Thorsten Krämer

Interiors

Die Technik überwiegt in diesem Raum. Rechter Hand ein niedriges Fernsehregal; jedes der vier Fächer ist mit einem Gerät belegt: VHS-Rekorder, CD-Player, DVD-Rekorder, Cassettendeck. Selbst auf dem Fernseher (ein altes Röhrengerät) steht noch der Receiver, auf dem Boden davor liegen die Controller einer Playstation. Zu beiden Seiten Lautsprecher auf silbernen Metallsäulen. Linker Hand der Arbeitsplatz, mit Kunstlederdrehstuhl, Rechner, Monitor und Telefon. Dahinter an der Wand ein Buchregal, in dem nur wenige Anleitungen und Handbücher stehen. Der Elektronikpark beherrscht den Erker dieser Altbauwohnung; durch die im stumpfen Winkel zueinander stehenden Fenster fällt das helle Morgenlicht – zumindest dort, wo die Jalousien nur zur Hälfte herab gelassen sind. Inmitten der Geräte, die fast durchgehend in Schwarz gehalten sind, steht auf einem kleinen Tisch eine Topfpflanze, eine Art Azalee. Um den Topf herum einige Steine, als hätte der Bewohner (kaum vorzustellen, dass hier eine Frau wohnt) einmal in einer schwachen Stunde einen flüchtigen Blick in einen Feng-Shui-Ratgeber geworfen. An der Wand gegenüber ein altes Sofa, in pflegeleichtem Grau gehalten. Die Zeit vergeht hier sehr langsam, aber sie vergeht.

21. Juli 2009 15:17










Hartmut Abendschein

Ferme Lachat sur Moron

Saint Brais. Der Schriftsteller Fritz Michel (Quartettfritzli) holt uns mit dem Fahrrad ab. Man übernimmt uns die Hälfte des Gepäcks. Und auch des Laufbiers. Man schwitzt in untergehender Sonne. Sinnt über: Redrum. Shining. In a cold blood. (Was brennt denn da? Eine Strassenlampe?. Ja, eine Strassenlampe. Was sollte es denn sonst sein. Als eine Strassenlampe. Richtig! Eine Strassenlampe usw.)

Und: Wir haben wieder bis zur Schrift geraucht, wie man hämisch bemerkt.

Aber: wir entwickeln das Nicht-Paradigma Alltag / Urlaub, setzen strukturell ausser Kraft, beispielsweise: eine Wanderkarte heute zu lesen findet analoge Entsprechung in Arbeit, reproduziert Mechanismen des Alltags, macht in der Anderzeit heimisch, stattdessen: Pilze fressen. Liegestühle aufstellen. Beach boys hören. Undsoweiter.

Im Jura darf man das:
Pferdeschnitzel
Pusteblumen
Sauerampfer
Brennnesseln

Konkret:
Baumstümpfe
gesägtes Holz
halber Mensch

(Wir stocken das Hausfliegendepot auf und teilen die Zeit ein. Der Vormittag dir. Der Mittag mir. Der Rest dem Rest. Und die Nacht.)

Nebenbei: die Arbeit am Modus nun entstehender Schrift findet vor Zäunen statt. Dort sitzt ein Kind tagelang und staunt über Kühe. Die staunen zurück usw.

Und: Michael Endes zeitgemässe Kindermedientheorie. Frau Waas zu Jim: “Mach doch mal das dumme Radio aus”. Jim zu Frau Waas: “Ein Radio kann doch gar nicht dumm sein! Höchstens das, was gesendet wird.” Jaja, der “häsliche Rundfunk”. Der “herrliche Rundfunk”. Die besten Zeiten …

Und: There ist no hardware.

(Wir sprechen weiter über die Kinder- und Puppenfilme der 70er Jahre. Wir entdecken dort noch die Möglichkeit, in den Bildern verharren zu können. Die nur allmähliche Verplottung von Bild. Der Tanz um und die Tendenz zur Skulpturalität von Erzählung. Die Schöpfung von momentartigen, aber haltbaren Gebilden. Heute müssen wir sehen: schnelle Handlung ohne Kette. Spielkonsoliges. Luftigkeiten. Ephemera.)

