Konstantin Ames

Das Eichhörnchen rennt zu den Mülltonnen

Wir. Ein Kind, ein großes Kind, ganz leise, friedlich, beinah passiv.
Wir sind. Das Eichhörnchen rennt. Kein einziger Flüchtigkeitsfehler.
Zwei. Zu den Mülltonnen; unds dort gestern entsorgt in Massen.

Nichts, das die Welt macht zur Stiefwelt. Die Straßen sind zu leer,
d.h. lesen auf verbogenen Plastikspielzeugen, Redewendungen, maßen
der Laubbläser dahinrafft ein paar aberwitzige Reste Zeitkitsch aufm Dütti.

6. Oktober 2017 11:37










Julia Trompeter

Berlin am Meer

Wo kommen all die Hausboote her?
Vollgestopft mit Heimatlosen
schieben sich die Karawanen
blago bung
blago bung
an unserm untern Augrand vorbei

Is ja nicht das Mittelmeer hier
bloß son Ausläufer der Havel
plattes, süßes Wasser drin
da hinten die Glienicker Brücke
vor ihr die fahrenden Häuser
hölzerne Unterbauten, rote Dächer

Flüchtende Touristen suchen Schutz
vorm Großstadtlärm oder Leben
und ich suche Schutz vor deinem Profil
deinem hingerissenen Blick
mit dem du die Farben
des Spätsommers fängst

5. Oktober 2017 09:16










Thorsten Krämer

*

Der Moment in dieser Bucht vor Cres, wenn du in der Sonne
auf dem Deck stehst, um die Badehose zu trocknen (denn zum
Wechseln hast du nichts dabei), und dein Blick verliert sich
in den Wellen, die sich unscharf überlagern und ein Muster
bilden, das dich fortziehen will von diesem Boot, fort von
allem, was dich hält, hin in ein anderes Leben, eine neue
Existenz — bis dir dann einfällt, dich zu drehen, damit
auch die andere Seite trocknen kann.

3. Oktober 2017 08:52










Mathias Jeschke

Synopse

Die vom Wind berauschten Bäume, keine Eichen wie in Dodona
(Peter Handke weist in einem Interview, dem ich auf YouTube
gefolgt bin, auf das Orakel hin), Birken und Eschen, umstehen
die Erzgrube, in der ich eben noch geschwommen war, ich legte
das Buch aus der Hand, um die Sätze nun meinerseits aus den
Bäumen zu ziehen, da fiel mir die morgendliche Herrnhuter
Losung ins Hirn zurück, wo der Evangelist Lukas erzählt, dass
Jesus sich zu Petrus umwendet, und als ich wieder zu Hause in
der Konkordanz nachschlug, stieß ich darauf, dass Jesus sich
in den Berichten der Evangelisten zwölf Mal zu Menschen
umwendet und daraufhin zu ihnen spricht, was mich wiederum
an das Schwimmen im See erinnerte, bei dem es, wie genauso
beim Schwimmen im Meer, für mich immer vor allem darum
geht, vom Ufer fortzuschwimmen, mich zu entfernen, um dann
mich umzuwenden, den Blick zurückzuwerfen und das, was
mich vormalig umgab in der Zusammenschau, der Synopse,
wahrzunehmen (wie Jesus es tat, wenn er vom Boot aus zu den
am Ufer wartenden Menschen sprach), auch die Bäume, vom
Wind berauscht und zu mir, ja, mir, geheimnisvoll sprechend.

3. Oktober 2017 00:20










Konstantin Ames

Pfalz (weltweit)

Mit einem Opa aus der Pfalz machst du keine Sprünge.
140 erigierte Lettern immer und immer wieder.
Schicht auf Schicht aus kleinen Raketen.

«Droppin’ fuckin’ loads all over …» Corean faces. Den Hass
gibt’s nur, weil’s Hassenswertes gibt. Den Haag
Ihn. Die Trump. Kaum noch Zeit fürs Enjambement. Ach.

