Thorsten Krämer

Interiors

Ein leer geräumter Wintergarten: Den Blick auf den Garten versperrt eine Mauer, aber bis vor kurzem gab es auch gar keinen Garten; jeder freie Meter wurde genutzt, hinter dem Anbau ein weiterer Anbau. Der wurde als Werkstatt konzipiert, die Reste des Fundaments lassen noch die Raumaufteilung erkennen. Die Mauer ist aus Ytong-Bausteinen: billig, aber effizient. Für Ästhetik hat erst die nächste Generation wieder einen Sinn. An der anderen Wand steht eine zusammengeklappte Leiter, daneben ein ungeöffneter Sack Grillkohle. Die Lichtorgel sieht aus, als sei sie damals teuer gewesen: nicht nur die drei Standard-Leuchtelemente, sondern ein kleiner Turm, etwas über einen Meter hoch, mit diversen Strahlern, die alle einzeln ausgerichtet werden können. Rechter Hand die gestückelte Glaswand: zwei Holzfenster, die Tür in einem Aluminiumrahmen. Auf dem weiß gekachelten Boden ein ordentlich zusammengefegtes Häuflein aus feinem Baustaub, genau in der Mitte.

20. Februar 2009 18:53










Hartmut Abendschein

Beim Münchner Micha

Draussen tobt die Normalität. Mit dem Münchner Micha feste in der Innenstadt getrunken. Dann ins Fraunhofer, x-cess, Trachtenvogel. Wir stellen fest, dass wir Publikum und Interieur nicht mehr sortieren können, weil … sich alles verändert hat? Oder weil: wir dafür keine Begriffe mehr haben? Oder weil: s. Satz 2? Jedenfalls hat der Micha vor kurzem seine Armbanduhr verloren. Und ich rate ihm vom Kauf einer Neuen ab. Wir diskutieren eine kleine Philosophie der Uhrenlosigkeit.

Und verkrachen uns beinahe daran. Renitenzerhaltungsenergiekopplungen. Subjektivzeitakkumulationsfragen, Signifikation und Symbolisierung durch Leerstelle. Dies zählt alles nichts. Ich versuche die Punkte noch einmal am nächsten Tag zusammenzutragen. Es sind nur noch wenige da.

P.S.: Der Münchner Micha ist jetzt auf löslichen Kaffee umgestiegen. Aber Fair Trade. Und Bio, wie er sagt. Das dürfen auch alle wissen.

2 Jahre habe ich den Micha nicht besucht. Seitdem hat sich viel getan. Er ist mit Partnerin umgezogen. Auf der Toilette gibt es nichts mehr zu lesen. Ich frage ihn, was los sei. Bologna? Er antwortet nicht und legt das Programmmagazin „in“ neben eine Rollenburg. Nach meiner Abreise wird dort sicher wieder nichts liegen.

(Wir beschliessen aber: Ein Museum der Handgriffe muss gegründet werden. Und: vielleicht ist das Schreiben aber auch nur … professionalisierte Innerlichkeit.)

Notstromprobe am Karl-Preis-Platz. Rolltreppenprobleme. Schnellstmögliche Behebungen. (Micha hat sich eine neue Uhr gekauft. Casio. Digital. Das Zwicken an Haut und Haar hat nicht unmittelbar mit dem Neuerwerb zu tun. Seien ganz normale Zeitschmerzen, erfährt man.)

Im Tollwood: “Man kann ja nie wissen, was alles so passiert”. – “Ja, passieren kann schnell was.”

Im Wassermann: Schwaben ohne Schwaben gegen Bayern ohne Bayern. Sprechen der Sprache ohne Sprache. Leichtes Weissbier (2.4 %). Lucio. Cacao. Und andere Bekannte. Alte Streitigkeiten werden überspielt. Stuttgart führt nach 45 Minuten 1:0. Nervöse bayrische Raucher vor der Tür. Alles friert.

Dann: 1:2 gegen die Gastgeber. Apathie. Lethargie. My mourning table, subsound Ländler. No a Weissbier, bittschön.

Dankschön, Micha.

