Mirko Bonné

Auskünfte einer Echse

Im New Yorker Metropolitan Museum

Was bist du für ein merkwürdiges Ding,
dort auf dem Fuß dieser Marmorfigur?
Sie hat keinen Kopf und keine Arme,
aber Brüste, eine Scham, und steinern
schimmert alles durch Gaze aus Stein.
Würdest du mich ansehen statt nur sie,
du wüßtest, was ich bin.
Du scheinst mir
eine Eidechse zu sein, aber eine blaue?
Ich bin ein Gecko. Richtig, ein Gecko,
allerdings aus Plastik. Was tust du da,
auf dem Fuß von – wer ist sie? Aphrodite.
Ganz Kluge nennen sie Venus Genetrix.
Was soll ich schon tun? Ich liege, warte,
und ich bin nicht aus Plastik.
Sondern?
Aus Gummi. Darf man dich anfassen?
Mich ja, sie nicht, sonst kommen Wärter.
Ist sie sehr alt? 1900 Jahre, fast. Und du?
Fabrikware, Shanghai. Da ist nichts alt.
Wer hat … sie geschaffen, meinst du?
Lies, was da steht.
In Bronze goss sie
Kallimachos etwa 500 v. Chr., in Stein
kopierte sie ein Römer, wer, unbekannt.
Sie wurde oft kopiert, jedoch nicht so oft
wie ich. Mich gibt es acht Millionen Mal,
ungefähr.
Wer hat, wollte ich wissen, dich
hier liegen lassen? Ein kleines Mädchen.
Bestimmt weint es jetzt. Mandy Polasky?
Nein. Es war ihre Entscheidung. Aphrodite
sollte nicht einsam sein, und in dem Kiosk
im Bronx Zoo kauft mich ihre Mutter neu,
keine Sorge.
In der Bronx? Für drei Dollar
gibt es mich in jedem Zooladen zu kaufen.

Hergestellt wirst du für 10 Cent, mehr nicht,
schätz ich. 13 Cent. Die Verschiffung treibt
den Preis in die Höhe.
Geckos fliegen nicht?
In Schiffscontainer passe ich eine Million Mal.
Warum sieht dein Schwanz wie ein Blatt aus?
Weil ich ein Blattschwanzgecko bin. Nie gehört?
Nein. Uroplatus. Irgendwie kann ich die Augen
nicht von ihrem Umhang lassen. Ganz als wäre
die Luft ein Windhauch aus Stein. Ist ihr Chiton,
das Unterkleid. Früher, als sie noch Hände hatte,
hob sie den Zipfel ihres Umhangs, den Himation,
mit der Rechten an.
Und ihre Linke? Die hielt –
was wohl?
Einen blauen Gecko. Einen Apfel.
Ob sie wohl je so was wie dich gesehen hat?
Blattschwanzgeckos leben auf Madagaskar.
Du hast Schlitzpupillen. Um die Zeit die Welt
zerteilen zu sehen.
Und kugelförmige Zehen!
Sind Haftzehen. Würde ich leben, ich könnte
am Fenster Gottes kleben und schlafen, blau,
wie ich bin.
Ja, warum bist du eigentlich blau.
Blick durch die Urwaldwipfel auf Madagaskar,
und, was meinst du, sieht man am Horizont?

Noch mehr Wald? Afrika! Den blauen Ozean.
Komm, ich nehm dich mit, ich bin aus Europa,
von Hamburg ist es nicht weit bis nach Athen.
Lass mich liegen, ich warte lieber. Auf wen?
Etwa Mandy Polasky? Worauf auch immer.

*

13. Juli 2009 11:58










Björn Kiehne

Meerblau

Ich will das Meer,
den Wellenschlag in
deinen Augen.
Ich will ganz
Ozeanien auf meinen Schultern,
salzige Flügel, ein Leben in Meerblau.
Ich will, wenn der Wind sich dreht,
am rechten Ufer warten,
warten auf deine Möwenarme,
die den Walschrei tragen,
in einer Silberschale
aus Gischt.

