Markus Stegmann

Absence

Absence steht im Gesicht der Wörter.

10. Dezember 2016 11:28










Markus Stegmann

im wald

warum
bin ich
ich

bin ich
ich
nicht mehr

27. November 2016 22:58










Markus Stegmann

Frau Atnan sagt

Frau Atnan sagt
sie habe genug gesagt
habe endlich genug gesagt
sagt
es sei alles gesagt
was hätte gesagt werden sollen
hätte gesagt werden müssen
nur eines noch
sagt sie
glücklich
sagt Frau Atnan
sie sei
glücklich
nach allem
was war
was habe schmerzlich
durchlitten
bis zum äussersten habe
durchgestanden
werden müssen
doch nun
seien wir beide
heimgekehrt
heimgekehrt
nach allen Wirrungen
Irrungen
heimgekehrt zueinander
wer wisse
wie viel
Lebenszeit
noch bliebe

18. September 2016 20:39










Markus Stegmann

Münchnerin

Frau Atnan sagt, der Polizeisprecher der Stadt München habe am fortgeschrittenen Abend im Fernsehen gesagt, man gehe von einer akuten Terrorlage aus. Durch die sachliche Tonlage des Polizeispreches hindurch habe sie, Frau Atnan, jedoch bodenlose Ungewissheit vernommen. Und dies trotz aller Mikrofone, die einzig das Ziel gehabt hätten, die Lage zu klären. Auch sie, Frau Atnan, habe nichts anderes dringlicher gewollt, als Gewissheit über den Zustand Münchens zu erfahren. Aber sie wohne doch gar nicht in München, wende ich vorsichtig ein, um den Furor Frau Atnans nicht allzu pragmatisch zu brechen. In diesen Minuten, Sekunden habe sie in München gewohnt, da war ihr, als habe sie ihr gesamtes Leben in München zugebracht, als sei sie Münchnerin durch und durch, obwohl sie in Wirklichkeit noch kein einziges Mal in München gewesen sei. Aber das sei in diesen Minuten, Sekunden egal.

23. Juli 2016 22:42










Markus Stegmann

Bierflasche

Ich wolle ja nichts sagen, sage ich, ich sei mir auch nicht sicher, aber irgendwie sei mir dann doch, wenn ich alles recht bedenke, dass ich und nicht sie, Frau Atnan, die Flasche geworfen hätte. Sie, Frau Atnan, trinke ja gar keinen Alkohol. Wenn einer in diesem Haushalt trinke, sei ich es, das habe sie selbst seit Jahren immer wieder aufs Neue beklagt. Sie sei sehr wohl imstande, eine Bierflasche zu werfen, auch wenn sie gar kein Bier trinke. Der Konsum von Bier und das Schmeissen von Bierflaschen stünden nicht in einem kausalen Zusammenhang, lässt sich Frau Atnan unwiderlegbar vernehmen.

23. Juli 2016 22:31










Markus Stegmann

Treffer!

Gemäss syrischem Fernsehen kämpfe Herr Ulrich gegen den IS, wenngleich Frau Glas den Nachschub an Schnapsbohnen gefährdet sehe und daselbst im Kampf gegen das Leben selbst stehe, indes Herrn Ulrich vor sich sehe, wie er seinen Kampf nichtsdestotrotz aufrecht erhalte, während sie, Frau Glas, Frau Atnan telefoniere, um über die Übertragungen des syrischen Fernsehens zu orientieren. Frau Atnan hingegen weiss, dass Herr Ulrich solange durchhalte wie sie, Frau Glas, sich in der Lage sehe, den Schnapsbohnennachschub sicherzustellen. Ausser Lage, telegrafiert Frau Glas zurück, sie sehe sich ganz und gar ausser Lage, Verantwortung zu übernehmen. Treffer! Herr Ulrich simst durch alle Nachrichtenverwirrung hindurch: Treffer! Doch Treffer für oder Treffer gegen?

