Tobias Schoofs

VENUS

liebe verspricht ein werbeplakat
die liebe ist rosa hat krallen wie

kinski als nosferatu verkleidet
ratten überschwemmen die stadt
liebe ist nageldesign das biest

im beautysalon belauert die opfer
saugt ihr blut ihren glauben dass
liebe alles ist was du brauchst

verbittert sehen vor dem plakat
die gesichter der sterblichen aus

24. August 2016 23:38










Mathias Jeschke

Erfolg

Wenn der Himmel blau ist, wolkenlos blau, stehen die Zeichen
für einen gelungenen Tag und ein glückliches Leben überhaupt
schon recht gut.

Jennifer Lawrence ist keine Standardschönheit, das ist insofern
bemerkenswert, als sie „mächtigste Schauspielerin Hollywoods“
genannt wurde,

und erfordert die Recherche nach dem Wort, das der womöglich
schiefen Übersetzung „mächtig“ zugrunde liegt. Als erstes poppt
„bestbezahlt“ hoch.

Wenn Forbes Angela Merkel als eine der „most powerful woman“
der Welt bezeichnet, mag das ja angehen, aber die etwas farblose
Jennifer Lawrence?

Die „Hunger Games“ hab ich noch nicht mal gesehen. Als „Winter’s
Bone“ ins Kino kam, war ich drin, auch „Silver Linings“ hab ich mir
inzwischen angeguckt.

Auf der glitterglamourgeilen Hollywoodschaukel funktioniert das
so offensichtlich normale Mädchen trotzdem, vielleicht durch ihre
emotionale Präsenz.

52 Millionen im Jahr sind eine Menge Schotter, bei mir geht allein
mehr als die Hälfte schon fürs Wohnen drauf, aber dann, plötzlich,
macht mich so ein unbezahlbarer Sommertag schlicht glücklich.

15. August 2016 14:18










Gerald Koll

Das fünfzigste Jahr (58)

15. August 2015, ein Sonnabend

Heute nacht, während der schlaflosen Phase, riss ich meinen Kopf los vom verschwitzten Kissen und suchte nach Filmen zum Stichwort “Meg Stuart”. Damaged Goods hat recht viel eingestellt, auch meinen Trailer, aber hängen blieb ich an einer Veranstaltung im Kaai-Teater namens “Soul Food #6 with Meg Stuart”, die zwei Stunden dauerte. Meg am Tisch wie sie ist: dauernd lachend, überlegt, geschickt antwortend, geistesgegenwärtig. Was für eine tolle humorvolle Frau, dachte ich und dachte danach: Die hast du nun auch ziehen lassen. Und hoffte, sie würde an irgendeiner Stelle auf uns anspielen.

Heute geht es los zum Lehrgang.

15. August 2016 10:01










Christine Kappe

Jeder Tag

Jeder Tag wirft uns wie ein Meer an den Strand der Nacht, geht alles so schnell
& dennoch kämpfen wir uns ab
blicke ich des Abends zurück, habe ich nur existiert, bzw. das Existieren war
das Wesentliche, zwischen all dem Gerede, Gerenne und Geröll
springe ich in kaltes Wasser, liege ich in der Sonne
rieche den Regen, überlege, ob ich jemanden anrufe oder lieber nicht
lieber nicht

15. August 2016 08:30










Mathias Jeschke

Scham

Dies ist ein Gedicht, dessen Hauptdarsteller Kevin Spacey ist,
allerdings der Kevin Spacey vor „House of Cards“, eher der
aus „The Shipping News“ und aus „American Beauty“, als er
noch der war, an den ich immer denken musste, wenn ich die
Frank Bascombe-Romane von Richard Ford las. June Beisch,
deren Gedichte ich meines Wissens als erster, aber jedenfalls
als erste übersetzt habe, erzählte in einer Lesung in Concord,
der man auf youtube folgen kann, Garrison Keillor, bei dem
ich zum ersten Mal Gedichte von June gelesen hatte und der
so aussieht, als hätte im Fall einer Verfilmung seiner Biografie
Philip Seymour Hoffman die Hauptrolle spielen müssen, der
allerdings leider bereits verstorben ist, Garrison Keillor also,
vielleicht kennt jemand seine Seite „The Writer’s Almanac“,
habe kürzlich geäußert, in New York sage man Sätze, die man
in Minnesota so nie gesagt hätte, und deswegen sei er auch
nach Minnesota zurückgezogen, um das Leben zu beschließen
als ein Mensch, der weiß, was Scham bedeutet. Denn „es ist
niemals zu spät, das Verlorene zurückzuholen“. Danke, Kevin.

14. August 2016 19:56










Gerald Koll

Das fünfzigste Jahr (57)

14. August 2015, ein Freitag

Die Zwischenumsetzwohnungs-Vermittlung verlangt, um tätig zu werden, eine Bescheinigung der Genossenschaft, die belegt, dass ich bei ihr Mieter sei. Die Genossenschaft verweigert eine solche Bescheinigung mit dem Hinweis, dass zwischen Haupt- und Untermieter kein rechtsgültiger Mietvertrag vorläge. Der Hauptmieter meldet sich nicht.

