Gerald Koll

Das fünfzigste Jahr (191)

22. April 2016, ein Freitag

Ja, herzlichen Glückwunsch, Yutaka, und danke noch mal für die Reservierung der Tee-Zeremonie. Denn die Teemeister der Teemeisterei Ura-senke haben auf deinen Anruf hin für D. und mich eine Betriebsführung in ihren Produktionsstätten für Matcha-Herstellung organisiert, und das hat mich genauso begeistert, als hätte man mir Tickets für ein Fußballfinale versprochen und würde mir stattdessen zeigen, wie Bälle gemacht werden. Nach zwei Stunden präsentierte die beflissene Dame uns beim Ausgang die feinsten Sorten. Ich bestellte ein matcha-grünes Softeis.

Prince ist tot, sagte D. beim Aufstehen. Das war Kyoto.

22. April 2017 08:34










Gerald Koll

Das fünfzigste Jahr (190)

21. April 2016, ein Donnerstag

16 Uhr. Wir sind nicht nach Kumamoto gefahren, nachdem wir neue Zahlen erfahren haben: 52 Tote, 700 Verletzte. Kumamoto ist 250 Kilometer von Fukuoka entfernt. Außerdem regnet es den ganzen Tag. Schon fünf Uhr morgens, als wir aufstanden, um zum Morgen-Aikido zu gehen. Es ist jetzt Nachmittag, und es regnet noch immer.

Unter den vielen betagten und versierten Aikidoka befand sich auch ein 70er, der im Gespräch andauernd in Gelächter ausbrach und eine kurze Pause zwischen seinen Lachsalven dafür nutzte, D. und mich für die Mittagszeit in ein Luxus-Ryokan mit Onsen einzuladen. Sehr schnieke, sehr fein dort alles, auch die platschenden Quellen, auch der japanische Garten, aber nichts von all der feinsinnigen Badekultur hat mich nachhaltiger beeindruckt als jene Viertelstunde in den Räumlichkeiten des Umkleidens. Dort befiel den launigen Mann, der neben seiner Nebentätigkeit als Zahnarzt leidenschaftlich gern Taiko und Flöte spielt, plötzlich größte Lust, uns einige Techniken und Energieflüsse zu zeigen. Nun kamen wir gerade aus dem Bad und waren nackt, und so tummelten wir drei Herren uns in kontaktfreudigem Miteinander herum, und ich war froh, dass zu dieser Uhrzeit keine anderen Gäste dort waren. Eine Frohnatur. Die Erdbeben, sagt er, seien natürlich unbehaglich, aber das sei eben die Kehrseite der herrlichen heißen Quellen in Japan, und diese wolle er auf keinen Fall missen.

24 Uhr. Nach dem Abend-Aikido führte uns ein französischer Aikidoka in ein Restaurant für Okonomiyaki, eine Art japanische Pancakes mit Käse, Zeugs, kräftiger Sauce und einigem Gewicht. Der Franzose lebt seit einem Jahr in Fukuoka und erzählte freimütig, wie schwer es für ihn als Ausländer in Japan sei: die Schwierigkeit, hinter Lächeln und gelächelte Lügen zu blicken, die Schwierigkeit, nicht nur als Gast, sondern als Einwohner willkommen zu sein, die Schwierigkeiten mit Rassismus und Ausländerfeindlichkeit. Er bewirbt sich bei Suganuma-Sensei um den Posten des Uchi-Deshi. Er trainiert im Durchschnitt 16 mal die Woche. Er  sagt, dass man auf diesem Level ein völlig anderes Verhältnis zum Partner hat, weil man die Energie ganz anders spürt. Er hat auch die Erdbeben gespürt. Sie kamen, wie Erdbeben so sind, in Wellen. Das erste Vorbeben sei gekommen, als der Franzose im selben Restaurant saß, in dem er soeben mit uns aß. Es sei seltsam gewesen: Plötzlich klingelten überall Telefone – alle Gäste hatten die automatische Erdbebenwarnung aktiviert, und allerseits sei man gebannt und bass erstaunt gewesen, bis es wenige Augenblicke später im Gebälk gerumpelt habe.

Morgen nach Kyoto, zur Teezeremonie!

21. April 2017 23:08










Gerald Koll

Das fünfzigste Jahr (189)

20. April 2016, ein Mittwoch

Wir ließen es nicht. D. und ich sind nun auf der Erdbebeninsel Kyushu in Fukuoka, einer betonierten Stadt ohne Witz. Wir finden einen Schrein. Was soll uns ein Schrein nach Tagen voll von Schreinen? Der Reiseführer lockt uns in die “Canal City”, eine typisch doofe Einkaufpassage. Ohne Crêpes wäre sie völlig ungenießbar.

