Björn Kiehne

Klagemauer

Ich lehne meine Stirn
an die warmen Steine,
die das Licht tranken,
das vom Himmel fiel.

Wörter fliegen auf
wie nervöse Tauben
formen vor der Sonne
Gebete aus Wasserdampf.

Für wen bete ich – für den
Vater der Mutter – den Täter,
für die Mutter des Vaters –
das Opfer, für mich selbst, der

hier in den Mauerritzen lebt,
ein wenig Dreck und Schmerz,
der müde seine Klagen in
den warmen Stein schreibt?

7. September 2015 10:26










Björn Kiehne

Aber ich weiß

Ich gehe zurück in meine Geschichte
an den Ort mit den Löchern in der Zeit –
der einzige Fluchtweg ist der nach innen,
du weisst das, deshalb such ich dich dort.

Die Landschaften, die auf mich warten
sind aus glühendem Eis, Schnee
dampft auf Bergrücken,
die schwer am Himmel tragen.

Ich spreche jetzt nicht über das
Getrennt sein, allein, mir nicht genug –

lieber über flimmernde Blumenwiesen,
die das Schmelzwasser in Silberfäden
ins Tal senden, lieber über die
Pappelstraßen der Ebene,
die heckenbewachten Bäche,
das Dorf an der Mündung des Flusses,
in dem ich dich einmal sah, lieber
über die Dünen, die kleinen Büsche
wilder Rosen, das Nebelhorn,
das durch die Sandtäler dröhnt.

Bald öffnet sich der Blick,
bald leuchtet das Meer,
bald such ich den Horizont ab nach dir,
Welle für Welle, Jahr für Jahr –
ich kann dich nicht sehen,
aber ich weiß, du bist da.

22. Juli 2015 12:46










Björn Kiehne

Einige Worte über den Regen

Es ist noch weit
und der Himmel reißt,
dieses Tuch mit gemalter
Sonne, Wolken, Sternen.

Wie wäre es,
durch die Luft zu fliegen,
nicht mit jedem Schritt
Staub aufzuwirbeln –

wer bin ich denn noch,
wenn hinter dem Horizont
nur ein weiterer wartet?

Aber der Regen kommt,
ich öffne den Mund,
lasse die Wörter trinken,
so dass sie zueinander finden,
Sätze bilden, von mir erzählen.

Jetzt tanzt er auf meinem Scheitel,
tropft in meine Gedanken;
mein Kopf läuft voll – ein Ozean,
in dem sich die Knoten lösen,
in dem die Erzählfäden frei schweben.

Seht, ich gehe mit dem Regen fort,
weit weg, an einen sicheren Ort.

(Anuradhapura, Januar 2015)

6. Februar 2015 14:45










Björn Kiehne

Das Herz des Waldes

Die Hitze flimmert,
den Äckern platzt die Haut,
Steine glühen in den Wunden,
einer löst sich steigt singend auf.

Die Lerche flieht in den Wald,
im Farndickicht ist es kühl,
dort schimmern Wasserläufe,
Wege ins Waldasyl.

Die Säulenhallen der Buchen,
der Eichelhäherschrei
zerteilt den grünen Dämmer
gibt die Lichtung frei.

Hier ins Moosbett legen,
dem Quellgang folgen,
das Herz freilegen –

vordringen in immer
tiefere Schichten
der Einsamkeit.

13. August 2014 10:36










Björn Kiehne

Kurfürstenstraße

Ich zeige dir die Nacht,
lass dich teilhaben
am Hunger der Stadt;

für dich die Rose,
die Schrift aus Schnee,
in der ich deinen
Namen auf den Asphalt schreibe;

du läufst auf und ab,
ziehst im Gehen seine Linien nach,
versuchst dich zu erinnern:
das Dorf, der Garten, das Lachen;

die hungrigen Autos warten,
stehen Schlange für dich,

das Mädchen, die Straße, die Welt,
die Welt mit der Wunde
zwischen den Beinen;

später dann leuchtest du
die Nacht aus mit Blicken,
die dir nicht mehr gehören;

wachst am Morgen zwischen
Müllsäcken auf,
wo es nach Erbrochenem riecht
und vergossenem Wein;

Gedanken lösen sich aus deiner Stirn,
legen einander die Hände
auf die Schultern,
reihen sich zu einer Polonaise
hinunter zum Kanal,

dorthin,

wo ein Schiff auf dich wartet,
ein Schiff, das dich fortbringt,
fort aus dieser hungrigen Stadt.

