Christine Kappe

… Der Film war gut, aber schrecklich, er rüttelte uns alle wieder wach, beunruhigte, faszinierte uns. Er handelte von einem jungen Schwarzen, der hochschwanger war und durchdrehte. Mitten auf der Autobahn hielt er an, stieg aus seinem Auto und lief auf die Fahrbahn. Er verursachte einen schlimmen Auffahrunfall mit mehreren Toten und wollte sich am Ende selbst umbringen. In dem Moment ging die Sonne auf und er schaute in die Sonne, schöpfte wieder Hoffnung und ließ von seinem Tun ab. (Auf dem Plakat sah man den Mann mit einer Weltkugel als Bauch, die Weltkugel reflektierte das Sonnenlicht.) Mensch, das war eine tolle Art mit dem Thema umzugehen, aber niemand verstand es, und wir verstanden nicht, dass es niemand verstand und irgendwie doch, das war halt das Drama, alles war zu nah dran, wir mussten erst ein paar Jahre warten, und eigentlich hatten wir den Film ja gedreht, in unseren Köpfen, in unseren Träumen, und eigentlich wussten wir da auch die Wahrheit und konnten angemessen handeln, aber verdammt, wir lagen im Bett, wir waren im Bauch, wir spürten die Wärme, ein Funken Hoffnung, an Handeln war nicht zu denken, und da war ja noch der ganze Anfang, den ich weggelassen hatte, die Fahrt zum Kino, den Stau, unseren Übermut, das Schwitzen, die Eitelkeit, den teuren Sekt, die unglückliche Liebe, die kaputte Familie und die Angst vorm Altwerden …

29. März 2016 10:44










Christine Kappe

die Nähe nicht ertragen
mich völlig
die Zeit nicht mehr wissen
haben halten?
im schwindenden Licht Türklinken und Pflaumen kaufen
extra für 2 Pflaumen
in so einen großen Supermarkt
das rächt sich nochmal

15. März 2016 07:00










Christine Kappe

aus unserem kleinen Dorf 1

Thorsten hatte einen Holzkopf. Deswegen hörten alle auf ihn. Wenn er redete – und er moderierte ja immer die Wochentage – schlug er sich ein paar Splitter vom Schädel. Damit unterstrich er seine Worte. Das sah beeindruckend aus. Manchmal ließ er absichtlich ein paar Späne hängen, sie lockten sich dann und ließen seinen Kopf größer und schöner erscheinen. Natürlich wurde sein Kopf in Wirklichkeit immer kleiner. Aber das wollten wir nicht wahrhaben. Wir liebten nicht nur seine fetzigen Vorträge, sondern waren energetisch angewiesen auf ihn, ohne dessen Sound wir in der lähmenden Lethargie unseres kleinen Dorfes versunken wären.

2. Februar 2016 12:25










Christine Kappe

Hymne an die elektronische Musik 2

„Das Leben ist eine Eisrennbahn. Liegt Schnee, ist es kalt; liegt kein Schnee, ist es glatt; taut es, war alles nur eine Täuschung“, dachte der Japaner und lief so schnell wie Regentropfen fallen.
“Wenn ich die Augen schließe, sehe ich das Zittern auf der
Wasseroberfläche von unten, dann ist es nicht mehr das Zittern auf der
Wasseroberfläche, es ist das Zittern unter der Wasseroberfläche, auf der
Wasserunterfläche, das Zittern im Wasser, das Zittern, mein Zittern; es ist
die Musik des Anfangs und des Endes, d.h. des Windfangs,
der Umfang dieser Musik beträgt 1 Wasser, das Wasser trägt mich.”

