Marjana Gaponenko

Agafon, der alte Trinker

με Αγάπη

Schneenacht, zögere nicht –
eine Witwe wartet auf dich
an einem Zaun,
ein Häufchen Atem.

Steig herab für eine, die da steht,
den Mann empfangend,
der nur einmal
nicht heimkam.

Er sei ihr
näher als je zuvor.
Er soll in ihre Augen schneien
und gleiten als Eiskorn
zur Herzkammer.

Bis sie ihn versteht,
das Gesicht in den Händen vergräbt.
Agápe.

26. Januar 2010 22:41






Marjana Gaponenko

Seraphima, die Schwerhörige

Du weißt: wenn es schneit
schauen sie alle dir zu –
die Toten und Kommenden,
wie du nicht nähst,
wie du fröstelnd nichts tust.
Durch den Schnee hindurch
sieht man dich, Phima.

Immer am Fenster,
auf einem Bauernstuhl,
wie von Spinnen geschnitzt,
thronst du, Atem der Spitzengardine,
während die Erdscheibe
im Weltteich dieselben
traurigen Fische umkreist,
während die Anderen lieben
und öffnen die Münder
voller schmelzender Worte
wie Marktbonbons.

Wie kann es dich rühren?
Es schneit und du weißt:
sie schauen dich an –
die Toten und Kommenden,
jede Flocke – ein Blick
im Boden versinkend.
„Ob es darunter auch schneit?“
sagst du und lachst
fast erschrocken
vor plötzlichem Glück.

10. Februar 2010 21:17






Marjana Gaponenko

Michail, ein Vater

Im Schneegestöber schellten die Glöckchen,
Wolfsstimmen, trocken,
legten sich ins Gespräch.
Auch du rücktest,
obwohl du nichts ahntest,
zur Tür deinen Körper –
Becher mit schäumendem Blick.

Und siehe: der Schlitten bog um die Ecke,
man reichte dir einen Rubin,
ein Füchslein, ein Söhnchen,
ein Menschenkind
- als hätte der Duft
an der Blume gerochen,
verschwindend darin.

22. Februar 2010 22:10






Marjana Gaponenko

Mascha

(Die Dramatische)

Unter Menschen hast du die Augen geschlossen.
Nicht diese. Andere. Jene, in denen du sanft
an Klippen zerschellst, von Brücken springst
und nicht fällst, brennst und nicht brennst.
Auf das Lachen der Anderen legtest du deines,
einen Stein.

Als hätte die Mutter niemals gesagt:

“Zwei kühle Saphire sind deine Arme,
in deiner Brust tickt ein Opal,
aus Jade sind deine Beine,
aus Eisen ist dein Leib.

Du sollst nicht weinen. Wenn du es tust,
dann rollen dir die Perlen aus dem Mund.
So legen Hühner ihre Eier, Kleine.
Du, Kücken, liebes dummes Huhn!”

13. April 2010 18:11






Marjana Gaponenko

Daschkowa

(die Verbannte)

Wann war das, Daschkowa?
Du hast einen Degen geschwenkt
im Namen der Zarin,
die deinen nicht mit einem
Wort erwähnte,
bevor sie tanzend in die Erde sank,
den St. Andreas Orden
von der Grande Parure abreißend.

In deiner Equipage,
überzogen mit Samt,
wärmst du eine Tasse:
Goldrand, Blumenrelief,
ein Wunder aus Meißen.

Du bist die Frau, die eisern
ihren Tee trinkt bei voller Fahrt,
und wenn es sein muss,
wirst du Teeblätter kauen.
Du überlebtest alle deiner Zeit;
sie selbst sitzt neben dir
ein Luftzug, der zu ziehen vergisst.

Wärme die Tasse, Daschkowa,
wärme sie gut!
Als ginge es um etwas
Größeres als die Erlösung.
Schau auf den Kutscher –
er rutscht seit Jahren vom Bock
und kann gar nicht fallen.

5. Mai 2010 21:36






Marjana Gaponenko

Katharina

(die Große)

Vollendet, vollbracht, vorbei!
Die Königin spuckte ihr Seelchen
in die Hände der Popen,
ein Rubel in den Schnee.
Es fielen Mützen auf den Sarg
wie Zottelköpfe –
so grüßte sie ihr Volk.

Du schwebtest vorbei
auf den Schultern der Männer,
Engel in Paradeuniform.
Du schautest aus allem.
Du dachtest:
es muss mich geben,
fürwahr, mein Gott!

19. August 2010 23:48






Marjana Gaponenko

Der Teeziegel

(Kanton-Amsterdam 1785)

Eines Nachts trittst du an Deck.
Plötzlich weißt du:
die Sterne sind Sommersprossen.
Plötzlich siehst du nichts mehr,
nur dass du kleiner bist,
so viel kleiner als sie.

Kaufmann aus Holland,
der Himmel salzt zwar alles zu,
doch nicht die Angst
nicht mehr zu sein.
Sie blieb von dir zurück
und noch ein Ziegel Tee
so viele Nächte später.

Dass er, aus Staub gemacht,
noch nicht zerfiel,
sei dir und mir ein Trost,
mein Freund.

11. Januar 2011 00:14






Marjana Gaponenko

Der Kühnste

(Unter den Menschen)

Kehre, oh, kehre zurück,
zarter Jüngling im hölzernen Uhrwerk des Greises!
Sei was du bist, entsteige
dir selbst,
und ich weihe mein Leben
dem Schritt den zu tun
niemand vermag
und jeder doch tut.
Unaufhörlich.
Unsichtbar.

Man sagt, die Erde sei rund,
darum wohl beugt sie
den Menschen. Mag sein.
Doch schaue einmal
in mich, wie ich krieche
zwischen den Lanzen von Blitzen,
furchtlos, wissend um dich.
Schau und sei was du bist,
zarter Jüngling im hölzernen Uhrwerk des Greises.

28. Februar 2011 21:06






Marjana Gaponenko

Das Schloss II

Nie wieder.
Niemals. Nie-mals.
Zu tief steckt die Wurzel
den Wörtern im Hals,
und das was zählt,
verfliegt, mein Gott,
bedeutet plötzlich nichts,
als einen Mehlsack,
der dumpf zu Boden fällt.

Auf! Fall, Riegel, in das Schloss.
Zerbrich entzwei, Sequoia-Baum.
Du sollst zerbersten, Fisch,
mit einem lauten Knall
in deinem Blätterteich
nach dreißig Karpfenjahren.

An diesen Fenstern
gehst du wirklich vorbei.
Fremde liegen im Schlaf
wie Tränen dahinter.
Dann näher zum Wald.
Moderholz Harzwürze.
Tiefer! Vergiss, wie
weißgolden das Messer
aufblitzte bei Tisch,
des Ellenbogens
blankes Material,
wie die Uhr
in dein Gesicht schlug
scharfkantige Süße.

Es ist aus. Nie wieder.
Niemals.
Prinzessin.

21. November 2011 21:04