Mirko Bonné

Harpyie

Ist sie erregt, spreizt sie
das Stirngefieder ab. Sie fliegt
durch ein Fenster, das zersplittert,
aber spürt nichts. Harpyie! Harpyie!
rufe ich. Du sollst nicht nur zerstören.
Sie hört nicht. Als letzter Punkt an ihr
wird auch ihr Auge wild. Sie fängt sich
einen Terrier, eine Balkontempelkatze,
zerhackt, zerpflückt und verdrückt sie
in ihrem Lieblingsforsythiengebüsch
an der Finnischen Straße. Einmal,
da jagte sie einer feindlichen
S-Bahn nach. Sie schreit
nur an Nachmittagen. Sie trinkt
wie Kinder auch mit den Augen. Sie lacht
Harpyie! Harpyie! Aber sie hört nicht. Krallen-
füße voran, stürzt sie in Platanen. Krähen
flüchten stumm verstört. Sie kann sehr
sanft sein. Es gibt z. B. ein Foto,
da sitzt sie auf meiner Schulter
und legt mir lächelnd das Schnabel-
haupt auf den Scheitel. Aus Klanggründen
unterstützt sie die Wolverhampton Wanderers.
Ihre Hosen sind spätmittelalterliches Trikot. Feinde
ihrer Freiheit überleben zwei Minuten. Ich streichle sie,
ich füttere sie, ich flüstere ihr Keats‘ Oden ins Ohr.
Sie kennt keine Ruhe, weder Schlaf noch Traum
und keine Liebe, nur die wildeste Erregung.

*

14. Oktober 2020 01:56










Mirko Bonné

Eine Amsel

Da ist was im Gesang einer Amsel
es ist Frühling, du wirst wach

du liegst nachts da und denkst nach
das Fenster steht offen – da ist was

wovon der Vogel singt
und du denkst daran was du aufgeben musst

da ist was in dir, das ist leer und in das strömt
das Singen dieser Amsel

Rutger Kopland

(Aus dem Niederländischen von Christiane Burckhardt und Mirko Bonné)

*

20. September 2020 00:46










Mirko Bonné

Een merel

Er is iets in de zang van een merel
het is voorjaar, je wordt wakker

je ligt te denken in de nacht
het raam staat open – er is iets

waarvan die vogel zingt
en je denkt aan wat je moet opgeven

er is iets in je dat leeg is en het stroomt vol
met het zingen van die merel

Rutger Kopland

20. September 2020 00:39










Mirko Bonné

Barmbek

Es gibt sie
Barmherzigkeit
Im siebenten Bezirk
erbarmst du dich
der Toten

Da fahren
die Busse
der Linie 7
Die nehmen
bloß Tote

Da stehen
in dunklen Höfen
je sieben Pappeln
In jeder Krone
ein Toter

Da klingelt
dein Telefon
täglich sieben Mal
Und dann reden
wir Toten

aus: Różewicz-Lieder

*

24. Juni 2020 12:14










Mirko Bonné

Ganagobie

Wir müssen den Blaudisteln folgen.
Falls Blaudisteln ihr richtiger Name ist.
Immer die sonnenverbrannte Mauer lang.
In das Wäldchen hinein dann. Von dort
ist der Blick ins Tal ein Traum. Nein,
kein Traum. Wirklich, ein Tal-
see ohne einen See.

Hier pfiff mal der Wind
meinen Namen. Hier lagen sie,
meine Eltern, als sie noch studierten,
Licht, die Pinien, die Linien. Hier bin ich
bei dir. Hier können wir zusammen
hinuntersehen auf den Sommer,
hören Zikaden, ihre Rhapsodie.

Hier diese Rillen in den Steinen,
meine Mutter erzählte, hier
fuhr ein Klostereselgespann. Hier
schoss mein Vater Fotos von Bussarden,
meinem ausflippenden Bruder, mir als ich schlief.

Alles erzählte sie mir von dem wundersamen Ort.
Wäldchen, Vogelbrunnen, Blick in die Weite.
Und alles fand ich wieder in Ganagobie.
Falls das sein richtiger Name ist.

