Björn Kiehne

Die Mittagsblume

Ich weiß, es ist einfacher,
wenn wir uns nicht
gegen die Wellen wehren -

unsere Worte liegen wie
entfernte Inseln im Dunst,
Ponza, Palmorala, Ventotene;

in der Steinmauer öffnet sich
die Mittagsblume, die Vögel
kommen, um zu schweigen,

und mit der leuchtenden
Tinte des Thyrrenischen Meers
schreiben wir uns Zeilen,

die einander lange schon
kennen, wie, weißt du
noch, erinnerst du dich?

Bis Wind aufkommt, der
Geruch von fallendem Regen
durch unser Gespräch zieht,

die Mittagsblume sich um 
diesen Tag schließt, ihn schützt
vor dem kommenden Sturm.

3. Juli 2017 09:59










Hans Thill

Als die Finger noch Schwerter waren

Alle meine Wörter sind weiblich außer Brad Pitt,
der ein amputierter Fuß von Ibn Al-Farid ist.
Erzähl mir was vom Meer, von seinen Innereien,
vom Doppelgänger des Flusses Jabbok,
der in Edenkoben versandete, freigelegt wurde
und erneut versandete. Erzähl mir was von Al-Nabegha,
seiner Wanduhr! Mein Haus ist eine Mühle aus Glas
und Lavendel, der Zipfel eines Traums einer Rose
direkt vom Berg Quasi, der zur Hälfte aus Saqr (Falke)
und zur Hälfte aus Qasr (Rietburg) besteht.
Mit langen Schritten geht die Dummheit zwischen
Bäumen umher und knetet sich einen Nebel.
Ach, ein Schuh ist gestorben, ach, die Lagerplätze
sind verlassen, die Asche noch warm, man kann
sie essen, aber man sollte nicht, sagt Malek,
der Strassenräuber. Eine Tür, die sich schließt,
ist noch lange keine Apfelin. Was wäre die Bibel,
wenn nicht große Mengen Obst auf einem kleinen
Stück Stoff, das der Nichtraucherengel
über den Schultern trägt, wenn er nachts wie zwanzig
Katzen durchs Rebland tobt? Was wären Tom
und Jerry, wenn nicht der rechte und der linke Fuß
einer Rakete? Alle meine Wörter sind Sandalen,
eher zum Hauen als zum Kauen, eher zum Stechen,
es sei denn der leere rote Mantel käme plötzlich zur Tür
herein, in der Hand das Brot der Schönheit aus
einem Text von Al-Muttanabi – sein Name ist
ein Storch aus einem anderen Traum, in dem es
genial von der Wand tickt als wäre eine Frau
im Schrank

Begrüssungsgedicht für
Lina Atfah, Aref Hamza, Mohammad Al-Matroud, Rasha Omran, Lina Tibi, Raed Wahesh,
Dorothea Grünzweig, Brigitte Oleschinski, Christoph Peters, Joachim Sartorius, Julia Trompeter, Jan Wagner
Tropenkoben, 28. 6. 2017

29. Juni 2017 09:45










Hendrik Rost

Apnoe in der Stimme

Statt wie sonst morgens in der Offenbarung des Johannes zu schmökern
und zu lesen, wie das Lamm das Buch mit den sieben Siegeln öffnete,
woraufhin im Himmel Stille eintrat,
etwa eine halbe Stunde lang –
Die Schar derer, die mit dem Siegel gekennzeichnet sind, ist groß
ging ich ans Regal und nahm mir ein Jahrbuch mit Gedichten
und öffnete es an beliebiger Stelle:
„Die Stimme deiner Spezies weckt dich und you drown.“
Es ist unnötig, sich abzufinden mit der üblichen Gefangenschaft.

28. Juni 2017 10:07










Karin Fellner

Go deeper and beyond

to the beardless Alexander in a blast furnace
who would raise his brow here once more
conqueror of grinning cuttlefish

to Leonardo with snorkel and screwdriver
lurking on enemy ships outside the harbor
surrounded by hunchbacked fishermen

past the leather-covered caisson
whose divers bleed gently from the ears

to the automatic eels, to the oilheads, chlorine gas and
all men pressed into the sheath of war.

