Tobias Schoofs

FÜR JOAN VOLLMER

sieh dir das hier an: es ist das
industriedesign von morgen
es liegt gut in der hand es ist

nicht schwer und doch hat es
gewicht es lässt dich spüren
was es will: du sollst es auf ein

ziel ausrichten und es ist egal ob
du wirklich zielen kannst es liest
das ziel nicht deinen augen ab

es liest es tief in deinem herzen
es trifft was du in deinem innern
wirklich treffen willst und wenn

dir selbst nicht klar ist was es ist
dies ding: es weiß es ganz genau

5. Februar 2021 20:12










Hans Thill

Einundzwanzig – Vingt et un – Twenty-one – Ventuno

Einundzwanzig

Einigermassen zwanglos, mein Herr Ergo,
die Zahlenmusik aus dem Gehege Ihrer Zähne.
Das nächste Dorf, versteckt (steckt fest) im Second Self?
So schreibt es schon der wortwörtliche Divan.
Als MMXXI. Als Frage oder Frosch, Herr Fargo,
sehr einwandfrei gegen die

Vingt et un

Avec les voyelles d´Ingres, Monsieur Cogito,
ça y est. La musique des nombres dans la cage
de votre bouche. Le prochain village caché (coincé) derrière
un autre soi? En parle le divan littéral. Au dictionnaire
le MMXXI, informel, dixit. Question grenouillante,
monsieur Fargo, de plus contre le mur

Twenty-one

A twinge of perfection, Mister Ergo, that´s it.
And number music part of your tooth domain.
Next village hiding (stuck) behind a Second Self?
You find it in the divan word-for-word. The dictionary
knows MMXXI, relaxed, dixit. A frog or a question,
Mister Fargo, slightly well against the wall

Ventuno

Più o meno liberamente, mio signor Ergo,
la musica dei numeri dal recinto dei suoi denti.
Il prossimo villaggio nascosto (tenuto fermo) in un altro sé?
Così sta scritto nel letterario divano.
Per il 2021. Una domanda intrigante, signor Fargo,
contro la parete inequivocabilmente.

(Italienische Version von Antonio Rossi)

27. Januar 2021 17:12










Mirko Bonné

Dieser Weg, wohin

Dieser Weg, wohin es auch
geht, er führt dich nicht zu
dir. Sondern mit sich, mit
davon, weg, hin zu etwas
Neuem. Weg. Weder zurück
in dein o-förmiges Kindheits-
wäldchen noch zurück auf
die Schwalbenspur. Nicht
auf die Hunderunde und nicht
an den Regenstadtrand. Schluss
mit der lieblosen Tristesse, vorbei,
Trauer um das bisschen Zartgefühl.
Orte lieber Orte, unerforscht außer-
halb deiner, ungeahnt innen. Sei
zeitfern du, bleib unterwegs,
unbändig ansprechbar.
Der Weg führt dich zu den
Anderen, in eine neue Weite,
wer weiß, wohin es geht, wenn
du dich weder finden musst
noch dich verlieren.

*

27. Januar 2021 00:45










Björn Kiehne

Kraniche über der Stadt

Da ist nichts, und du weißt das auch,
nur dieser nächtliche Spaziergang
durchs Viertel und dein Name an der
Häuserwand, der abblättert, denn du
weißt es auch.

Nichts als Gespenster, die vor ge-
schlossenen Läden Schlange stehen,
versuchen, sich zu erinnern, wie
es war als ein Einkauf genügte,
um das Ich abzusichern.

Wahrnehmen, Werten, Empfinden, Tun,
Handlungsfäden spinnen, Tuchgarn für
den rosigen Säugling, den blassen
Leichnam, Bindfäden, mit denen du
dich ans Leben knotest.

Da, ein Geräusch am Himmel, ein
atlantisches Gefühl, das anbrandet,
die Knoten löst, in seinen Schaum-
kronen die Gewissheit bringt: Ah!
Kraniche über der Stadt.

23. Januar 2021 11:23










Julia Trompeter

 

gelinde gesagt und gelinde gefragt

und gelinde gepoppt und gelinde gefoppt

und gelinde gemeint und gelinde verneint

und gelinde versprochen und gelinde gebrochen

und gelinde entfacht und gelinde verlacht

und gelinde gebogen und gelinde belogen

und gelinde geliebt und gelinde besiegt

 

22. Januar 2021 12:49










Mirko Bonné

Ihr letzter Tag, Herr Präsident

Ihr letzter Tag, Herr Präsident, bricht an.
Bitte verlassen Sie das Weiße Haus,
Sie blinder, irrer, mieser alter Mann,
Und schaffen Sie ihr dummes Zeug hinaus
Und weg in Ihre Sonne. Nehmen Sie
Die Paladine mit, mit die Claqueure,
Die scheinbar wahre Scheindemokratie.
Ich höre Stimmen und die Tiere, höre
Die Sie so lange stützten, so elendig
Gekaufte Meute. Bäume twittern Tweets:
Schluss! Ende der Verelendung! Lebendig
Entgehen wir seiner Verbalmiliz.
Von Ihnen, fetter Clown des Fakes,
Lernt die kaputte Welt: Bleib unterwegs.

