Andreas H. Drescher

Jarretts Chinook

Heute Nacht auf einem Keith Jarrett-Konzert, obwohl er, seiner beiden Schlaganfälle wegen, angeblich nicht mehr auftreten kann. Dies ist jedoch das Beste, das ich je von ihm gehört habe. Er hat Kontakt zu Strawinsky und Cage aufgenommen und Letzterer hat ihm geraten, einen Schlagzeug-Stick in die rechte Hand zu nehmen, die für die Klaviatur nicht mehr zu brauchen ist. So hat er, wie B.B. King, seine Schwäche zu seiner Stärke gemacht und seine Musik ist deutlich perkussiver geworden. Das gilt auch für sein Ensemble, dessen Musiker häufig mit einer Hand die Instrumente der anderen nutzen. Mein Freund Achim sitzt am Schlagzeug, der Ton-Bildhauer Bernd-Wegener spielt weitere Percussion-Instrumente einschließlich alter Chips-Tüten, Matthias Haus Vibraphon und Jörg Kaufmann Saxophon. Meine Aufgabe besteht darin, meinen Kopf mal hierhin, mal dorthin zu strecken und die Musiker durch mein begeistertes Gesicht zu immer neuen Höchstleistungen anzuspornen. Das erinnert mich an die Besuche meiner Ersten Liebe bei den Proben meiner Band „Chinook“ und ihrer Wirkung auf uns. So suche ich mein Spiegelbild auf dem Vorderdeckel des Flügels und sehe aus wie die Erzählerin „Tish“ aus Baldwins „Beale Street Blues“: klein, nicht besonders hübsch, doch mit einem offenbar sehr wirksamen Lächeln. (Das Leitmotiv von „Jarretts Chinook“, unmittelbar nach dem Aufwachen mit schlaf-steifen Fingern auf der Gitarre eingespielt und via Diktier-Gerät aufgenommen, wird von den Algorithmen der sozialen Medien als „sexueller Inhalt“ abgelehnt und gilt selbst dem Goldenen Fisch als „gefährlich“. Das rechne ich mir als Verdienst an.)

23. Oktober 2020 08:40










Mirko Bonné

Trauer

Wir dürfen unser
Leben
nicht beschreiben, wie wir es
gelebt haben
sondern müssen es
so leben
wie wir es erzählen werden:
Mitleid
Trauer und Empörung.

GUNTRAM VESPER
28. Mai 1941 – 22. Oktober 2020

*

22. Oktober 2020 10:48










Andreas H. Drescher

JAMAIKA ÜBERLANDBUS 5

T-Shirts Talismane Nippes Bauch
läden mit gestohlenem Schmuck Über
volle Strände Düsternis Der Sand b
erstend vor Besuchern Zahltage stick
ige Zahltage Bezahlt wird in Gerüchen

Die Augen schließen so schön es geht

Das lange Gespräch mit diesem Wach
mann Weiße Magie Der Kreis mit
Namen Trockene Kokosblätter 5 da
von angezündet mit einem hohen
Geldschein Alles in die See getragen

Schon in der ersten Böe des Hurricans

So besänftigen wir die Springflut
Bäume vor beschirmten Schulden
Bäume auf notdürftig gezimmerte
Hütten Regen der die Tropfen zieht
Ein ausgedehntes Frühstück mit Rum

Scharf Ein garantierter Sitz Scharf

Garagen werden nur noch für Omni
busse gebaut Die wärmste Empfehlung
ist wieder dies Grün ein Pentagram mit
Rum Gin Bier Pine-Apple-Juice be
gossen Allein zum Wachbleiben

Verwirrend gezeichnete Tapeten

Brücken darauf Bäume Blumen an
die 100 Männer wanken darüber
hin Take your time to pray Daneben
ein eingerissenes Penthouse-Pet über
dem pfeifenden Poker-Automaten

An der Wand die weiß sein sollte

Das Haus jetzt mit Blech gedeckt mit
rostigem Blech Ein Hahn davor in
einem Herrenhemd 3 Frauen mit Babys
unter nur einem Palmenblatt 2 Pferde
stehen frei auf der Ladefläche des Pickups

Erstaunlich ruhig halten sie Balance
Kletterpflanzen Gilbert-Überbleibsel
Doch wo ist er jetzt der Wind Ein Müll
platz voller Licht Hart liegt es über
und über den rohen Gilbert-Trümmern

Ein rotes Sparbuch darin Ein rotes

Sein Besitzer betritt nie mehr die
Nacional Commercial Bank Muscheln
in seinen Shorts in seiner Schublade
Sand und 140 Dollar Schließlich dies
braune Paar grober senkelloser Schuhe

16. Oktober 2020 09:19










Mirko Bonné

Harpyie

Ist sie erregt, spreizt sie
das Stirngefieder ab. Sie fliegt
durch ein Fenster, das zersplittert,
aber spürt nichts. Harpyie! Harpyie!
rufe ich. Du sollst nicht nur zerstören.
Sie hört nicht. Als letzter Punkt an ihr
wird auch ihr Auge wild. Sie fängt sich
einen Terrier, eine Balkontempelkatze,
zerhackt, zerpflückt und verdrückt sie
in ihrem Lieblingsforsythiengebüsch
an der Finnischen Straße. Einmal,
da jagte sie einer feindlichen
S-Bahn nach. Sie schreit
nur an Nachmittagen. Sie trinkt
wie Kinder auch mit den Augen. Sie lacht
Harpyie! Harpyie! Aber sie hört nicht. Krallen-
füße voran, stürzt sie in Platanen. Krähen
flüchten stumm verstört. Sie kann sehr
sanft sein. Es gibt z. B. ein Foto,
da sitzt sie auf meiner Schulter
und legt mir lächelnd das Schnabel-
haupt auf den Scheitel. Aus Klanggründen
unterstützt sie die Wolverhampton Wanderers.
Ihre Hosen sind spätmittelalterliches Trikot. Feinde
ihrer Freiheit überleben zwei Minuten. Ich streichle sie,
ich füttere sie, ich flüstere ihr Keats‘ Oden ins Ohr.
Sie kennt keine Ruhe, weder Schlaf noch Traum
und keine Liebe, nur die wildeste Erregung.

