Andreas H. Drescher

Heimatrecht in dieser Stadt hat
Nur wer den Verstand verliert

Zum Beispiel das Doppeln das
Mit-Zwei-Köpfen-Lutschen

Känguruspiel Matronen Mutter
säcke Herren die sich glücks

säuselnd drin verkriechen in
diesem pflaumenblauen Rauch

MYRI AD ISCH BEFINGERT
E VERGNÜGUNGSPFL ICH T

4. Januar 2018 08:38










Andreas H. Drescher

LEGO-SCHWALBE

Lego-Schwalbe eigentlicher nie
das größte Volk der Erde ruht
in einer Spielzeugkiste vergisst
sich knabbert Mandarinen dies
er Nachmittag dehnt sich noch
im Flug braucht keine Fliegen

Das Rechteck der Wiese wird
auf ihren Ruf hin bis an seine
Grenzen über Haus gebaut win
zig Fenster die zu schließen die
zu öffnen sie vergessen haben
Allein von ihrem Anblick schon

in Obhut der genoppten Raserei

2. Januar 2018 14:38










Christian Lorenz Müller

ADE, DU SÜSSES SCHREIBEN! (Neujahrsvorsätze in Haiku)

- Bilder, Metaphern
reduzieren. Maximal
zwei, drei pro Gedicht.

- Und keinen melan-
cholischen Qualm mehr, keine
tränenden Augen.

- Dafür Bewegung.
Der Nadaismus* sei mein
neuer Fitnesstrend.

Ade, du süßes
Schreiben! Nun gilt das schlanke,
gesunde Gedicht.

*www.nadaproductions.at/img/pdfs/das%20BMN.pdf

2. Januar 2018 12:57










Christian Lorenz Müller

BLUMEN FÜR 2018

Blumensträuße aus Licht,
ein Bouquet aus weißen Explosionen.
Rot aufzuckende Rosen,
das gelbe Knallen
unzähliger Narzissen.

Hunderte von Gläsern werden befüllt,
Vasen, fassen sie vielleicht
den Augenblick.

Alles welkt binnen Sekunden.
Die verwesende Süße verschütteten Alkohls,
der schmutzig getrampelte Schnee.

Am Morgen überall
die dürr gewordenen Stängel der Raketen,
zu Scherben zerfallenes Grün
das ein Betrunkener durchknirscht.

1. Januar 2018 13:04










Hendrik Rost

Spieltrieb
Seit Jahren und heute betrachte
ich den Kampf einer Wahrheit
gegen eine andere. Jede mischt
ihr Gift in den Zustand,
bis er als Krankheit wirkt.
Die Zähne haben sie
der einen ausgeschlagen.
Die andere muss damit leben,
dass sie gesiegt hat.
Das Beobachten entpuppt sich als blutig.
31. Dezember 2017 23:08










Christine Kappe

Bach würde zu ihr passen

Bach würde zu ihr passen
auch wenn sie ihn nicht hört
auch wenn sie am Ende mich anguckt
als sei ich wahnsinnig
jetzt noch eine Frage zu stellen
sie hat mehrfach bewiesen
dass das alles geht
mit der Menschlichkeit
als Göttin

30. Dezember 2017 16:55










Mirko Bonné

Wulin

Von den binnen Wochen erbauten Wolken-
  kratzern hängt das Grün aus dem Himmel
in die Straßen hinunter. Alte mit einem Eisberg
  aus Styropor fahren vorbei, und in den Augen
der Kinder liegt die Tiefe der konfuzianischen
  Zeit. Kummer ist eine Art schwerer Zweifel.

Eine Reklame, groß wie eine Schule, bunter als
  die Nacht unter Vögeln: Betrink dich im Bezirk
Wulin! Spür den Wind dort! Die schlaflose Stadt
  ist das Paradies! Im selbstfahrenden Bus nach
Wulin. Der eingeschlafene Fahrer, dem ich den
  Anorak über die schlotternden Beine breite.

Kanalbaumuseum, Schiffbaumuseum, Vögel-
  museum, Scherenmuseum, Messermuseum,
Wundenmuseum, Schießpulvermuseum, Katzen-
  museum, Tannenbaummuseum, Regenschirm-
museum, Regentropfenmuseum, Tränenmuseum.
  Komm nach Wulin! Bleib in Wulin! Für immer!

*

29. Dezember 2017 17:00










Thorsten Krämer

I remember Finnentrop

Einmal sah ich hier eine Horde Germanen
durch den Wald laufen. Sie stürmten schreiend
den Hang runter bis vor die Blue Lounge. Dort
tranken sie Latte Macchiato im Stehen und
warteten auf den Bus.
                           Eine Stadt wie
ein Symbolfoto: der Mittelstand, das Mittel-
gebirge, das mittlere Einkommen in the heart
of the heart of the Süderland.
                                     Und der Zug
schlängelt sich durch die Landschaft wie das
weiche Deutsch eines Persers.

28. Dezember 2017 11:56










Tobias Schoofs

SPESSART

lametta à la schlange im laub
zwei burschen durchs gebüsch

im glanz der weihnachtskugeln
frisieren räuber sich häng bloß
nicht auch noch hirsche hin

zitier auch keine römer was im
kino läuft lass unerwähnt für
themen ist der wald zu finster

bis zum wirtshaus mische bloß
mediales nicht mit medialem

24. Dezember 2017 13:20










Thorsten Krämer

*

Der Moment in der RB48, kurz nach Mitternacht, wenn die
junge Frau am Fenster gegenüber auf den Klappmülleimer
kotzt, du hörst das Plätschern und blickst auf, reichst wortlos
ein Paar Taschentücher, wie sie dann aufsteht und in Richtung
Türen geht, und wieder hörst du dieses Plätschern — kein
lautes Würgen, Husten oder Spucken, nichts Expressives oder
Körperliches — nur dieses sanfte, freundliche Geräusch, die
unerschütterbare Unaufdringlichkeit.

22. Dezember 2017 17:55










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