(Auf der Heimfahrt im 4er, 3 St. Gallener Visagistinnen. Wie Oberflächenoptimierung? Wie Sonnenschutz? Wie Sonnung mit dunklem Teint? Welche Zeitschrift und wie lesen? Wie richtig Skifahren? Wie Taschenkaufen? Etwas ist zu teuer: Mama, Papa und Geburtstag fallen mit Weihnachten zusammen. Undsoweiter.)

(Überhaupt: Wohin man überall Dinge schrauben und stecken kann. Ohren, Nasen, Brauen, Lippen, Zungen, Zähne. Selbst im Häutchen (Name?) zwischen Oberkiefer/Schneidezähne und Oberlippe ist noch Platz für einzwei Ringe.)

[notula nova 26]

20. Februar 2009 09:25










Carsten Zimmermann

in der stadt

wir sind hier voller menschen,
sind voller autos, häuser,
bürgersteig und himmel

wir kaufen ein
wir gehen entlang
wir schauen nur mal

um uns ist dieses leuchten,
ein heller schaum, wir sind
in rauhen mengen
geheimnisvoll allein

18. Februar 2009 10:47










Nikolai Vogel

E. T. A. Hoffmann z. B.

Ein Doppelgänger vielleicht, eine Spiegelung, oder eine Kopie (die Automate Copy/Paste), eine Sicherheit, Zwillingstext, eine Aufteilung der Welt in fast identischer Perspektive.

17. Februar 2009 12:58










Markus Stegmann

Walensee

Verfangst an Walensee genachtete
schriebst blinkt Paestum Lage
als Tochter Sturm verwehte
Tritte zittern griff und verfädelst
östlicher als Seeschwarz
Gegenruder langt
ein Finstersturz
Eis das Wasser Korn
verbodet ans Kinn
achterlich die Verfahrt
Motorschlag so kehrt
merzliche Last schneit
partizipiert das Minuten
senktrechter als Firn
schüttet kolossale
Geburt

16. Februar 2009 22:38










Andreas Louis Seyerlein

~

2.26 – Eine jedem Propellerkäfer zutiefst verbundene Leidenschaft ist, auf Bäumen zu sitzen und nach Winden Ausschau zu halten. Sie sind in diesem Warten und Schauen außergewöhnlich geduldige Persönlichkeiten. Wochen, gar Monate sitzen sie kaum wahrnehmbar in Gestalt kleiner Zigarren auf knorzigen Ästen, Stämmen und Blättern herum, indessen sie ihre Augen stets geöffnet halten, blaue, sehr blaue Augen, selbst wenn sie schlafen, was nicht ganz sinnvoll zu sein scheint, weil doch heranwehende Winde eher zu hören als zu sehen sind. Wenn man nun einen Propellerkäfer bei seiner leidenschaftlichen Arbeit, insbesondere den Präludien seiner Arbeit beobachten möchte, sollte man geduldig sein und immerfort an seiner Seite, weil man nie vorhersagen kann, ob ein Wind, der sich näherte, unserem Propellerkäfer gefallen wird. Manche Winde, so seltsam das erscheinen mag, noch feinste Stürme, die vom Meer her kommen, lassen unseren Propellerkäfer völlig kalt, während bereits die leiseste Ahnung ganz anderer Winde, heftigste Erregung erzeugen kann. Dann, von einer Sekunde zur anderen, ändert der Propellerkäfer seine Farbe, ob er nun will oder nicht, er sieht jetzt ein wenig so aus, als würde Feuer in ihm brennen. Seine Füße indessen haben kleine Zehen ausgefahren, Phantasien der Natur, rein nur zur Verankerung ausgedacht, weil der Propellerkäfer sich sofort wild entschlossen mit jedem seiner Propeller gegen den Wind stemmen wird. Stürme, gerade Stürme will er fangen. So sitzt er mit geschlossenen Augen hinter pfeifenden Rotoren bebend und knistert und wartet, wartet bis all das wilde Wetter vorübergezogen sein wird. Der Ordnung halber sei folgendes noch rasch gemeldet: Propellerkäfer sind friedvolle aber doch gefährliche Wesen, sobald sie aufgeladen sind. Mal haben sie sechs, mal acht, mal zehn Propeller, die sie je in ihrem Leib verbergen, um für Wochen, für Monate wieder zur Baumzigarre zu werden. Jetzt hören wir sie leise und zufrieden knallen.  

