Christine Kappe

Hymne an die elektronische Musik

Skifahrer bei Nacht, der Takt ist viel zu schnell, um ihn
rhythmisch zu erfassen, es handelt sich um die Panik von Skifahrern, die
im Dunkeln noch nachhause finden und nicht erfrieren wollen; eine tiefe
Frauenstimme versichert ihnen aber, dass sie sich nicht zu beeilen brauchen,
das Haus ist längst eingeschneit, abgebrannt?, egal: solange
sie sich bewegen, kann ihnen nichts passieren, angestrengt lauschen sie
dem Sirren der Seilbahn – natürlich ist ihr Herzschlag inzwischen viel lauter

21. Januar 2016 06:40










Christine Kappe

Pferd auch

Ich spiele mit dir im Hof. Auf dem Balkon bellt ein Hund. Du schaust zu ihm auf. Knurrend steht er am Gitter, groß und schwarz. Doch du sagst nur trocken: “Pferd auch.”
Ich will dich erst korrigieren. “Wo ist da ein Pferd?” Doch dann, als ich es wage am Hund vorbei durch die Balkontür ins Innere des Hauses zu schauen, sehe ich – der Sonne zum Trotz, die hier draußen alles zum Leuchten bringt – ganz hinten im dunklen Zimmer auf dem Regal, zwischen schemenhaften Zinnfiguren… ein kleines Holzpferd mit spärlichem Schweif.
Aber ich muss mich schon sehr anstrengen.

für meinen Sohn Arno, damals 3 Jahre

17. Januar 2016 23:03










Christine Kappe

Tage unter Null

Tage unter Null. Um zu erwachen, müsste ich den Gefrierpunkt überschreiten, die Eisdecke durchbrechen, vorm Dunkelwerden ein vernünftiges Wort sagen, nachhause kommen. Doch zu

sind die Augen wärmer. Wer zuerst aus dem Haus geht, tauscht die Warnung der Träume gegen eine Handynummer, die beim Einschalten hochkommt.

Man müsste Eisberge kennen, ich meine, ohne Spitze. Und – das hatte ich noch vergessen zu sagen – wir wählen, was zunehmend an Bedeutung verliert.

Die Abschaffung der Possessiv-Artikel haben wir übrigens Theo zu verdanken.

12. Januar 2016 06:23










Christine Kappe

Zeit. Die Zeit im Herbst. Die kurze. Sonst eigentlich lang.

…  weiß schon gar nicht mehr, was ich damit sagen wollte, aber die Schnelligkeit und die Verallgemeinerungstendenz des Internet passen einfach nicht dazu.
Und sicherlich ist es idiotisch, wenn Eskimos jetzt anfangen, vegan zu essen, bestimmt auch total ungesund für die. Aber die Idee, die Idee!

30. November 2015 13:48










Christine Kappe

Weiße-Kreuz-Platz

Wir können ja nicht einfach hergehen und schlafen
Wir können hergehen und den nicht arm, nicht arbeitslos, nicht schlecht aussehenden Mann, der um 11 schon das 3. Weizenbier trinkt, fragen
ob er mal etwas spendet oder ob er Drogen hat oder ob er weiß, wos langgeht
(Puffbesitzer – der wird die Krise überstehn!)
Früher haben mein marokkanischer Freund und ich den Krieg immer mit einem tragbaren Fernseher verfolgt
aber nur bis zur Schlägerstraße

26. Oktober 2015 07:23










Christine Kappe

Die Freiheitsstatue steht kurz vor Reims

die Freiheitsstatue steht kurz vor Reims und am Rand von Paris wir Frauen
tratschen & haben einen Überblick dick sind wir
Familienoberhäupter aus allen Nationen
sicherlich
ist die Stadt einer unserer Exzesse wie die Frau mit den blauen Wimpern
ist sie behindert oder total breit?
am Ende des Tages kommt ein alter Mann
legt ihr ein Tuch um die Schultern spricht mit ihr füttert die Tauben die Tauben
wirbeln das Licht auf ohne das es diese Stadt nicht gäbe wir
haben alle verkrüppelte Füße und zerrupfte Körper
der alte Mann führt die Frau über die Straße muss sie stützen
sehe den beiden noch lange nach
& Blütenstaub
ob sich auch jemand um mich kümmert wenn ich verrückt bin?
andererseits will ich erst gar nicht verrückt werden
lieber weinen

(für Sylvia Geist)

12. Juli 2015 21:27










Christine Kappe

Moskau – Berlin

Das Wasser auf der Tragfläche trocknet in Sekunden
“Hier scheint immer die Sonne”
tröstest du mich
wir haben die vorderen Sitze runtergeklappt und die Beine daraufgelegt
fragt sich, in welcher Sprache wir lachen
“Draußen dürften es jetzt -50 ° sein”
fühl mich so hilflos, auszudrücken
dass der Himmel hier doch
und sowieso anders ist
(njeba oder njebeßa?)
nicht Angst vorm Fliegen, sondern Angst vorm Himmel
könnte aber auch bloß ein Übersetzungsproblem sein

