Björn Kiehne

Nanda Devi

Auch das gebe ich bald auf,
keine Angst vor der Stille,
all die verbrauchten Wörter
am Wegrand zurücklassen,
Spazierengehen mit Blick
auf die leuchtenden Berge.

24. Dezember 2019 07:43










Christine Kappe

2 Programme

Offenbar bin ich doch offen
Ich konnte ja der einen Schulbegleiterin nicht auf den Pelz kucken
Hatte sie schon «wegsortiert»
Doch beim Weihnachtsbasteln ist sie
mir unglaublich sympathisch aufgefallen
als sie die Augen verdrehte bei
«3 Tage basteln»
Und jetzt habe ich sie einfach mal angesprochen
Und ihr ins Gesicht geschaut
Es ist irre
Ich meine nicht die Tatsache, dass man Leute verurteilt
(ich glaube, das ist Selbstschutz)
sondern dass im Hintergrund noch ein anderes Programm läuft
was diese Leute im Null Komma nichts wieder auftaut!

23. Dezember 2019 23:11










Hendrik Rost

Synästhesie

Bild, anzusehen nach der Melodie von: Ist es noch weit nach Bethlehem?

21. Dezember 2019 11:35










Christine Kappe

Die verrückten Mütter

Die verrückten Mütter
die ihre Kinder in den Ferien organisieren
mit Smsen abends um halb 10
und dich loben, du wärst so unkompliziert
deswegen will ich nichts sagen
sonst stimmts ja nicht mehr
„Papa“ kann kaum laufen
aber zum Rauchen spätabends noch rausgehen
Wir sind schon selbst so grenzwertig
aber nur 4, das reicht ja
Jusa nervt mit einem Stempel
der noch ins Programmheft muss
und dann steht da mein Name drauf und“Kaffee und Kuchen“
Ein älterer Herr erzählt uns währenddessen seine Lebensgeschichte
seine Augen liegen in tiefen Höhlen
und zum Schluss zieht er einen Hut, den er nicht aufhat
Aber diese Gespräche mit den Müttern der Freunde unserer Söhne
begleiten uns im Hintergrund…
auch wenn die Telefonate mit den Freundinnen immer länger werden, wenn wir uns verabreden
die Entfernung, die Krankheiten, das Wetter, aber schön
und das Gefühl: WIR machen die Kunst, die unsere Zeit festhält
nicht diese angesagten, oberflächlichen Nicht-auf-den-Punkt-Komma
Weißt du noch, wie Lennie einen Film erzählte
und seine Begeisterung, die mich mitriss
Doch ob der Film wirklich gut war
oder bloß die Schauspieler oder die Musik gut aussahen
Manchmal ist das so, wer will das beurteilen, hauptsache es katapultiert dich
diese Hoffnung auf etwas wirklich gutes mal hinaus
Und so war es ja, ein paar Lebensjahre eingebüßt, ein paar Plakate verwittert
extra ein s-w-Foto gemacht, damit klarist:
da gehts noch weiter. Und dann derselbe Lennie, wirklich diabolisch, wirklich anders
als alle, eine Welt aufspannte, größer als die Welt
in der wir lebten, vom Tod unseres Chefs erzählte
Nicht weil er weniger verrückt war, sondern weil er einfach mehr trinken
und mehr vertragen konnte von: einerseits dem Elend und andererseits den Bonzenvillen
von denen er sich auch eine gekauft hat
zwischen Autobahn und Baggersee
Da gibt es doch gar keinen Ort, um sich umzubringen, aber genau das wars
woran Tschatta gestorben war, … bis hin zum Namen für unser Kind
der uns nicht einfallen wollte, und den wir aus dem gleichmäßigen Regen heraushörten
der im Oktober 2003 einsetzte und seitdem nicht mehr aufhörte, aber
Wenn wir hierwären im Dasein…
vielleicht 2020 nochmal

19. Dezember 2019 09:37










Hans Thill

Goldfische VII

(…)

Sur le bord, d’albes déités,

WEISSGOTTHEITEN wie man sie kennt bei
Ranke-Graves finden hier keine Verwendung.
An Bord wird mit Kies gearbeitet, Gemisch
aus Altöl und Beton, von Rheinpreußen
und ihren Töchtern gern genutzt als Alibi

