Hendrik Rost

Luna mentitur

Ich geb mir 100 Sekunden zum Nachdenken.
Nach 50 fällt mir etwas ein. Nach 80 krieg
ich Hunger. 90: Ich werd erwachsen. Noch
10 Sekunden bis zum Vergessen.

25. Juni 2021 10:03










Mirko Bonné

Der Sommer mit Strindberg

Als ich Strindberg las, waren alle Bäume
anders. Umschlossen von glasigem Licht,
wirkte jeder beschützt. Er verwahrte sich.
Nachmittage lang lief ich mit den Hunden
über die Felder und an Waldrändern hin,
Hohlwege, durch die ich träumend ging,
und immer Überraschung: Wolkenbruch;
offene Scheune; verschwundenes Moos.
Die Hunde waren beide schwarz, liebten
einander, rangelten, lösten jedes Rätsel
verschieden. Sie kannten alle stärkeren
Äste auswendig, und was sie rochen, ja
war ein Zeichen: Minutenlang sahen sie
gedankenversunken in die Baumkronen.
Strindberg rief einmal einem Kritiker zu:
„Warten Sie, bis ich mit Ihnen abrechne
in meinem nächsten Stück!“ Das hab ich
nicht vergessen können. Die Kastanien,
dachte ich, sie sind Strindbergkastanien,
aus einem glasigen Licht, das dir etwas
zu sagen hat. Nur was? Dieselbe Frage
stand oft den zwei Rumtreibern im Blick.
Einmal, es war ein schwüler Mittag Mitte
August, jagte uns ein Schwarm Bremsen
die Felderraine entlang, und da segelten
aus dem abgestorbenen Zaubergezweig
einer Eiche dunkel wie drei Pfeilschatten
drei Schwalben, und sie fingen alle weg.
Alles kann geschehen, alles ist möglich
und wahrscheinlich, schreibt Strindberg,
Personen spalten sich, verdoppeln sich,
vertreten einander, sie gehen in Luft auf,
verdichten sich, zerfließen und fügen sich
erneut zusammen. In Ein Traumspiel ruft
Indras Tochter wieder und wieder, es sei
schade um die Menschen, und das ist es,
was ich seit dem Sommer mit Strindberg
glaube: Es ist um uns Menschen schade.

*

20. Juni 2021 17:56










Christine Kappe

Marry

An der Tramperstelle traf ich heut Marry. Im Dorf erzählt man sich, sie sei verrückt geworden, aber nachdem, was ich mit ihr erlebt habe, glaube ich das Gegenteil.
Es war der 27. Dezember 1987. Marry trug ganz viele Klamotten übereinander und über all dem noch einen gelben Mantel mit Kapuze. Das sah wild aus, aber war vernünftig bei dem Schneegestöber.
Eine Ewigkeit kam kein Auto, ich wurde nervös.
Mich mit Marry zu unterhalten schaffte ich irgendwie nicht.
Plötzlich zog sie eine Tüte aus ihrer Tasche und hielt sie mir vor die Nase:
Eine Instant-Suppe, auf der Rückseite war ein Comic. Marry zwinkerte mir zu. Die Comic-Figuren waren unzweifelhaft Marry und ich. Und die Geschichte war genau das, was wir gerade erlebten, und es endete damit, dass wir uns in den Schnee setzten und die Suppe aßen.
Das nächste Auto, was kam, nahm uns mit. Ich sah aus dem Rückfenster den Schriftzug der Suppenfirma am Himmel. Wir befanden uns in einem Werbespot, ich merkte es erst jetzt. Doch Marry hatte es schon vorher gewusst, legte den Arm um mich und lachte.

9. Juni 2021 10:08










Konstantin Ames

Famos an diesem Gedicht ist, dass es, wie jedes, lebenslang ohne Titel auskommt

4. Juni 2021 11:29










Mirko Bonné

Neueste Maßnahmen

Erneut nach Erich Fried

Die Faulen werden wiederbelebt.
Fleißig genug ist die Welt!

Die Hässlichen werden wiederbelebt.
Die Welt ist schön genug!

Die Narren werden wiederbelebt.
Weise genug ist die Welt!

Die Kranken werden wiederbelebt.
Die Welt ist gesund genug!

Die Traurigen werden wiederbelebt.
Lustig genug ist die Welt!

