Christian Lorenz Müller

UND DANN IN DIE UNSTERBLICHKEIT

Dieses Gedicht ist unsterblich.
Es weiß, dass alle Schulkinder, die es auswendig lernen müssen,
genervt die Augen verdrehen,
dass sie aber später, als Lehrerinnen, Germanisten, Eltern
sich zuverlässig an seine Denkwürdigkeit erinnern werden.

Dabei hat es durchaus gemischte Gefühle
für seinen Schöpfer, der, fast fünfzigjährig,
mit einem Vormittag nichts bessres anzufangen wusste
als ein Gedicht über ein unvergessliches Gedicht zu schreiben,
der originell fand, was ihm zugleich peinlich war,
aber nicht peinlich genug, um es nicht sofort
im Internet zu posten, wo es seinen Weg
nach Marbach fand und dann in die Unsterblichkeit.

„Ach“, kokettiert das Gedicht,
„es ist eine Last, unvergesslich zu sein.
Ständig wird man zitiert und falsch verstanden,
immer durchsucht dich jemand
nach einer Wahrheit, die es gar nicht gibt.“
Insgeheim aber lacht es sich doch ins Fäustchen,
freut sich ehrlich an sich selbst,
simpel gestrickt, wie es ist.

13. Oktober 2020 11:37










Christian Lorenz Müller

DU LIEST NICHTS

tintiges wasser, sterne tunken ihr licht,
schreiben sich ins finstere, du ziehst,
kajakfüller, eine zeile,
die sofort verschimmert,
schwarz federt am ufer das schilf,
fensterlaternen zwischen baumschemen,
du liest nichts, zeichenlosigkeit
bis auf einen fisch, der als beistrich
aus dem dunklen zappelt,
du hörst ihn nur, du siehst dich
angestrengt ins leere starren,
dann doch noch
das rhythmische ticken der tropfen
auf die spritzdecke,
unsichtbare punkte hinter einem satz
der kein ende hat,
wo hast du begonnen,
wo hört es auf,
immer und immer wieder
stichst du das paddel, lesezeichen,
in den schwarzen see

28. September 2020 09:34










Christian Lorenz Müller

Es gibt keine Leitungen, es gibt nur diese Kratzer über
der Kreuzung. Wer an der Haltestelle steht und kurz
hinauf in den Himmel schaut, sieht ein wirr zerschrammtes
Blau. Allein wer die Stromabnehmer der zufahrenden
Busse im Blick hat, kann die parallel verlaufenden Ritzen
und Riefen erkennen, die Scharten und Schrunden. Wenn
der Abend kommt, wird vieles deutlicher. Blenden die
Autos ihre Scheinwerfer auf, schimmern die Kratzer
plötzlich blank in der Dämmerung. Dann wird eine Ordnung
erkennbar, dann wird es leichter, den Schrammen
zu folgen, weg vom betriebsamen Platz, hinein in die
Nacht.

Beginn des Romans „Unerhörte Nachrichten“

10. August 2020 17:13










Christian Lorenz Müller

moos

grünes geschwisterkind der schatten
geduldig in feuchte ecken geschmiegtes
kriechendes so fern aller erhabenheit
dass sich kein fuß daran stößt
trocken grau bei großer hitze
sporenreicher staub zwischen staub

tief durchasselt und durchkäfert
in den wäldern gedeiht es
zu einer mächtigkeit
von zehn zentimetern
zieht alles wasser an sich
polstert die wurzelbeugen der bäume
für die köpfe der liebenden
ihr seufzen versteckt sich
in seiner weichen stille
sondert alle schritte
wächst nachgiebig wartet wächst
erfriert wird staub
samtet wieder auf zartet zäh
über die jahrtausende

15. Juni 2020 08:15










Christian Lorenz Müller

WANN, WENN NICHT JETZT (Wärme in Haiku)

Der zartrote Grund
der Apfelblüten. Dein glück-
lich hummelndes Herz.