Délicieusement exsangues,

Die Ex noch im Blut, warf er sich auf die Kiste
der Symbole und wurde aus einer elektrischen
Laune etwas wie Voltaire. Hier seht ihr
wie es gehen kann mit den Leutchen,
alten, jungen. Seit jeher aber sei ein Brot
mit Deli Soft zu schmieren

Dans les rieuses bleuités

Uns lacht ein Erasmus der Blauen Periode.
Er ist vielleicht mal Meister, mal
Heckenschaf. In seinem Garten ohne Horizont
erntet man ein falbes Azur, gerührt
aus Ozeanen und Zäsaren in Booten
(im Brumaire)

Regardent naviguer les langues.

Weg der Zungen übers Meer. Sie tragen
einen Rucksack und sprechen Schottenenglisch.
Die Inseln sind ihnen kein Hindernis.
Sie streuen Schafe über die Welt und auf der
langen Reise leben sie von Datteln, Feigen
wie wir, die sie in unseren Mündern tragen

Septembre 1885

An seinen sieben Fingern zähle er bis zehn.
Wie die Zeit als liegendes Lineal von links nach
rechts verstreicht. Vendémiaire, auch dieser
Mond stünde jetzt zum Verkauf wie übrigens
der Wuchs des Wortes
Eins-acht — Huit-Zink
Out. Over. Roger. Roux.

17. Dezember 2019 11:17










Hendrik Rost

Blaues, Buntes

14. Dezember 2019 08:37










Christine Kappe

Der Ganztag

Warum ist dieses Wort so schrecklich?
Es kommt weniger häufig in der Gegenwartssprache vor als z.B.
Ganzleinen, und für Ganzleinen hätte ich ja noch Verständnis
Es kommt bisher noch 65.536 mal weniger häufig vor als das Wort der
aber diese Zahl ist rückläufig und bald wird der Ganztag uns verschlungen haben schon deswegen, weil jeder Tag ganz ist
und wir die Länge nun mal nicht ändern können

Der Ganztag ist natürlich auch nur ein Halbtag
weil er nicht den ganzen Tag da ist
Sonst müssten wir ja auch ein Ganztag sein
Es sind morgens aber andere Leute da als vormittags
und nachmittags noch wieder andere
Das Wort Ganztag spielt uns also nicht nur eine nicht vorhandene Realität vor
sogar Kinder werden zu einer Zeiteinheit
Und da mach ich nicht mit
Das finde ich unmenschlich

(Der Ganstag
Du meinst, ich habe mich… verlesen, und es ist eigentlich der Ganstag gemeint?
Dafür kann ich mich schon wieder erwärmen
Ich mag Vögel
Doch die meisten denken doch nur
Wie lange / wieviel Grad / füllen / zerlegen
Das ist mir zu saisonal, jetzt kurz vor Weihnachten
Spätestens im Januar popt wieder die alte Frage auf
Und nichts ist gewonnen)

9. Dezember 2019 23:18










Hendrik Rost

Advent

In Kürze erreichen wir den Tag.

8. Dezember 2019 07:05










Mirko Bonné

Der Hirschberg

Es war der Hirschberg, nein ich weiß nicht mehr,
ob es der Hirschberg war, auf den ich so
hinaufgezwungen worden bin, da war
ich acht, neun, älter keinesfalls, der Stock,
den ich mir irgendwo am Weg hinauf
vom Boden aufhob, überragte mich
und ging, als ihn ein Mann mir wegriss, doch
dem Mann nur bis zur Brust.
                         Das weiß ich noch.
Sonst aber sind mir nur erinnerlich
ein seltsam tiefes Glücksgefühl und dumpf
der Trotz, aus dem sie aufgestiegen war,
die Wonne, nicht bloß Eigentum zu sein,
nein sondern einer, der es selbst bestimmt,
wohin er geht, wieso, mit wem, wem nicht
und wann.