Abends ins hiesige Hombu-Dojo zum Aikido. Die Aikikai-Dojos von Fukuoka stehen unter der Leitung eines Mannes namens Suganuma, der einstmals näher an dem Aikido-Begründer Morihei Ueshiba war als kaum ein anderer. Suganuma-Sensei wird in den offiziellen Listen des Aikikai als vorletzter Uchi-Deshi geführt, also als Hausschüler, der im Dojo wohnte und dem Meister als persönlicher Assistent diente. Eine Art Jünger, der den Heiligenschein der Zeitzeugenschaft trägt. Suganuma-Sensei ist indes ein nahbarer freundlicher Mann. Mit seinen über 70 Jahren lehrt er noch immer, ist beneidenswert dehnbar, lässt sich von mir angreifen, greift auch selbst an – eine Art Willkommensgruß. Die Atmosphäre in seinem Dojo ist weitaus gastfreundlicher als in Tokio. Im Trainingsraum befindet sich eine Küchenzeile, im Anschluss ans Training wird eine Decke ausgebreitet, Tee gekocht, Gebäck gereicht. Der Meister bittet dann eine Schülerin, den Sitzenden einige Zeilen aus einem Buch über die Ethik des Budo vorzulesen. Altertümlich, und doch: ein Dojo mit Charme und Stil.

Allseits rät man uns dringend und eindringlich ab, ins Erdbebengebiet weiterzureisen. Ich verhehle meine Zerstörungsvoyeurismuslust. Aber ich spüre sie.

20. April 2017 09:41










Gerald Koll

Das fünfzigste Jahr (188)

19. April 2016, ein Dienstag

Hiroshima. Die touristenattraktivste Attraktion ist natürlich die “A-Bomb-Area”: dem Frieden geweiht, der Zerstörung verdankt. Ruinen staken wie Gerippe. Durch das Museum schieben Massen, man schiebt mich hindurch und heraus wie aus einem Mastdarm.

Miyajima ist eine Hiroshima vorgelagerte Insel, vor der ein wuchtiges Tor orange im Matsch steckt, ein Shinto-Schrein. Er ist womöglich noch beliebter als die Ruine auf dem A-Bomb-Gelände. Es vergeht keine Sekunde, in der nicht hundert Touristen einen einzigartigen Blick für die Ewigkeit festhalten: leuchtender Tori im Sonnenuntergang bei Ebbe mit Spiegelung – wenn man blöde genug ist, macht man mit. Ich bin es. Auch auf Miyajima wird vor Giftschlangen gewarnt.

D. und ich landen in einem schaurig-schönen Hotel-Wolkenkratzer mit offenem Schacht in der Mitte. Auch im zehnten Stock sind die Geländer niedrig, ein Paradies für Selbstmörder. Wir sitzen in hoteleigener Yukata auf dem Bett, trinken Bier und überlegen den Plan für morgen. Wir wollen auf die südliche Hauptinsel Kyushu. Aber dort waren die Erdbeben stärker als gedacht. Die Nachrichten senden täglich neue Schreckensbilder. Unser eigentliches Ziel liegt im Norden der Insel, ein gutes Stück vom Epizentrum entfernt. Dennoch unbehaglich, in diese Richtung zu fahren. Wir wissen nicht, wie erwünscht Gäste sind, die nicht als Helfer kommen. Wir wollen bei einem berühmten Lehrer Aikido üben. Vielleicht sollten wir das besser lassen.

19. April 2017 08:34










Gerald Koll

Das fünfzigste Jahr (187)

18. April 2016, ein Montag

Ein rasender Mönch. Was für ein Ritt war das? Kosho Omoto hatte uns vor Tempel 17 aufgegabelt, wo wir unsere Teilzeitpilgerei beendeten. Der Mönch brachte uns das Gepäck, das wir zum Pilgern nicht brauchten und bei ihm gelagert hatten. Er begrüßte uns kurz mit “I’m very busy today”, und schon trieb er seinen Mitsubishi-Transporter durch engste Winkelgassen zum Bahnhof. Der gehetzte Mönch war gebunden ans Gebot der Gastfreundlichkeit. Ich habe sie mal wieder überspannt.

Bis dahin lief’s beschaulich. Tempel 13, 14, 15, 16 abgeklappert und bei Tempel 17 einem Mann zugesehen, der in den bereits einsamen Tempelhof trat, seinen Kassettenrekorder aufstellte und zu chinesischer Musik Tai Chi übte. Er zeigte uns eine Schwert-Kata, eine zartkraftvolle Kalligrafie. Für unsere Bewunderung dankte er mit einer Fächer-Kata. Wir hätten ihm und uns einen Gefallen getan, uns nicht mit unserer simpel einhergedroschenen Stock-Kata zu revanchieren. Peinlich.

