Gerald Koll

hub 4.2 kann sein linkes Auge aufblasen

Als wir hub 4.2 entdeckten (Koordinaten-Segment 33.5°/5.3°),

waren wir uns hinsichtlich seiner Größe zunächst uneinig,

bis wir feststellten, dass seine Größe hochflexibel war.

Nachdem wir hub 4.2 dank Dr. Gerst sicherstellen konnten

(Außenbordeinsatz 12 der Mission Horizons, noch mal danke, Alex),

gaben wir uns größte Mühe, den Fund vor der Öffentlichkeit geheim zu halten.

Natürlich ist es eine brisante und hochexplosive Sensation,

zum ersten Mal der Menschheitsgeschichte extraterristrisches Leben

zu sichten und zu bergen. Wir nannten diese Lebensform daher hub 4.2.

Wir zögerten nicht, hub 4.2 einiger Experimente zu unterziehen.

Auch hier erwies sich seine staunenswerte Flexibilität: Kaum gelandet,

schrumpfte es auf die Größe eines terristrischen … Insekts.

Kaum auf einer vertikalen Landefläche (90°) platziert, änderte hub 4.2

seine Grundfarbe von Aschgrau

zu Farbton 10310 C (Referenz Pantone PLUS). Punktiert.

Kaum änderte es seine Position, lediglich bei disharmonischer Bildkomposition

justierte es seine Lage geringfügig nach. Aus ästhetischen Gründen.

Wir empfehlen hub 4.2 als Küchendekoration. Und ja, es kann auch sein linkes Auge aufblasen.

8. Juli 2018 16:42










Gerald Koll

17. Januar 2018 14:47










Gerald Koll

Dieser Kafka wieder …

… schrieb am Sonntag des 12. November 1911 im Alter von 28 Jahren in sein Tagebuch, nachdem er am Vorabend einem Vortrag des französischen Schriftstellers Jean Richepin

beigewohnt hatte:

“Ein großer starker Fünfziger mit Taille. Die steif umherwirbelnde Frisur (Daudets zum Beispiel) ist, ohne zerstört zu werden, ziemlich fest an den Schädel gedrückt. Wie bei allen alten Südländern, die eine dicke Nase und das zu ihr gehörige breite faltige Gesicht haben, aus deren Nasenlöchern ein starker Wind wie durch Pferdeschnauzen gehn kann und denen gegenüber man genau weiß, daß dies der nicht mehr zu überholende, aber noch lang andauernde Endzustand ihres Gesichtes ist, erinnerte mich auch sein Gesicht an das Gesicht einer alten Italienerin hinter einem allerdings sehr natürlich gewachsenen Bart.”

Das war der zweite Absatz. Der erste:

“Sonntag. Gestern Conference Richepin: ‘La légende de Napoléon’ im Rudolfinum. Ziemlich leer. Wie zur Prüfung der Manieren des Vortragenden ist auf dem Weg vom Eingangstürchen zum Vortragstisch ein großes Klavier aufgestellt. Der Vortragende kommt herein, will, mit dem Blick ins Publikum, auf dem kürzesten Weg zu seinem Tisch, kommt daher dem Piano zu nahe, staunt, tritt zurück und umgeht es sanft, ohne mehr ins Publikum zu schauen. In der Begeisterung des Abschlusses seiner Rede und im großen Beifall hat er das Piano natürlich längst vergessen, da es sich während des Vortrags nicht bemerkbar gemacht hat, er will möglichst spät, die Hände auf der Brust, dem Publikum den Rücken kehren, macht daher einige elegante Schritte seitwärts, stößt natürlich ein wenig an das Piano und muß auf den Fußspitzen den Rücken ein wenig durchbiegen, ehe er wieder in freies Terrain kommt. So hat es wenigstens Richepin gemacht.”

Einziger Tagebucheintrag vom 13. November: “Und dieser Mann ist, wie ich heute erfahren habe, zweiundsechzig Jahre alt.”

24. Oktober 2017 09:08










Gerald Koll

Don Quixote, aufgenommen mit Phantom-3-Drohne des chinesischen Herstellers MeLi

14. Oktober 2017 00:08










Gerald Koll

Das fünfzigste Jahr (208)

29. Mai 2016, ein Sonntag

Vor dem Fest …

Der seltsame Tag. Im Kopf schwirren Fetzen möglicher Grußworte (die Nebensächlichkeit der Dinge, die Wichtigkeit der Träume), verweht von Unlust, dem feirigen Abend Gewicht zuzumuten. Was ist anders als vor einem Jahr? Frau S., diese feine, feinsinnige Person, die ein sehr großes Liebeswesen ist. Mit Frau S. buk ich einen Nutella-Kuchen. Er misslang mal wieder gründlich. Er kommt als schwarzer Sarg auf den Tisch. Mein Ofen eignet sich besser für japanische Keramik.