27. März 2016 00:24










Markus Stegmann

Wurst

Das sei jetzt mal eine wirklich gute Wurst, sagt Frau Atnan, und deutet mit dem Messer auf eine dunkle, fast schwarze Wurst auf dem Holzbrett vor ihr. Da musst du keine 300 Gramm von essen, es genügen zwei oder drei Scheiben. Frau Atnan schneidet sich eine weitere Scheibe ab und zerteilt sie in kleine Stücke. Da, probier mal, davon musst du keine 300 Gramm essen, es genügen zwei oder drei Scheiben. Das ist ein Aroma, unglaublich. Und sie wisse auch genau, woher die Wurst komme, fährt Frau Atnan fort. Von zwei Jungbauern nämlich aus der Nähe von Bern. Die wollten mal was ganz anderes machen. Und dann sei diese Wurst bei rausgekommen. Da ist kein Gramm Fett drin, habe ihr einer der bärtigen Jungbauern auf dem Wochenmarkt in Bern versichert. Und wenn sie die Wurst so im Stillen betrachte, glaube sie ihm sogar: Kein Gramm Fett zu sehen. Und trotzdem schmecke die Wurst, vorzüglich sogar. Diese Wurst, stelle ich mir vor, koste sicher eine Stange Geld, mir reiche da eine ganz normale Wurst, im Gegenteil, ich hätte mit hundskommunen Würsten mehr Sympathie als mit ihrer Spezialwurst. Die Normalwürste seien voll von schlechten Sachen, erwidert Frau Atnan. Sie wisse nicht, wie lange sie noch lebe und möchte ihrem Magen nicht mehr schlechte Würste zumuten. Das habe er zur Genüge gehabt, und sie auch. Dafür esse sie auch keine 300 Gramm mehr, es genügten zwei oder drei Scheiben.

15. Februar 2016 22:13










Markus Stegmann

Berlin

Da sei immer Sand gewesen, Sand an den Sohlen, und ein schmirgelndes Geräusch habe sie begleitet, wenn sie auf Asphalt gelaufen sei. Frau Atnan fährt mit ihren Schilderungen aus Berlin fort. Ich habe Berlin-Schilderungen im Allgemeinen nicht sonderlich gern. Früher schon, heute nicht mehr. Heute kommt einem jeder mit Berlin-Schilderungen. Was mich daran am meisten bedrängt, ist die Botschaft eines echteren Lebens, das in Berlin und nur in Berlin zu finden sei. Daher begegne ich Frau Atnans Berlin-Schilderungen mit Skepsis. Wenn ich aber genau hinhöre, erzählt Frau Atnan gar nicht von einem besseren Leben, sondern von Sand an ihren Sohlen.

7. Februar 2016 22:38










Markus Stegmann

25. Januar 2011

den gesteuerten arm angebundnen
kopf gerannte wasser wasser
druck gelogne sprache gerannte
drehende geschobne gliedmassen
menge werfende steine der verdrehte
arm verbundne rücklings gedehnte lügen
reisst papier ab vom kopf die tiefe
in der sie gehoben von allen gehoben

midan ataba

25. Januar 2016 22:35










Markus Stegmann

Empfindlich

Frau Atnan sagt, ich solle nicht immer so empfindlich sein. Sie könne gar nichts mehr sagen, ohne dass ich nicht mit höchster Empfindlichkeit reagiere. Man könne mit mir nicht mal mehr ein normales Gespräch führen. Sie habe gut reden, antworte ich, sie könne sich gar nicht vorstellen, was sie mit ihren Worten in mir auslöse, es fehle ihr dafür das Vorstellungsvermögen, denn ich hätte eine ganz andere, wesentlich unglücklichere biografische Konstitution als sie. Sie wolle mich wohl mit Schweigen abstrafen, indem sie mir keine SMS mehr zukommen lasse, obwohl ich mich bei ihr für meine jüngste Empfindlichkeit in aller Form entschuldigt habe, wenngleich ich im Innersten der Meinung sei und dies an dieser Stelle denn doch mal laut sagen wolle, dass ich mir meine Empfindlichkeiten nicht einfach aussuchen würde, im Gegenteil, dass sie mich ungefragt heimsuchten und mir in den Nächten unsägliches Leiden zuführten. Ihr Schweigen diene mir dazu, mich zu besinnen. Wenn sie aber fortgesetzt schweige,  müsse ich ihr Schweigen mit Schweigen beantworten, um mein Gesicht nicht zu verlieren, aber dann litte ich noch mehr, dann sei die Empfindlichkeit noch grösser, ob sie daher nicht doch wieder etwas sagen könne, und sei es nur etwas Beiläufiges.

11. Januar 2016 23:13