23. Januar 2016 18:30










Christine Kappe

Hymne an die elektronische Musik

Skifahrer bei Nacht, der Takt ist viel zu schnell, um ihn
rhythmisch zu erfassen, es handelt sich um die Panik von Skifahrern, die
im Dunkeln noch nachhause finden und nicht erfrieren wollen; eine tiefe
Frauenstimme versichert ihnen aber, dass sie sich nicht zu beeilen brauchen,
das Haus ist längst eingeschneit, abgebrannt?, egal: solange
sie sich bewegen, kann ihnen nichts passieren, angestrengt lauschen sie
dem Sirren der Seilbahn – natürlich ist ihr Herzschlag inzwischen viel lauter

21. Januar 2016 06:40










Christine Kappe

Pferd auch

Ich spiele mit dir im Hof. Auf dem Balkon bellt ein Hund. Du schaust zu ihm auf. Knurrend steht er am Gitter, groß und schwarz. Doch du sagst nur trocken: “Pferd auch.”
Ich will dich erst korrigieren. “Wo ist da ein Pferd?” Doch dann, als ich es wage am Hund vorbei durch die Balkontür ins Innere des Hauses zu schauen, sehe ich – der Sonne zum Trotz, die hier draußen alles zum Leuchten bringt – ganz hinten im dunklen Zimmer auf dem Regal, zwischen schemenhaften Zinnfiguren… ein kleines Holzpferd mit spärlichem Schweif.
Aber ich muss mich schon sehr anstrengen.

für meinen Sohn Arno, damals 3 Jahre

17. Januar 2016 23:03










Christine Kappe

Tage unter Null

Tage unter Null. Um zu erwachen, müsste ich den Gefrierpunkt überschreiten, die Eisdecke durchbrechen, vorm Dunkelwerden ein vernünftiges Wort sagen, nachhause kommen. Doch zu

sind die Augen wärmer. Wer zuerst aus dem Haus geht, tauscht die Warnung der Träume gegen eine Handynummer, die beim Einschalten hochkommt.

Man müsste Eisberge kennen, ich meine, ohne Spitze. Und – das hatte ich noch vergessen zu sagen – wir wählen, was zunehmend an Bedeutung verliert.

Die Abschaffung der Possessiv-Artikel haben wir übrigens Theo zu verdanken.

12. Januar 2016 06:23










Christine Kappe

Zeit. Die Zeit im Herbst. Die kurze. Sonst eigentlich lang.

…  weiß schon gar nicht mehr, was ich damit sagen wollte, aber die Schnelligkeit und die Verallgemeinerungstendenz des Internet passen einfach nicht dazu.
Und sicherlich ist es idiotisch, wenn Eskimos jetzt anfangen, vegan zu essen, bestimmt auch total ungesund für die. Aber die Idee, die Idee!

30. November 2015 13:48










Christine Kappe

Weiße-Kreuz-Platz

Wir können ja nicht einfach hergehen und schlafen
Wir können hergehen und den nicht arm, nicht arbeitslos, nicht schlecht aussehenden Mann, der um 11 schon das 3. Weizenbier trinkt, fragen
ob er mal etwas spendet oder ob er Drogen hat oder ob er weiß, wos langgeht
(Puffbesitzer – der wird die Krise überstehn!)
Früher haben mein marokkanischer Freund und ich den Krieg immer mit einem tragbaren Fernseher verfolgt
aber nur bis zur Schlägerstraße

26. Oktober 2015 07:23










Christine Kappe

Die Freiheitsstatue steht kurz vor Reims

die Freiheitsstatue steht kurz vor Reims und am Rand von Paris wir Frauen
tratschen & haben einen Überblick dick sind wir
Familienoberhäupter aus allen Nationen
sicherlich
ist die Stadt einer unserer Exzesse wie die Frau mit den blauen Wimpern
ist sie behindert oder total breit?
am Ende des Tages kommt ein alter Mann
legt ihr ein Tuch um die Schultern spricht mit ihr füttert die Tauben die Tauben
wirbeln das Licht auf ohne das es diese Stadt nicht gäbe wir
haben alle verkrüppelte Füße und zerrupfte Körper
der alte Mann führt die Frau über die Straße muss sie stützen
sehe den beiden noch lange nach
& Blütenstaub
ob sich auch jemand um mich kümmert wenn ich verrückt bin?
andererseits will ich erst gar nicht verrückt werden
lieber weinen

(für Sylvia Geist)

12. Juli 2015 21:27










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