Und noch einmal: Diachronie vs. Synchronie. Rezeptionsverschiebungsthesen. Man beobachtet vermehrt diachronen Konsum zuungunsten von tiefenstrukturellem Schnickschnack. Wir nennen das neutralerweise mal so. Neutral also auch: einfach alle Combattanten zu beleidigen. Fritz Michel entwickelt zum Frühstück abweichende Eigenthesen.

Noch dieses: wer auf sprachreflexiver Ebene arbeitet … weiss automatisch um die Unzulänglichkeit von Realität. (Die Pilze, denken Sie nun vielleicht? Weit gefehlt!) Man macht sich ständig bewusst: die meisten konventionellen Erzählformen sind ganz unsinnige und überflüssige Gebilde, da sie nur Realität zu reproduzieren versuchen: als Begleitwerk zur Realität. Als auktoriale Realität, die Wasweissich verbürgen soll. Der Autor aber ist nicht einmal tot. Er ist reine Sprache.

[notula nova supplement Va]

20. Juli 2009 08:38










Andreas Louis Seyerlein

~

0.02 – Wie würde Hannah Arendt über das Wagnis der Öffentlichkeit formulieren in unserer Zeit, in einer Zeit, da Menschen ohne jede Scheu und in gut begründeter Voraussicht, zutiefst verletzt zu werden, mit Worten, Bildern, Filmen öffentlich in intimste Winkel ihrer Seelen leuchten? Einmal, als Computer noch mittels Transistorröhren rechneten, bemerkt sie mit ihrer tiefen, rauen Stimme, das Wagnis der Öffentlichkeit sei für eine Person nur möglich im Vertrauen auf die Menschlichkeit der Menschen selbst. /

montauk

> particles

18. Juli 2009 20:58










Hartmut Abendschein

Martin Walser im Bodensee (Untersee)

(Jugendbild, Scan)

16. Juli 2009 22:45










Hans Thill

Kulinarisches Aquarium gesehen mit den Augen von Marion Poschmann
und mit der Hand von Anja Stehling

und mit der Hand von Anja Stehling

16. Juli 2009 11:30










Carsten Zimmermann

kopfloses selbstporträt mit wasserglas

ksmw

15. Juli 2009 17:12










Andreas Louis Seyerlein

~

0.02 – Kurz nach Mitternacht, das Ende eines federleichten Tages, an dem ich, gegen den Morgen zu, eine feine Geschichte erlebte. Das war nämlich so gewesen, dass meine Hand, meine rechte Hand, während ich schlief, das Bett verlassen hatte. Sie schwebte, indem ich träumte, von einem Gewitter angerufen worden zu sein, fast bewegungslos über dem Boden und wurde in dieser Haltung nach einer Erinnerung zärtlich fotografiert, weil ich vor einigen Monaten notiert hatte, dass ich, wenn ich sage: meine schlafenden Hände, von Händen spreche, die ich nie gesehen habe. Dieser Satz ist nun natürlich nicht ganz unwahr geworden, weil ich immerhin noch keine Ahnung habe, wie meine linke Hand aussehen könnte, während sie schläft. Außerdem habe ich meine schlummernde Hand nicht selbst gesehen, mit eigenen Augen, wahrhaftig, in echter Zeit, sondern zeitverzögert und durch das Auge einer Kamera gebändigt. – Stunden voll Freude vor mich hin gestaunt.
schlafhand

