrer Spätsommermatrix und sicher verwünscht von
den Fliegen, die, beschlossene Sache, nichts zu tun haben

mit Egoismus und Recycling, laß sehen: Windrosenstempel
auch die hier, immer gerade die Mitte, die ihr Körper ersinnt.
Kleiner erschrockener Unvogel, Sternchen im Orbit der Lampe,
hat sie vielleicht mehr als fürs liebe Leben für die Berührung
zu danken, nie leicht genug, die sie davonträgt vom Gespinst

des Zimmers. Nach getaner Arbeit sitzen wir am Tisch, noch
oder wieder unter einem Staubgarten wie dem, den sie
uns ans Licht zog, sichtbar durch die Zäune, inzwischen
so gewissenhaft wie vergeblich weggefegt, noch oder
wieder Verschonte ohne zweiten Auftrag.

09.10.2008 12:36:44 

tänzerin


keine lässt sich fallen wie sie
keine stürzt sich so betrunken
so versessen auf den aufprall
gierig nach der schmerzverzerrung.

kriege haben schützengraben ins gesicht geschnitten
der feind steckt nicht im eigenen körper, der körper selbst ist feind geworden
die seele auch, die seele, sie wird exorziert
wird liquidiert, der strang reißt an ihrem rückgrat abends neunzig mal.

wacht sie auf am morgen nach black outs
und liegen noch die venen unterhalb der haut
und scheinverbunden liegen reglos lauter einzelteile
dann schnellt ihr körper hoch und landet: eine spinne.

09.10.2008 12:00:06 

Astroland


Das Meer war so laut! In der Luft Wogen,
und Himmel und See vom selben Grau:
Über den Holzpier kam bloß ein Schwarm
lachender Vögel aus dem Nebel herein.
Frachtschiffe waren zu hören, ihre Hörner
in Dunstschwaden vor Rockaway Point,
die Brandung, die Gischt, Seevögel. Leicht
flogen sie einen Bogen um das verrostete
Riesenrad bei der Mondrakete und segelten
durch die Karussells. Und der Nebel stieg
vom leeren Strand auf, hüllte Mietblocks ein,
Gondeln der Balkone, aus Feuertreppen
die Achterbahn im Coney Island der Möwen.

*


09.10.2008 01:00:15 

Der gute Satan V


(Der Träumer)


Ich ließ dich träumen:
Du beißt in den Erdkern,
in den eisernen Apfel.
All die Wahrheit schmeichelt kurz
deinem Mund und trübt dich.
Jetzt kennst du die Welt.
Jetzt wünschst du nichts mehr.
Dein Spiegel tritt näher
und zeigt seine Brust,
wo du schwimmst.
Du schwimmst, schwimmst darin.
Meine Hand, geladene Luft,
lege ich darauf, daß du glaubst:
an etwas und sei es an mich.

Du wachst auf (es träumt dir),
betastest Schuppen deines Leibes.
Mein Kind, wenn, falls du aufwachst,
wachst du als Ritter auf.
Du darfst mir dienen,
darfst wieder fröhlich sein...

Im leeren Universum kreist dein Haupt.
Es kann nicht fallen, kann nicht halten.
Zehntausendmal durcheilt es meinen Traum.
Oh, ja, ich träum´von dir.

08.10.2008 15:03:48 

~


9.15 - Man stelle sich einmal vor, Papiertierchen existierten in unserer Welt. Nicht etwa Tierchen, die aus Papier gemacht sind oder vergleichbarer Ware, sondern tatsächliche Lebewesen, die so ausgedacht sind, dass sie sich zu Formen versammeln, die einer Papierseite ähnlich sind. Weil diese Lebewesen, wie ich sie mir gerade male, sehr klein sein sollten, sagen wir in der Fläche so groß wie die Spitze einer Nadel, würde ein Maschinenbogen von nicht weniger als zwei Millionen Individuen nachgebildet sein. Jedes Papiertierchen, sichtbar ganz für sich nur im Licht eines sehr guten Mikroskops, ist nun von dem Wunsch beseelt, sich mit jeweils vier weiteren Tierchen, die es schon immer kennt, mittels feinster Tentakeln zu verbinden oder zu befreunden, und zwar nur mit diesen, so dass man von eindeutiger Ordnung sprechen könnte, nicht von einer beliebigen Anordnung. Ja, jedes der kleinen Wesen für sich spricht von einem ureigenen Ort, den es niemals vergisst. Sobald alles schön zu einer Seite geordnet ist, werden mit Licht, mit einem Lichtstift genauer, Zeichen gesetzt auf das lebende Papier, indem man leichter Hand wie mit einem Füller schreibt. Wird ein schneeweißes Tierchen berührt vom notierenden Licht, nimmt es sogleich die schwarze Farbe an und verbleibt von diesem Schwarz, bis es von weiterem Licht berührt werden könnte, einem Licht natürlich, das sehr stark sein muss, weil doch der Tag oder jede Lampe das Zeichen der Nacht sofort über die Landschaft der filigranen Körper schreiben würde. Ich hatte, während ich diesem Gedanken noch auf einer gewöhnlichen Computerschreibmaschine folgte, die Idee, dass sie vielleicht alle sehr schreckhaft sind, also zunächst unvollkommen oder wild, dass sie, zum Beispiel, wenn ein Feuerwehrauto in ihrer Nähe vorüberkommen sollte, sofort auseinander fliegen in Panik, sich verstecken, um jedes für sich oder in größeren Gruppen an den Wänden meiner Zimmer zu sitzen. Vielleicht lungern sie auch auf Kaffeetassen herum oder in den Haarblättern eines Elefantenfußbaumes, ja, das ist sehr gut denkbar. Ich werde dann warten, ruhig und gelassen warten, bis sie sich wieder beruhigt haben werden und zurückkommen, sagen wir nach einer Stunde oder zwei. Dann weiter schreiben oder lesen oder denken. Und jetzt hab ich einen Knoten im Kopf.




