Andreas Louis Seyerlein

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15.18 UTC — Winter. Landschaft tief verschneit. Ich erinnere Vater, wie er auf den Balkon unseres Hauses ein Kamerastativ stellt. Der Fotoapparat, den er auf das Stativ schraubte, richtete seine Augenlinse zum Garten hin, auf eine unberührte Decke von Schnee über einem Teich, der sich kaum wahrnehmbar durch eine leichte Vertiefung abzeichnete unter dem glitzernden, kalten Tuch. Von dem Fotoapparat aus führte ein feines Kabel in Vaters Arbeitszimmer. Das Kabel war mit seinem Computer verbunden, der dem Fotoapparat jede halbe Stunde einmal Anweisung gab, eine Aufnahme des Gartens anzufertigen. Viele Jahre später entdeckte ich eine Serie dieser Aufnahmen. Spuren sind dort zu erkennen einer Katze, die selbst nicht zu sehen ist. Der Kopf einer Amsel weiterhin, die nach ihrer Landung im Schnee versunken zu sein schien. Kurz darauf eine weitere Katze, die der Spur jener unsichtbaren, früheren Katze folgt. Auch Mutter hat ihren Auftritt. Ihr Kopf ist zu erkennen, und ihre Hände, die in den Bildausschnitt ragen. Sie wirft Nüsse in den Schnee. Eine weitere Aufnahme, es ist vielleicht später Nachmittag, zeigt Vater inmitten seines Gartens. Er schaut hoch zur Kamera. — stop

> particles

20. Januar 2022 21:01










Konstantin Ames

s Wegeverhalten

Trampeln auf deiner, meiner Gesundheit herum.
Nennen s Spaziergang. Als ob Deutschreicher
Österländer das könnten! Sind für die Theorie
zu infantil, verkörpern lieber Ellenbogen, Oden, Essays.

Verscherbeln s letzte Rilkesilber, tanzen Raben an, Kumpels
im Kunstpelz belobigen ihre Organe, rücken ihre Zitrönchen
zurecht; man sieht die Wunder kaum vor lauter Hörnchen.

Ging das letzte Impflicht auf, würde dieser prosaische
Handkäs hier ein kunstvoll Lied von Walle Sayer.

20. Januar 2022 17:56










Alexander Peer

Parasitär

Ein Virus bietet eine umso größere
Projektionsfläche, je kleiner es ist.

Es ist vollkommen vom Wunsch
nach Symbiose beseelt.
Und sie gelingt.

Ein Gast,
der Gastfreundschaft
missbraucht.
Der Preis
wird rasch
in Rechnung gestellt.

Weil der Wirt für immer schließt
oder der Rauswerfer ruft:
„Ich habe fertig!“

 

20. Januar 2022 11:45










Mirko Bonné

Tegernsee. Reprise

Die einzige Hostie deines Lebens schmolz
    auf deiner Zunge in dieser Bauernkirche.
Deine Jüngste bestaunt die Einritzungen
    im Geländer der Empore: Gleichaltrige
schickten ihr Nachrichten, vom Juli 1759.
    Tölz, Isarhochwasser, und das Spaßbad,
du hast da schwimmen gelernt, abgerissen.

Regenfälle, als versuchten die Berghänge
    flüssig zu werden. Es schwemmt sie weg,
deine Wurzeln, und: Du hast eh nichts mehr
    zu suchen hier, du Spross einer Gegend.
Hirschwirtkind. Du Umbruchsohn. Du Leser
    leerer Schatten, von singbarem Schwund.
Und jedes Und ein Grund zur Versöhnung.

*

19. Januar 2022 18:03










Konstantin Ames

Scheffin

Ohne Mask, ohne Mask
Scheffin fleht zum hl. Musk
nationalnotlagenfalls
räuspert sie sich dick den Hals:

Bullshitjob, der Unterschleif
Unterricht im Second Life.
Anzeigt wird angezeigt,
dass die Scheffin hats vergeigt.

18. Januar 2022 19:10










Andreas H. Drescher

STUDIUM PER SCHIZZI

(06.02.77)

Auf dem B<ffelleder
nach der Mondfahrt
Schmetterlingsfl<gel
06.02.<< in M<<rsalz
dem Kasten b<<l<<gend
gr<nlich w<<ß get<<t
Punkte ausl<<n<<rt
kantig Rand vor Firuz
Shah aus <<sgebl<<cht
dem Kasten b<<l<<gend
Punten unten verbunden
Inneres durchsichtig
von Lin<<n durchzogen

1.Ged<<<t z 2.Ged<<<t

18. Januar 2022 18:00










Christine Kappe

Und dann platzt meine Chefin rein: Neue Abkürzungen von der Landschattenbehörde, neue Tabellen, neue Zahlen, neue Fragen, neue Anforderungen, Kompetenzbereiche. Ich frage die Türsteher, um mal ne andere Meinung zu hören. Die aber geben ihr letztes Geld für Tests aus. Abgesehen davon ribbelt die weiße Seite der Masken ab und gelangt in meine Lunge. Ich mag die miesen Typen in den allabendlichen Serien. Vielleicht bin ich toleranter geworden. Vielleicht selber mies. Die guten Rollen aber werden von schlechten Schauspielern gespielt, die aussehen, als würden sie unablässig heißen Tee trinken. Wie ich, wenn ich über all das nachdenken. Und das hört ja nicht auf. Stock oder Schwert? Atmen.

16. Januar 2022 21:00










Konstantin Ames

B-Seite

papieren nötig tauschig
knotig bibelgolden blond
gescheitelte Landschatten
wo immer sich s rheint
kommt aus Lyrikkehlen
zum noise faulend
Südobsts Rufen üb
er Organen vollends
b-rekt ins Parlamental

14. Januar 2022 15:53










Christian Lorenz Müller

ZÜNDELT IM PULVER (Winter in Haiku)

Kalt schmirgelt der Schnee.
Die glatten, warmen Wangen
nach dem Spaziergang.

Wechten: Hohlformen
für den Wind. Ein Wintertag
wie aus einem Guss.

Kaum kommt die Sonne
durch, zündelt sie im Pulver.
Das Licht explodiert.

11. Januar 2022 09:38










Björn Kiehne

Winterweizen

Die Hügel tragen schwer am
Schneehimmel, grüne Fäden
liegen auf den Äckern;
wenig führt so aus der Zeit,
wie der Weg nach Haus.

Das Dorf im Schiefermantel zieht
seine Schultern höher, lässt
die Linden, in die der Wind
so viele Versprechungen flüstert,
die Höfe allein bewachen.

Und morgens in der dämmrigen Küche
muss der Kaffee stark sein, um die
Gespenster zu vertreiben, die nachts
hinter den Bildern hervorkriechen
und an den Fäden der Geschichten ziehen,
die wir uns über uns selbst erzählen.

Nachmittags, spazieren in der Feldmark,
die Wolkendecke reißt auf,
Lichtfinger streichen entlang der
Reihen Winterweizen,
wie an Leitfäden aus der Geschichte
in eine Freiheit ohne Raum und Zeit.

9. Januar 2022 00:26










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