ein bild

Memoria. Antenati




Marendons, Piazzola sul Brenta, um 1920

05.03.2007 18:13:31 

Memoria


I

"Der wartende Schneckenmund", so hieß
das Bild, das über meinem Kinderbett
hing und das ich umtaufte in "Tante Gina".
So entging ich immer wieder den Betrübnissen,
die meine Erbkrankheit mit sich brachte. Wir
hatten kein Holzbein in der Familie, auch keine
Augenbinde. Dafür Zimmer: ohne Ende, Teppiche
mit verschämten Flecken. Berührungen, ich weiß
noch den Tag und die Stunde, die mich das Wort
buchstabieren ließen. "Es geht nicht", * sagte mein
Onkel, als Tante ihm den Weltempfänger schenkte.
Darauf der Engel: Liebe! auf Erden, liebe deinen
Nächsten, deinen Nächsten, deinen Nächsten
wie dich selbst. Spruchband, hing unter dem Bild.


*
    Bewunderter Türstock ohne Tür, der
     das Gehen erleichtert, das Hindurch
      Schreiten, Seitenwechsel, von nichts
       zu nichts, nichts anderes geht verloren.



16.09.2005 20:55:56 

Memoria


III

Es ist dunkel heute Morgen, dunkler als die Nacht
in ihrem schwärzesten Schatten. Im Schlaf noch
habe ich gespürt, dass nur mein Wunsch mir einen
Traum gab, in dem es hell war, freundlich. Im
Innersten zu wissen, dass es kein gutes Zeichen gibt,
das von außen sagt: warte noch, hab Geduld.
Als trüge ich eine Schuld, von der nur andere wüssten,
ich aber nicht. Gestern wieder sah ich eine der letzten
Vogelwolken, die aus der Entfernung wie ein Schwarm
Eintagsfliegen über den Dächern hing, als wäre dies
ein Sommerabend, der schönste in ihrem Leben. Kurz
darauf war sie vom Himmel verschwunden. Die,
die bleiben, verstecken sich in Gebüschen, sitzen
reglos in den Zweigen eines Apfelbaums, der die
Blätter verliert. Selten sieht man Fenster offen stehen.
Mag sein, es ist die Jahreszeit, die alles düster macht
und Gedichte durchwirkt. Es wäre gut, darüber
eine Gewissheit zu haben. Ist ein Freund plötzlich
verstorben, tröstet es, sein Grab besuchen zu können.
Nur den flüchtenden Vögeln lässt man die Wahl, wo
auch immer in den nächsten Himmel zu fliegen.

05.10.2005 10:48:43 

Memoria


IV

dass nur mein Wunsch
mir einen Traum gab


Es ist ruhig, Blätter
die vom Baum segeln
drehen Spiralen.
Gläsernes Bild: flüssiger
Apfel, warmer Kern
in der Schale.

06.10.2005 10:42:27 

Memoria


V

vecchio vecchio, introvabile, come mai
ricordi spezzati armati cucire cucire
senza finire. pungimi. e poi: spiegami
bestiame o
gesù bambin o
cuore

riposa su lana bianca
stanca mi ritrovai nella sera
accanto... accanto...
bestiame o
senti, è inutile spiegarmi
cucire cucire o
le tue mani o
taci

sapone sera vasca
da bagno, schiuma bianca
la pappa la picciotta la tosetta
dammi, non spezzare
cucire cucire
o bestiame o
braccia o
perso


02.12.2005 14:32:58 

Memoria


VI

Schließlich bewegten wir uns - zähflüssige Glasur -
über den Kies und hinterließen klebrige Abdrücke
in den Räumen zwischen den Steinen. Mit einem
Buchsbaumbüschel Abschied genommen, für
viele Wochen Regen gegen die Wand, wo du
Ottilie
… (von Schlaf war nicht die Rede). Davor
ließ ein Bahnhofsvorsteher im weißen Hemd vier
Glöckchen zeitgleich erklingen und ein polnischer
Adjutant verlas Regeln in mangelhaftem Deutsch.
Keine Beschwerden. Trockenes wurde in Form von
hölzernen Keilen in aufbrechende Lichtritzen
getrieben. Trockenes Händeschütteln zum Beispiel,
während wir uns an grasige Ränder vorgegebener
Wege hielten, tippelnd und einander stützend
(stürzend wo es angebracht war) und versuchten
dem zweirädrigen Karren zu folgen, der deine Asche
überführte. Am Ende des Wegs die kassettierte Mauer,
vor der wir uns aufstellten und probten, für den Fall.

21.04.2006 10:36:05 

Memoria: Pentecoste 1960


Mina Mazzini: Il cielo in una stanza

04.06.2006 11:30:33 

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