Thorsten Krämer

Ein Käfig für die Aufzucht von Unterlassungsklagen

Man braucht vier komplette Sätze Registerkarten, alphabetisch geordnet. Diese werden am 7. des Monats in zwei getrennten Sitzungen (die Pause dazwischen sollte mindestens eine Stunde dauern) auf vier gleich große Plexiglasdreiecke geklebt, den Rand entlang. Zuerst die Vokale, dann die Konsonanten. (Wenn der 7. des Monats gerade erst vorbei ist und man nicht so lange warten will, geht auch der 22. des Monats.) Als nächstes lässt man im Baumarkt eine quadratische Buchenholzplatte zuschneiden, wobei die Seitenlänge so zu wählen ist, dass sich aus dem Quadrat und den Dreiecken eine Pyramide bilden lässt. (Buchenholz ist hier als erste Wahl zu verstehen, Lärche oder Eiche tun es zur Not auch. Und wer handwerklich geschickt ist, kann den Zuschnitt natürlich auch selbst besorgen. (Es ist auch der Fall denkbar, dass kein Baumarkt in der Nähe ist, dann führt ohnehin kein Weg am eigenhändigen Zuschnitt vorbei, es sei denn, man hat zufällig gerade eine Platte in der passenden Größe zur Hand.)) Bevor die fünf Elemente nun zusammengeleimt werden, schneidet man in jedes der vier Plexiglasdreiecke ein Loch. Das ist wichtig, um später das Streugut leichter wechseln zu können. Wem das zu aufwändig ist, der kann einfach eines der Dreiecke weglassen und stattdessen an dieser Seite zwei große Kochlöffel anbringen. (Wer die Möglichkeit hat, günstig an Küchenzubehör zu kommen, kann auch alle vier Seiten der Pyramide durch Kochlöffel ersetzen. Die Registerkarten werden in diesem Fall nicht benötigt.)

8. September 2017 16:15










Karin Fellner

Komische Symmetrie

Alles hat seine Gegend. Hat auch sein Gegending.
Gesagt: Ich erledige das, schon merk ich, dass mich das erledigt.

Klipper des Denkens kippen in diese, jene Richtung,
ich flip-floppe drauf herum und schwa/enke mit meinen Segeln.

Angenommen, ich mache in Reifen oder in Reimen,
je länger ich das betreibe, je mehr macht Reif/Reim in mir.

Oder ich wache auf, halb außerhalb, wabernd, ein Blob.
Sitz ich dann, halt halt den Stoff, bis der Stoff mich hält, in Form.

Gesetzt den Fall, mir setzt sich ein Angstschlapphut auf,
der grummelt: weltverlassen biste, bleibst geschasst.

Probates Antidot: Stülp ich den Hut um, denn drinnen
wohnt die andere Angst: Bedrängung in gläsernen Räumen.

Verwandt und anti-verwandt, macht eine die andere aus,
löschen sie sich einander, Interferenzspektakel.

Notabene: Du, Knödel auf meinem Teller, gibst dich bereitwillig hin.
So will auch ich mich bereiten, meinen künftigen Essern ein guter Knödel zu sein.

8. September 2017 07:53










Konstantin Ames

’nd

Diskurse’nd Oberhände
Oberhände’nd Facebook
Facebook’nd Weltreste

Diskursoberhände’nd Weltfacebookreste
’nd Graphorrhö

für Michael Gratz

7. September 2017 06:25










Mirko Bonné

Avenidas

avenidas
avenidas y flores

flores
flores y mujeres

avenidas
avenidas y mujeres

avenidas y flores y mujeres y
un admirador

Eugen Gomringer

boulevards
boulevards u. blumen

blumen
blumen u. frauen

boulevards
boulevards u. frauen

boulevards u. blumen u. frauen u.
ein bewunderer

1953 / 2017

6. September 2017 20:32










Konstantin Ames

Die letzte perfekte Ansprache eines Amerikaners

Sie datiert auf den ~ 23. August 1927 ~, sie bestand aus wenigen Worten.
Aus den Buchstaben dieser Worte ist dieser Text gemacht, nicht aus großen
Worten. Aus Worten von Besiegten.

Rache – spricht der Bourgeois – ist eine feine Sache. Er zerdrückt die zarten
Klatschmohnköpfchen mit elektrifizierten Fingern. Das Ganze auf 35 mm, alles frisch
erfunden, alles frisch. Aber keine Kamera kann die Worte sichtbar machen.

Nicht ihre Gestalt. Nicht ihren Geist. Ihre geniale Schlichtheit. Etwas, das etwas
in Haarspitzen treibt. Ein Kribbeln in den Fingern. Knälle in den Ohren. I am not a better
babbler than he is
Perversling Alpha hat den Transport reiner Reime

durch Drähte erfunden. Der erste Snuff for tolerance, for justice, for men’s understanding
of man
stammt von brainfucked Edison. Nobel! Nobeltaten seinem Andenken!
Das Lied für Nicola und Bart? Zu sehr Rimjob im Chor. Packt eure Zungen ein. Es

wird nicht mehr gesungen. Sagt wer? Anarchistische Folklore und bürgerliches
Samisdat ergeben einen Quietismus der Tat. Am Punkt angelangt, wo du nichts mehr
hören willst, weil du niemand gehören willst wish to forgive some people

und du all das in deinem Leben siehst, was man ‘Mangel an Solidarität’ nennt
from our childhood to today dann geh in die Wüste Denn. In der Wüste Denn
I might have die, unkown, unmarked, a failure in der Wüste Denn nur gibt es eine Oase.