Nach dem Fest …

Party im Standbad Weissensee. Die gestellte Musikanlage lieferte keine Musik, die Speisekarte versprach fast nur Speisen, die aus waren. Nach drei Bestellungen schrumpfte sie auf zwei Posten, einer davon war Salzgebäck. So ein Desaster sorgt für Stimmung. Als die Musik irgendwann doch noch lief, kam auch schon die Polizei gelaufen, aber ich hatte Sekt genug intus, die Mahnungen sehr verständig entgegenzunehmen und nach verbindlichem Abschied in den Wind zu schlagen. Im Rausch mit Feuer gezündelt und Sekt verschossen – ach, diese hochwichtigen Finales immer wieder. Dem Schulfreund, dem ich seit 30 Jahren schreibe und der nie zurückschriebt – auch der kam. Auch mein großer M. Auch die Schwester, der die Tränen rannen. Seliges Sprechen und Bekennen im Nachtnebel des Alkohols. Damals. Ja, damals. Danke für damals. Eine Bestattung zu Lebzeiten. Aber schöner als danach.

29. Mai 2017 08:34










Gerald Koll

Das fünfzigste Jahr (207)

28. Mai 2016, ein Sonnabend

Mir träumte, dass meine Füße furchtbar gehäutet aussahen, übersät von rosa Flecken, wo die Haut seidenpapierdünn war. Es war mir natürlich peinlich, mit diesen Füßen beim Aikido auf die Matte zu gehen, zumal die Partnerübung darin bestand, einander mit gestreckten Beinen gegenüber zu sitzen, Sohle an Sohle, und den Rumpf nach vorn zu beugen, möglichst bis über die Füße des Partners hinaus, und ausgerechnet mein Partner hatte sich bei dieser Dehnübung schon vorher ausgezeichnet. Nun also mit ihm! Doch da sah ich, dass auch seine Füße, ja, seine Beine, über und über befleckt und geradenach leprös wirkten …

Bisweilen lese ich im Belphegor, diesem völlig ungebärdigen Werk des Goethe-Zeitgenossen Wezel, der den vielleicht wütendsten Abenteuerroman jener Zeit schrieb. Eine saure Prosa.

28. Mai 2017 08:03










Gerald Koll

Das fünfzigste Jahr (206)

26. Mai 2016, ein Donnerstag

Es ist 4:48 Uhr, soeben bin ich erwacht und schreibe schnell, bevor alles weg ist. Eben noch, im Traum, befand ich mich in einem Hafengebiet in einer großen Feiergesellschaft und habe, wodurch auch immer, auf einem anderen Kontinent eine Langstreckenrakete gezündet, die nunmehr auf dem Weg zu mir, zu meinem Kontinent, war, um uns alle zu vernichten.

Es war im gleichen Traumgeschehen, dass ich am frühen Morgen auf urbaner Straße ging und zwei Frauen sah, die kichernd nebeneinander flanierten und sich das wunde Geschlecht hielten. Auch erzählten sie sich von gerade soeben erlebten sexuellen Abenteuern. Die eine hatte, glaubte ich, einen Dreier gehabt, die andere sprach kichernd ausschließlich von “Eduard” (niemand dieses Namens ist mir bekannt).

Wahrscheinlich danach begann die Traumsequenz mit der Bombe, deren Eintreffen ich zunehmend bange entgegensah. Ich hielt es kaum aus. Ich hätte gern geschlafen in diesem Traum, fragte mich aber unablässig, ob diese Rakete nun stur das Ziel ansteuere, dessen Koordinaten ihm im Augenblick der Zündung angegeben worden seien, oder ob sie intelligent genug sei, dem beweglichen Ziel – also mir – zu folgen und mithin meine Flucht sinnlos sei. Irgendwann habe ich mich von einer nicht erinnerlichen Person gelöst, mit dem Ziel – die Intelligenz der Rakete vorausgesetzt – diese Person zu retten, womöglich aber auch – die Nicht-Intelligenz der Rakete einrechnend – diese Person der Rakete auszuliefern und mich zu retten … mulmig wurde es mir in beiden Fällen, und ich stak im Dilemma, ohne lange abwägen zu können, denn das Eintreffen der Rakete stand nun unmittelbar bevor, und so lief ich halbentschieden, um nur irgendeine Irritation in diese verfahrene Situation zu bringen, zielstrebig in die Hafengegend (die mich von ungefähr an Kiel erinnert). Dort sah ich über dem Meer ein sehr tief fliegendes Flugzeug stürzen. Ich begriff es als Vorboten der Rakete. Dann … gleichsam im Aufwachen … folgte ein Happy End, in dem die Entschärfung der Rakete gemeldet wurde, obwohl mir die genauen Umstände und Erklärung der Entschärfung nicht erinnerlich ist.