 

propeller

> particles

14. Februar 2009 06:30










Sylvia Geist

Manitoba

Dein Nachbar hat seine Schindeln
weggelegt neben die ausgedienten
Nägel und die Kinder

nebenan das Lachen, das du
an schlechten Tagen verdächtigst.
Um diese Zeit lacht niemand über

die Zäune. Die Dunkelheit der Häuser
streicht die Zeile, die Trampelpfade und
das Gebell und was immer zu hören ist: dies

ist der Platz, beleuchtet von nur diesem Tag.
Dort rücken wir die Stühle aus den Hageln
des Nussbaums, die hirnschönen Kerne liegen

weiß und bitter bloß zu früh.
Wie Angehörige einer alten Religion
beugen wir uns der Augenzahl der

Blätter, schütteln unsere Deutungen ab
und noch einmal beschreibst du mir das
Wild mit der falschen Frage.

13. Februar 2009 12:00










Hendrik Rost

Blindbewerbung

Erst ein paar Fakten zu mir:
Aufgrund meiner intellektuellen
oder auch kulturellen Fähigkeiten
als Mensch bin ich in der Lage,
mich veränderten Umweltbedingungen
sehr viel besser und schneller
anzupassen als jedes andere Tier.
„Die Aussicht auf einen zukünftigen
Hunger macht mir schon jetzt Sorgen.“
Im Übrigen gelte ich als direkte
und größte Schöpfung eines
oder mehrerer Götter.
Als Mensch bin ich vermutlich stärker
als jedes andere Tier in der Lage,
Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft
in kausale Zusammenhänge zu bringen.
Ich kann Handlungen vergleichen,
planen und teilweise eine Zukunft
kreativ entwerfen und erreichen.
Das alles in komplexer Sprache,
die differenzierte Aufgabenteilung ermöglicht.
Als Mensch bin ich in der Lage,
die Lebensbedingungen meiner Art
durch Arbeit willentlich zu gestalten,
solange ich mir die Tätigkeit aussuchen kann
und keine Hindernisse mich aufhalten.
Menschliche Individuen wie ich
sind sich ihrer Sterblichkeit bewusst.
Wann kann ich anfangen?

12. Februar 2009 15:28










Sylvia Geist

agarden

: a garden

12. Februar 2009 08:35










Hans Thill

Propheten (15): Michail Bakunin

B. war ungewöhnlich groß und massiv, sein Gesicht aufgedunsen, unter seinen hellgrauen Augen lagen dicke Wülste. Seinen mächtigen Kopf krönte eine hohe Stirn; am auffallendsten war jedoch sein halbergrauter, krauser Backenbart. Er kleidete sich keuchend an, und von Zeit zu Zeit starrte er auf mich. Beim Sprechen stieß er stark mit der Zunge an, da ihm viele Zähne fehlten. Als er sich bückte, um seine Stiefel anzuziehen, bemerkte ich wie sein Atem stockte. Als er sich wieder aufrichtet, begann er sehr schwer zu keuchen – der Atem ging ihm aus, sein aufgedunsenes Gesicht wurde blau. Dies alles wies darauf hin, daß seine Krankheit bereits in hohem Maß fortgeschritten war … Später erschien Saizew, und es ergab sich ein Gespräch über den Aufstand in Barcelona, der mit einem Mißerfolg endigte. B sagte, die Revolutionäre selbst trügen eine große Schuld am Mißlingen des Aufstandes. Man hätte die Amtsgebäude in Brand stecken sollen! Das muß bei einem Aufstand der erste Schritt sein – und sie haben es nicht getan. Er war ganz erregt.

(Aus: Erinnerungen von Debagorij-Mokriewitsch, russ. Manuskript, Paris 1894. Zitiert nach: Horst Bienek, Bakunin eine Intervention. Hanser München 1970.)

12. Februar 2009 04:40










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