Dort sind alle Seen schwarz wie in meiner Schildhut. Zum Tag kommt’s nie. Permanent
ist Morgenrot. «Euch habe ich auf die Finger gesehen, da vergeht mir die Lust zum
Kartenspiel», schlug sie tot und warf sie hinaus ins Wasser. Ins trockene Wasser. Sacco

has never dreamt to steal, to assassinate. Wie wohl dieses Spiel geworden wäre?
Farewell. Orwell sah die Brigade Vanzetti noch in Aktion. Hast du schon eine Stadt
befreit, «da kamen aus allen Ecken und Enden schwarze Katzen und schwarze Hunde

an glühenden Ketten, daß [weiß]er [Mann] sich nicht mehr bergen konnte», die
heulten wie Kaffeemühlenstukas aus den 1960ern Made in W-Germany nur eben
dreißig Jahre eher. Literaturfromm möchte ich sterben als lover of work.

Es lebe die große Unbekannte ~ und ihr Anarch ~ Sacco too is a worker. Vermag
die Fruchtbringende Gesellschaft etwas gegen einen Fischverkäufer, einen Schuster?

~ Keine Götzen, kein Gehorsam. Die Anbeter haben die Hosen voll. ~

5. September 2017 07:52










Mirko Bonné

Aus den nördlichen Regengebieten

Dürer auf Durchreise
stieg in Bamberg immer
in seinem Lieblingskrug
Zum Wilden Mann ab, dann
eilte er sofort, rannte
mit wehenden Locken,
in denen der Wind
knisterte, hinaus an
die Regnitz, seinen Herz-
fluss, um am Ufer zu zeichnen.
Zeichnen die Pferde, die
über die Felder zogen
zwischen Nürnbergs
Waldungen, am Himmel
die Schwärme der Stare,
der Schwalben, der Krähen
und der Tauben. Zeichnen
im grünen Wasser den Fisch,
der dastand, still, zwischen
den lang behaarten Steinen
am Grund der Schilfbänke.
Die Köche zeichnen, jungen
Mägde, die Alten wie Geister
in den Augärten Kleinvenedigs.
Kleine schwarze Rose, gestochen
mit Tinte auf den Handteller, sein
Bamberger Blümla. Zeichnen Julie
und zeichnen Juliens Busch.
Den Hasen. Den Hohlweg.
Tout s’était passé
d’une manière révoltante,
sagte auf der Unteren Brücke
ein Franzose, und Dürer war heftiger
Widerspruch peinlich. Die Zeichen
im Zeichenbuch wuchsen. Wolken-
vielfältig Bambergs Abende.
Am nächsten Mittag der kalte
Regen von Franken, die Weinberge,
Würzburg, wozu immer weiter, weiter,
weiter in die nördlichen Regengebiete.
Das Licht war ein Puls, langsam,
beständig langsamer, beinahe
glaubte man, es hört auf.

*

4. September 2017 17:13










Konstantin Ames

Verteidigung von Zuß gegen Ames

Näschen rümpfen geht am besten in Strümpfen.
Oder eben Samisdat.

Ach, wär nur nicht das Samstagsdate
im Zwanglos III. Kannst doch auch?
Oder Hegeldienst im Zotenclub?

«Und ich scheiß auf Eure Dichterfeste!» (Handke)

Nach Poezystektomie sollte man verzichten auf
stark blühende Zwiebelmittel wie z.B. Leben
und Bewunderer und Sandförmchen überhaupt

3. September 2017 09:11










Jonis Hartmann

FEILSCHEN

Später nach dem Flohmarkt trafen wir den unzuverlässigen Erzähler, und denk dir, was er sagte, Morgen werdet ihr schreien. Wir lachten, und das tun wir auch jetzt noch, während wir uns anschauen und keiner der Erste sein möchte.

31. August 2017 10:18










Thorsten Krämer

Ein neuer Fisch im Schwarm: Jonis Hartmann



Jonis Hartmann lebt in Hamburg und arbeitet als Autor, Kritiker, Veranstalter und neuerdings auch als Literaturzeitschriftenmitmacher. 2016 erschienen sein Lyrik-Debüt “Bordsteinsequenzen” im Elif Verlag und der Literatur Quickie “B-Texte” mit Kurzprosa.

*



Idee von einem Satz

Gestern sagte mir jemand, dass die Gedichte dieser Tag wie Prosa wären und die Prosa wie Müll. Wenn ich heut Abend jemanden träfe, könnte ich sagen, dass Worte Gefangene sind oder Entdecker, aber das wird nicht der Fall sein, denn heut Abend verlassen wir die Erde. Wie dumm von mir, nichts erwidert zu haben. Jetzt heißt es warten.


*

Herzlich willkommen, Jonis!

30. August 2017 07:53










Tobias Schoofs

JOYCE

überschütt uns herr mit elend und
umkränz mit zoten unsere kunst

25. August 2017 20:17










 1 2 3 4 5 ...172 173