Das war Kaindeutsch für Businessastronauten.
Jeder Traum kann das übersetzen. Nutzt Lyrikbände.
Zum Beispiel. Mario Santiago krakelte Pounds Cantos voll.

Mit einem Opa aus der Pfalz hast du Schlingen unter der Alsohaut.
Deine Doppelhelix hängt sich jeden Tag selbst auf beim Denken.
Trump ist eine Einheit zur Messung des Snafu-Grads des
Danterückbaus, hörte ich neulich im Goethe-Döner.

Das ist das Ende der Pfalz. Wenn schon, dann hoffentlich
vor der nächsten Stockholmer Fehlentscheidung oder vor
derjenigen in einer anderen westhässlichen Darmstadt.

2. Oktober 2017 15:50










Christian Lorenz Müller

MÖGLICHE DEFINITIONEN DER POESIE

Die Schaukel im Park
als Pendel einer Standuhr
deren Zifferblatt niemand vermisst.

Der Augenblick, in dem die Fahnen
sich zu Spiegeln verwandeln
und das Gesicht des Windes zeigen.

Die Kreissäge, die ein Wochenende lang
am Ausleger eines Baukrans hängt
wo sie die Wolken teilt.

Das Licht, das in Scherben geht
wenn ein Glas zu Boden fällt.

28. September 2017 10:39










Konstantin Ames

Im Emoticonmuseum in der Troneck-Allee hatte Conni neulich eine sangbare Meinung

Ich möchte nichts von Leuten lesen, die nicht lächeln können und die nichts und niemand überlegen sind, aber so tun als ob. Das sind doch Minusgesichter!
Ich habe darüber nachgedacht, warum mich schmallippige Jungs mehr anekeln als schmallippige Mädchen. Das Ergebnis würde meinen Eltern sicher nicht gefallen.
War neulich mit Opa im Stadion. Bananen schmeißen und Urwaldlaute abfeuern. Ich habe mich nie schwarz-weißer gefühlt.
Stolz ist eine schöne Sache. Stolz macht auch schön. Ich sollte womöglich auch die anderen Lippen endlich einmal schminken.
Oma fragte mich einmal, warum ich eigentlich keine Punkerin bin. Oma ist jetzt im Heim. In ihrem Leben hat sie sich keiner einzigen Frage gestellt, denke ich.
Ich denke, ich bin so schlank, weil ich so schnell denken kann. Der Trick ist ganz einfach: Es denkt immer wer vor mir her. Ich habe gelernt, das zuzulassen. Eines ist immer schneller als anderes. Das Tier heißt Zitier. Es gibt keinen Vegetarismus der Seele.
Mein Geschwister liebt Modellbau. Der Tiger sei ihm wirklich gut gelungen, sagt Opa (Poesie ist so ähnlich wie Lyrik, aber viel zu kompliziert für unsere Deutschleerer), der es wissen muss. Auch er trägt so lustige Dackelkrawatten wie der Onkel im Fernsehen. Der aber viel zu jung sei, sagt Opa, um Dinge zu wissen. Alte Menschen sind albern. Ich frage mich, was geschähe, – Mutti fragt sich das übrigens auch – wenn dem Fernsehonkel vor laufenden Kameras die Dackel plötzlich aus dem Gebinde entflöhen. Würde er dann bescheiden oder weise?
Wir brauchen Literatursportgruppen, ganz in echt jetzt! Nie verstanden, warum sich Leute noch immer Krawatten umbinden und sitzend lesen. Es muss doch raus, nein?
Traue keinem Dichter, sagt Papa, den nicht wenigstens zwei Bewunderer anhimmeln; Niederlassungen zu seinen Füßen. Für ihren neuen Mann gebraucht Mutti gern das Wort «soigniert». Können auch Worte erdrosselt werden? Ich bete darum zu meinem im Schrank versteckten Frosch. Verwest recht rasch.
Ich habe gestern Kinderbücher verbrannt. Seitdem schreibe ich mehr als jede schmallippige Showmasterin. Ich mag schmallippige Showmasterinnen. Ich bewundere sie. Obwohl das schon zu weit geht. Ich hasse schmallippige Showmasterinnen. Noch ihr Haar ist schüchterner als sämtliche Brokerinnen Ochtrups zusammen.
Papa möchte, dass ich ihn George nenne. Seine Vorfahren seien als Flüchtlinge aus Frankreich gekommen. Mutti wird immer dicker. Ich nenne ihn Schorsch. Schorsch bräuchte einen Privatsekretär. Aber das weiß nur ich. In seiner Jugend liebte er das Spiel Worms.
Ich hasse mich dafür, nirgend anders als hier leben zu wollen und immer am Platz zu sein. Meine Klugheit lässt mich schneller altern. Innen bin ich schon 16 Jahrzehnte alt. Ich bin so vielseitig begabt, dass ich nichts richtig vermag. Ich sollte nicht sein, sagt der Spiegel. Nach einer Stunde Wischen in Zeitungen verfliegt das Gefühl zuverlässig.
Jeden Tag. Ich. Höchststrafe. — Meine Stimme jeglicher Partei, die so würbe.