12. Juli 2009 12:39










Gerald Koll

Vier Minuten

gearld1

> ALL TOGETHER NOW

11. Juli 2009 19:39










Thorsten Krämer

Interiors

Nennen wir es eine fraktale Ästhetik, dieser bis ins Kleinste verfolgte Wille zum Design, die immer neuen Oberflächen. Die Kippschalter aus Bakelit, die Tischlampe im 70er-Jahre-Orange, der Plattenspieler, dessen Optik noch aus einer Zeit stimmt, als Scratching gerade erst erfunden wurde. Auf dem niedrigen Regal ein großformatiges gerahmtes Plakat, das den Elvis-Kult ins Pixel-Zeitalter überführt: verschiedene Plattencover, aufgelöst in Farben und Bildpunkte, übertragen auf neue Produkte wie Schachteln und T-Shirts, irgendwie cool und irgendwie clever. Dahinter der Sichtbeton, davor das Fahrrad als Kunstgegenstand, mit abgeschraubtem Sattel und Schottenmuster-Hülle für die Mittelstange. Durch die Speichen hindurch sind die Bücher im Regal sichtbar: Bildbände über Design und moderne Architektur, die passenden Zeitschriften ordentlich gesammelt in neutralen Pappschubern. In einer der nächsten wird auch dieser Raum enthalten sein.

11. Juli 2009 12:49










Kerstin Preiwuß

Den Vögeln ergeht es wie den Menschen: sie fangen an zu pendeln. Der Habicht brütet mittlerweile in der Stadt. Weil dort nicht genügend Platz für alle ist, wandern in der Stadt aufgezogene Junghabichte aufs Land aus, um dort ein Jagdrevier zu erobern. Manche Habichte allerdings entscheiden sich für beide Lebensräume. Sie pendeln zwischen Stadt und Land. Ein Habichtmännchen aus einem Hamburger Park sieht man regelmäßig bei Jagdausflügen in Wald und Feld der Umgebung.

8. Juli 2009 15:55










Hans Thill

Hans Test im Aquarium

In einer sonntäglichen Radiosendung zum Thema Tiefsee hörte Test den Reporter aus dem Aquarium von Neapel berichten, er habe unlängst Moränen dabei beobachtet, wie sie immer wieder in dekorativ am Grund des Aquariums ausgestreuten antiken Amphoren Schutz gesucht hätten, ein ständiges Hin und Her, bei dem oft nur ein Teil des Kopfes oder eine Schwanzspitze zu sehen gewesen wäre. Neben ihm habe ein älterer Tourist aus Berlin zu seiner Frau gesagt: »Kiek de Aale, immer mang de Pötte!«

7. Juli 2009 10:02










Sylvia Geist

Silicium

wandwuchs als
würde morgen mit sand geflogen und auf zukunfts
asche gesiedelt. silo schwebgarten

haus: jeder
aushub ein sog der möglichkeiten negativ einer lawine.
wen ließ los was

einmal rollte?
wann? vater lehm ist gesellig in den schachteln
den wohnhalmen wankt wind.

keine frage
gibt er lieber zurück als die von kies
im zement. rieselnd. silent.

3. Juli 2009 10:09










Mirko Bonné

Jacko

Auf dem Sitz über dem Radkasten,
während draußen vorm Busfenster
die sonnabendliche Stadt einkaufte,

zeigte er mir auf dem Oberschenkel
den besten Tänzer des Universums
in seinen Augen, mit zwei Fingern,
die vor und zurück schritten, rollten,
dabei sich doch nicht fortbewegten,

bis mit einer Pirouette seiner Hand
Jacko von der Jeans verschwand
im normalen Gewimmel des Lichts.

