Christine Kappe

Diese Karte

Als ich mit den Kindern aus dem Bus stieg, fiel mir auf, dass ich die Hälfte meines Einkaufs im Bioladen vergessen hatte. Das besprachen wir dann beim Abendbrot. Mein Mann trug zwei Paar Handschuhe, weil es so kalt war und telefonierte mit dem Bioladen. Der Bioladenbesitzer war mit meinem Professor verwandt, der uns allen zu Weihnachten eine Postkarte mit seinem Portrait geschickt hatte, welches er selbst daheim, mehrfach dupliziert, als Tannenbaumschmuck nutzte. Ob es dieses verwunderliche Detail war, über das ich den Einkauf vergessen hatte? Jetzt hoffte ich nur, dass ich nicht irgendetwas persönliches in meiner Einkaufstüte zurückgelassen hatte. Doch ich glaube, es war nur diese Karte.

3. April 2018 21:14










Christine Kappe

Als der Balkon in den Hinterhof stürzte

Mein Chef bat mich heute, noch solange zu bleiben, bis ein Schuldner dagewesen war, der 1 Millionen Euro in bar vorbeibringen wollte. „Nicht dass er mich umlegt“, scherzte er. Ich sagte gerade laut: „Der wäre ja auch blöd, wenn er keine Waffe dabei hätte”, als selbiger schon zur Tür hereinkam.
Just in dem Moment brach der Balkon unseres Büros ab und stürzte in den Hinterhof. Mein Gott, wenn ich mir überlege, wie oft ich da in der Mittagspause draufgestanden und telefoniert hab, z.B. mit dir.
Als sich der Staub legte, sahen wir die Sonne spinnenwebengleich in den Spitzen der Bäume hängen. Weiter unten war es schon Nacht.

28. März 2018 22:16










Christine Kappe

Hoffnung

Die einzige Hoffnung heut:
Meine Schwimmtechnik
Ich habe gelernt, zu schwimmen und zu atmen gleichzeitig
Nicht etwa durch Denken oder Anstrengen
Sondern durch Verzweifeln und Immer-wieder-dasselbe-tun

26. März 2018 11:06










Christine Kappe

tot gildet nicht

vielleicht schreit immer nur der, der sagt, was die anderen nicht hören wollen vielleicht sind alle verrückt & nur wenige geben es zu. vielleicht missverstehen sie rechts und links und oben und unten und vorn und hinten

vielleicht schläft der eine viel & plant nicht, wird der andere krank und meints nur gut
aber das hilft nichts, und tot
gildet nicht, wo
soll ich hin

es gibt inzwischen nichts mehr
nichtsmehr

Los
klaut doch
flüstere ich den Leuten am Bildschirm zu
für mich zählt jeder Dieb

19. Februar 2018 06:40










Christine Kappe

Bach würde zu ihr passen

Bach würde zu ihr passen
auch wenn sie ihn nicht hört
auch wenn sie am Ende mich anguckt
als sei ich wahnsinnig
jetzt noch eine Frage zu stellen
sie hat mehrfach bewiesen
dass das alles geht
mit der Menschlichkeit
als Göttin

30. Dezember 2017 16:55










Christine Kappe

Im Unterbewusstsein werden wir um 1 verschoben. Wir geben uns nicht genug Liebe / mit. Wir reißen uns morgens aus dem Bett und müssen los, bevor wir wachgeworden
sind. Wir fahren im Dunkeln irgendwohinwo wir gar nicht hinwollen wo
stimmen inneres und äußeres Bild überein – so gibt es ein inneres und ein äußeres Bild,
Tage, die immer wieder um sich selbst kreisen und dadurch kein Ende nehmen und schließlich ein einziges Knäuel bilden vom Wind vertrieben werden in die Nacht getrieben
werden, dieser Wind. Dieser Abendwind.
Fische.

(Antwort auf: Andreas Louis’ russischen Gedankengang)

18. Oktober 2017 18:23










Christine Kappe

Am Ende der Straße

für Sylvia Geist zum Geburtstag

die Geräusche, die in der Toreinfahrt hängenbleiben
Kindergeplapper
die Lieblingswörter der Jugendlichen
die immer 9 oder 10 mal gesagt werden müssen
und dann ist man bereits am Ende der Straße
oder schon eingestiegen
Ob der Regen wirklich so gefährlich ist, wie der italienische Autofahrer behauptet?
Versuche, aus der Stadt rauszukommen, bevor es dunkel wird
Irgendwas im Nacken, was wehtut

16. August 2017 16:32










Christine Kappe

Neue Schuhe für ein Königreich

Ich wollte mir neue schwarze Schuhe an einem Kiosk kaufen – aber sie hatten nur weiße. Der Verkäufer war besoffen und kam gar nicht erst bis zum Tresen. Der Kiosk befand sich wie die ganze Stadt auf einem Baugerüst. In den Straßen floss Wasser. Der Kiosk war nur Fassade – durch das Verkaufsfenster sah ich ins Meer.
Ich hatte irgendeinen Auftrag zu erfüllen.

10. Juli 2017 21:29










Christine Kappe

Die Applausordnung der Narzissen

Schauspieler rutschen auf dem Rücken
durch einen Kreis von Häusern und blasen
Papierkügelchen durch die Schornsteine,
die sich auf dem Dach zu
Blumen entfalten („Breitet sich das Papier
denn schnell genug aus?“, fragt eine junge Frau)
irgendwo in der Pampas, wo riesige Türme stehen
Mühlen mit abgebrochenen Flügeln,
wo Frauen mit Gasflammenkronen regieren
und eine aus lauter Dreiecken gestaltete
Verkehrsinsel
auf der viele jener gelben leichtzerstörbaren Blumen wachsen,
deren Namen ich immer wieder vergesse.
Wenn meine Vermutung stimmt,
haben sie diese Krankheit mit den fehlenden Spiegelzellen,
wollen zieren statt zehren, lieben statt leben
und dass ihnen jemand den Kopf spaltet
jemand ohne Kopf, ein Engel oder eine Muse
oder ein Kuss

(Antwort auf “Rasenschimmer weist ihr den Weg” von Christian Lorenz Müller)

10. Juni 2017 09:55










Christine Kappe

kein fenster, ein bild
ein buntes kleid
keine geliebte
eine vase, eine muse

ich stolpere über kabeltrommeln
im garten winken deine töchter
treffen entscheidungen statt männer
verkaufen gras
echtes grünes wo gibt es das noch
wo kinder bücher zerfleddern
auf der suche nach ihrer geschichte
bleibt die frage nach dem politischen standort des frühlings

kein scheinwerfer
die märzsonne von
schrägvorn

(Antwort auf Christian Lorenz Müllers BITTE BEACHTEN SIE)

8. Mai 2017 20:50










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