Die Alten werden wiederbelebt.
Die Welt ist jung genug!

Die Feinde werden wiederbelebt.
Freundlich genug ist die Welt!

Die Bösen werden wiederbelebt.
Die Welt ist gut genug!

*

1. Juni 2021 01:45










Thorsten Krämer

*

30. Mai 2021 21:59










Nikolai Vogel

[noch ohne Titel]

Mehr Wand als sonst der Ausblick kleiner
Im Netz lösen sich die Selfies ab
Auslöser gibt es viele Daumen
Der Mond kommt gefühlt auch jeden Tag
Ein Stückchen näher wie die Decke
Teilt Spritzen und die frischen Pflaster
Noch nie war so viel Oberarm
Keinen Termin bislang hat meiner
Stattdessen fließt die Timeline nur
Aderlass das Konto Abgesang
Außenposten gibt es nicht
Die ganze Welt ein Home Office
Schlafzimmer gekapert Anker
An den Ohren neuer Zug
Nach draußen komm mir nicht
Zu nah die Nähe suche ich
In der Distanz ist sie geborgen
Und die Lieblingsbücher stehen stumm
Als wären sie rundum gebunden
An Schweigegelübde Wartezeit

26. Mai 2021 23:52










Julia Trompeter

Mein innerster Raum

 

Ich hatte früher einiges im Kopf

Windungen aller Art

Schrauben und Drehungen

Sturm und Sterne

 

Im Traum finde ich ein verborgenes Zimmer

im Haus meiner Eltern

den glücklich machenden Raum

 

Wenn ich meine Gedanken durchforste

wie der Gärtner, der Mörder

vermisse ich Zutritt

 

An seiner Tür hängt heute ein Schild

„gesperrt: zuflucht verboten“

 

Habe den Schlüssel

im Neocortex verloren

bin ausgesperrt

 

Habe nicht aufgepasst

als Wind einsetzte

und die Tür zufiel

 

 

 

25. Mai 2021 09:35










Christine Kappe

Antik gegen Corona

„Tauschen Sie Ihren Antikausweis gegen einen Coronaausweis?“
Fragte mich die Frisöse, die meinem Sohn die Haare schnitt
Der war schnell fertig, und sie bot an
Mir ebenfalls die Haare zu schneiden
„Aber ich habe schon einen Frisörtermin
Heut nachmittag.“
Was sollte ich mit zwei?
„Lassen Sie uns lieber eine Radtour machen
Zum Samstagabendgebirge
In den Bergläden dort
Gibt es Kaffee zum Mittrinken
Wir schenken uns den Pfand und dann
Bleiben wir in unseren Armen liegen.“

24. Mai 2021 18:02










Mirko Bonné

Letzter Ausflug

An einem ganz weißen Tag, sechs Monate
   nach Kriegsende, fuhr er mit dem Frühzug
noch mal nach Lüneburg zu einem Mädchen.
   Die Leber tat jetzt weh. Er fühlte sich gelb.
Sie spazierten vom Bahnhof zum Kalkberg,
   rasteten, beäugten sich, lachten, mochten
einander. Ewig langsam hinauf, von oben
   zeigte Fritzi ihm Bachs Kirche, den Alten
        Kran, die Ilmenau, er ihr sein Theater.

Im Zug zurück ein Spuk vergessener Bilder.
   Er sah sich, stand zugleich auf der Bühne,
wollte das Land, Äcker und Krater, das Grau
   von Bardowick bis Winsen gar nicht sehen.
Dann über die Elbe, und da war Hamburg,
   und alle alten Zeilen fielen ihm wieder ein.
Die Schmerzen. Er kam sich rühreigelb vor,
   zusammengesackt wie ein Luftschiff oder
        die in Brand geschossene Linde einmal.

Er schlich durch kaputte Straßen, die Linie 9
   fuhr bloß zweimal am Tag. Die Uhlenhorst,
wie vor den braunen Hunden. Winterhude,
   ein Hungerfeld. Der Stadtpark abgeholzt,
und Alsterdorf halb eingeäschert. Gärten,
   weggeweht vom Wind. Dann lehnte er da,
im finsteren Treppenhaus und war nicht, der
   er hatte werden wollen, noch der er wurde.
        Hörte Schiffe. Leuchtete, so gelb war er.

Für Wolfgang Borchert zum Hundertsten

*

20. Mai 2021 13:27










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