Andreas H. Drescher

JAMAIKA ÜBERLANDBUS 2

 

Mathildas Ampeln in der Apotheke

Esso Kings-House We deliver free

Der Stuhl der Königin wird auf

bewahrt in Bäumen mit weißen Gama

schen am Commonwealth vorbei

 

Das Devon-House mit 1883 Sklaven

 

Georgs Stiefel Georg Stiewel der

Vater des ersten Farbigen dem

hier ein Haus gehörte Die Haut

der Zimmer Das baut nun schon

seit hundert Jahren ein Museum

 

Venezuela von hier nicht zu sehen

 

An der Kreuzung Kinder-Fenster

putzer Im Bankenviertel Tourism

is our business Let´s protect it

Das Kleine Theater das mit Ab

stand beliebteste von Kingston

 

Ein Gefängnis nur für Schmuggler

 

Zwangsarbeit vorm Cricket-Stadion

der Bank-of-Jamaica Portraits von

Cricket-Größen eingezahlt einen Hafen

und zwei Industriegebiete Der Junge

unter Sonnenschirmen alter Frauen

 

Heute mit Saatgut gegen Slums

 

Eins Bulldozer zwei Steinhäuser

drei fortmontierte Klos fortmon

tierte Fenster fortmontierte Wasch

becken Marleys Broadway-Stadion

Sümpfe angelegt vor Port of Spain

 

Zuckerrohr für Appleton noch immer

 

Das Abbrennen der scharfen Blätter

Rum Blut im Ungeziefer trotz der dicken

Schuhe 8 Tote drehen den Hurrican Die

Plünderung der Supermärkte plötz

liche Fernseher plötzlich der Osten

 

Die schlechteste Straße seit Coward

 

Der Blick Die Kirche Der Verkauf Die

Kokosstadt Bananenstadt Orangenland

Darüber Kolibris und Doktor-Vögel

120 Alligatoren schnappen ihnen

den letzten Mungo fort Das heißt

 

Mehr Schnecken als Schlangen

 

Fisch blauer Fisch der Merlin schwer

noch schwerer zu fangen Die

halben Lehnungen ins Ruckeln des

Vulkangesteins doch was heißt schon

Aktivität Licht aus jetzt Der Mann

 

17. August 2020 23:20










Nikolai Vogel

Große ungeordnete Aufzählung (Detail)

an ein Ufer schlagendes Wasser, Treppenstufen, Schrift, Flügelinsekt, Halbschatten, Sonnenflecken, die Haut,

abgestreifte Schuhe,

 

willkommen, Augusta

17. August 2020 11:25










Augusta Laar

VERLIEBTE AUTOS IM WALD

wie sie quietschen
wie sie gurren wie sie mit ihren
scheinwerfern blinzeln

wie sie aufeinanderprallen
wie sie mit ihren plastiksitzen schwänzeln
mit ihren plastikantennen tänzeln
wie sie seufzen wie sie stoßen
wie sie ineinanderfallen sich überallhin folgen

wie sie pirouetten drehen wie sie
girlanden aus ihren rücksitzen stülpen
wie sie herzen aus ihren auspuffen blasen

wie sie kichern
wie sie stäuben schweifen pfeifen
wie sie zwitschern

wie sie die hasen die rehe und tafelaufsätze
die ketten aus rehen die goldhirsche

wie sie staksen heulen jaulen juchzen
stöhnen blitzen fauchen feuern

wie sie die pilze das moos
wie sie das gras die kröten das wasser
wie sie das wasser

13. August 2020 22:10










Karin Fellner

Willkommen, Augusta!

In Augusta Laars poetischer Welt rast es, blitzt, springt, schnappt und kickt es, ein Beat durchzieht ihre Verse –„hey hey my my“ – , in denen sich David Bowie und Faye Dunaway auf ein Augenzwinkern treffen, ein spaciger Mix aus Dunklem und Wildem, aus Ironie und Punk: „von oben oh jesuspilz von unten / oh fischpudding“!

Hiermit begrüße ich Dich, liebe Augusta – geschätzte Poetin und Poesieveranstalterin – freudig und herzlich bei den Fischen!

13. August 2020 13:36










Christian Lorenz Müller

Es gibt keine Leitungen, es gibt nur diese Kratzer über
der Kreuzung. Wer an der Haltestelle steht und kurz
hinauf in den Himmel schaut, sieht ein wirr zerschrammtes
Blau. Allein wer die Stromabnehmer der zufahrenden
Busse im Blick hat, kann die parallel verlaufenden Ritzen
und Riefen erkennen, die Scharten und Schrunden. Wenn
der Abend kommt, wird vieles deutlicher. Blenden die
Autos ihre Scheinwerfer auf, schimmern die Kratzer
plötzlich blank in der Dämmerung. Dann wird eine Ordnung
erkennbar, dann wird es leichter, den Schrammen
zu folgen, weg vom betriebsamen Platz, hinein in die
Nacht.