22. September 2017 12:09










Andreas H. Drescher

6 GESCHICHTEN OHNE PERSONAL 6

Holzbläser, ein ganzes Leben lang. Hölzerne Wolken. Ja, sie regnen sich als Köpfe. Die Gesichter nun mit Jahresringen. Es kam nur darauf an, das gut zu deuten. Das Denken eingezähnt von Eselsfleisch und Milch. Das ist die Rückkehr zum verschneiten Weg. Gelängt, gelangt, getauft, geblieben. Ausgegerbt und deshalb kostbar. Kostbarer noch als Pfefferkörner. Ohne Rülpsen jetzt, ganz ohne Rülps. Etwas anderes: gewählte Monstrositäten. Pfiffe und Fische, bruzzelnd vor diesem Pack, das guten Willen geht. Das kam, das ging, das glitt sich auf. Fließend und eingesunken. Scharf. Gerollter Kontinent. Reiner Geschmack als Zunge und als Röhre. So ein Name kann das, doch sonst nichts. Diese abgeschiedene Entdeckung, die die Silben teilt. Was war das jetzt, quer durch die Schräge? Traum? Gesetz? Gelachweint bunt, in Holz. Weiche, überweiche Gräser, ein Pochen darin. Das Gleiten vor den Wochen. Ohne Aufbruch. Gibt es etwas hinter der Schlaffheit? Etwa diese letzte Höhlung unterm Tisch? Das braucht keine Erklärung mehr. Einverfall und zwei: Das Heilige als Zuchtverein. Karnickel, letzte Flüsterung. Damit sich jeder seinen Kopf greift und ihn auf Flöten steckt zur guten Überwachung. Alles, alles Überraschung dieser weißen Weisen. Nicht mal die leiseste Verkrüppelung. Hunger, Prügel, dennoch Gelächter. Also schon wieder dieses eingetauschte Spiel. So winkt das uns. So wirkt sich das aus. Frische Wolken noch einmal, bewährte Zufälle. Das waren sie von nun an und bis bald: diese sechs Geschichten ohne jedes Personal.