Und du summst wie ein
Bienenstock. Schwärmen – wann, wenn
nicht jetzt im April.

22. April 2020 11:05










Christian Lorenz Müller

UND DENNOCH TRÄUMT ES

Dieses Gedicht befolgt
alle derzeit gültigen Regeln.
Es hält strikten Abstand
zu sämtlichen anderen Texten.
Durch eine Atemschutzmaske
niedriger Ironieklasse
bewahrt es seine Umwelt
vor hochinfektiösen Metaphern.
Seine Sprache ist klar
wie das Plexiglas
vor den Supermarktkassen.

„Immer prosaisch, immer vernünftig sein“,
sagt sich das Gedicht –
und dennoch träumt es
von Versen, die die Poesie-Promenade
hinunterbummeln, Hand in Hand
unter blühenden Kastanien.

8. April 2020 09:16










Christian Lorenz Müller

ABSPERRBAND

Mehrmals kunstvoll
rund um den Park gewickelt,
um dieses gigantische Bukett
aus Magnolien, Zierkirschen, Forsythien
das niemand abholt.

Tief durchhängend
sperrt es den Eingang
zum Spielplatz, Springseil
allein für den Wind.

Straff über den Platz
gespannte Saite. Keiner hört
die schrägen Bogenstriche
der Regenschauer.

 

3. April 2020 12:02










Christian Lorenz Müller

DRINGENDE INFORMATION DES SPRACHGESUNDHEITSAMTS!

Das Wichtigste ist es jetzt, Distanz zu halten!
Ein Wort steckt zwingend das andere an,
ohne konsequente Abgrenzung
ist das nicht zu vermeiden!
Großversammlungen von über tausend Wörtern
sind schon seit langem verboten:
Alle Romane, Novellen, Erzählungen!
Einhundert Wörter waren vorletzte Woche noch erlaubt,
also die allermeisten Gedichte,
ein paar kurze Sagen oder Märchen.

Ab sofort wird die Versammlungsfreiheit
auf fünf Wörter eingeschränkt!

Schreiben Sie bis auf Weiteres nur mehr
unvollständige Aphorismen oder halbe Haikus.
Verzichten Sie insbesondere auf Konjunktionen.
Übertriebene Komposita werden sofort
von der Polizei aufgelöst, Adjektivpartys
mit hohen Bußgeldern belegt.

23. März 2020 09:03










Christian Lorenz Müller

AUSGANGSBESCHRÄNKUNG

Dieses Frühlingsgedicht
streift ganz allein durch die Stadt.
Leere schwankt an den Halteschlaufen
der vorbeifahrenden Busse.
Niemand, der eine Dose, eine Tüte
in die schwarzen Löcher
der Abfalleimer wirft.
Was an Leben übrig geblieben ist
flattert als Taubenschwarm
hinauf auf die Dächer. Das Gedicht
blickt hinauf ins Blau. Nirgends
auch nur ein Kondensstreifen-Kratzer.

Neben einer Bank steht eine Forsythie
in einer gelben Warnweste:
Füße vertreten erlaubt,
längerer Aufenthalt im Freien verboten!
Das Gedicht macht sich auf den Weg
in seine Wohnung.
Wieder leere Busse. Wenn sie anhalten
öffnen die Türen automatisch.
Die warme Frühlingsluft drängt hinein
und wird abtransportiert.
Frierend eilt das Gedicht
zurück nach Hause.

17. März 2020 10:04










Christian Lorenz Müller

UNBESCHADET DURCHFLIEGT DIE POESIE

Keine Windräder,
Zahnräder einer großen
Himmelsmaschine.

Ventilatoren,
quirlen sie sommers Frischluft
ins stickige Wien.

Wühlende Schrauben
von gekenterten Schiffen.
Weiße Wolkengischt.

Oder Propeller
über einem Nurflügler
namens Horizont.

Unbeschadet durch-
fliegt die Poesie die wir-
belnden Rotoren.

26. Februar 2020 09:54










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