07.10.2008 15:22:26 

Das heiße Fleisch der Wörter (Köno)


Wirf aus das Bein der Schrift der Hund soll danach
schwimmen. Laß auch die Stimme schwimmen.
Berühre ihr Fell wenn sie ans Ufer tritt. Sieh
die Wörter im Boot winken

schwitzend in ihren bunten T-Shirts. Höre die Stimme
ein Hupen im Nebel. Lies die heißen Buchstaben
auf den T-Shirts der Japanerinnen. Das kalte
Fleisch der Wörter. Greife

die Beine des Wassers im Fluß. Hilf den Selbstmördern
in den Strom. Höre die Stimme des März die wie ein
Wind den Fluß begleitet. Höre den Wind der
wie ein Hund den Fluß begleitet usw.

06.10.2008 13:11:04 

Der längste Tag


Und du, was willst du weiter –
in De Roberti’s Diner, Ecke
First Avenue und 11. Straße,

am Nachbartisch ein wirrer Alter
mit Hängelid, das Hemd bekleckert,
schief zugeknöpft, der längste Tag,
du bist doch Deutscher, sagt er laut,
und hast das nie gehört – es war
der längste Tag, the longest day?

Er setzt sich und er sieht mich an
mit anderthalb Paar Augen – es war
mein erster Tag in Brooklyn, angespült

bei De Roberti’s – Heinrich Scheffler,
sagt er, ich wehre ab: Noch nie gehört.
No, sagt er, Heinrich Scheffler am MG,
am Strand bei Caen, bevor im Bunker
sie ihn erschossen haben, wo er saß
und die GIs im Wasser niedermachte

– und du, was willst du, draußen,
es ist ein warmer Tag, Manhattan,
auf einem leeren Schulhof Espen –

da sagte Heinrich Scheffler der Soldat –
du hast es nie gehört, I tell you, boy –
Es war der längste Tag im Leben.

*


01.10.2008 17:32:09 

~


0.18 - MELDUNG. Junge Engel, Schule zu St. Nazaire, sind in dieser Nacht von 2 bis 3 Uhr bei leichter Fliegerei über den Dünen nahe Tamanrasset anzutreffen. Eintritt frei.



01.10.2008 00:41:28 


III.


Und dann liegen die Decken, grob geknüllte Dunkelheiten,
plötzlich am Boden bloß wie die lästigen Eigenschaften
des Schaffners, der in seiner Koje bleibt und schnarcht.
Gerüchte, im ersten Abteil würde Kaffee gekocht,

wir ziehen los und finden, es stimmt: Aussicht beflügelt,
Abstände dehnen sich in Zielnähe aus, wenn die Ankunft
sich verschiebt, nicht uns mit dem Entgegenfieber und dem
heißen Satz, den noch ein Halt uns an die Lippen schwappt.

Pannonisches Klima. Im Mandelbaum blitzt Janus
in voller Montur - Ich muss kämpfen, obwohl ich nicht will -
und besingt die Zeitung, die gegen unser Fenster anfliegt,
Kyrill tanzt durch den Mohn, jetzt allein sein... Im Spiegel

überm Waschtisch geht die Landschaft weiter, ozeanisches
Korn. Es gilt, den Hunger zu betäuben, auf offener Plattform
mit Rauch, wo bis Budapest der Speisewagen war: Kieselfließen,
aber noch, glaube ich, könnte man springen fast ohne Gefahr.


IV.