Beginn des Romans „Unerhörte Nachrichten“

10. August 2020 17:13










Andreas H. Drescher

JAMAICA ÜBERLANDBUS 1988 I

 

Die Landwirtschaftsschule ein

Geschenk von Fidel Castro aus

der Zeit der Anlehnung an Kuba

Doch dann die Volksaufstände

Neuwahlen Den Kubanern nur

 

Tage um das Land zu verlassen

 

Der Turm der Spanier Die Todes

strafe Das Gefängnis 212 warten

auf ihre Hinrichtung Rio Cobre

Die Brücke von Sklaven erbaut

Drei Meter oberhalb der Stein

 

Der höchste Pegelstand hier

 

Mango-Stände rechts die Orangen

gegend Rio Magno Kinder wieder

wieder Kinder auf dem Land der

Jericho Primary School Links

verkehr Bauxite Alcan-Bauxite

 

Rechts der Mann im weißen Kittel

 

Nur ein Schüler-Lotse In den Bergen

künstlich angelegter See in Rot

Hier wird Bauxit gewaschen Seil

bahnen durchs Schattige Tief

grün Calypso Trauer Ocho Rios

 

23. Juli 2020 06:39










Karin Fellner

Mutier

Tapeten will der Tapir nicht mehr kleben,
bringt nix aufs Tapet, schlupft drunter.
Der Aufsichtsrat ist verschnupft:
was soll der zerschlissene Teppich?
der ist doch niemals tibetisch!
Der Tapir indes guckt die Faserung der Strahlen
und fadenscheinige Flecken und nickt: die mag ich gut.

22. Juli 2020 14:18










Björn Kiehne

Die Verwaltung der Wolken

Wie ich mich wieder
und wieder verliere
im Verwalten der Zukunft,
der Vergangenheit und dem
bisschen Jetzt dazwischen.

Aber hier, während der
Himmel sich auf die Ebene
legt und Schatten von
den Berghängen fließen,
sammele ich einfach Holz.

In dieser Welt, flüstere ich
mir zu, reicht mir ein Zelt
und sichere die Mittelstange
noch einmal, schlage die Heringe
fester in den steinigen Grund.

Wie gut, zu verwildern,
nutzlos zu werden, die
Verwaltung der Wolken
aufzugeben, auszusteigen
aus dem Rennen um den
ersten Platz am Grab.

Ich mache Feuer, Funken
steigen auf, mischen sich
mit den Sternen, reden
mir gut zu: Wir geben Dich
nicht auf, Du hast noch
ein Herz, Du hast ein Herz.

22. Juli 2020 07:53










Nikolai Vogel

KOMET

Ich habe den Kometen noch gar nicht gesehen
Und ich war schon länger nicht am Meer
So weit weg jetzt alles und ich sitze hier

Als ließe sich Ferne so heranholen
Mit den Selfies und Geteiltem
Der Bildschirm als Landschaft

Und der Blick will in die Welt
Und wird auf sich zurückverwiesen
Einen Moment nur weiter sitzenbleiben

Vielleicht kommt ja was rein
Von unbekannt von Freund!nnen
Könnte auch rausgehen in die Nacht

17. Juli 2020 21:15










Andreas Louis Seyerlein

~

22.16 UTC — Im Spazieren den Blick gegen den Boden richten, suchende Lampe. Kinderzeichnungen von Kreide, Sonnensterne, Flugdrachen, Bäume, Linien mit freier Hand da und dorthin gezogen, über Linien vorangegangener Tage geschichtet, Kreideschatten nach Regen, Kreideflüsse. Vor den Läden Punkte und Streifen, dort sollte man stehen, wenn man ein Mensch ist. Aber doch ist es so geworden, dass Personenabstände im Gehen geringer werden, man muss, wenn man geht, auf die Straße treten, ausweichen, sobald sich Sorglose nähern, muss man Räume berechnen, das Gehen gedankenlos nur am Abend durch den Park, oder Nachts in den Stunden, da man Igeln begegnet und Mäusen mit rot glühenden Augen im Licht einer Taschenlampe. Einmal träumte ich von Virentieren, die leuchten. Wie es mir in diesem Traum selbst goldfarben von den Lippen staubte, wachte ich auf. — stop

> particles

13. Juli 2020 13:14










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