Thorsten Krämer

Eine Buddhafahrt ans Meer

sollte das werden, aber wir haben die Klangschalen
als Aschenbecher benutzt und schlechtes Karma
auf uns gezogen. Was gar nicht so schlimm ist, denn
das schlechte Karma raucht dieselbe Marke wie

wir, und nun stehen wir paffend am Strand. Schau,
der Himmel hat eine leuchtende Wunde, die kann
man sogar vom Mond aus sehen. Ich schenke dir
meine filterlose Aufmerksamkeit, du importierst sie

beiläufig. Sei still jetzt, Zeit, flüstere ich mit meiner
Muschelstimme, auf meine normale Stimme reagiert
die Zeit nicht. Das sind so Erfahrungswerte, die weißt
du auch. Was du noch nicht weißt: Der Regen ist eine

False-Flag-Operation. Wir schließen die Augen und
schlafen wie Erleuchtete.

12. September 2018 18:20










Christian Lorenz Müller

BUKOWSKI LESEN IN SALZBURG

Andere Situation, denkst du dir,
als du nach einem Band Bukowski
mit einer Tasse Tee
am offenen Fenster stehst
und den Hausmeister dabei beobachtest
wie er die Bio-Tonnen
für die Abholung bereitstellt,
Plastikhumpen mit etwas Obergärigem darin.
Daneben der Rasen,
diese Wilkinson-glatte grüne Visage
mit zwei akkurat gestutzten
Büschen oder Koteletten links und rechts.
Aber da watscht deine neue Nachbarin
die Wohnungstüre gegen den Rahmen
und zerrt ihr Balg
durch das Stiegenhaus nach unten,
hinaus auf den Rasen.
Sie hat ihre Shorts bis zum Platzen
mit ihren Arschbacken ausgestopft
und ihre Flip-Flops schnalzen wie zwei Zungen
als sie ihrem Sprössling
zeternd hinterherläuft.
Er hat sich eines von seinen sieben
herumliegenden Fahrzeugen geschnappt,
vom Bobby-Car bis zum Fahrrad
ist alles dabei.
Sein Papa steuert einen BMW
mit einem Auspuff, der ärger röhrt
als ein kaputtes Alphorn.

Andere Situation, denkst du dir
mit Blick auf deine Tasse.
Bukowski hätte etwas Hartes getrunken
oder zumindest ein Bier.

28. August 2018 11:30










Christine Kappe

Vielleicht leben wir auch gar nicht
Sondern träumen nur
Von einem Haus da draußen
Weil irgendwer mal gesagt hat, das sei gut
Kenne ich ihn?
Ich befühle mein Haar
Wie sehe ich aus?
Nicht im Sinne von Eitelkeit, sondern:
Wer bin ich?
Wer weiß, ob wir uns wirklich mögen
Und nicht alles nur Gewohnheit ist

28. August 2018 08:36










Mirko Bonné

Brixen zum Beispiel

You can’t repeat the past.
F. Scott Fitzgerald

Am Morgen, wenn das Fensterlid aufgeht,
stürzen zwei Elstern durch die Weinbergzeilen,
wie verfolgt von dem Sturmwind des Bösen oder
einem Trauma. Was hat das Flüchten überall
mit deinem Leben zu tun?
             Brot der Erinnerung,
heillos zerbröselt, oft einfach nur vom Tisch gewischt,
und unaufwärmbar das Mutterherz, das alles besser
weiß – Kinderspiel, weil ja für dich nichts sicher
ist.
     Vielleicht darum möchtest du immer –
Flüchten auch das – zurückreisen nach zerdehnten
Jahrzehnten an Orte, wo du als Junge, ein Bub, z. B.
schwimmen warst im Garten eines Sommerhotels
hoch über dem Eisacktal.
                 Eidechsen sind verlässlicher
Zeugen als die Erinnerungen und verschwinden auch
behänder. Grün summt am Abend das Gras immer
noch die Lieder, die verloren gingen, ohne dass ihr
Brüder sie gesungen hättet. Süße Verlorenheit
Vanillegeruch in der Bäckergasse.
                       Was vergangen ist,
das lässt sich nicht wiederholen, schreibt Fitzgerald, und
Gatsbys Empörung darüber mag Wahn sein, Selbstsucht,
genauso ist sie Ausdruck einer unwandelbaren Liebe.

*

20. August 2018 23:33










Christian Lorenz Müller

ES ROLLEN DIE HEISSEN TAGE (Gesänge an den Salat 1)

Die Pumpe: Dunkelgrün lackierte Achse
um die sich alles dreht.
Unermüdlich geht der Schwengel
auf und ab und auf und ab,
rollen die heißen Sommertage
über die Beete.
Aus allen verfügbaren Gießkannen
blitzen Speichen silbern zur Erde.
Hell klingelt das Wasser
auf der Haut, wenn du dir
einen Guss auf die Waden gönnst.
Der Himmel eine Packtasche,
zum Platzen angefüllt mit Blau,
und unablässig, unablässig
geht der Schwengel,
treibt dich die Sorge
um die Rücklicht-roten Tomaten,
um die Zucchini, die den Umfang
eines trainierten Oberschenkels hat.

Spätabends endlich steht das Rad.
Du liegst erschöpft im Gras,
schaust hinauf in den Himmel
wo der Mond
sein Standlicht eingeschaltet hat.

