Markus Stegmann

Stiller

Über meinen Träumen schwanken
Spielen Wolf und Winde
Wiegen sie am Abend milde
Irrlicht Schiff Gedanken

Als wärn wir ohne Schranken
Steht der Himmel offen
Und stiller wird mein Hoffen
Wald und Winde wanken

21. Mai 2017 23:13










Markus Stegmann

Verglommen

Adieu ihr Abendhallen
Du falsches Sprachrevier
Die falben Blätter fallen
Wir segeln fort von hier

Träum fort im stillen Grunde
Illusionen halten Wacht
Sterne drehn die Runde
Halten fest die Nacht

Und ob sie all verglommen
Die Thäler und die Höhn
Meer muss doch wiederkommen
Vögel auferstehn

21. Mai 2017 22:51










Markus Stegmann

Segeln

Am schönen Wundertag
am Abhang aller Augen
leblose Nähe lag
weder Nächte taugen

Am schönen Tag der Fliegen
beim Landgang aller Meere
Sommerstimmen lügen
segeln sanft ins Leere

21. Mai 2017 22:26










Gerald Koll

Das fünfzigste Jahr (203)

19. Mai 2016, ein Donnerstag

Nun ist es ja inzwischen dahin gekommen, dass ich einen täglichen Einkauf, der mich zum Beispiel bei der Videothek, bei Rossmann und bei Edeka vorbei führt, als erfolgreiche Erledigung der Tagespflicht betrachte und wie nach einem vollen Arbeitstag heimkehre. Mein Rentnerdasein nimmt Formen an.

Es sind nur noch zehn Tage bis zum 50., die Wolke graut und schwillt. Wie vor einem ordentlichen Begräbnis wollen zuvor letzte Dinge zweckmäßig geordnet sein: Frühstück mit Jugendfreund H. zwecks Einleitung der Zerwürfnis-Beilegung; Frühstück mit Ex-Freundin Meg zwecks Flickens des rissigen Bandes. Dann gefasst dem Tag entgegen schreiten, der mit dumpfer Glocke den Ausklang einläutet.

Hier in Berlin-Weißensee wirft man einander gern an die Brust. Einjeder erzählt in Anwesenheit Dritter Dinge, die keine zwei Menschen interessieren. Die Kundin erzählt dem Uhrmacher, wieso sie dauernd ihre Handynummer vergisst. Man stellt auf seine Fensterbank eine Tomatenpflanze als Schutz gegen Mücken und Fliegen. So eine Tomatenpflanze, drang heute Nachbarin G. im Treppenhaus in mich, solle ich auch auf meinen Balkon stellen. Ich aber glaubte, mit einer Tomatenpflanze auf dem Balkon rapide altern zu müssen, und als ich jetzt, in diesem Augenblick, das Wort “Tomatenpflanze” schrieb, vergaß ich beim Tippen das “ma”, und lese erschrocken “Totenpflanze”.

19. Mai 2017 15:08










Tobias Schoofs

PERVERSER PARK

komm komm gestottert wird
der park die hosen runter auf

den arsch nur munter knaben
haben rote bäckchen kichern
und verfallen auf wer weiß

nicht was für paviansideen aus
ungeahnten löchern lösen sich
berichterstatter die notieren

und sich dann auf allen vieren
im fliederbusch verziehen

18. Mai 2017 15:20










Konstantin Ames

(Verfütterungen)

als o (traditioneu)
Tra tra tra … (Zeile nicht länger als 24h vortragen)
H fehlt nichts zum
Kirchturm
Hls o Hl. Poesie
Heil Heil (an sich)
Außer das Spitzdach (Stift)
Pruegelinstrument pruedes Linstrument
Linsenzertruemmernder Tuermlerlaerm
Aus ganz schwarzen Lettern rote
Demokraten sind ……………………… Leergedichte
ganz aus schwarzen Lettern
ganz aus Tübinger Erzlungen Erzaehlungen
ganz aus/ mach’s neü
Ausganz: Kirchturm = Stift, Bleis
tote (z.B. inaktive) Demokrater (ähnlich Vulkan)
Heil Heil Heil
Pechvogel vertilgt Glückspilze
just so
«So» (irgendein Jandl) ist das mit der _eiligen Poesie
und Venus’ Orangengesichtern/ Oelungen