On bare feet only
in the garden of waves
in the sprawling spray
step and let
the log sink:                Silence


(Poem translated by Zane Johnson, USA, 2017,
who is finishing his Bachelor’s at the University of Colorado Denver and plans on studying in Germany in the coming year through a Fulbright.)

—————————————

Tiefer gehn und vorüber

am bartlosen Alexander in einer Glocke, der auch
hier einmal die Stirn erheben wollte, Erobrer
von grinsenden Sepien

an Leonardo mit Schnorchel und Schraubenbohrer
der draußen im Hafen auf Feindschiffe lauert, von
buckligen Anglern umringt

vorbei auch am ledergedeckten Senkkasten
dessen Paddler sanft aus den Ohren bluten

am automatischen Aal, an Ölköpfen, Chlorgasen und
all den ins Futteral des Krieges gepressten Mannen.

Auf bloßen Füßen nur
in den Garten der Brandung
in die wuchernde Gischt
treten und das Log
sinken lassen:                         Silence.

(Karin Fellner, 2014)

28. Juni 2017 07:01










Konstantin Ames

Immer wenn du denkst, da geht noch was,


Verdirbt dir ein ästhetizistischer Indianerkiller den Spaß.

27. Juni 2017 11:12










Christian Lorenz Müller

DIE WICHTIGSTEN PERSÖNLICHKEITEN ALLER ZEITEN

(Russische Umfrage vom 26.06.2017)

1.
Josef Wissarionowitsch Stalin
Bankräuber, Diktator, Massenmörder

2.
Wladimir Wladimirowitsch Putin
KGB-Agent, Judokämpfer, Autokrat
Alexander Sergejewitsch Puschkin
Dichter, Elegiker, Duellant

3.
Wladimir Ilitsch Lenin
Politischer Theoretiker, Revolutionär, Despot

27. Juni 2017 09:36










Konstantin Ames

Date mit dem datierten silentstyle in der rille

lernte ich täglich von kleingeschriebenen händen in lobbies

lernte ich nicht von Lessing («Ich») und andern verslaufsformen um/gang
führen wir doch den adel (z.b. in den haifisch) wieder ein, die preise sind nahezu alle am boden «Ich» gratuliert den meinungen zu ihrer befreiung ung ung usw oder willkommen im streit, wer da nicht rosten will [Ich nehm jetzt ne Aspirin, und dann gehts mir schon wieder gut.] als lustiges rotgardistenblut

24. Juni 2017 19:04










Christian Lorenz Müller

27. REGENTONNENVARIATION

Schäumender Bierkrug
nach dem Regen. Ein Prosit
auf den Preisträger.

23. Juni 2017 16:41










Hendrik Rost

Alles, manches, das meiste,

was von Schwärmern und Spöttern über Büchner gesagt wird, ist falsch oder abgestanden. Jetzt ist
aber eine wunderbare Gelegenheit, Jan Wagner zu gratulieren: Alles, alles Gute
und viel Inspiration weiterhin!

Ich las so vor mich hin und fand schnell zwei sehr schöne “Versuche”.

Einmal über Mücken:

als hätten sich alle buchstaben
auf einmal aus der zeitung gelöst
und stünden als schwarm in der luft

bringen von all den schlechten nachrichten
keine, dürftige musen, dürre …

Ein anderes Mal über Seife:

wurde weniger wie fast alles

und alle sitzen am tisch:
mondloser abend, duftende hände.

23. Juni 2017 15:55










Christian Lorenz Müller

BECKEN

Die Verklärung der Glieder
in der tiefen Gumpe,
Allgegenwart Gottes
als aufgeschreckte Forelle:
So taufst du dich mit Kälte,
nach dreimaligem Tauchen
hastest du hinauf auf die Felsen
wo die Sonne wärmt,
wo du dich zitternd
neu geboren weißt.

22. Juni 2017 11:08










 1 2 ...4 5 6 ...172 173