Interessante Wiederholungsmuster vor dem Aikido-Sommer-Lehrgang. Morgen geht es los. Vor fünf Jahren, in der Nacht vor dem ersten Lehrgang, regnete es nachts durch das undichte Dach in meine Küche, der ganze Boden war Pfütze. Die Wohnung entgleitet meinen Füßen.

Abends Training: Die Praxis vertreibt die trüben Gedanken, bis einzig die Freude an der Bewegung mich erfüllt.

14. August 2016 17:50










Gerald Koll

Das fünfzigste Jahr (56)

13. August 2015, ein Donnerstag

Rechtsanwalt Dr. H. schreibt, der Gerichtstermin gegen die Zeitung, die mir kündigte und trotz 25 Jahren kontinuierlicher Mitarbeit keine Abfindung geben will, sei leider wenig günstig verlaufen. Umso ungünstiger, als die Richterin Dr. G.-D. hellauf empört gewesen sei, dass ich nicht persönlich erschienen sei und eine persönliche Entschuldigung dafür verlangt habe. Nun war ich in der Tat nicht erschienen, und zwar auf Anraten meines Rechtsanwalts Dr. H., der mir im Vorfeld erklärt hatte, das sei bei solchen Terminen weder üblich noch nötig. Tja, gestand nun Rechtsanwalt Dr. H. auf Nachfrage, das habe er wohl falsch eingeschätzt, wie die Kollegen in Kiel so drauf seien. Zwar könne ich, habe die Richterin Dr. G.-D. mitgeteilt, Widerspruch einlegen, aber der würde sowieso abgewiesen werden. Im Protokoll ist zudem erwähnt, es fehle “jeglicher substantiierter Vortrag, der erforderlich ist, um hier ein Arbeitsverhältnis zwischen den Parteien festzustellen”. Und ich erinnere mich momenthaft sehr lebendig an den Vorbereitungs-Termin, als ich Rechtsanwalt Dr. H. das gewesene Arbeitsverhältnis unter Vorlage von Papieren konkret und en detail beschrieb, schriftlich substantiiert sozusagen, mit Substanzen allerdings, die er seinerseits aus- und in den Wind schlug mit dem Hinweis, solche Ausarbeitung sei Sache des Anwalts. Per Güteverhandlung wurde eine Abfindung von 2.500,- EUR vereinbart, davon geht die Hälfte an Rechtsanwalt Dr. H.

Im Aikido-Training zeigt sich Frau S. immer wieder von ihrer besten Seite, und es ist etwas unklar, wem genau sie sich so zeigen möchte.

13. August 2016 08:12










Gerald Koll

Das fünfzigste Jahr (55)

12. August 2015, ein Mittwoch

Per Rundschreiben entgegnet der Genossenschafts-Vorstand, mein Brief sei “feige” und findet: “Momentan denke ich, dass unser Projekt und die Forderungen und Vorstellungen von Gerald nicht kompatibel sind.” Ich frage mich, ab welchem Punkt des Rauskegelns ich einen Rechtsbeistand hinzuziehen muss. Seitens der Hausgemeinschaft ist keine Solidarität zu erwarten, das ist klar.

Zum fünften Mal bat ich heute meinen Hauptmieter um schriftliche Ausstellung des vereinbarten Untermietvertrages. Er schweigt. Offenbar im Kalkül, die Zeitnot dränge zur Unterschrift seiner Vertragsversion, die mir nach diesen zehn Jahren keinerlei Mietdauergarantie gewährt.

12. August 2016 13:22










Mirko Bonné

Oboe

Schließ den Mund über der Oboe,
die weißen Töne strahlen
die Luftröhre hinunter
auf dein nacktes Herz.
Frühmorgens, am Tisch
die Milchjahre, eingetauscht
gegen die Angst der Hand vorm Papier,
Einen im Rücken, nah, dass er jede
Silbe zwischen den Zeilen errät.
Wortmulm, Eroberungen des Maulwurfs.
Wo denn ein Land finden, wie zwei Schritt weit
folgen einem Gedanken, da zurückmündet
in die Schuhspitzen der Meridian.
Schließ sie über der Oboe,
deine Lippen. Milch
fließt durch die Röhre, und
wir bilden einen Gesangkreis. Ich
tausche die Bissstellen
im Tisch gegen eine
geheime Musik ein, und du
komm, du komm einmal um die Welt.

*

12. August 2016 10:22










Christine Kappe

die Frauen ohne Köpfe, die Siegerkränze mit den abgehackten Händen, der gotische Durchbruch, dahinter zieht jemand die Landschaft weg, die nur auf Folie gemalt ist, bunte Lichterketten, zum besseren Verständnis.

als ich aufs Klo gehen, sehe ich die Kinder dort Frösche auf die Heizung legen, zum Trocknen, es gibt kaum Stühle, & alle essen mitgebrachte Sachen, nur wir haben nichts mitgebracht, außer unseren Texten, die keiner lesen will, die Kinder spielen ‘Mord im Dunkeln’, im Hellen, im Ernst.

ich habe Bücher früher anders gelesen, ernsthafter & wie als Sport, ich meine, die Seiten richtig umgeblättert, & möglichst viele am Tag, & immer gegen die Welt, immer gegen die Welt.

12. August 2016 06:37










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