Björn Kiehne

Schlachtensee

Noch vor dem Licht
erwachen die Vögel,
Amseln, Drosseln, ein Specht,
der dem Tag seinen Takt gibt.

Vom Bahnhof fließt die Wiese zum
Ufer hinunter, hält ihre Halme
in den See, den der Wald
hütet wie sein Geheimnis.

Ein Haubentaucher zieht
Linien ins Wasser, schreibt:
Wenn Du willst ist alles
Botschaft, wenn Du willst,

kannst du mit jedem Kleidungsstück,
das Du an den Holunder hängst, etwas
aufgeben, weglassen, aufhören
jemand zu sein – verletzlich,

nur die Haut zwischen Dir und
dem See, breitet der Vogel,
der Dein Geist ist, seine Flügel aus,
fliegt heran und findet ein Zuhaus.

Für Joseph

1. September 2021 15:03










Mirko Bonné

Haus für Ritsos

Den uralten Pfad hinauf. Nur Schotter.
Und entlang dann, dann hindurch unter
Strauchwerk, scharf, stachlig, immergrün.
Alles war bewaffnet, Jannis, wie wir da
kampflustig so zur Kapelle hinanstiegen.
Thymian, Lavendel. Salbei. Phönizischer
Wacholder im Sommerradau der Zikaden.
Unbeugsam der Widerstand, unerbittlich
wie die Sonne die Schattenbemühungen
verhärteter Früchte und was der Ilex lehrt,
wenn das Licht ihn malträtiert: Wahr werden
alle Färbungen von allem, das aufbegehrt
und dabei doch gerechtbleibt wie die Grille,
die Eule. „Nichts“, so du da oben, „ist härter.“

Weißt du noch? Drei Tage lang hatten wir
bei Dauerregen alles alte Holz vom Keller
ins Haus geschleppt, zerkloppt und im Kamin
verfeuert. Unser Qualm, Jannis, quoll fabelhaft
über das Dach. Wolken wurden das Laufgitter
meiner Liebsten, Stühle, Rahmen, ein Sessel
und die alte, halbe Gute Frau von Forcalquier.
Vorbei an der Kapelle, in deren glaslose Fenster
Kinder mit dem Mistral riefen – drei Gespenster –,
stiegen wir zum Schloss hinauf. Weißt du noch,
der Trümmergipfel seit fast tausend Jahren?
„Ich bin zu lang schon tot. Und Griechenland,
mein Hellas ist verbrannt“, so da oben du.
Das Laufgitter meiner Liebsten, Stühle, Rahmen …

alles sah ich unter Kiefern, wie neu, da oben stehen.

Es war dein Haus. Nur die Tür und alle Fenster fehlten.

*

26. August 2021 08:05










Andreas H. Drescher

Von Socken gesteinigt

Von Socken gesteinigt
in denen ihre guten Wünsche
nach Patent-Art eingeschlagen sind

Patente für Zikaden-Zehen

Im Pfützenspringen verhärtet
Dem schmalen Eisdank
ist nicht zu entkommen

Nicht der Astronautenmütze
Nicht der Karnevalsangina

Offen eingekreuzt die lange
lange Unterhose
Weiche Vögel auf dem Sofa

auf ihrem letzten Weg zum Wald

24. August 2021 22:41










Tobias Schoofs

HÖRKANAL

wir streifen im hörkanal zwischen
rauschender brandung und dem fast
artikulierten klappern der palmen

phonetik so saumselig wie muscheln
tang und kaum verstandene sprachen
das nicht weit vom stamm gefallene

wie obst in einem anderen herbst
du hebst es auf fügst es zusammen
zu sätzen zu wellen im hirn

23. August 2021 18:08










Konstantin Ames

Da benn 51 von zuse 22 antword wart

!!Dieses Gedicht kann in Sachsen Kopfverbrechen auslösen!!

Nicht jeder blick nah kein dorf spät
Ein schloss frei jeder bauer fern
Jeder fremde fern · ein tag spät
Jedes Haus dunkel · 1 auge tief
Nicht jedes schloss alt jeder tag alt

Aus „An des ereignisses vortagsnachmittag (verschönert)“

20. August 2021 12:59










Christian Lorenz Müller

MUTATION

Diese Krankheit ist gefährlich!
Diese Krankheit ist gefährnich!
Diese Krankheit ist gefährnicht!
Diese Krankheit gefährdet nicht!
Diese Krankheimp gefährdet nich!
Diese Krankhimpf gefährdet mich!
Diese Krankimpf gefährdet mich!
Diese Impfung gefährdet mich!