> particles

15. Juli 2009 16:21










Mirko Bonné

Auskünfte einer Echse

Im New Yorker Metropolitan Museum

Was bist du für ein merkwürdiges Ding,
dort auf dem Fuß dieser Marmorfigur?
Sie hat keinen Kopf und keine Arme,
aber Brüste, eine Scham, und steinern
schimmert alles durch Gaze aus Stein.
Würdest du mich ansehen statt nur sie,
du wüßtest, was ich bin.
Du scheinst mir
eine Eidechse zu sein, aber eine blaue?
Ich bin ein Gecko. Richtig, ein Gecko,
allerdings aus Plastik. Was tust du da,
auf dem Fuß von – wer ist sie? Aphrodite.
Ganz Kluge nennen sie Venus Genetrix.
Was soll ich schon tun? Ich liege, warte,
und ich bin nicht aus Plastik.
Sondern?
Aus Gummi. Darf man dich anfassen?
Mich ja, sie nicht, sonst kommen Wärter.
Ist sie sehr alt? 1900 Jahre, fast. Und du?
Fabrikware, Shanghai. Da ist nichts alt.
Wer hat … sie geschaffen, meinst du?
Lies, was da steht.
In Bronze goss sie
Kallimachos etwa 500 v. Chr., in Stein
kopierte sie ein Römer, wer, unbekannt.
Sie wurde oft kopiert, jedoch nicht so oft
wie ich. Mich gibt es acht Millionen Mal,
ungefähr.
Wer hat, wollte ich wissen, dich
hier liegen lassen? Ein kleines Mädchen.
Bestimmt weint es jetzt. Mandy Polasky?
Nein. Es war ihre Entscheidung. Aphrodite
sollte nicht einsam sein, und in dem Kiosk
im Bronx Zoo kauft mich ihre Mutter neu,
keine Sorge.
In der Bronx? Für drei Dollar
gibt es mich in jedem Zooladen zu kaufen.

Hergestellt wirst du für 10 Cent, mehr nicht,
schätz ich. 13 Cent. Die Verschiffung treibt
den Preis in die Höhe.
Geckos fliegen nicht?
In Schiffscontainer passe ich eine Million Mal.
Warum sieht dein Schwanz wie ein Blatt aus?
Weil ich ein Blattschwanzgecko bin. Nie gehört?
Nein. Uroplatus. Irgendwie kann ich die Augen
nicht von ihrem Umhang lassen. Ganz als wäre
die Luft ein Windhauch aus Stein. Ist ihr Chiton,
das Unterkleid. Früher, als sie noch Hände hatte,
hob sie den Zipfel ihres Umhangs, den Himation,
mit der Rechten an.
Und ihre Linke? Die hielt –
was wohl?
Einen blauen Gecko. Einen Apfel.
Ob sie wohl je so was wie dich gesehen hat?
Blattschwanzgeckos leben auf Madagaskar.
Du hast Schlitzpupillen. Um die Zeit die Welt
zerteilen zu sehen.
Und kugelförmige Zehen!
Sind Haftzehen. Würde ich leben, ich könnte
am Fenster Gottes kleben und schlafen, blau,
wie ich bin.
Ja, warum bist du eigentlich blau.
Blick durch die Urwaldwipfel auf Madagaskar,
und, was meinst du, sieht man am Horizont?

Noch mehr Wald? Afrika! Den blauen Ozean.
Komm, ich nehm dich mit, ich bin aus Europa,
von Hamburg ist es nicht weit bis nach Athen.
Lass mich liegen, ich warte lieber. Auf wen?
Etwa Mandy Polasky? Worauf auch immer.

*

13. Juli 2009 11:58










Björn Kiehne

Meerblau

Ich will das Meer,
den Wellenschlag in
deinen Augen.
Ich will ganz
Ozeanien auf meinen Schultern,
salzige Flügel, ein Leben in Meerblau.
Ich will, wenn der Wind sich dreht,
am rechten Ufer warten,
warten auf deine Möwenarme,
die den Walschrei tragen,
in einer Silberschale
aus Gischt.

12. Juli 2009 12:39










Gerald Koll

Vier Minuten

gearld1

> ALL TOGETHER NOW

11. Juli 2009 19:39










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