ein bild

Kismet


Dieses Zimmer betrete
nicht ich.
Ich sitze nicht da am Fenster,
raschele nicht mit der Zeitung.
Wie ein Staubkorn gerate ich
nicht in den Blick dir ins Auge,
Kind. Es ist etwas.
Es ist's.
Aus dem Hut zaubert es nichts
als sich selbst, nichts als sich,
nichts.
Laß es, mein Bruder,
wozu dieser bittere Mund?
Niemand ist tot der noch lebt.
Wir können nicht sterben
auch wenn wir wollten.
Wir waren, wir sind -
jeder für sich
als Gott im eigenen Wort
Saft im Baum des eigenen Lebens,
eilend, aufflammend darin.
Aber hier können wir wenig,
vermögen nicht einmal
die Hände zu heben.
Im Traum träume ich vom Feld
in dem unser Rennen beginnt:
du rennst zu deiner, ich zu meiner Mitte,
mit Fahnen, die wir anzünden,
rennen wir durch uns hindurch
unendlich...

19.08.2008 17:58:04 

Sonntag


Iwan trat vor die Tür, nieste und starb. Galina winselte auf, zerkratzte ihr Gesicht, wollte sich auf Iwan stürzen, riss sich jedoch zusammen und fing an bis drei zu zählen. Vor lauter Aufregung verzählte sie sich dauernd und ließ es sein. Ein Kinderreim kam ihr auch nicht in den Sinn. Galina trat von einem Fuß auf den anderen, bis es dunkel wurde.

Zur gleichen Zeit streckte Warwara Stepanowna ihre Hand zum Hörer, verlor das Gleichgewicht und fiel aus dem Bett. Wladimir rannte entsetzt um sie herum und rollte mit den Augen, bis er die Koordination verlor. In der Küche kochte Olga Marmelade. Völlig unerwartet glitt ihr der Kochlöffel beim Umrühren aus der Hand. Olga setzte sich hin und verfiel in Nachdenklichkeit.

06.08.2008 09:12:02 

I


Die kleine Anja spielte mit dem Ball, sie stopfte ihn in den Mund, spuckte ihn in die Menge, stürzte sich auf ihn und biß ihn in die goldene Mitte. Anjas Eltern zählten gerade das Geld: "Eins für dich, eins für mich, eins für mich, eins für mich..."
"Du hast dich wohl versprochen" meinte Anjas Mutter.
"Du hast dich wohl verhört" sagte Anjas Vater und befeuchtete die Finger.

15.07.2008 19:48:40 

Warten


Das Warten ist einer der seltsamsten Zustände, in die man sich freiwillig zwingt. Es überfällt uns nicht auf offener Straße wie Erstaunen oder Begeisterung. Das Warten wurde vom Menschen für die Bequemlichkeit des Lebens erfunden, und es ist wiederum das Warten, das das Leben auch so unbequem macht.

Man verpasst die Straßenbahn, weil man auf den Bus wartet. Man verdirbt sich die Augen, weil man voller Erwartung in die Ferne schaut. Frau Petrova hat gewartet und ist gestorben. Frau Leskowa hat gewartet und ist gestorben. Herr Ivanov hat lange gewartet und ist gestorben. Und Frau Semjonowa hat nicht gewartet und ist auch gestorben. Man wartet auf die Wurst im Lebensmittelgeschäft und man bekommt Käse. Man wartet auf die ersten Schneeglöckchen und man bekommt Pilze
stattdessen. Warten macht wahnsinnig. Es sitzt uns aber tief im Blute. Wird ein Kind geboren, fängt es sofort an zu warten. Worauf weiß niemand so genau.

01.07.2008 15:21:40 

Wolken


Es bauschen sich die Wolken in den Kleidern. Wer gehen wollte, fliegt zum Wald.
Dort altern Menschen in den Kronen großer Bäume. Den Vater sah ich dort,
einen Stern im halb offenen Mund, grübelte er.

Ich aber trage Schuhe aus Stein,
umarme die Felsen,
vergrabe mich selber im Sand.
senke den Blick vor dem Himmel
beuge tiefer mein Haupt.
Hier ist mein Platz.

Abends fallen Äpfel ins Gras. Ich höre sie nicht. Ich weiß nicht einmal ob sie gefallen
sind oder bloß rote Tropfen waren, die langsam in der Erde verschwanden.
Ob ich träume, ob es wahr ist: die Arme der Wolken, darin mein Gesicht.
Wie eine Kamee.

05.06.2008 18:13:59 

Drei Freundinnen


Es saßen drei alte Frauen auf einer Bank. Eine hieß Kozlowa, die andere Wolkowa, die letzte trug den stolzen Namen Bubentsowa. Alle drei schälten Sonnenblumenkerne. Frau Kozlowa hatte zwei Zähne oben und zwei unten. Bei Frau Wolkowa waren die Zähne sehr unregelmäßig verteilt, alle fünf oben, aber dafür nebeneinander. Das machte das Kauen jedoch nicht leichter. Frau Bubentsowa hatte nur einen Zahn, zum Glück einen recht breiten in einer angenehm hellen Farbe. Die Freundinnen unterhielten sich lebhaft, indem sie lautlos den Mund bewegten. Auch im Alter hatten sie einander viel zu sagen.

