Christine Kappe

Minsk 3

Saal 18
Ich dachte, es gäbe keine heidnischen Götter
Überall Weiß
Niemand weiß, warum der Ritter ein Kreuz trägt, obwohl er an nichts glaubt
Jesus fällt in weißrussischer Tracht aus dem Himmel
Löcher im Bild und eine
Symmetrie
Das “ausverteilte ” Land

Und das hier mitten drin
einige Tschernobylfehlgeburten
Der Strom ist derselbe
Es geht voran
oder ist Gas wichtiger als die Nationalfrage
die kranken Kinder wurden als Friedensboten gesehen

Früher standen die Sitze andersherum
das ist alles
Wir haben nicht alles, was wir zeigen möchten
erklärt die Wärterin
Bei uns ist es umgekehrt, wirft H.-H. so dahin

Die Schwierigkeit, Waffen und Schmuckstücke auseinanderzuhalten
wo war ich?
ach ja, Saal 19

15. Februar 2014 10:00










Christine Kappe

Minsk 2

Muss aufpassen
dass ich nicht auf der Rennbahn der gnadenlosen Läuferinnen spazierengehe
womöglich ihnen entgegen
wie hier am Ufer zur Mittagszeit
Denk dir nur
Während du lässig träumend über einen Kreidestrich gehst
kinderleicht
ist es für manche das langersehnte und einzige Ziel
(muss auf den Rasen springen, als sie vorbeisprinten)
(und eigentlich geht es ihnen gar nicht um Sport, hier, wo das Leben so anstrengend ist)
Es fiel das Wort Heldin
ins Wasser
Irgendjemand zimmert einen Pavillon

Die unerschütterliche Freundlichkeit der Weißrussen: wenn sie den Weg nicht wissen, sagen sie ihn trotzdem

14. Februar 2014 11:58










Christine Kappe

Zustellversuch 6

Rimpau 21. Irgendwo muss der Hund sein… Der Hermesbote hat die Lieferung nicht grundlos auf die nasse Erde neben dem Gartentor gestellt. Ich sehe nichts, höre nichts, gehe durch die offenstehende Pforte zur Haustür. Stille. Ich werfe die Post ein. In diesem Moment bellt er los und wirft sich von innen gegen die Tür, zerfetzt die Post, tobt, ich höre ihn noch, als ich schon 5 Häuser weiter bin.

Einmal war er im Garten. Ich hörte ihn durch die blickdichte Hecke. Sein Bellen klang wie ein Husten, bei dem sich viel Schleim löst. Seine Herrin rief mir zu: „Ich habe ihn an der Leine!“ Aber das war mir egal, ich wollte leben. Ich warf die Post auf die Erde und fuhr so schnell wie möglich weiter. Ich hörte, wie die Frau ihren Hund anschrie, dann schrie sie hinter mir her.

Doch der Hund kann nicht anders: das freistehende Haus ist ein Paradies: die Garage mit dem silbergrauen Jaguar steht offen, Fahrräder lehnen unangeschlossen am Zaun, Spielzeug liegt über den Rasen verteilt und an der Haustür hängt von außen ein dicker Schlüsselbund.

28. Januar 2014 14:24










Christine Kappe

Moskau 2

Geschichte ist teuer
und wird zu einer Zeit ausgegraben
da die Zukunft verschüttet liegt
Wieder einmal haben sie die Weihnachtsbeleuchtung nicht abgenommen
Es ist ein hoher Ton im Verkehr hier
etwa eine Mücke
krepostj
die Beschreibung des ersten Gebäudes der Stadt
durch dicke Brillengläser
Die Anstrengung, uns das vorzustellen
während die Holzstraßen uns ins Gesicht geschrieben stehen
und die vielen unbekannnten Vokabeln für Holzgeräte

26. Januar 2014 17:49










Christine Kappe

Moskau 1

Aus dem Fenster
nichts
oder besser gesagt, Nebel
aus dem langsam die Häuser hervorbleichen
(sind dennoch von Nahem sicherlich alles andere als hell)
Moloch
ist schon so
An der Wand: Bild einer Waldlichtung
sicherlich Puschkins
Da ich mich jetzt doch fürs Fliegen entschieden habe
muss ich eine “Schtraf” von 11 $$ zahlen
Versuche vergeblich, dort jemanden zu erreichen
Es ist
Ich höre die Stimme der Frau sehr gut
aber sie mich überhaupt nicht
so als wäre ich gar nicht da
Muss wohl an diesen Telefonen liegen
Oder an der Uhrzeit
Oder dem Nebel
… jetzt lass erstmal den Zug vorbei
Warum ich den hier oben im 28. Stock bei geschlossenem Fenster so laut höre weiß ich auch nicht
Einfach in die bleichen Häuserblöcke starren

Freedom
steht auf ihren Namensschildern

20. Januar 2014 08:30










Christine Kappe

Leipzig 1

Wir stiegen auf den Müllberg
weil er der höchste war
und man auf ihm von Kindheit sprechen konnte

