Björn Kiehne

Herbst

Mutter, es stürmt in mir.
Ich kann die Ernte nicht einfahren,
finde keinen Namen für all die Tage,
an deren Ufern sich das Meer satt fraß.
Dieses Jahr wird es
kein Obst geben,
keine Kirschen,
keine Küsse,
kein Korn,
keine Hand auf meinen Wangen,
die die Salzlachen fortwischt,
und die Schatten aus meinen Gedanken.

18. September 2009 11:39










Sylvia Geist

Gewendetes Gelände

© Kai Geist

15. September 2009 12:02










Andreas Louis Seyerlein

~

0.05 – Angenehm seltsam, dass Menschen, sobald sie an ihr Herz denken, seine anatomische Gegend sofort berühren wollen.

13. September 2009 21:37










Björn Kiehne

Popmusik

Am Abend fahr ich in die Stadt.
Der Motor stottert,
kämpft gegen die
herannahende Nacht.
Musik aus dem Radio:
bum, bum, bum…
mein Herz poppt,
wächst, quillt aus seinem Beutel,
sprengt das Knochengefängnis,
explodiert -
auf der Autobahn
in Richtung Stadt.

10. September 2009 12:58










Mirko Bonné

Grippewelle

Im Hafenbecken brennt
ein Stückgutfrachter,
und die Crew,
die keiner kennt,
die singt.
Was Wunder, du,
was Wunder, wenn
auf der Mole der Beobachter
Herr Dr. Benn
so nihilistisch klingt:
Ein Volk, das untergeht,
muss Lieder spielen –

Tatsächlich? Spät!
Ein ganzer Chor versinkt.
Gesangslaufbahnen scheitern.
Kein Taschentuch, das winkt,
weil alle Nasennebenhöhlen
röcheln und vereitern.

*

5. September 2009 10:59










Hans Thill

Akkordeon: Madagaskar

Ja wenn das Schifferklavier
die Stimme der Nachbarin wäre
dann hätten wir Sonntagshunde
wieder Zähne im Rohr. Damalige
Damen. Gelötete Liesel (Zinn)
(braucht Mischung) mit ihrem
Faltenrock der den Atem
unterstützt. Wir ein Handbreit vor
der Heimat auf der Couch liegend
ganz aus Haar und eine Tastatur
statt Rippen am Fell

4. September 2009 10:02










Andreas Louis Seyerlein

~

6.00 – Flughafen. Terminal 1. Drei Uhr und fünfzehn Minuten. Ich stoße auf Charlie L., 36, Arbeiter. Der Mann, der in Togo geboren wurde und lange Zeit dort gelebt hatte, sitzt unter schlafenden Reisemenschen an der Nachtzeitküste. Er sieht seltsam aus an dieser Stelle, ein Mann, der in seinem Leben noch nie mit einem Flugzeug reiste, stattdessen in Zügen, Bussen, Schiffen durch den afrikanischen Kontinent Richtung Europa geflüchtet war, ja, merkwürdig sieht Charlie aus, wie er so unter schlummernden Nordamerikanern, Usbeken, Chilenen, Japanern, Neuseeländern sitzt. Er trägt Sicherheitsschuhe, ein kariertes Holzfällerhemd und Hosen von kräftigem Stoff, mit Katzenaugen besetzte dunkelblaue Beinkleider, die in jede Richtung reflektieren. Nein, unsichtbar ist Charlie, auch im Dunkeln, sicher nicht. Er macht gerade Pause, trinkt Kaffee aus einer schreiend gelben Thermoskanne und genießt ein Stückchen Brot und etwas Käse, den er aus einer Dose fischt. Sorgfältig kaut er vor sich hin, nachdenklich, vielleicht weil er sich auf ein Spiel konzentriert, das er seit Jahren bereits an dieser Stelle wartend studiert. Charlie tippt Lotto. Charlie ist ein Meister des Lottospiels, Charlie spielt mit System. Er hat noch nie verloren. Er hat noch nie verloren, weil er noch nie einen wirklichen Cent auf eine der Zahlenreihen setzte, die er in seine Notizbücher notiert. Ein beobachtender Spieler, Vater von fünf Kindern, immer ein wenig müde, weil er eben ein Nachtarbeiter ist. Und wenn ich mich neben ihn setze und ihm zusehe, wie er mit einem roten Kugelschreiber Zahlenkolonnen in seine Hefte notiert, freut er sich, macht eine kleine Pause, erkundigt sich nach meinem Befinden, und schon schreibt er weiter, analysiert, rechnet, sucht nach einer Formel, die seine Familie zu einer reichen Familie machen wird. Einmal frage ich Charlie, ob er noch Briefe schreiben würde an seine Eltern in Lomé. Ja, sagt Charlie, jede Woche schreibe er einen Brief an seine Eltern, die am Meer leben, am Atlantik nämlich. Ein andermal will ich wissen, warum er nicht einen Computer einsetzen würde, um vielleicht schneller finden zu können, was er sucht. Charlie lacht, sieht mich an durch kräftige Gläser einer Brille, sagt, dass er wisse, wie bedeutend Computer seien für die Welt, in der wir leben, seine Kinder spielten mit diesen Maschinen, für ihn sei das aber nichts. Und sofort schreibt er weiter. Eine ruhige, klare Schrift. Rote Zeichen. In diesem Moment begreife ich, dass ich einer Beschwörung beiwohne, einem Gebet, Malerei, einer Komposition, der allmählichen Verfertigung der Idee beim Schreiben.

> particles

3. September 2009 06:17










Hans Thill

Mundorgel: Madagaskar

in der Klasse beidhändig die scharfen
Griffel an der Tafel geschliffene Zahlen
daneben zu stehen als langer Hans
Schwamm aus dem die Kreide aufs
Linoleum tropfte

31. August 2009 11:21










Hendrik Rost

Kurzvita

kurzvita

Anklicken

28. August 2009 13:51










Sylvia Geist

Serendip

Gleich hinter der Wasserfront
beginnt die Fahrt nach Indien,
übersetzt in erst gestern

der Abzweig, den man übersehen kann,
weiter die Stelle, wo es Beeren gibt
statt der ersehnten Raben.

Mit dem Aroma einer verschenkten
Mühe, genauer: von Brombeeren aber
wird es an einen Findling gelehnt leichter

Schlaf, der die Augen vergessen lässt,
dass sie geschlossen nicht sehen, und bis
heute fällt in Cambridge ein Apfel ins Gras.

25. August 2009 20:02










 1 2 ...170 171 172 ...187 188