Genau erinnerlich aber ist mir der Aufwachgedanke, dass dies alles ein Reflex sei auf meinen gestrigen Besuch in Megs Tanz-Performance, in ihrem Revier. Und auch fiel mir ein bestimmter Zeitpunkt im Verlauf des Stücks ein, als alle Gäste den Ort wechseln und vom Rang ins Parkett gehen sollten. Da wachte an einer Saaltür, durch die ich zu gehen hatte, die mir bekannte Aktrice Amy, die mir menetekelnd-schnurrend ein “Take care” zuraunte, das ich in jenem Moment gar nicht habe einordnen können bzw. eher dahin verstand, auf ihren Sohn Remo-Joe, der ja zufällig neben mir zu sitzen kam, aufzupassen. Nun aber, im Erwachen, schien mir sehr einleuchtend, dass sie mich warnte vor den Gefahren des Gastes im Revier des Wolfs.

26. Mai 2017 22:54










Gerald Koll

Das fünfzigste Jahr (205)

25. Mai 2016, ein Mittwoch

Gestern traf ich Jungendfreund H., mit dem ich mich vor einem Jahr überworfen hatte, als er sich so fatal in die Kitty-Beziehung eingemischt und deren Zerfall zumindest beschleunigt hatte. Er habe, gab er nach einigem Hin und Her drein, damals den Effekt nicht beabsichtigt. (Danke, H., das wäre ja noch schöner!) Sonst ging es gemütlich, man hat einander freundlich geupdatet. Ein Auftakt zu einer neuen H. -Phase, deren Dauer sehr ungewiss ist.

Heute Abend besuchte ich Megs neues Projekt: “City Lights – a continous gathering #4″. Mit Unbehagen eingefahren in die mir stets unbehaglich gebliebene Tanzwelt mit den Meg-Menschen. Eilig einige von ihnen begrüßt und gedrückt, wie man’s so vermeintlich macht. Neben mir zu sitzen kam der drittelwüchsige Sohn der Tänzerin Amy, den ich das letzte Mal vor über einem Jahr gesehen hatte. Wir warteten auf Showbeginn und plauderten über Fußball, als wären seit damals keine zehn Minuten vergangen.
Überall die Tanzleute, auf der Bühne, auf den Rängen, denn die Gäste von Tanz-Performances sind ja zum Gutteil selbst Tänzer. Die Tanzwelt ist ein geschlossenes System, in dem nur die Rollen wechseln: heute Gastgeber, morgen Gast, aber oft sind die Rollen nicht strikt getrennt, und schon gar nicht bei diesem Stück, das die “fortlaufende Versammlung” zelebriert. Als es losging, platzierten sich also die Schauspieler im Publikum und bombardierten es mit indiskreten Fragen. Man war aufgerufen und genötigt, Handzeichen zu geben, aufzustehen, Farbe zu bekennen (schamrot). Exhibitionismus ist Volkssport unter Tänzern, das ganze Theater ist Bühne für alle. Wer wirklich nur Zuschauer sein will, gerät dann ganz schnell ins Rampenlicht. Ich drückte mich halbherzig, bis Meg den Saal verließ und ihre letzte Frage hineinschleuderte: Ob es hier Leute gebe, deren Ex-Lover im Raum seien. Da hob ich den Arm.
Direkt nach der Vorstellung geflohen. Zuviel Sand, der vom Boden aufgewirbelt wird, mitsamt der ungestillten Bewunderung für diesen kleinen Prinzen, dessen Bewegungen und Erscheinung so fremdartig und weltenfern sind. Es ist da etwas, das mich tief anrührt und in mir ein Weinen auslöst. Kein Weinen, das bis zu den Augen oder der Außenhaut durchdränge, aber doch ein Weinen im Innern. Was für eine Geschichte habe ich da erlebt mit dieser Meg, deren Kunst so seltsam erhaben, frei und radikal ist, jedes Netz unter sich zerreißt, jeden Rückhalt aufgibt und auf einem Niveau operiert, das mir unerreichbar ist.

Ich mache eben andere Sachen. Ich mache gerade meine Steuererklärung.

