Tobias Schoofs

O GROVE

buchten in bergen und berge
in buchten und buchten in
buchten in buchten in schale

geschmissene muscheln weich
tiere kopffüßler und fischer
salz dichter und dichter und

muschelsammlerinnen netz
knüpferinnen und seifensieder
innen und henkelfabriken und

boote in kirchen und kirchen
in muscheln blau und weiß
und grün und grau und blau

13. August 2022 12:14










Markus Stegmann

Balkon

Im Sommer steht
der Winter flach in den
Schützengräben welches
Meer erreicht uns hier bei
den aus der Zeit gefallenen Wegen
dem Gedächtnis dem Waldbrand
vom veilchenblassen Balkon aus
sehe ich das Schwarze Meer
mit Bildern die die
Zeit löschte kehren wir
mit zufälligen Felsen zurück
wenn die nächste Nacht
flacher als es scheint
daherschleicht wer
bist du dann?

5. August 2022 17:18










Nikolai Vogel

Sonntagshimmel

Die Wolken spielten heute den ganzen Tag Pingpong mit der Sonne
Jetzt steigen Essensgerüche in die Luft
Hunger habe ich auch und las bis eben
Auf dem Balkon in Balzacs Verlorenen Illusionen
Die Vögel beginnen ihren Abendflug auf der Suche nach Insekten
Verkehr und Kirchenglocken und Sirenen gedämpft von weit
Und hier im Innenhof Geklapper von Geschirr und von Mündern Plappern
Ich sitze noch und komm nicht hoch
Der Tag vorbei schon wieder fast
Zwar hält die Müdigkeit sich noch bedeckt
Aber die Augenlider wischen doch bereits daran
Und Luft spielt in den Blättern eines nahen Baums
Ein Moment vergeht im Innehalten ungeplant allein hier draußen
Bevor es für mich hineingeht ins Gehäuse der Wohnung
Zu Wasserhahn und Kühlschrank und den Bildern
Aus dem Fernseher fallen sie in die Nacht
Als gäbe es Zeit für alles was nicht ist

1. August 2022 15:21










Mirko Bonné

Nach einer Runde um die Sonne

An den offen stehenden Fenstern
  des Hotels Goldener Oktober,
gegenüber Kohlenmonoxidbirken
  und zwischen Schulflachbau,
Fernsehturmspitze und Sternen,
  ist da noch immer dieser Kern
an einem Abend anscheinend
  lebensvoll, nur völlig stumm,
auf dem Weg durch eine Nacht
  nach einer Runde um die Sonne.

Inmitten simulierten Miteinanders
  pulsen da weiter Golgi-Apparat,
endoplasmatisches Retikulum,
  Auffaltung, Instandhaltung
eines Tons und innigen Rests
  beständig vertrauter Stimme
im Birkenblättergerassel und
  blassen bleibenden Funkeln
auf dem Weg durch eine Nacht
  nach einer Runde um die Sonne.

*

30. Juli 2022 21:53










Hans Thill

Zettel


Willkommen Tihomir Popovic!

30. Juli 2022 14:36










Tihomir Popovic

montagsglocken

ich reiche
mir die hand
und steige aus
die zitadelle
sie erzittert
vor geläut
ein meer
ein weiches
bruderholz
ergießt sich
über mich ich
zünd es an und
schwimme

………basel

29. Juli 2022 12:51










Mirko Bonné

Willkommen, Tihomir

Mit ganz erstaunlich wenigen, klanglich fein austarierten Wörtern, die über die Zeilen zu laufen scheinen wie Fingerkuppen über Klaviertasten, entwirft der 1974 in Belgrad geborene Tihomir Popovic seine Gedichte. Frappierend sind ihre historische Tiefe und ihre kindliche Landschaftlichkeit, in deren Zentrum stets Einzelne stehen, die unterwegs sind und darüber staunen. Tihomir Popovic lebt heute in Hannover und lehrt Musikgeschichte und -theorie an der Hochschule Luzern. Zusammen mit Markus Stegmann, dem mein inniger Dank für seine Lektüreeindrücke und sekundierende Begleitung gilt, heiße ich einen echt europäischen Dichter im Goldenen Fisch aufs Herzlichste willkommen. Willkommen, lieber Tihomir!

*

29. Juli 2022 10:45










Nikolai Vogel

Große ungeordnete Aufzählung (Detail)

die Porträts mit dunklem Hintergrund,

die Erinnerung mit hellen Stellen,

Trauer, Fröhlichkeit,

eine neue Seite,

Buchseite, Bildschirmseite,

Seitenstraßen, Seitenfenster,

die Lust zu tanzen, Erschöpfung, der Zustand der Welt,

einen Vorhang zuziehen, lange Wimpern, die Augenfarbe, Augenblick,

Onlinezeiten, Offlinezeiten,

Ausformuliertes, Angedachtes,

ein gesuchtes Wort,

Zusammenhänge,

28. Juli 2022 13:01










Christian Lorenz Müller

BERLIN GEWANDET SICH IN SONNTAG

Das Nähmaschinenzwitschern
der Lerchen über dem Tempelhofer Feld,
sie flicken ein paar weiße Wolken ins Blau.
Auf der Startbahn zwei Skaterinnen,
ihre nackten Beine blitzen, zwei Scheren,
die sich rhythmisch öffnen, rhythmisch schließen.

Berlin gewandet sich in Sonntag,
heftet sich die grüne Borte der Friedhöfe
mit Kirchturmnadeln
an den Rand von Neukölln
und seine Schwalben
sticken sich selbst in die Luft.

Für Marbo M. Becker und die anderen
Betreiber*innen des „Belvedere am Kreuzberg“

 

27. Juli 2022 09:21










Christine Kappe

Im d-moll-Feld
  • Aha, das war also an Bedingungen geknüpft. Und nochmal
    Aha: das A am Anfang großgeschrieben
    Weil Interjektionen immer einen neuen Satz einleiten
    Dein Tonfall, gefällt mir, meist ist er gesungen
    Durchs Handy aber verliert er an Präsenz
    Wie wir da unseren Notfallplan Gas aushecken
    DU sagst die entscheidenden Worte
    ICH höre sie nicht
    Ein Treffen zwischen
    Ares und Asklepios
    „Die Aufgaben der Götter waren Anlass zur Anbetung…“
    Und ich bin noch dabei, die Vorhalte zu verstehen, nicht Vorbehalte, auch nicht Vorhaltungen…
    Anhand schon dieser drei Wörter merkt man:
    Musik
    Das Geräusch der Fahrzeuge, die um 22:30 die Stresemannallee hochfahren und die Bäume wässern
    Klar, d im Bass liegen lassen
    Im d-moll-Feld singen Rotkelchen, obwohl es schon dunkel ist
    Und die Menschen gehen, anstatt zu schlafen, in dämmrigen Fluren auf und ab und führen Selbstgespräche
20. Juli 2022 23:03










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