Tobias Schoofs

BLAST

jetzt stirbst du eines gewaltsamen
todes auf diesem bootssteg: eine
halbherzige brücke: abgebrochene

kommunikation: eine rausgestreckte
zunge. und denkst dass du vielleicht
etwas anderes hättest lernen sollen
etwas das dir erlaubt hätte dich zu

verlieben auch an orten an denen du
geboren wurdest aufgewachsen bist
oder sonstwas gemacht hast. jetzt
mein freund ist das egal denn jetzt

wird sich wohl keiner mehr an dich
erinnern außer einem vielleicht der
gedichte über b-movies schreibt

11. Dezember 2017 23:45










Thorsten Krämer

*

Der Moment im Bett, wenn du nicht schlafen kannst und
plötzlich merkst, dass du ja in stabiler Seitenlage liegst, wie
nach einem Unfall, als hätte jemand anderes dich vorsichtig
in Position gebracht, damit du unbeschadet bleibst, der Kopf
geneigt, dass nichts die Atmung stört, und du verstehst, dass
dieser Jemand wohl dein Körper war — wie freundlich dieser
Körper also sein kann, auch wenn du diese Art der Fürsorge
für etwas übergriffig hältst.

9. Dezember 2017 13:49










Christian Lorenz Müller

REPEATING VOCABULARY: TO TRUMP

to trump - Trumpf spielen, auftrumpfen
to come up trump – etwas auf die Reihe bringen
to trump up – erfinden
to trump somebody – jemanden ausstechen
to trump something up – übertreiben; etwas vorgeben, das nicht der Wahrheit entspricht

7. Dezember 2017 12:38










Mirko Bonné

Im Sargzimmer

Nur erfolglose Vertreter und mittel-
mäßige Autoren bringt man so unter,
zumindest in Berlin. Die Hauptstadt?

Nicht deine. Deine Hauptstadt ist eine
unsichtbare, umso hörbarere dafür. Dort
rauschen die Bäume, braust der Regen,

sind die Tiere freie Bürger, ist verkappter
Selbsthass unbekannt. Im Sargzimmer
der deutschen Hauptstadt weißt du es

wieder, du bist nicht besser als jeder
ausrangierte Güterwaggon, abgestellt
an einem Feldrand an der polnischen

Grenze oder tief in Belgien irgendwo.
Niemandszüge rattern vorüber, und
einer wird kommen, dich anzukoppeln,

wart’s nur ab, zwei, drei Jahre noch, und
Schluss! Du horchst. Von Wand zu Wand
sind es anderthalb Meter. Träum schön.

*

6. Dezember 2017 16:44










Markus Stegmann

Rosaleda

Im Rosengarten Gegenlicht
trommelt Wasser in den
Brunnen regnet über
blasse Blüten hinterleuchtete
Nachmittagssonne letztes
Rosagelb des Jahres

Es ist Ende November
kleiner Engel
deine schwarze Silhouette
steht stumm im Licht
hält unbewegt
im Rauschen inne

Auf der Höhe unserer Augen
zieht ein silbriger Strahl
am Himmel alle
Instrumente im Cockpit
auf Abzug gestellt
verschwinden hinter Rosenhecken
ins Licht kein Luftzug
um Lärchen Leuchttürme
Porzellan und Tauben

Hinterm Kristallpalast
plustern sich barocke Pokale
auf der Balustrade Streiflicht
schlägt glockenheller
Himmel wirbelt Jahreszeiten
schaut schon dünner
um Mund und Maisfeld

Bleib bei mir
rosarotes Welken
ich pflücke dich
oder lieber noch
hänge mich
einfach
neben dich

3. Dezember 2017 22:03










Björn Kiehne

Ablandiger Wind

Ablandiger Wind
treibt mich aufs
Meer.

Ich schwimme
in die offene See,

hoffe auf das
Archipel der Wörter,
die Blauen Inseln,
in deren Dünen der
Ginster brennt.

Verzeih, ich kann
nie anders, als die
Ufer laufen zu lassen,
dich stehen zu lassen
am Strand.

Ich schwimme
in die offene See.

Ablandiger Wind, Du
entzündest die Dünen,
treibst mich aufs Meer.

1. Dezember 2017 10:04










Alexander Peer

Lektorat

Während ich schreibe,
kommt mir dies:
Das Korrekturlesen jedes Lebens
können nur Kinder übernehmen.

Aber wer wird es mir verübeln,
dass ich ihnen diese Bürde
– die gewiss die Augen bluten lassen wird –
nicht auf die dürren Schultern packen möchte?

Dass es keine Aufgabe der Kinder sei,
ein solches Korrektiv zu sein.

Doch dann wird es sie
nie geben
und mein Leben vergeht
ganz unkorrigiert.

28. November 2017 13:52










Andreas H. Drescher

Neuer Fisch im Schwarm: Alexander Peer

Im September durfte ich Alexander Peer und seine Texte
auf Schloss Wiepersdorf kennenlernen.
Sowohl er wie sein Werk haben mich sehr beeindruckt.
Das besonders vor allem für seinen Roman “Bis dass der Tod uns meidet“.
Vor einigen Tagen ist sein Lyrik-Band “Der Klang der stummen Verhältnisse” erschienen.
Alexander ist 1971 in Salzburg geboren und lebt heute als Autor,
Herausgeber und Journalist in Wien.
Wir freuen uns sehr auf Alexander Peer im Fisch.
Andreas H. Drescher
(Christian Lorenz Müller unterstützt die Fischwerdung Alexanders ebenfalls.)

28. November 2017 08:30










Thorsten Krämer

Ein Käfig für einen lange verschollen geglaubten Steuerbescheid

Wir müssen uns diesen Käfig als temporäre Intervention denken. Er ist nur ein Behelf, aber das mindert nicht seine Bedeutsamkeit. Seine Wichtigkeit besteht in jedem Wort, jeder Zahl seines Inhalts. Um diesen Inhalt zu schützen, ist der größte Teil dieses Käfigs immaterieller Natur. Ein dickes Polster aus Nichts umgibt zwei Blätter Papier, doppelseitig bedruckt. Nur an zwei Stellen wird dieses Nichts durchbrochen: Eine auseinander gebogene Büroklammer hat sich bei einer weiteren Büroklammer untergehakt, die wiederum die beiden Blätter zusammenhält. Das Ende der ersten Büroklammer läuft auf einen spitzen Punkt zu, der ein winziges Loch in das Nichts gestochen hat, durch welches dieser Käfig im Notfall zu öffnen ist. Bislang ist dieser Notfall noch nie eingetreten. Es bleiben noch acht Jahre; danach ist ein Eintreten des Notfalls zwar möglich, aber nicht mehr relevant.

24. November 2017 19:18










Tobias Schoofs

ESTOU ALÉM

wieder versinkt ein ort
im gedächtnis ein name
der dröge ersatz für die stimme
die leiser wird
und endlich verklingt

der bleistift kratzt
eine farblose spur aufs papier
die nirgendwo hinführt
sich windet und abbricht
ohne dass etwas gesagt wär

sie · die hand auf der schulter
des gitarristen · singt:
não consigo dominar
und ich warte mit ungeduld
dass die stimme nun leiser wird

(für Marifá)

19. November 2017 20:15










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