17. Mai 2017 07:51










Gerald Koll

Das fünfzigste Jahr (202)

16. Mai 2016, ein Montag

Heute endete der Aikido-Lehrgang bei Jan Nivelius-Shihan. Solche Lehrgänge rütteln gehörig durch, wenn man sich nicht dagegen abschließt, und das zu tun, wäre natürlich ein Missverständnis. Also lässt man sich durchrütteln. Ich bin regelmäßig hypnotisiert von Nevelius’ scheinbarer Simplizität und erwache mit Schrecken, sobald ich das, was so überaus simpel schien, selbst anwenden soll. Ich adaptiere oft auf törichte Weise ungelenk und langsam. Besonders offenbarend dann auch der eine Zeitpunkt, bei dem Nevelius mich nach vorn holte, um ihn anzugreifen. Da war ich dann ein vollkommener Tollpatsch.

Die Manga-Serie Gute Nacht, Punpun ist mit Band 13 zu Ende gegangen. Auf dem Buchrücken steht, es sei ein verstörender und aufwühlender Blick in die Welt eines träumenden Vogels, und das trifft es. Das Fragmentarische überfordert, aber Asano schafft auf diese Weise Dunkelstellen, die dann in der Fantasie explodieren können. Oft greift er zu Klischees, spielt aber mit ihnen in klarsichtiger Boshaftigkeit. Er ist großartig, ohne dass ich ihn recht fassen könnte. Außer, dass ich mir vorstelle, dass das konfuse urbane japanische Gehirn in letzter Konsequenz so funktionieren könnte, wie es sich hier darstellt.

Mit Frau S. am Sonnabend in A Bigger Splash, ein italienisches Remake von Derays Swimmingpool, den ich kaum wiedererkannt habe, was zum Teil daran liegen dürfte, dass ich viele Filme so rabiat vergesse. Ungeachtet davon bezaubern Ralph Fiennes in seiner Entfesselung und Tilda Swinton in ihrer stillen provozierenden Souveränität. Dazu immer wieder filmisch kluge Auflösungen mit lange Fahrten, Kreisfahrten. Auch hier entfesselt und souverän, genau wie das Buch, das trotz kriminalistischen Ansatzes bis zum Ende keine Rücksicht darauf zu nehmen scheint, ob etwas “funktioniert”.

Mit Frau S. … ja, mit Frau S. ist es schön. Gestern in ihrer Wohnung, in ihrem Zimmer, auf ihrem Teppich, hörten wir, während Frau S. mir eine Shiatsu-Massage verabreichte, ‘Anthony and the Johnsons’, und ich bekam anfangs Gewissensbisse, weil dessen Songs eng mit vergangenen Zeiten mit A. verknüpft sind, doch lösten sich diese Verknüpfungen, und während wir diesen Liedern, die Engel zum Weinen brächten, lauschten und mein Kopf so eingebettet lag war, war es mir, als könnte ich einfach in Tränen ausbrechen und Frau S. zurückgeben, was ihre spendable Liebe mir andauernd gibt. Aber ich weinte dann doch nicht, und wir lagen lange still. Das waren so Momente.