*

19. Januar 2021 03:20










Mirko Bonné

Gedicht

ich nenne mich du weil der Abstand
so vergeht zwischen uns wie Haut
an Haut wir sind nicht
zu unterscheiden zu trennen eins
und das Andere die Grenze ist
die Verletzung der Übergang
eine offene Wunde du nennst mich
ich wer von uns beiden sagt
hier hast du ein Messer
mach meinen Schnitt.

BARBARA KÖHLER
11. April 1959 – 8. Januar 2021

*

11. Januar 2021 15:06










Julia Trompeter

Kleine Sümphonie

Wenige brauchen oft länger

und mehr sind mehr als genug um die Zeit

endlos zu dehnen

Und ich denke bei Nacht

an die Vielen, die langsam

ergrauen in Dunkelheit

Endlos nehmen die meisten sich Zeit

und alle zusammen

sind die Unendlichkeit

 

9. Januar 2021 21:09










Christian Lorenz Müller

MASCHINENTIER

Großvaters Kreissägentisch war ganz aus Holz,
urtümliches Tier mit zerschartetem Rücken,
das monatelang, grau von altem Sägemehl und Spinnweb,
reglos in einem zugigen Schuppen stand.
Nur wenn Großvater den Motor in Gang brachte,
wurde es lebendig, es spürte den Treibriemen,
der, drei oder vier Meter lang,
vom Motor bis zu einer primitiven Achse führte, einer Trense,
an der der Riemen grob zu ziehen anfing. Das Kreissägentier
warf sich auf, nüsterte Holzstaub durch den Stall,
stampfte seine Balkenhufe gegen Bodenbretter,
und ich, zehn- oder elfjährig, sah es flüchten,
sah es zu Tal galoppieren, sah Großvater,
der an der Spannschraube drehte, hilflos im Riemen hängen.

Das Urtier aber blieb an seinem Platz,
und nun begann das böse Sirren, das war das Blatt,
flugrostige Sirene, die sich in die Mähne krallte,
in das Sägemehl, das aus dem Urtiernacken flog,
als Großvater das erste Stämmchen
in die Schneide schob. Die Sirene seufzte auf,
dann zerschrillte sie das Holz, sie sirrte, seufzte, schrillte,
und ich zerrte Stamm um Stamm, Ast um Ast
aus einem maßlos großen Haufen, der vor der Hütte lag,
ein ganzer Wald, in dem mein Eifer, kindlich,
sich verirrte, ich brachte Nahrung für das Tier, ich zog das Holz,
das die Sirene seufzen machte, schrillen, seufzen.
Ich wusste: ohne mich
war mein Opa ganz verloren, er fütterte das Tier,
stand stoisch mitten drin in seinem Toben,
den Peitschenriemen um die Beine, ohne Brille,
ohne Schutz für das Gehör. So kämpfte er
die bösen Geister seines Schuppens nieder, mit Kernholzaugen
starrten sie aus jedem Aststück, das zu Boden fiel.

Als es Abend wurde, war der Wald verschwunden.
Das Sirren, Seufzen, Schrillen
hörte auf, hallte wider, hörte auf. Taub von der Stille
wartete ich erschöpft im Schuppen,
das Blatt, nun flugrostfrei, blankte auf dem Tier,
ich nieste, weil der Sägestaub noch für Minuten
in der Luft hing. Regungslos stand nun das wilde Wesen,
bis zur Kruppe in den Brennholzaugen,
dann kam die Dunkelheit, kam die Kälte, und Opa sagte
„gut ist‘s“ und er ging.

6. Januar 2021 11:12










Tobias Schoofs

ÜBER TURING HINAUS

die maschine unscheinbar wie sie wirkt
ist unseren maschinen bei weitem über
legen: sie kann sich in jede maschine

verwandeln die denkbar ist und anders
als bei unseren heutigen maschinen ist
es nicht mehr nötig ihr schriftlich genau

zu beschreiben was erforderlich ist sie
liest in deiner seele wie in einem buch
und erschließt sich selbst was du willst

sie beginnt sich langsam zu verwandeln
sie versteht was das was du willst im
zeichensystem deines innern bedeutet

und so entsteht vor deinen augen:
eine markov-kette deiner wünsche

4. Januar 2021 00:20










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