4. Mai 2015 09:31










Christine Kappe

mehr als alles

Und im Augenwinkel sehe ich
wie sie nicht nur alles zerstören
sondern mehr als alles
weil sie wollen, dass gar nichts mehr ist
lieber gar keine als eine ungerechte Welt
was sie eigentlich wollen

sterben
ohne darüber nachgedacht zu haben
was das ist
Kurz der Gedanke: Wir müssen was tun
weil ja diese Dinge auch nicht in Sprache
nicht mehr sein ist etwas anderes als nicht sein
und noch nicht gewesen sein
aber ob es, was es in Sprache gibt, auch gibt
und ob die Schönheit siegt, nur weil wir es wollen

aber ob das ein Beweis ist

was aber ist schön
auch Zerstörung?
Gewalt?

nicht mehr sein ist etwas anderes als nie gewesen sein
ob beides ewig ist
ob die Ewigkeit
unterbrochen werden kann
ob es einen Zusammenhang zwischen nicht mehr sein und noch nicht sein
ob das sein kann
ein Anfang ohne Ende, Ende ohne Anfang
und ob, was einmal war, nur in der Erinnerung, in der Sprache
nicht auch in unseren Körpern, in der DNA, aufbewahrt ist

wenn sie auf Körper einschlagen
wenn sie auf das, was Leben wertvoll macht, einschlagen
wenn sie auf den Glauben an etwas Schönes, auf die Hoffnung
auf etwas Schönes einschlagen

lieber soll gar nichts mehr sein / sie wollen, dass nichts mehr ist
sie wollen nicht sein
es ist ihnen egal, ob sie sind
ob ihr systematisches Vorgehen eine Systematik beweist
ob hinter ihnen ein Gott, ein grausamer Gott steht

ob hinter der Systematik höhere Mächte stehen
(wenn ja, wieviele, und wenn eine warum nicht zwei, und warum, und wenn alles nur ein Spiel ist)
oder nur Drogen
Rausch

ob sie nur das sind, was sowieso passieren wird

wenn wir es nur im Augenwinkel sehen, im Fernsehen, im Internet
ob wir das dann sind, /ob wir das dann selbst sind

(oder einer von uns, oder zwei
wenn wir nichts sagen
wenn wir nichts tun
wegen der Ungleichheit
wegen der Unterschiedlichkeit
die ja das Leben ist
nur im Tod sind wir gleich, nur wann und warum

und weil “sehen” die Vergangenheit von “wissen” ist
und wir eigentlich rückwärts gehen
und weil die Zukunft in der Vergangenheit liegt
zerstören sie alles
was mehr als alles ist

14. März 2015 10:32










Christine Kappe

das Leben zählen

Überall Digitalanzeigen, die das Leben zählen
damit wir uns nicht freuen
wir blauen blutsaugenden Spinnen
mit Händen statt Füßen an den Beinen
die Vorstellung, dass das Leben sich verzweigt, aufästelt, immer mehr wird, komplexer
aber ob blau oder grün
im Innern sind alle Spinnen rot
kurze Generationsfolge einerseits
Vampirismus andererseits
ob eine Spinne nicht die nächste ist
und ob sie überhaupt sterben, wenn in ihnen bloß Blut flieht
an den Beinen wachsen Hände
und an den Fingern Hände mit Fingern, an denen Hände wachsen…
gibt es eine andere Möglichkeit für diese Tiere
etwas anderes als das Leben zu wählen
ein Tier mit 8 Beinen, also 8 Händen
muss, um zu überleben, das Blut von 8 Tiere trinken
danach wachsen ihm 40 Hände…
die nächste Zahl ist 200
der Faktor heißt 5
das Geheimnis des Lebens ist ein  Rechenproblem
“Das Leben ist bloß eine Matheaufgabe”
Irgendwer vermutete, dass sie eine Seele haben
ja, eine Seele für 2 Hände, aber für 8?
und können sie nicht Pflanzen essen?
Und wenn die Erde, auf der sie leben, eine Insel ist
die von unten verfault und von oben immer neugebaut werden muss
werden sie nicht müde?
Und wenn die Erde, auf der sie leben, auf die Sonne, von der sie leben, zurast
werden sie sich nicht müde?
ist es das Leben?
sind das wir?

12. März 2015 09:17










Christine Kappe

kleine russische Sprachleere

In Russland gibt es mehr Felle als bei uns
Das Leben ist dort kälter, rauer und doppelbödiger
Auf den einzelnen Böden geht es dann aber wieder sehr direkt zu
Den Satz “X sastreliwajet B. Njemzowa pistoletom pri stenje”
(“X erschießt B. Nemzow mit einer Pistole bei der Mauer”)
können wir nicht ohne weiteres übersetzen
: uns fehlt der Instrumental (pistoletom) und der Präpositiv (pri stenje)
So gelangen wir unweigerlich in den Breich der Nachdichtung
und für X außerdem in den Bereich der höheren Mathematik

Was also kann die Lösung sein

Die Frage ist, ob a) die Lösung nicht im Satz enthalten ist, wie in einem heiligen Mantra
b) X überhaupt Russe ist
oder c) die Lösung öffentlich gemacht werden darf
ohne dass solche Sätze über einen selbst gesagt werden
Und die Anteilnahme ist dann auch noch nicht bewältigt!

(Übrigens: Der Akkusativ kommt im Russischen, anders als im Deutschen, erst nach dem Genitiv und dem Dativ, er ist peripherer, was allerdings keinen Rückschluss auf die Semantik zulässt, sondern lediglich ein anderes Ordnungssystem zur Kombination der Elementarteilchen darstellt)

8. März 2015 10:15










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