          Es war ein grauer Nachmittag.
Vom Hirschberg – so es denn der Hirschberg war –
sah man ins Tegernseer Tal und sah,
dort unten, Wunder, lag der Tegernsee.
Der Hirschberg – „Hirsch?“ – war nur ein Schwarzes Loch
aus Koniferen, Fichten, Tannen, Kiefern, die
den Nebel zu erzeugen schienen, Dunst
und mich und Nieseln absorbierten. Was
ein Junge, so wie ich es war – ein „Hemd“,
ein „Mädchen“ – fühlte, dachte, glaubte, wo
die Unterschiede waren – schnuppe, schnurz.
Warum so viele Leute hier mit ihm,
mit seiner Mutter und mit ihrer so
den Berg hinaufmarschierten – schleierhaft.

Die Vögel stürzten durch den Tag, die Luft
war wie aus Wasser und ein Ende nicht
in Sicht. Da fing ich an, ich weiß nicht mehr –
da ist ein Loch in der Erinnerung –,
wie ich drauf kam, das Tempo anzuziehen.
Es muss der Trotz gewesen sein, der Zorn
darauf, hier mitgeschleift zu werden, doch
bestimmt lag aller Grund verwurzelt, bah!
in meiner frühen Kindheit, meinem Reich,
in dem ich mit den Dingen sprach, sie nicht
verstand, die Vögel dolmetschten und mir
kein Kauz mehr und kein Specht verständlich blieb.

Ich wurde schneller, schneller, schneller und
war bald schon außer Sicht, weg, hörte nicht
auf Rufe, Pfeifen, weder meiner Mutter noch
auf das Geflüster ihrer Mutter, das,
war ich mit ihr allein, nur sachte war,
Quatsch, es war warm und wirklich, liebevoll.
Ich lief aus Leibeskräften, das, nur das
ist die lebendigste Erinnerung
an diesen grauen Hirschbergnachmittag,
der, würde meine Mutter sagen, gar
nicht stattfand auf dem dummen Hirschberg, Gott,
was ist mein Sohn für ein Idiot.
                            Ich lief.
Ich hatte endlos lange Beine, und
ein Mann mit weißem Bart und Hut, auf dem
ein Vogel war, nein ein, zwei Federn nur,
ein Vogel aus zwei Federn, dieser Mann
riss mir den Stock weg, doch selbst das war gut.
Worüber Mutter sprach mit Mutter, mir
war das doch gleich. Ich wusste nicht, was Sinn,
Bedeutung, Zweck und Name waren, ob
der Hirschberg Hirschberg hieß, weil er mal Berg
voll Hirschen war. Ich wusste nicht mal, ob
die Sonne morgen aufging oder nicht,
ob es mich wirklich gab. Ich lief.
                             Ich lief.
An manchen Biegungen des Wegs ins Tal
sah ich den Hirsch, den Hirsch des Hirschbergs, nur
war der vielleicht bloß Lichtstreif, Nebel, Dampf,
an ein paar Stellen Spinnen im Gezweig,
ihr Spinnenantlitz warten und das Netz
voll Tropfenperlen hängend, während ich
der Mutter, ihrer Mutter und mir selbst
voraus ins Tal lief, mutterseelenfremd
voraus, des Stocks und aller Bindung an
den Regenschlamm des Wegs hinab beraubt.
Der Regen hämmerte sein Metrum ein
ins Holz der Bäume, die noch wuchsen und
die schon gestorben waren. Alles war
so durstig, hatte Durst wie ich, war froh,
dass es den Regen gab, der endlos schien,
er klopfte bloß und sagte ich – sie – ich –
bis er zu Ende war.

                 Ich wartete
am Parkplatz auf die beiden Frauen, und
ich wusste, was passieren würde, nur
passierte nichts davon. Sie schwiegen bloß.
Wir stiegen ein in unseren VW.
Wir fuhren heim. Bad Wiessee, Tegernsee,
dann Gmund und Finsterwald, fast bis nach Tölz.
Der Hirschberg blieb zurück und war vielleicht
in Wirklichkeit ein anderer, wie ich,
als ich in mir den Berg hinunterlief,
ein Jüngling oder Hirsch, ein junger Hirsch.

*

5. Dezember 2019 13:30










Christian Lorenz Müller

LETZTE KAROTTEN

Rote Eiszapfen
die du aus der Erde ziehst.
Sie schmelzen im Mund.

 

LETZTES MANGOLDBLATT

Rote Zunge. Schmeckt
die kalten Nächte: Vom Frost
verbrannte Spitze.

4. Dezember 2019 19:08










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