17. August 2021 08:41










Christian Lorenz Müller

ALLE RASENMÄHER STEHEN STILL

Abends summt sich dein Blick
in die Blumenwiese, hummelt
rund um die Blütenkerzen
des Blutweiderichs.
Das rispig gewordene Sommergras
nickt dir zu. Für Augenblicke
stehen alle Rasenmäher still,
die Akkus der Gartentrimmer
sind leer. Borretschblaues Glück,
von dem etwas
pollig an dir kleben bleibt,
honiggelbes Licht
auf dem Hang des Küchenackers.

27. Juli 2021 09:02










Mirko Bonné

Hingebracht

Wie oft fahre ich diese Strecke, im Schreckenszug
    von Hamburg nach Berlin und retour, dreißig, vierzig
Mal im Jahr? Und das zwangsweise. O Mecklenburg,
    alte Saatkrähe, die das Verwelken gestoppt hat. Du
weißt, was Oscar Wilde meint: Die einzig schönen
    Dinge sind die Dinge, die uns nicht betreffen.
Hier
hat alles erfundene Namen: Plauen, Nauen, Guben,
    Dassow, Sassow, Nuben. Ich sehe aus dem Fenster
wie hinein in einen rasend ablaufenden Traum, und
    der Gespensterintercity mit seinen darin spukenden
Angstgestellten fegt durch den Rest eines Weilers, wo
    Ladas und Wartburgwracks in Vorgärten vermoosen.
Hier war ich noch nicht. Und bin auch jetzt nicht hier.
    Ganze Felderebenen unter Wasser. Oder voller Mais.
Und das Ich dreht sich verschämt ins Man. Man denkt,
    hier kennt man jede Forsythie, jedes halbblinde Schaf.
Nichts da! Paulinenaue. Das war gestern noch Plauen.
    Und plötzlich bricht der Zug durchs gläserne Schreber-
gärtenportal von Spandau. Und wieder sind hingebracht
    zwei Stunden Leben. Sagt man dann Hauptbahnhof tief.

*

22. Juli 2021 01:16










Christian Lorenz Müller

ZWEI STAATICHE GESÄNGE

I
Alles ich meins, ich mag es icht
wenn die Dinge verwirt werden.
Ich bin Anhängerin eines pragmatichen
Kollektitvichmus‘: Zusammenarbeit
nur dort, wo es mich macht!
Nein, das ist keine Possesichsucht,
das ist nur vernünftich.
Wenn jeder auf mich selbst schaut,
ist jedem geholfen.
Ichmichmiristan heißt mein Staat,
dort regiert eine Könichin.

II
Nmein, das will mich nicht –
aber es ist icht so, dass ich alles vermeine.
Resichnation kommt nach
der Erkenntnich.
Kulturpessichmichsmus ist leider
aus der Ode, genau, keiner,
der noch Oden, das Erhabene –
alles so schmerzich, schmerzich
spüren Sie mich icht, wie weh
es mir – ich wohne in Gramland,
ganz unten im vierten Stock, sie werden
den Aufzug icht finden.

 

20. Juli 2021 09:21










Konstantin Ames

Eiffelschwimmer*

für Marius Who Hulpe

niechts so undenkbar wie Munds Mund
der Mund wird nicht müd/ dem Mund wird nichts schön

niechts ist so leicht zu haben wie Munds Müdigkeit
denk dir die Zunge als Adler/ Zähne als Tasten

niechts so kitschig wie Wind im Dickicht
dehn die Ohren mit/ Müdigkeit wird in Ewigkeit nicht Mund

Ichs Ist und Ist ist ein Tintenfass ist ichnass
Lippe wenn zittert/ Mund dann verbittert

Luthers Nase reizte selbst Lavatern nicht weshalb
Des einen Gnade/ Des andern Luhmannkalb

Kranich halb und halb Konterfei
Einem Mensch sich nähern/ Einem Knie

* Titel des Gedichts wurde kurzerhand umgeändert. Wer das dem Clan verrät, kriegt in 13 Jahren ne Tür ins Kreuz gezimmert, vielleicht sogar eine wahre … 

15. Juli 2021 18:13










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