Christian Lorenz Müller

FLEDERMAUS

Zackt durch den Abenddämmer,
loopt zwischen den Büschen am Waldrand,
die Mücken nichts als ein Echo:
Schnappt den eben ausgestoßenen Schrei
sofort wieder aus der Luft,
und über unseren Köpfen ist Stille
bis auf ein leises Flappen, Putztuch,
mit dem jemand das letzte Licht
aus dem Himmel wischt.

Hängt sie nicht später
in der Baumhöhle, dem Kirchturm,
schwarz vom Abendstaub?

20. September 2022 09:01










Christian Lorenz Müller

FERNSEHBILDER AUS DEM DONBASS

(Junge Soldaten, in einem zerbeulten Kleinbus
auf dem Weg zur Front)

Von der Schulbank direkt in den Schacht,
sie atmen das Dunkel,
flüstern sich durch eine Finsternis,
in der sie nur das Augenweiß
der anderen sehen,
weit aufgerissene Angst,
sie klammern sich an die Kalaschnikows,
an die Presslufthämmer,
die sie in das Dunkel stoßen,
tiefer dringen sie vor, ihre vollen Loren
rattern durch den nächtigen Flöz,
sie tun ihre Arbeit,
sie gebrauchen das Werkzeug,
das der kalte Gott aus dem Ural
für sie schuf, ihr fühlloser
finsterer Finger am Abzug,
in tieferen Schlünden,
in schwärzeren Stunden.

Sie steigen nach Wochen, nach Jahren
zurück an den Tag,
sehen die vollen Loren
über Abraumhalden rollen
mitten im Sonnenlicht.

 

29. August 2022 08:17










Christian Lorenz Müller

BERLIN GEWANDET SICH IN SONNTAG

Das Nähmaschinenzwitschern
der Lerchen über dem Tempelhofer Feld,
sie flicken ein paar weiße Wolken ins Blau.
Auf der Startbahn zwei Skaterinnen,
ihre nackten Beine blitzen, zwei Scheren,
die sich rhythmisch öffnen, rhythmisch schließen.

Berlin gewandet sich in Sonntag,
heftet sich die grüne Borte der Friedhöfe
mit Kirchturmnadeln
an den Rand von Neukölln
und seine Schwalben
sticken sich selbst in die Luft.

Für Marbo M. Becker und die anderen
Betreiber*innen des „Belvedere am Kreuzberg“

 

27. Juli 2022 09:21










Christian Lorenz Müller

LETZTER ZUG NACH IRPIN

III

Die Datscha als Garderobe, als ein Ort,
an dem gedämpft das Poltern und Krachen
zu vernehmen war, mit dem die Bühnenarbeiter
die Kulissen aufbauten, nichts war ihm vertrauter
als das Knirschen und Quietschen der Türen im Haus,
wenn der Inspizient den Chor zur Arbeit rief,
wenn die Sopranistinnen ihre Hacken hell
auf die gefliesten Böden der Flure knallten,
die Altistinnen konnte man am schwereren Kaliber
ihrer Absätze erkennen, einer von vielen Musikerwitzen,
die in der Männergarderobe die Runde machten,
aber in der Kyjiver Oper roch es doch nicht so,
oder nur dann, wenn in den Werkstätten
geschweißt worden war, nicht so brandig und bitter,
nicht nach fettdunklem Rauch, alle Vorhänge
waren schwarz, sie gingen auf, es wurde Tag,
und er musste auf die Bühne, er lag im Bett
und ein Zittern ging durch ihn hindurch
wie von der alten Drehbühne, die sich immer
nur sehr widerwillig in Bewegung gesetzt hatte,
als er sich aufrichtete, erfasste ihn der Schwindel,
so stark, dass er sich wieder zurücksinken ließ,
draußen regnete es, ein Schauer schlug auf das Dach
von Jurij Fylypowytschs Häuschen, wie seltsam
dass es regnete, es war doch gestern noch
kalt und trocken gewesen, einmal hatten die Techniker
Quarzsand aus einem Sack auf die Bühne prasseln lassen,
die Gewitterszene aus Rigoletto, molto dramatico,
er hatte den Herzog leider nur drei Mal gesungen,
dann war er krank geworden, und Urussow,
sein ewiger Rivale, dieser Schönling, hatte übernommen,
es regnete, aber nur auf Jurij Fylypowytschs Dach,
und dieser Geruch, dieser bittere Geruch,
der in der Luft hing, der riesige schwarze Vorhang,
der zwischen Hinter- und Vorderbühne
aufgespannt gewesen war, wenn man nicht aufpasste,
verlor man sich in seinen lichtlosen Falten,
stolperte über dicke Kabel, die brannten,
Kunststoff kokelte, Kupfer glühte, Bühne in Flammen,
Feueralarm, man musste das Haus evakuieren,
sofort, das hatten sie hin und wieder geübt,
waren lachend hinaus auf die Straße gelaufen,
wieder ging ein Zittern durch ihn hindurch,
die Magistrale, sie war 500 Meter weit entfernt,
der Vorhang ging auf, er war wach.

