Sylvia Geist

Makula

Ich sehe, wie meine Mutter blind wird.
Noch nichts, was es aufhält, das Fenster,
durch das der Tag die Farben schickt,
dieser Punkt, sagt sie, ist ein weißer Fleck
in der Optik. Es gibt teure Pillen, die nicht helfen,
ansonsten Obst. Die Äpfel, die sie schält,
sind inwendig umrundete Früchte, die Pupillen
folgen schon mehr pro forma der Klinge.

Gut, ihr zuzusehen, die meine Mutter ist und blind
jeden Apfel schälen kann, ihn in zwei, drei, in vier
gleiche Stücke teilen kann, gut, die glänzend
gelungenen Spiralen Schale zu sehen, das sicher
geführte Messer. Der Punkt schärfsten Sehens,
genannt Makula, ist, wenn sie richtig verstanden hat,
die geheime Schwäche des Auges. Keine Sorge,
die man sich dagegen machen könnte,

dass sie die Dinge wenig anders betrachtet als sonst,
das Frühstücksgeschirr mit festen Fingern, die Frucht
mit leichten, mit kühlen meine Stirn, den Rest
je nach der Form des Tages in ziemlich klarem Grau,
dabei begütigend in früherer Kontur, so mein Gesicht.
Gut, ihrer Hand zuzusehen, die meiner zwei,
drei, vier Teile reicht, einen ganzen Apfel, und sich
wieder zu sehen, ist gut, offenen Auges wie sie.

15. September 2009 12:02