Für Nick

*

29. Juni 2009 21:34










Andreas Louis Seyerlein

~

1.17 – Ein Freund erzählte von Nächten, die er vor 30 Jahren in den gefährlich gewordenen Strassen und auf den Dächern über der Stadt Isfahan verbrachte. Das Rufen tausender Stimmen: Allah-o-Akbar. Wir haben das erfunden, um den Schah zu vertreiben, auch ältere Menschen konnten sich in dieser Weise bemerkbar machen. Wir kämpften für Demokratie, hörten BBC, um herauszufinden, ob irgendjemand wahrnimmt, was mit uns geschieht. Kannst Du verstehen, wie ich mich jetzt fühle? – Wie furchtbar wurden sie betrogen, eine Generation im Exil. – Kurz nach Mitternacht. Fereshteh Ghazi, junge Journalistin, notiert: Tonight, like past nights, the chants of “Allah-o-Akbar” were heard on roof tops of Tehran & other cities. Seit Tagen schreibt sie sich die Finger wund. Persiankiwi aber, dessen Zeichen ich viele Stunden lang auf dem Bildschirm erwartete, ist verstummt. Vorgestern noch Zeilen auf Twitter folgende: > just in from Baharestan Sq – situation today is terrible – they beat the ppls like animals 3:34 PM Jun 24th I see many ppl with broken arms/legs/heads – blood everywhere – pepper gas like war 3:35 PM Jun 24th 
they were waiting for us – they all have guns and riot uniforms – it was like a mouse trap – ppl being shot like animals 3:53 PM Jun 24th saw 7/8 militia beating one woman with baton on ground – she had no defense nothing – sure that she is dead 3:55 PM Jun 24th so many ppl arrested – young & old – they take ppl away – we lose our group 3:59 PM Jun 24th ppl run into alleys and militia standing there waiting – from 2 sides they attack ppl in middle of alleys 4:01 PM Jun 24th all shops was closed – nowhere to go – they follow ppls with helicopters – smoke and fire is everywhere 4:03 PM Jun 24th phone line was cut and we lost internet – getting more difficult to log into net 5:05 PM Jun rumour they are tracking high use of phone lines to find internet users – must move from here now 5:09 PM Jun 24th reports of street fighting in Vanak Sq, Tajrish sq, Azadi Sq – now – Sea of Green – Allah Akbar 5:14 PM Jun 24th in Baharestan we saw militia with axe choping ppl like meat – blood everywhere – like butcher – Allah Akbar – 5:16 PM Jun 24th they catch ppl with mobile – so many killed today – so many injured – Allah Akbar – they take one of us – 5:18 PM Jun 24th Lalezar Sq is same as Baharestan – unbelevable – ppls murdered everywhere – 5:19 PM Jun 24th they pull away the dead into trucks – like factory – no human can do this – we beg Allah for save us – 5:23 PM Jun 24th Everybody is under arrest & cant move – Mousavi – Karroubi even rumour Khatami is in house guard – 5:28 PM Jun 24th we must go – dont know when we can get internet – they take 1 of us, they will torture and get names – now we must move fast – 5:34 PM Jun 24th thank you ppls 4 supporting Sea of Green – pls remember always our martyrs – Allah Akbar – Allah Akbar – Allah Akbar 5:36 PM Jun 24th Allah – you are the creator of all and all must return to you – Allah Akbar 5:39 PM Jun 24th

> particles

27. Juni 2009 20:42










Thorsten Krämer

Cade’s Cove, Great Smoky Mountains

Adlerauge vs. Weichzeichner, die assemblierte Landschaft
beruht auf Mischtechniken: Nach hinten raus gerissene
Papierstreifen vom Bastelblock, im Vordergrund Foto-

Realismus. Jeder Baum ein Déjà-vu, die Vögel dort zwei
Flecken auf dem Objektiv. Ein Katalog von möglichen
Perspektiven blättert sich auf, das Alleinstellungsmerkmal

bist du.

25. Juni 2009 21:19










 1 2 ...174 175 176 ...187 188