WIEPERSDORF-EINSPIELUNG 6 ///// KOMPOSITION UND PIANO: JONATAN FIDUS BLOMEIER

21. September 2017 18:21










Andreas H. Drescher

6 GESCHICHTEN OHNE PERSONAL 5

Das einzig Problematische ist dieser Ernst der Fingerspitzen. Jedes Detail stört aus sich selbst. Felder von Misstrauen. Der Hagerkeit entgegen. Eine Strippe, schwer Zitat. Was für ein leiser, eiseskalter Rabenflug! Das Waagerechte schon am Himmel. So hält sich das aus, auch noch im Raffen. Halle, Vorgekicher. Vor- und Frühgekicher. Dies Fagott, das sich sein Grinsen bringt und diese große, weise Weiße hinterm Weg. Entgegengesetzt, aber zurück. Wer hat hier wen unter den Tisch getrunken? Ein, hinein in den Geruch nach Fisch. Herzlich, aber nicht für wen. Die Glocke. Doch der Esel hört sie nicht. Bis auf den Fußtritt. Einen Fußtritt hört er über zwei Oktaven. Segen ausgesetzt und zugeschrieben. Womit geliebäugelt? Mit diesem alten Raffen? Ist das neu? Spuren ja! Sterben nein! Das ist ein vorbereitetes, wenn auch nicht Was! Wütende Schwärme von Entdeckungen. Mantische Gelegenheiten unterm Vorzelt. Bis es auch da noch muffig wird. Ganz rund, vom Becken an. Die Frage ist: ist dieser Fidibus jetzt oben oder unten angezündet? Natürlich: dieses Leuchten lebt sich rituell! Schnell sinkt das ab ins Kakophone zwischen Blech und Holz. Das war nicht echt gedacht, noch nicht. Geröstete in Pfeffer. Fußtritte, hübsch abwechselnd in jede Hinterbacke. Das wohligste Getrete. Zur Sache nicht, nicht mal zur Sache. Wachen, Wachton, Wachston, flugs mit Augen aufgezogen. Eingefüttere und umgekert, auch vor dem Blick. Fast im Stand schon, fast im Stand, zuunterst diese Säcke. Ein letzter Fußtritt noch, denn sonst ist leider nichts bewiesen.

WIEPERSDORF-EINSPIELUNG 5 ///// KOMPOSITION UND PIANO: JONATAN FIDUS BLOMEIER

21. September 2017 17:58










Andreas H. Drescher

6 GESCHICHTEN OHNE PERSONAL 4

Ein Festgelage vor dem Eis. So ausgestummt und fern und frei verfügbar. Mit nur einem Auge. Das Zeichen berichtet. Selbst Licht ist das nicht. Vom Himmel nicht und sonst und sonst. Ein Paar, das sich so nach und nah noch selber hat. Der Strudel hier, aus Kresse und Zweigen. Die Unterirdische Empfehlung. Aufgezogene Gefäße voller Stumm. Gesetz und Tisch. Hier sind die Holz- und hier die Blechbläser. Raffend, hochgebaute Jahre. Zerlesener Rumpf mit Kühen. Bist du das? Noch bis zum Hals, doch weiter keinesfalls. Die Strömungen so heimisch wie ein Buckel voller Buschland. Ein Tanz. Zweierlei Leben heben aber eben Eber einen Krüppel. So ein Gegaukel, Heulsusen in Ei. Den Nichtsnutz vorgestohlen. Eingearmter Schreck. Umsonst, bis auf die Münzen, die auf der schmalen Seite stehn. In Schüsseln vor dem Stroh. Noch eine Ecke. Eine hinter und eine hinterhinter einer. Leichter Bezirk, prall voller zwölfbeiniger Tiere. Vorgehobelter Geruch nach Brot. Da kommen sie: Milchzapfer, Profiteure, alle eingepackt in ihren Grind. Der erste Sand steigt auf und färbt die Spiegel schwarz. Eselsdung, so ist das zugegangen. Diebe aus Glück. Ihr heimlicher Gesang. Lass kommen, wer noch kommen will. Wenn auch keiner weiß, woraus sein Weiß besteht. Gedrängtes Licht, Geklapper. Wieder ein Tropfen in der Hose. Offener Wald und dieser Esel, der sich fast vergeblich an der ersten Faust versucht. Gut tut, wenn das Lachen noch sich selber lacht. Eis gesetzt ins Wahre. Vogelschrei vor dampfendem Kristall. Also ein großes Spiel aus Zeit.

WIEPERSDORF-EINSPIELUNG 4 ///// KOMPOSITION UND PIANO: JONATAN FIDUS BLOMEIER

21. September 2017 07:27










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