*

Die Luft roch nur hier wirklich nach Winter
nach Sylvestern
nach permanenten, heimlich gefeierten Sylvestern
dabei wurde lediglich in den Kaminen gefeiert
Sektkorken knallten dort, Bowle zischelte
Gelächter und übermütige Stimmen
der Rauch über den Dächern
der in der klaren Luft
zu etwas Zynischem erstarrte, schwarz
-
Die Fenster waren alle dunkel

nur nicht die, hinter denen gerade renoviert wurde

hie und da die obere Hälfte einer Trittleiter… oder eines Weihnachtsbaumes? – einerlei
von der Decke hingen in der Regel 60 Watt
zur Ausleuchtung der Augenhöhlen

15. Januar 2014 12:50










Christine Kappe

Stöcken 2

Die Häuser trotzen dem Schnellweg mit kleinen Balkonen, auf denen sich alles, was schmückt, häuft, ohne zu schmücken. Das rührt mich. Der Wille, zu leben, kann sich nicht deutlicher ausdrücken.

Wir gehen weiter. Ich weiß nicht, ob es einen anderen Stadtteil mit so vielen Fahrrädern gibt. Sie sind natürlich schrott und stehen zwischen ausrangierten Kleintierkäfigen und Fenstern, durch die man in die Keller der Fabriken sehen kann. Nur dort ist es hell, warm und neu, aber auch die letzten machen jetzt Feierabend.

9. Januar 2014 10:15










Christine Kappe

Zustellversuch 5

Barlinge 1. Vergebliches Gespräch mit einer alten Frau im Hausflur, friere durch, weil ich vorher geschwitzt habe, warum wir keinen Schlüssel kriegen, warum es den Menschen nur ums Geld geht. Ihr rechtes Auge ist kleiner und tränt, ob sie damit was sehen kann? Sie will meine Hände fühlen, wie kalt die sind, doch ich hab Handschuh an. Nachher erklärt mir mein Kollege, die Hoftür sei dort immer offen und ich weiß nicht, ob dies oder der wärmende Blick eines Mannes, den ich erfunden habe, mich über den Tag gerettet hat.

4. Dezember 2013 09:41










Christine Kappe

Erinnerung an den Sommer, jetzt schon

Jetzt schon unvorstellbar: die schattigen Ecken der Umkleidekabine im Eisenbahner-Freibad, ein kühler Schauer, den ich in Kauf nehme, nicht aber den Schrecken, den mir das dicke Mädchen einjagt, das dort hockt und heult, als würde die Welt untergehen; ich denke sofort: sie übertreibt, und gleichzeitig spüre ich, sie hat recht, sie hat verdammt nochmal recht

“Hast du dich mit deiner Freundin gestritten?”
“Das ist nicht meine Freundin, das ist meine Klassenkameradin!”

Bienen hängen am Lavendel, der sie angeblich vertreibt

Ich schreibe in einen politisch unkorrekten Block, die Frauen von den Fahrrädern versuchen, die Frauen von den Handtüchern zu vertreiben, der Kampf um die letzten Trinkvorräte, die Männer von der Bahn schleppen riesige Wasserkanister aus dem Fahrstuhl bis an die Treppe, die vom Bahnsteig nach unten führt, und lassen sie dann auslaufen

Traust du dich vom Dreier?

Alles bringt uns um, Wespen & Schwebfliegen, Strahlung & Feinstaub, gehärtete Fette & lange Haltbarkeit
Die Platanen werfen uns ihre Rinde vor die Füße, … und jetzt auch noch die Blätter

8. Oktober 2013 15:30










Christine Kappe

“CW hätte ich ja noch verstanden”

für Dirk Baumeister

und schon haben wir den Traum der letzten Nacht vergossen

Die Rolle, die ich spielen sollte, war schon von einer anderen Frau besetzt; vielleicht weil ich einmal krank war und sie ein Foto gemacht hatten (blaues Kleid, braunes Haar? Der Schweizer weiß nie, wie die Frauen aussehen.) Das Viertel, in dem es spielte: nicht ganz geheuer. Aber das war es nicht. Sie trommelten zu viel und sprachen zu schnell. Und nachher waren wir zu anstrengend!
Also: die Frau wurde schon von einer anderen gespielt, und ich sollte plötzlich den Pater spielen, weil ich Latein kann. Las dann allerdings auch die Aufschrift der Getränkeautomaten mit, die auf der Bühne standen. Auf der Bühne: totaler Lärm: Baustellen, Hubschrauber, Umhergerenne, ca. 3 Männer in weißen Kitteln legten mich in ein Bett, fragten nach meinem CG-Wert und wollten mir eine Spritze verpassen.

CW* hätte ich ja noch verstanden

(*cw-Wert = Luftwiderstandsbeiwert)

21. September 2013 08:50










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