*

14. Oktober 2020 01:56










Christian Lorenz Müller

UND DANN IN DIE UNSTERBLICHKEIT

Dieses Gedicht ist unsterblich.
Es weiß, dass alle Schulkinder, die es auswendig lernen müssen,
genervt die Augen verdrehen,
dass sie aber später, als Lehrerinnen, Germanisten, Eltern
sich zuverlässig an seine Denkwürdigkeit erinnern werden.

Dabei hat es durchaus gemischte Gefühle
für seinen Schöpfer, der, fast fünfzigjährig,
mit einem Vormittag nichts bessres anzufangen wusste
als ein Gedicht über ein unvergessliches Gedicht zu schreiben,
der originell fand, was ihm zugleich peinlich war,
aber nicht peinlich genug, um es nicht sofort
im Internet zu posten, wo es seinen Weg
nach Marbach fand und dann in die Unsterblichkeit.

„Ach“, kokettiert das Gedicht,
„es ist eine Last, unvergesslich zu sein.
Ständig wird man zitiert und falsch verstanden,
immer durchsucht dich jemand
nach einer Wahrheit, die es gar nicht gibt.“
Insgeheim aber lacht es sich doch ins Fäustchen,
freut sich ehrlich an sich selbst,
simpel gestrickt, wie es ist.

13. Oktober 2020 11:37










Konstantin Ames

Schweigen der Lebensformen

Sie haben Glück
Das ist ihr gutes Recht
Nach wem ist diese Straße benannt
Sie sind unecht

Gras ihr kookes Mic
Neue Fromme brauchen wir
oder wir brauchen wehr
hafte Democratactics

9. Oktober 2020 20:22










Hans Thill

Wordsworth Colportage

The world is too much with us; late and soon,

Frau Welt hat wieder zuviel getrunken und
man selbst ist nun der Husten, den sie
aus dem Zimmer schickt

hinge »meine« Zeit doch weniger elastisch
um das Handgelenk und wie beim harten
Holz, das über Zäune wächst, hätten wir
Gregors Herde der Vielheit mit uns, Kopf
für Kopf, I´m ok your ok

(Wäre ich kein Feyerschall)

9. Oktober 2020 15:44










Andreas H. Drescher

JAMAIKA ÜBERLANDBUS 4

Kopflose Palmen noch von 77
her Als die Ratten die Stämme
hochliefen um sich am Saft der
Kokosnüsse zu besaufen US-
Gift aus Flugzeugen heraus

Die Nager leben Die Palmen tot

Palmen-Import aus Indien 300000
Kleiner sind sie blühen gelb wer
den durch die Dunns River Falls
geflößt Am Ufer überall Kokos
nüsse Auch sie sehr viel kleiner

Die Freiwilligenarmee für Omaha

Deren Soldaten glaubten für ihre Un
abhängigkeit zu kämpfen Die Polizei
mit dem Geburtsjahr des Dichters
bezahlt Kugelgelagerte Landzungen
für einen wirklich unschlagbaren Preis

Piratennester überflutet versunken

Wieder einmal das alte Glockengeläut
bei stürmischer See Vom Meeres
grund her Morgans Grab hört Morgans
Grab Steinschlag vor dem Straßenstaub
Nun das Aquädukt der Universität

Sozialwohnungen in den Plantagen

Auf Barbados das Gleiche auf Trinidad
das Gleiche Auch auf Tobago Bis der
Bus hält Maggi-Würze schräg hinterm
Rastafari Seine gerösteten Hütten 7
Pfähle Mehr nicht nur 7 Pfähle

Geschlitzte Säcke Stössel Rote Frucht

Hier aufgesetzt Holzfeuer Im Fleisch
wolf zermahlen Stösselschafe Over
prooved Rum Junge Hunde Höschen
auf der Schilfleine Sehr gerade Telefon
masten aus Pinienholz Das wächst noch

29. September 2020 14:22










Christian Lorenz Müller

DU LIEST NICHTS

tintiges wasser, sterne tunken ihr licht,
schreiben sich ins finstere, du ziehst,
kajakfüller, eine zeile,
die sofort verschimmert,
schwarz federt am ufer das schilf,
fensterlaternen zwischen baumschemen,
du liest nichts, zeichenlosigkeit
bis auf einen fisch, der als beistrich
aus dem dunklen zappelt,
du hörst ihn nur, du siehst dich
angestrengt ins leere starren,
dann doch noch
das rhythmische ticken der tropfen
auf die spritzdecke,
unsichtbare punkte hinter einem satz
der kein ende hat,
wo hast du begonnen,
wo hört es auf,
immer und immer wieder
stichst du das paddel, lesezeichen,
in den schwarzen see

28. September 2020 09:34










Hans Thill

Wordsworth Colportage

William Wordsworth

Wenn das Wort eine Wolle wäre,
redete ich mein schönstes Britolekt
als Brustton, als Inselstiefel
flagello di dio

mich könnte man für einen Schopen
halten, wäre da nicht das Fell eines
Hasenjahrs, stünde nicht auch
Pomona bereit, Göttin des Pektins

27. September 2020 10:53










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