16. Mai 2017 08:53










Konstantin Ames

Verfütterungen

also (wirklich)
Poesien gehören nicht in Häuser.
(Frauen gehören nicht an die Herde.)

was allen Wahrnehmungsberechtigten rasch zu scherben wärde.

wer hier nur siebzigerjährt, hat den Stock
noch viel zu tief im DADA stecken. «Du» (niemals Nietzsche)
musst nicht mehr Mauerstein – ’Tschuldigung – sein.

was unterscheidet Bilderbuch von Wychera?
das Wochenendhäuschen in der ***?
so säh eine Epiphanie dir ausn Augen, es (=) meine
Andh (nur von frisch verwitweten Zungen zu sprechen), langt
in deinen See. Le See. Säe. Was? Löwen. Ist das

Feld zu weit, (bitchst) du halt zu blöd. Gibt es Blödigkeit noch?
Oder Spasmen wie bei Hofmannsthal: «Mode[r] bel[l]t die [dition]
Tradition, Tradition a[a]lt die Mode[ratoren].
» oder gibt’s
Untersch# zwischen dir und deiner Blödheit? Prinzip Öffnung.

Lei# fangen auch schöne Bücher Feuer. Dennoch
Freude über Traditioneues

15. Mai 2017 10:31










Thorsten Krämer

Der Marabu

Der Marabu ist von allen Vögeln derjenige, welcher in einer Sauna am wenigsten auffallen würde. Auch eine Fahrkartenkontrolle in einem Intercity würde er problemlos überstehen. Die Hässlichen sind die wahrhaft Unsichtbaren.

In Hamm lebte ein Marabu mehrere Jahre unbemerkt neben einer Tankstelle. Er ernährte sich von den Abfällen der Autofahrer und wärmte sich an der Abluft des angeschlossenen Bistros. Lediglich einige Kinder, die im richtigen Moment aus dem Fenster schauten, während ihre Mütter oder Väter mit der Zapfpistole in der Hand neben dem Wagen standen und den kurzen Moment der Ruhe in ihrem hektischen, durchgeplanten Tagesablauf auskosteten, diese Kinder sahen den Marabu. Doch wurde ihnen natürlich nicht geglaubt, denn einen solchen Vogel hatte hier in Hamm noch niemand sonst gesehen, zumindest nicht in freier Wildbahn. Nur bei einer Gelegenheit erblickten auch die Erwachsenen den Gast aus Afrika: wenn er oben am Himmel vorbeizog, aus der Ferne kaum unterscheidbar von seinem heimischen Verwandten, dem Storch.

Ein ähnlicher und doch ganz anderer Fall ist aus Jena bekannt. Dort richtete sich ein Marabu im Innenhof einer Behörde ein. Die Raucher, die sich in regelmäßigen Abständen dort zusammenfanden, hielten ihn für einen der ihren, und auch die wenigen Bürger, die vor einem wichtigen Termin noch einmal frische Luft schnappen wollten, nahmen keinerlei Anstoß an seiner Anwesenheit, grüßten ihn sogar vorsorglich für den Fall, dass sie ihm vielleicht später in einem der Zimmer gegenübersaßen. Sein beharrliches Schweigen nahm dem Vogel niemand übel, im Gegenteil, es wurde ihm als Lebensweisheit ausgelegt. Erst ein Ornithologe, der Privatinsolvenz anmelden musste, machte diesem angenehmen Leben ein Ende. Als der Marabu verstand, dass dieser Mensch ihn für das sah, was er war, breitete er die Schwingen aus und hob sich, nicht ohne Bedauern, in die Lüfte.

Wahrscheinlich hätte ich dir das besser nicht erzählt. Jetzt frage ich mich, wann es dir aufgefallen wäre, wenn ich nichts gesagt hätte.

(Ein Klick aufs Cover führt zur vertonten Version.)

14. Mai 2017 06:18










Mirko Bonné

Schulz in Catania

Man besah sich mit spitzem Augenwinkel den Dom.
Frauenquote auch ziemlich unermesslich.
Jede Autostrada führte aufs Meer,
und von da nach Rom.
Im Spiegel der Ätna, eine Katze, er.
Man weinte um die Wette mit Möwen. Unvergesslich.

*

13. Mai 2017 09:51










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