Wo wir erwartet werden, machen sie jetzt Licht,
setzen sich zum Essen, seht ihr? Überwach versuchen wir
uns in Telepathie, manches scheint inzwischen möglich,
auch, mit den Koffern am Bahndamm zu stehen oder

weiter zu pilgern über den Gebirgszug Soundso. Besser
die Gedächtnisglagoliza üben, an Entfernungen gelehnt.
Das Klare, erstanden im Frankfurter Pleistozän
vor zwei Tagen, leeren, und wie Bauleute in der Stadt,

die endlich näherkommt, auf vergessene Stufen stießen,
graben wir aus, was übrig ist vom letzten Mal: das Theater,
die Stolpersteine im Viertel um den Turm, das Rosenwasser
in den Laken, leider, Straßenlärm. Ich werde die Gesichter

wieder kaum erkennen, aber Stimmen, man wird erzählen
Was bisher geschah, und als trügen die freien Stühle
Babels Namen, sind wir, lese ich in dem Moment
der Leuchtschrift der Gebäude ab, sind wir schon da.



(Plovdiv, Mai 2007/Edenkoben, September 2008
für die Reisegefährten Mirela Ivanova, Galina Nikolova,
Bojko Lambovski, Plamen Dojnov, Ingo Wilhelm, Uwe Kolbe
und Hans Thill)

30.09.2008 13:22:40 

Das heiße Fleisch der Wörter (Köno)


und das kalte der Schrift. Greife die Stimme an
ihren Beinchen zwing sie in die Zeilen. Faß
in ihr Hundemaul und höre das Herz
unter einer Haut pochen.

Sieh das Auge der Schrift. Lies die Buchstaben
auf dem Rücken der Milben die nachts die
Tastatur verlassen. Taste nach den Wörtern
in der Stimme. Zwing die Wörter

in die Stimme. Atme. Iß das Korn der Stimme. Atme.
Wirf aus die Saat der Beinchen der Wörter.
Fühl das kalte Metall ihrer Haut. Trinke
die verflossene Schrift usw.

30.09.2008 11:47:25 

Der gute Satan IV


(Der Verschlingende)

Du befiehlst, dass die Toten aufstehen,
dass ihr Atem ein Blumentuch ist,
lodernde Seide im Wind.
Du befielhst, glaubst zu wollen,
aber ich sage,
was hier geschieht.
Im Schweigen pocht dieser Wille.
In der Faust singt leise das Herz.
Schau nicht hin, denn du fällst.
Schau, wie du langsam nicht fliegst.
Ob du ahnst, was du bist:
ein anderer und doch
herze und kose ich dich,
meine Beute, mein Wild.
Durchsichtig dein Treiben,
ich sehe, ich sehe es kaum,
vergesse, um heißer zu brennen
in Erinnerung daran.

Dich zu täuschen ist meine Wonne.
Dich zu trinken ist mein Genuß.
Dich zu meinem Gefolge,
zur Schar meiner Träume,
zum Leittraum zu machen,
den ich im Laufen zerreiße,
den ich zärtlich betrete;
wie ein Ring in den Brunnen –
so gleite ich. Ins Eigene.
Wieder. Schaust du hin,
wirst du nichts sehen
und trotzdem erstarren
zu dem, was du siehst.


29.09.2008 21:42:20 

Babylon-Express


I.


In Fahrt hat die Zeit so etwas Unhölzernes,
man möchte das Tempo vergessen, in dem der Mai
sich zum Sommer durchschlägt, wir in unserem
Kokon, der klappert vor Langsamkeit, könnten

ihn überholen auf der Strecke nach Südosten.
Durch die Gesichter im Fenster rauscht der Abend,
es gibt Rätsel genug, irgendwas fehlt beinahe immer,
und wer, bitte, hat jetzt gegeben? Eben, um Tage

verspätet, kommt mir die Idee von einer Sprache,
in zwanzig, in dreißig Jahren vielleicht gefunden,
was schnell für eine Sprache wäre, aber jemand
muss sie haben, wenn er doch Ja sagt und Hallo

in die Hand, in der die Verbindung steht, die Linke
in der Jackentasche kreisen lässt um ein paralleles
Gespräch, Spaziergangsreste, Gegilbtes, klackernd,
sonst überall tot, doch wie leicht herauszuhören, traut.


II.

Getiger durch die Gänge, Gerüche, Zimt voller Motten
in einem, höllisches Gummi im nächsten Wagen,
Leuchtkäfersirren, Notlampen läuten den Käfigschlaf ein,
und die Zwischenräume - welches andere Wort: entfallen,

entgleiten? - die morsen zum Glück, zum Glück -
Zurück, es gibt kein Wasser, keine Seife, keine Chance
sich zu verirren im Einweglabyrinth, nur Gegnerschaft
der Türen und den Judas von Wind, der sie aufreißt,

mir aus den Händen, die Müdigkeit. Eisenduft, die Luft
stockt, steht, draußen mit allem gewaschen, was Schienen
hergeben, mitgenommen ich, bei mir, was ich liebe.
Schatten, die aus der Böschung stürzen, ihre Fahnen

Frische, mein wildes Vertrauen innen im Ohr beim Schwanken,
Schwanken, Drähte, summende Konsonanten, Schwingen
der Gänge, Gerüche, eilige, grüne, die Koordinaten
von morgen, Morgen und sein Meridian aus Unbekannten.


II/IV

28.09.2008 00:44:31 

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