8. Juni 2022 09:06










Christian Lorenz Müller

LETZTER ZUG NACH IRPIN

II

Für die Tonne war es eigentlich noch zu früh,
die Nachtfröste längst nicht überstanden,
und dennoch stieg Serhij Antonowytsch
gleich am nächsten Morgen auf die Leiter
und montierte das Rohr an die Regenrinne,
früher waren die Sommer nie so heiß, so trocken gewesen,
besser, man vergeudete keinen Tropfen,
und als er das Rohr mit Draht anzubinden suchte,
hörte er es gewittern, fern, ein Schlagwerker
klopfte mit den Fingerknöcheln auf Donnerblech,
und dann gab es ein akustisches Blitzen, lauter,
und ein giftiges Stakkato, da spielte ein Trompeter
Doppelzunge, ohne den Ansatz dafür zu haben,
Serhij Antonowytsch stand auf der Leiter,
und obwohl es windig war und frisch,
brach ihm der Schweiß aus, als junger Sänger
war es ihm so ergangen, auf der Bühne,
im Scheinwerferlicht, vor ihm nichts
als der schwarze Schrecken, nichts als das schwarze,
tausendköpfige Tier, das jeden seiner Töne
gierig verschlang, aber das gab sich mit der Zeit,
er lernte, das Tier mit seiner Stimme zu sänftigen,
und nun, auf der Leiter, war es wieder da,
seine Schwärze fraß den hellen Vormittag,
aber wenn sie schon über Irpin kamen,
dann über die Magistrale, nicht durch die Datschen,
die Magistrale war fast 500 Meter entfernt,
hier würde nichts passieren, nie war ihm auf der Bühne
etwas passiert, am Ende hatte es Ehrungen gegeben,
Blumen, bald schon kam der Frühling,
die Narzissen rund um die Regentonne treiben bereits aus,
und so zwang Serhij Antonowytsch den Draht
mit der Zange rund um das Rohr, ächzend
stieg er von der Leiter, kein Tropfen würde verloren gehen,
sein Handteller war nass von schwarzem Schweiß,
als er das Werkzeug zurück in die Kiste legte,
die leise klirrenden Krallen des Tiers.

 

 

 

3. Juni 2022 07:57










Christian Lorenz Müller

LETZTER ZUG NACH IRPIN

I

Serhij Antonowytsch kam mit der letzten Stadtbahn,
er wanderte entlang des Flüsschens zu seiner Datscha,
zwei Kilometer, unzählige Male zurückgelegt
in seinem langen Leben, er erinnerte sich gut
an die Hitlersoldaten in Kyjiv, an die Ruinen,
die nach ihrem Abzug an den Straßen standen,
81 Jahre war er nun und gedachte, auch den Angriff
der Russen zu überleben, er sagte sich, dass sie
über Hostomel vorrücken würden, nicht über Irpin,
gewiss hielt auch Jurij Fylypowytsch die Stellung,
sein Nachbar, ein pensionierter General, der von sich sagte
ein Ohr für die Blockflötenmelodie der Granaten zu haben,
für ihr Pfeifen und Schrillen, für die Ballistik der Töne,
der Krieg als Konzert, auch das hatte Serhij Antonowytsch ,
42 Saisonen lang Sänger an der Kyjiver Oper,
dazu bewogen, den letzten Zug zu nehmen,
und tatsächlich, in Irpin war alles ruhig,
in der Datscha warf er die Gasheizung an,
goss sich ein, und die Vergangenheit klarte im Glas,
als er eine alte Scheibe mit Volksliedern
aus dem Plattenschrank zog, er dachte daran,
wie er und eine Kollegin anno 77 in bestickte Blusen
gesteckt worden waren, um dem Marschall vorzusingen,
Tito, der sich bedankte und alle Hände herzlich schüttelte,
während sein Gastgeber Breschnew, stockbetrunken,
in seiner Rede über die Freundschaft der sozialistischen Völker
mehrmals peinlich ins Stocken geriet,
Serhij Antonowytsch legte die Platte auf,
senkte die Nadel in die schwarze Rille aus Zeit,
die sich zurück in seine Jugend spiralte
und hörte sich selber singen, immer noch drang sein Tenor
frisch aus dem Knistern der Jahrzehnte, immer noch
war er ein junger Karpatenbursche, der seine Liebste
unter eine Hollerstaude zog, busyna, deren schwarze Früchte
Spuren auf ihrem weißen Sonntagskleid hinterließen,
auch im Garten seiner Datscha gab es so einen Strauch,
es gab den Hollerlikör, den er Viktorija verdankte,
seiner Frau, die ihn beschworen hatte, nicht zu fahren,
aber in Irpin war alles ruhig, noch ein Gläschen Likör,
sie kamen gewiss nicht über Irpin, Hostomel
würde ihr Weg sein, es war gut, dass er gefahren war,
nicht auszudenken, wenn Plünderer auf der Suche
nach Geld, nach Alkohol die Schränke durchkramten
und dabei die Platte mit den ukrainischen Liedern
zu Scherben zertraten, bis nichts mehr davon übrig blieb
als der Kartonkreis mit dem Loch in der Mitte,
nicht auszudenken, murmelte Serhij Antonowytsch
der nun sehr müde war und sich seufzend niederlegte,
längst schon stand die Nacht vor den Fenstern der Datscha,
buzyna, die schwarzen Früchte, hollerdunkel, schwer.