*

25. Mai 2020 13:57










Mirko Bonné

Lieber Konstantin

… darauf kann ich nur – nur? – mit einem Gedicht antworten, das vor einiger Zeit entstand, mir aber unverändert gültig erscheint, trotz der gegenwärtigen Lage, die so vieles in neue Bilder rückt. Es ist eine Variation auf Tadeusz Różewicz:

Lied aus allem

Die Dichtung
zieht sich zurück
tarnt sich versteckt

in ihrem Hinterhalt
aus Widerstand
und Hoffnung

Kein Schuss
kein Schrei
kein Spatz

Der Offenheit
der Dichtung
entgeht nichts

auch du nicht
Lies oder nicht
– sie liest dich

Die Dichtung
hat ausgedient
ist frei ist frei

Die Theorie
behaltet sie
Die Dichtung

ist ein Gedicht
das Lied aus allem
das sich selbst singt

*

9. April 2020 01:50










Mirko Bonné

Schuhe des Morgensterns

Er bewegte den Himmel und das Wesen der See,
und aus den Wäldern kam Schroffheit.
Er kannte das Muster aller verwehten Blätter,
die vielfachen kleinen Schatten. Er benötigte
Glanz und Größe auf der langen Hinreise,
und seine Bestrebungen – ein Mondaussetzer,
die kaputtesten Bäume. Der niedrige Horizont
verblüffte wie ein Kind. Widerhallen drang zu ihm
aus der belagerten Stadt. Sie glich einem Regen,
die Welt, und seine Augen liebten Verschwommnes.

Emma Lew

*

31. März 2020 13:05










Mirko Bonné

Krise

Im Innenhof blüht in der Krise
um Ansteckung, Atemabstände,
Hustentod, Ausgangssperren
Passierscheine und Liefer-
engpässe rosig, rot bis
lila abends bei Dämmern,
luftig aufgefächert ein Baum,
darin scharen sich wild umeinander
die jungen Stare zusammen und erfinden
bis tief in die Nacht hinein ihre unverstanden
wunderherrlichen Lieder. Es ist Zeit. Zeit ist es.
Zeit, Zeit, singen sie grün funkelnd und achten
weder des Lärms von den Balkonen noch
der Stille. Baum. Blüht. Ist Blütenkleid.
Traum. Zeit. Traum immer wieder.

Für Konstantin Ames

*

20. März 2020 22:57










Mirko Bonné

Remis

Einen warmen Klumpen
im Bauch
und auf den Lippen
wie die Haut
die nachts nachwächst
tagsüber bearbeitet
von Schneidezähnen
deine Lippen

Lippen
Remis
Lippen

Sag nichts mehr
Nicht
dass die Blätter
an den Zweigenden
im Zwist mit dem Wind liegen
Es ist ein Spiel
und im März
folgt die Revanche

Revanche
Remis
Revanche

Sag nicht
alles ist gut
Nicht
dass der Hund
die Tollwut hat
wenn er dich anfällt
im Schlaf
Er kennt nur deine Träume

Träume
Remis
Träume

aus: Różewicz-Lieder

*

13. März 2020 18:49










Mirko Bonné

Die Schatten werfen

zwei schwarze gesichter
und traum
Tadeusz Różewicz

Die Schatten werfen die Ereignisse voraus,
die Sonne scheint dagegen machtlos, und
so bist es du als Kind, von dem du lernst.

Was tat ich an dem Nachmittag, woher war ich
gekommen, als ich durch den Garten lief, zum Fenster,
ins Zimmer sah und dass da bloß noch Schatten war?

Schmerz sah ich, Angst, Tod, Leben der Gespenster,
ich hatte Augen nie für so etwas gehabt. Die Tränen im
Gesicht der Mutter, als der Freund zusammenbrach,

vornüberkippte auf die Knie, dann fiel, zu Boden ging,
das stumme Weinen der Verzweiflung und das kalte Glas
der Scheibe an die Stirn gepresst, der schwarze Tanz

an Wänden, auf dem Teppich, unterm Glastisch und
die Schatten der vorausgeworfenen Ereignisse in dem
erloschenen Gesicht und im Gesicht der jungen Frau.

Für beide war ich unsichtbar. Ich lernte zuzusehen und
dass die Zusammenhänge enden ohne einen Sinn.
Ich fühlte nur das Glas und wie die Zeit verging.

Der Junge, der ich war und unverändert bin,
sah zu, wie einer starb, ich lernte leben und von Glas
und meiner Haut den Unterschied. Ich lernte machtlos sein.

*

22. Februar 2020 00:32










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