25. Mai 2017 10:48










Gerald Koll

Das fünfzigste Jahr (204)

24. Mai 2016, ein Dienstag

Gestern Abend die erste Begegnung mit dem Vater von Frau S. und dessen Mutter in einem Restaurant, also einer Atmosphäre, die meine Panikattacken besonders gut schürt, zumal Frau S. leider zu spät erschien und ich nun zwei völlig Fremden die Aufwartung machte. Ein flugs geschluckter Betablocker ließ mich aber im Licht eines charmanten kulturinteressierten Herren erscheinen, dem die Hochbetagte, vor deren mürrischem Wesen ich gewarnt worden war, beherzt den Unterarm knetete, und mit dem der Vater wohlgesonnen vertraulich wurde. Stoisch überstand ich Phasen familiären Schweizerdeutschs. Man schied erleichtert voneinander. (Und zugleich kribbelt es im Magen, welche Welle da über mich rollt.)

Denn im Traum wurde betrogen. Am Vortag schon träumte mir Betrug. Beteiligt war Ex-Freundin Meg Ich betrog Frau S. mit Meg, und zwar im Vorraum eines Zimmers, der ein wenig verwinkelt war aber Gelegenheit bot, auf dem Teppich zu schmiegen. Trotz schlechten Gewissens geriet ich mit Meg in Kosungen, verwickelte mich mit ihr und sah prompt Frau S. hereinkommen … und der Traum war vorüber. Begeistert, als sei ich der Polizei entwischt, stellte ich fest, dass es nur ein Traum war.

Diese Nacht ein neuer Betrugstraum – diese verfluchten Höllenkreise vor dem Geburtstag! Ich verkaufte einem Redakteur einen großen Artikel für Seite 1, allerdings einen erdachten Artikel, dessen zwei Quellen erfunden waren. Nun kam dieser Redakteur auf den Gedanken, sich – sehr freundlich und zurückhaltend – nach diesen Quellen zu erkundigen, worauf ich sogleich zwei Namen fallen ließ (wobei ich den einen sogar korrigierte) und hoffte aus der Bredouille zu sein. Doch kurze Zeit später, in einem oberen Stockwerk, in einem Spind voller Hakamas, entdeckte ich eine silberne Schwerttasche, in deren Aufschlag eine Grußbotschaft meines Redakteurs stand, gerichtet an einen anderen Redakteur, um sich bei ihm nach jenen “Quellen” zu erkundigen. Und ich wusste sofort, nun in eine furchtbare Lage zu geraten. Noch sann ich, wie ich aus der Zwickmühle kommen könnte, als ich aufwachte – erleichtert aber wissend, dass der Traum auf jene Sünden des Filmkritikers anspielte, der manche Filme rezensierte, ohne sie gesehen zu haben. Davon habe ich denn auch gleich Frau S. erzählt – mein morgendlicher Bett-Beichtstuhl. Ihr Lust ist staunenswert unbeirrbar.

Jetzt, eben gerade, lässt Frau S., die in der Küche Frühstück macht, dieses Tagebuch schön grüßen. Sie weiß ja auch nicht, was drin steht.

24. Mai 2017 16:00










Gerald Koll

Das fünfzigste Jahr (203)

19. Mai 2016, ein Donnerstag

Nun ist es ja inzwischen dahin gekommen, dass ich einen täglichen Einkauf, der mich zum Beispiel bei der Videothek, bei Rossmann und bei Edeka vorbei führt, als erfolgreiche Erledigung der Tagespflicht betrachte und wie nach einem vollen Arbeitstag heimkehre. Mein Rentnerdasein nimmt Formen an.

Es sind nur noch zehn Tage bis zum 50., die Wolke graut und schwillt. Wie vor einem ordentlichen Begräbnis wollen zuvor letzte Dinge zweckmäßig geordnet sein: Frühstück mit Jugendfreund H. zwecks Einleitung der Zerwürfnis-Beilegung; Frühstück mit Ex-Freundin Meg zwecks Flickens des rissigen Bandes. Dann gefasst dem Tag entgegen schreiten, der mit dumpfer Glocke den Ausklang einläutet.

Hier in Berlin-Weißensee wirft man einander gern an die Brust. Einjeder erzählt in Anwesenheit Dritter Dinge, die keine zwei Menschen interessieren. Die Kundin erzählt dem Uhrmacher, wieso sie dauernd ihre Handynummer vergisst. Man stellt auf seine Fensterbank eine Tomatenpflanze als Schutz gegen Mücken und Fliegen. So eine Tomatenpflanze, drang heute Nachbarin G. im Treppenhaus in mich, solle ich auch auf meinen Balkon stellen. Ich aber glaubte, mit einer Tomatenpflanze auf dem Balkon rapide altern zu müssen, und als ich jetzt, in diesem Augenblick, das Wort “Tomatenpflanze” schrieb, vergaß ich beim Tippen das “ma”, und lese erschrocken “Totenpflanze”.

19. Mai 2017 15:08










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