 

1. Juni 2022 09:14










Christian Lorenz Müller

FRÜHLING AM ASOWSCHEN MEER

An allen Bäumen
knospen jetzt die Patronen,
überall schwillt Stahl.

Das rasche Aufbühn
der Explosionen, ihr scharf-
kantiger Geruch.

Mit Angst bestäubte
Augen. Flugzeug um Flugzeug
summt böse heran.

1. April 2022 17:48










Christian Lorenz Müller

ZU EMPFINDLICH SELBST FÜR KLEBEBAND

Auf jedes neue Signal reagierst du mit Klebeband,
du hast rechtzeitig etliche Rollen gekauft,
kein braunes, dünnes Paketklebeband,
sondern eines aus elastischem Gewebe,
und nun ritscht du bei jedem Alarm
rote oder schwarze Streifen von einer Rolle,
du pickst das zehnte, zwölfte X
über unser Wohnzimmerfenster

und sprichst von deiner Mutter, die im Bad
einen großen, unverklebten Spiegel hat,
deine Nerven zerfallen zu Scherben
wenn du dir vorstellst, wie sie dort sitzt
und sich anschaut, siebzigjährig, allein
am anderen Ende der Stadt, es ist der Spiegel,
für den dein verstorbener Vater
Anfang der 80er sechs Stunden Schlange stand,
es war der letzte aus einer Lastwagenladung,
die am Vortag gekommen war, und glücklich
machte er sich damit auf den Weg,
es war Frühling, und als er einen Park passierte,
hatte er plötzlich blühende Tulpen unter dem Arm,
Leute, die ihre Jacken ausgezogen hatten,
liefen unter seiner Achselhöhle dahin,
und dann, auf einem breiten Prospekt,
erschrak eine junge Frau so sehr vor sich selbst,
dass dein Vater den Spiegel zu Boden stellte
um sich in aller Form bei ihr zu entschuldigen,
bei Irina, die dich ein paar Jahre später
vor diesem Spiegel wickelte, vor diesem Spiegel,
in dem du dich das erste Mal angelächelt hast,
diesem Spiegel, den deine Mutter nun für zu alt hält,
für zu empfindlich selbst für Klebeband,

wieder Alarm, in der Ferne ein Einschlag
der die Fensterscheiben klirren lässt.

10. März 2022 16:18










Christian Lorenz Müller

INVASION

Panzerketten zer-
reißen das Papier, zermal-
men alle Wörter.

Explosionen
aus Angst, Trotz und Traurigkeit,
Krater in der Brust.

Verstümmelte, tot-
geschossene Metaphern,
Drucker-Tintenrot

Die Marschordnung
Haiku löst sich auf
Widerstand, Heldenmut, Kampfmoral,
diese Begriffe umstellen dich
sie machen dich nieder
dein Pazifismus, die weiße Taube,
verbrennt im Düsenstrahl
eines Abfangjägers
Schlacht um Kiew, Molotow-Cocktails
das Papier
geht in Flammen auf

2. März 2022 11:39










Christian Lorenz Müller

GEDENKRAUM IN USCHHOROD (Transkarpatien, 2019)

Überall die alten Ikonen vom Euro-Maidan,
ins Gelb der ukrainischen Fahnen
getauchte Zeit der Märtyrer und Eremiten
die bei Frost und Schnee
wochenlang in Zelten und Hütten hausten,
geschieden von der Welt
durch eine Barrikade aus Eis und Autoreifen,
unerschütterlich in ihrem Glauben an Europa
oder in ihrem Hass auf Janukwytsch,
und gleich daneben die Reliquien aus dem Donbass,
Patronenhülsen, Stahlhelme, verrostete Messer,
eine Panzerkette und ein Essgeschirr.

Du möchtest glauben, aber du vermagst es nicht,
nur vor dem gläsernen Altar neigst du dein Haupt,
blickst auf die zahllosen Briefe der Kinder
an ihre Väter an der Front oder an den lieben Gott
der den Frieden bringen soll.

28. Februar 2022 09:04