Thorsten Krämer

Ein Käfig für elf Arten von Traurigkeit

Die Schalen von zwei Kilo Schwarzwurzeln, ein Büschel Haare, eine Bleistiftmine, eine Handvoll Hasenkot, fünf Kopfschmerztabletten, 50 cm Kordel und ein Lorbeerblatt sehr fein schneiden und in etwas Öl anbraten. Mit reichlich Rotwein ablöschen, eine Viertelstunde weiter dünsten und dann passieren. Anschließend langsam zu einem Jus reduzieren. Mit diesem dann nach Belieben die acht Eckpunkte des Käfigs markieren.
Die elf Arten von Traurigkeit, für die dieser Käfig geeignet ist, lauten:
- die Traurigkeit eines Influencers in der Wüste
- die fünffüßige Traurigkeit
- die Traurigkeit, die ein frankophiler Elvis-Imitator nach seinem ersten Auftritt verspürt
- die Traurigkeit, die sich anfühlt wie eine kleine Raupe, die man an einem Montagmorgen in seinem Federmäppchen findet
- die ihr baldiges Verschwinden antäuschende Traurigkeit
- die silberne Traurigkeit
- die Traurigkeit einer strahlenden Herbstmaschine
- die Traurigkeit, über die man nicht spricht
- die Traurigkeit eines kernsanierten Fundbüros
- die andere Traurigkeit
- die Traurigkeit, deren rechter Ärmel ein bisschen zu lang ausfällt

16. April 2018 10:28










Christine Kappe

„Schon’ dich
die Jungs haben hier oben rumgestanden, als du das Buffet aus’m Keller geschleppt hast
Argument: sie seien nicht richtig angezogen
Ha ha ha.“
„Ja aber, habt ihr gesehen, wie sie nächtelang den Film schnitten?“
Bleibt nur noch:
zu fühlen, was zum Denken nicht gemacht ist:
Unbestimmbare Frühlingstage, schlecht beleuchtet
Die Landschaftsbehörde ist jetzt zu einem Hochsicherheitstrakt umfunktioniert
man kommt nur noch mit Plakette rein
mollige Heizungsluft
Radiosound
der Schlüssel steckt von außen
niemand ist da

15. April 2018 20:51










Konstantin Ames

Oilnspiegel in der altdeutschesten Stadt

für Connaisseurs der Kunstpause

als die Trierer few die Hosen gestrichen voll hatten
benannten sie ihre Hochschule nicht nach dem großen Sohn der Moselle-Stadt.
Und sein Denkmal war Made und gemacht von Hand
in China. So going dhas (Whas? Unnanatur) eben vonstatdten.
Kim, einen Freuntin, finted das ausgesprochen amüsant.
Stimmt’s? Im Gespräch jetzt eine überlebensgroße D-Mark-Stele?
„Landschaft“
, sagt der Schnauzerkamm, „– ist Natur, gesehen mit den Augen des Konsumenten.“ ‛s kömmt aber drauf an, sie abzuwischen, die Offenheit des

14. April 2018 11:38










Andreas H. Drescher

BAUMRECHEN

Das recht und rechnet Stunden aus in Schüssen
Apfelkarussell vor jeder Forke das Geostere gejagt
vor kleinem Himmel Bettlerbilder Flüchtling sagt
er als Sumpfdeckelschnecke Entropien dunkel
gebändert grünbraun am Apfelbaum polarisiert
Groll-Gestöber güllen eingesteift Mitteleuropa
verkniffenes Äquinoktium der Hakenharken

Am Limit wo die Familie Kasernen ausstreift
konsekentern flatternden Verfalls Schuhwerk
als Uhrwerk licht End des Gefratze schon seit
Pfingsten züngelt das das Sattelchen vor dem
Genick genug wissbare Wiesen mähend über
zwei Staaten hin daher der Bibelwald Geruch
der Frömmellieder heimgefedertes Straucheln

13. April 2018 08:04










Christine Kappe

Auf dem Dach

für Dirk Baumeister

Es hing der Kuli an der Wäscheleine und las mir Gedichte vor, bis das Licht nicht mehr reichte. Ich hörte nicht den genauen Sinn seiner Worte, und er las nicht genau das, was da stand. Aber ich wusste, dass ich es mit einem historischen Moment zu tun hatte, mit einem unentdeckten Genie und einem Tag, an dem ich das Schreiben endgültig ihm überlassen hatte.

12. April 2018 06:51










Nikolai Vogel

Fragmente zu einem Langgedicht

grüner Tee, schwarzer Tee, weißer Tee

Ziehzeiten, Härtergrade, Milch, die aufsteigt wie Wolken

was ist das eigentlich, was wir tun, Schreiben?

11. April 2018 10:59










Nikolai Vogel

Fragmente zu einem Langgedicht

dass Tee oft nervös macht, als würde Zeit sichtbar

die Leitungen, durch die unsere Wohnungen verbunden sind

die Zustände des Wassers

10. April 2018 14:16










Hans Thill

Zettel

empfindlich

10. April 2018 11:15










Christine Kappe

Dieser ganze Sommer

Vogelfilme
mit charmanten Moderatoren
in HD Qualität aber ohne Konzept
Vor allem wiederholten sich die Sachen
mit und ohne Musik
Und so war dieser ganze Sommer
zum Entspannen taugte es nicht

Eines Morgens wurden wir von Tauben geweckt, die in den Bäumen festklebten
und deswegen wild flatterten
Das Blau des Himmels war aber immer dasselbe
nur dass die Sonne mal mehr und mal weniger blendete
und die Wolken sich davor irgendwie verteilten

9. April 2018 15:08










Nikolai Vogel

Fragmente zu einem Langgedicht

der blaue Himmel und ein Flugzeug, das in einem vorigen Jahrhundert nicht da war

9. April 2018 09:44










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