11. Juni 2014 13:07










Björn Kiehne

Versprich

Mein Haus hat viele Zimmer

in jedem warte ich auf Dich,

im Korianderkosmos der Küche,

den Daunendünen des Schlafzimmers,

auf dem Sofa im Nachmittagslicht.

Komm, hab keine Angst vor Gespenstern,

jeden Abend stelle ich warme Milch vor

ihre Kellertüren – und auf dem Balkon,

dem Wolkenzimmer, pflanze ich Lavendel.

Mein Haus hat viele Zimmer

in jedem warte ich auf Dich,

und wenn Du gehen musst,

warte auf mich, versprich.

12. März 2014 10:26










Björn Kiehne

Andersens Garten

In den Hügeln entfacht
der Wind die Wipfelfeuer,
Pappelschatten legen sich
müde auf die Felder,
die Bäche tragen Laub ins Tal –
bis in Andersens Garten.

Hier stehen Sonnenblumen
mit gebrochenem Genick,
Malven lehnen erschöpft
an der Schuppenwand,
nervös halten späte Rosen
ihre Kleider zusammen.

Nur die Astern strahlen,
wiegen ihre klugen Köpfe,
flüstern einander in ihrer
geheimen Sprache zu:

Es ist etwas in den Dingen,
das sie zerbrechlich macht,
es schläft verborgen, regt
sich, wacht, wacht bis es
sich einstellt, wacht bis
es dich festhält, dieses
zärtliche Verhältnis zur Welt.

23. September 2013 14:52










Björn Kiehne

Mare nostrum

Ich kenne deinen Namen nicht,
weiß nicht, wie die Wellen dich
nannten, als sie dich, einer
Herde schwarzer Stiere gleich,
kurz auf ihren Rücken trugen.

Es ist leicht im Salzwasser zu
schwimmen, noch leichter, in
ihm zu ertrinken; du hast den
Himmel angeschrien: Schick
ein Boot, ein Boot und Brot
und Wasser, Wasser ohne Salz!

Wie Finger, die in einer Wunde
nach Fremdkörpern tasten, suchten
die Scheinwerfer dich: Aspiration,
Schwimmversagen, Kälteschock,
Kreislaufzusammenbruch.

Die Kraft verbraucht,
verbraucht die Luft,
Deine süße Luft –
Europa.

4. Juni 2013 15:55










Björn Kiehne

Das Versprechen der Kiesel

Am Abend gehen wir an den Fluss
die Stufen hinunter an sein Ufer.

Das Wasser, aschgrau vor gelöster Schuld,
gluckst, gurgelt, rauscht –
berichtet von den Monologen der Eisheiligen.

Mückenschwärme tanzen im matten Licht,
verwischen den Blick auf das andere Ufer,
wo Vögel ihren leiser werdenden Gesang
mit Nebelschwaden auf das Wasser legen.

Und vom Grund des Flusses erneuert sich
sacht das Versprechen, das die Kiesel geben:

Es fließen Flüsse unterhalb der Flüsse,
es gibt eine Stille hinter der Stille.

4. Mai 2013 10:19










Björn Kiehne

Die Marken

Ich nehme den Bus durch Kiefernwälder
in halbschlafende Dörfer, überlasse mich
dem Flüstern leerer Häuser –
Geschichten aus dem Grenzland.

Blicke aus blinden Fenstern,
ein kalter Hauch im Nacken
wie vom Atem alter Männer.

In den Wäldern sollen Wölfe wohnen,
ich kann ihren Hunger spüren, den sie,
pendelnden Schrittes, entlang der Kanäle tragen.

Erde unter den Schuhen beim Gang
durch brache Felder, über ihren Rand
schabt der schwere Bauch des Himmels.

Ein Strommast reißt ihn auf,
von den Wolkenrändern
dringt der Ruf meiner
ungeborenen Kinder:
Geh weiter, rasch!
Von hier durch
die Marken
nach Haus.

27. März 2013 15:50










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