Seit ihrer Kindheit waren sie unzertrennlich. Wollte Frau Kozlowa ihre Kuh melken, folgten ihr die Freundinnen auf Schritt und Tritt. Wenn Frau Wolkowa zum Bäcker lief, kamen die anderen mit. Wollte Frau Bubentsowa Pilze sammeln, war sie bei dieser Beschäftigung nie allein.

Frau Bubentsowa war sehr schüchtern und errötete alle halbe Stunde. Die Freundinnen brauchten darum nie eine Uhr. Sie wußten genau: Bubenzowa wird rot im Gesicht – es ist 30 nach etwas oder punkt etwas. Alle drei fanden es sehr bequem und Frau Bubentsowa war stolz irgendwie nützlich zu sein.

Die Jahre verflogen, die Freundinnen wurden alt, ihre Röcke und Kopftücher mit Pünktchen und Blümchen verblichen. Eines Morgens schaute Frau Kozlowa zur Decke und sah etwas was sie ziemlich verwirrte, so dass sie in diesem nachdenklichen Zustand erstarrte. Frau Wolkowa eilte zu Hilfe, folgte dem nach oben gerichteten Blick der Freundin und war über das Gesehene dermaßen erstaunt, dass sie umfiel und nicht mehr aufstand. Frau Bubentsowa breitete gerade Wurst und Käse auf einer Zeitung aus, um den kleinen Hunger zu stillen. Sie hörte ein dumpfes Geräusch im Nebenzimmer, als ob ein Mehlsack vom Tisch auf den Boden fiel. Es wurde still. Frau Bubentsowa atmete schwer und kaute nervös an einem sauren Gürkchen. Zwei Stunden vergingen (sie wurde viermal rot). Bevor sie sich traute ihre Freundinnen zu rufen, räusperte sie sich. Sie räusperte sich noch einmal und es tat ihr gut. Sie räusperte sich mal mit stoßenden Kehllauten, mal mit bedrohlichem Husten, mal streng, mal flehend, bis aus ihrem dünnen Hals ein wunderschönes Lied erklang. Es strömte aus ihr heraus und wuchs, füllte das ganze Haus und war in allen Dorfstraßen zu hören. Frau Bubentsowa sang zum ersten Mal allein, aber dafür wie mit drei Stimmen. Es war ihr, als würde sie sich über dem Esstisch erheben, über dem Haus, über den Feldern, bis alles verschwamm und der Nebel sie umfing.

19.04.2008 16:23:20 

Bäume


Im Dunkeln zeigen die Bäume ihr wahres Gesicht. Ihre langen Wurzeln entblößt durchwandern sie den Park. Sie schleichen wie Diebe hin und her, reiben sich die Hände, räuspern sich. Warum? Als hätten die Bäume einen Fluchtplan entwickelt, der auf seine Verwirklichung wartet.

07.04.2008 17:57:50 

Der Wald der Geigen


Der Wald der Geigen und Celli schaukelt und fängt an zu schwimmen. Jeder
weiß, die Musik ist zum Scheitern verurteilt. Sie wird zerschellen an
sich selbst, wird sich verschlingen, im Schleichen erstarren. Aber es ist noch
nicht soweit. Die Oper ist ein Boot, es dröhnt in ihrem Bauch, und es gibt
nichts was nicht erzittert ausser dem Schlafenden. Keine bösen Blicke, keine
Giftworte und keine Vorurteile! Wer in der Oper schläft, hat sich auch eine
Karte gekauft. Der Schlafende schläft nicht, weil er eingeschlafen ist. Er ist
gekommen um zu träumen. Sein Traum wärmt sich am Orchester wie am
Feuer, erhitzt sich, glüht und steigt in die Luft. Das ist vielleicht das ganze
Glück dieses Menschen. Weckst du ihn, bekommst du eine Ohrfeige. Und
dies wäre noch zu wenig.

23.03.2008 19:01:09 

Die Spur


Wir verfolgen eine heiße Spur. Sie ist so heiß, dass sie zischt, wenn man auf sie spuckt. Beschleunigen wir unsere Schritte, gibt sie auch Gas. Wir jagen eine Spur, die in Kurven zum Wald rennt. Schon bläst uns der morsche Atem der Bäume ins Gesicht. Die Tiere ahnen das Schlimmste und graben Gruben wie verrückt, um sich dort zu verstecken. Hier ist der Wald. Die Spur flieht über die Kronen der Bäume und zündet sie an. Wir ihr nach. Es ist heiß, die Füße flehen heiser um Gnade, aber wir geben nicht auf. Die Spur ist schlau, aber wir sind auch nicht dumm.

16.03.2008 16:13:59 

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