16. August 2018 10:46










Tobias Schoofs

PESSOA

vorgeblich beim mittagessen haupt
sächlich beobachtend die zeit wie
sie vergeht nein nicht die zeit was
in der zeit vergeht nämlich ein herr

am nebentisch vorgeblich beim mit
tagessen hauptsächlich beobachtend
nein nicht die zeit wie sie vergeht
vielmehr was in der zeit vergeht ein

herr am nebentisch vorgeblich beim
mittagessen hauptsächlich nein nicht
die zeit beobachtend vielmehr was

in der zeit vergeht er selbst der herr
beobachtend wie er vergeht wie er
beobachtet nein nicht die zeit

12. August 2018 19:29










Christian Lorenz Müller

HÄNGEMATTE AM MEER

Deine Hängematte: Natürlicher Bindebogen
zwischen zwei Aleppokiefern.
Seit Stunden das Konzert der Zikaden
und das Applausrauschen der Brandung.
Du trägst deine Bräune
wie einen gut geschnittenen Frack.
Immer wieder verneige ich mich
vor deinem Nabel,
vor dieser vollendet gespielten ganzen Note.
Das Salz in deinem Haar
ist das Kolophonium
das mich singen lässt.

Sforzatisches Blau bis zum Abend,
bis der Applaus verebbt,
die Hängematte
von den Bäumen genommen wird.

31. Juli 2018 13:35










Mirko Bonné

Saalberg in Aachen

Wir sind hinauf unter die Vogelausgucke in den
Linden und Kastanien gestiegen, seine Gedichte

und ich, unter die Säulen, ins Säulengelände
auf dem Lousberg, der seinen Namen womöglich

einem französischen König verdankt oder einer
Frau Lou, der einer ein Stück Aachen schenkte.

Seine Gedichte gingen mit mir durch das Blinken.
Linder Julinachmittag. Die Leute staunten jeder

winzigen Windbö nach und riefen: „So ein Tag!“
Einer, der den Tod nicht nötig hat als Spiegel,

so voller Leben, dass immer wieder momentlang
alles gut war. Alles meine ich, wie es hier steht

in diesem Gedicht, das fast von ihm sein könnte,
was durchaus Absicht ist. Unter Amselschimpfen

am Lousberg in Aachen las ich lauter Kindern vor.
Die Fröhlichkeit wehrt sich. Wir geben niemals auf.

*

20. Juli 2018 14:26










Tobias Schoofs

BELÉM

das wort bellt einen direkt an
wachhund vor der neuen welt

hängt den entdeckern am bein
die meisten gehen unter oder
sterben langsam am skorbut

vielen jedenfalls fehlt später
ein stück körper holzbein herz
und augenklappe ähnlich sieht

nach der visite aus europa auch
die neue welt gealtert aus

15. Juli 2018 12:06










Andreas Louis Seyerlein

von der Twitterhölle

12.08 – In einem mehrstündigen, äußerst strapaziösen Versuch, Gedanken auszutauschen mit Menschen, die eine Twitterhöllenkammer befeuern, habe ich Folgendes gelernt. Es ist nämlich so, dass in der Vorstellung dieser Menschen bald Ankerzentren existieren werden, umzäunte Gebiete, die Personen beherbergen, Personenmenschen, welche aus dem Süden bereits zu uns gekommen sind oder furchtbarer Weise noch kommen werden. Weiterhin habe ich bemerkt, dass Menschenpersonen, die sich in jenen umzäunten und bewachten Gebieten zwangsweise aufhalten sollten, in der Wahrnehmung der Höllenkammerbewohner immerzu jung sind und gesund und Männer. Man vermutet, dass diese männlichen Menschenpersonen möglicherweise schwächere Menschen auf hoher See vorsätzlich von Bord gestoßen haben könnten, vor allem Kinder und Mädchen, das ist selbstverständlich reine Behauptung, die durch stetige Wiederholung in der Höllenkammer nach und nach zur Gewissheit wird. Diese jungen Männer nun, sie sind sehr häufig von schwarzer oder dunkler Haut bedeckt, sollen außerdem über finanzielle Mittel gebieten, die ihre Flucht oder Reise überhaupt erst möglich machten, sie seien also, so erzählt man, weder arm noch in irgendeiner Weise hilfsbedürftig, sie würden beileibe nicht südlichen Hungergebieten entkommen oder vor Bürgerkriegen geflohen sein, vielmehr sollen sie von irgendwoher angereist sein wie aus dem Nichts, um auf Kosten verarmter Ureinwohner in der Mitte Europas Mischbevölkerung zu erzeugen. Weil sie sich sorgfältig kleiden, weil sie über Telefone gebieten, weil sie mitnichten ausgehungerte Elendsgestalten sind, werden sie verdächtigt, gut organisierte Ankermenschen zu sein, Vorhut oder Schlimmeres. Ja, so in dieser Art und Weise wird vorgestellt, wird ausgedacht, wird Gewissheit erzeugt. Ich stelle fest: Menschen, die keine Menschenpersonen, sondern Patrioten sind, Menschen, die in dieser skizzierten Gewissheit leben, sind empfindlich, sind wütend, sobald man sich mittels Wörtern fragend nähert. Sie schreiben unverzüglich zurück, dass man den Fragenden selbst sehr gerne pfählen würde bei lebendigem Leibe, erschießen, nach Afrika verjagen, da doch der Fragende ein linker Faschist sei, ein Antisemit, ein Mitvergewaltiger, das Böse schlechthin. stop. Die Sonne ist rund. – stop

> particles

9. Juli 2018 20:37










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