18. April 2017 10:06










Gerald Koll

Das fünfzigste Jahr (186)

17. April 2016, ein Sonntag

6:15 Uhr. Nacht mit viel Regen. Und so dunkel. Dank D. Dieser praktische Mann hat sich das defekte Deckenlicht gleich mal genauer angesehen und schaffte es mit wenigen Handgriffen, den Strom der ganzen Umgebung matt zu setzen. Leider konnten wir auch unsere Smartphones nicht mehr aufladen.

Alles so nass draußen. Schade, meine Regenhose liegt in Berlin bei den Sachen, die ich nicht vergessen wollte. Im Onsen gaben uns Badende mit auf den Weg, schlecht werde das Wetter, und hart werde der Gang in den Bergen. Netter wäre, jetzt unter einem alten Tempeldach in den Tag hinein zu meditieren. Nun ja, dann latschen wir mal los.

17:50 Uhr. Tagsüber kein Regen. Viel Licht auf den Waldwegen, als knistere es durch Zweig und Blatt. Da war ein Tier, groß wie ein Hund, mit dickem Fell in blassem Beige und einem flachen breitem Schweif. Was das wohl war? Eine Busreisepilgergruppe, die ausgestiegen ist, um den Berg zu einem Tempel zu besteigen, bildete für uns ein Spalier und applaudierte, denn Fußpilger sind eine Seltenheit. Entzückend-schamhafte Momente. Auch mit jenem Mann am Tempel, der uns seine deutsche Sprachkenntnis beweisen wollte, indem er Beethovens Schiller-Ode vorsang. Wir sangen sie dann gemeinsam.

17. April 2017 20:24










Christine Kappe

heute Nacht hast du wieder geschrien fast 3 Stunden das macht mich leer genauso wie

dieses sinnlose Geballer da draußen Wir wollten fliehen aber der Wald war voller Leute

oder die Bäume derart dünn dass es nur so aussah

16. April 2017 20:18










Christian Lorenz Müller

ZAZEN (Sitzen mit verschränkten Beinen)

Ein Wort ist keine Blüte.
Es bricht aus keiner Knospe
und hat keinen Duft.

Ein Wort ist nicht einsam,
ist nicht ängstlich,
fürchtet sich nicht
vor der Leere.
Es kennt keinen Gleichmut
und keine Empörung.

Es bedeutet sich nichts
und meint dennoch
immer sich selbst.

16. April 2017 19:06










Gerald Koll

Das fünfzigste Jahr (185)

16. April 2016, ein Sonnabend

Die Pilgerei zu Zweit ist eine lässige Angelegenheit. Ich setze mich nicht der Fremde aus, mit D. habe ich ja Bekanntes um mich. Ein wenig vermisse ich das klamme Unbehagen, die einschleichende Kälte, wenn sich ein Weg verliert und niemand da ist, der helfen kann. Was wir hier tun, ist Wanderschaft in Kostüm, eine launige Besichtigung. Zum Beispiel eines auf dem Weg liegenden verlassenen Shinto-Tempels, aus dem wir gern ein Dojo machen würden … Abends finden wir wieder eine Notunterkunft, diesmal direkt neben einem öffentlichen Bad, das wir sofort aufsuchen. Wir leihen Fahrräder aus, holen Essen, sitzen draußen, genießen. Und wissen: Morgen geht es in die Berge. Morgen soll es regnen. Kosho Omoto hat für Shikoku in naher Zukunft das stärkste Beben seit 160 Jahren vorausgesagt. Beben bei schlechtem Wetter wäre dann doch nicht so schön.

In Kyushu scheint das Erdbeben, dessen Ausläufer wir in Tokio zu spüren bekamen, erheblich stärker gewesen zu sein als wir dachten. Mindestens 9 Tote, heißt es nach erster Schätzung. Dort wollten D. und ich eigentlich in den nächsten Tagen hin.

16. April 2017 07:21










Gerald Koll

Das fünfzigste Jahr (184)

15. April 2016, ein Freitag

Was Mönch Kosho Omoto heute morgen seinem Gott zuraunte und mit Fingerzeigen zu verstehen gab, blieb mir denn doch verborgen. Auch kehrte er uns ja beim Goma-Ritual den Rücken zu. Das emsige Werkeln mit Holz und Samen freute mich, auch Rauch und Flamme, aber müde war ich dennoch. Das Leben des Mönchs Kosho Omoto verläuft auf beneidenswerte Weise unbeirrt. Beim Kaffee nach der Zeremonie erzählte er, er sei früh nach Tibet gegangen, weil ihm in einer Vision gesagt worden sei, dort würde er seinen Lehrer finden. Er ging also hin, fand den Lehrer und verbrachte bei ihm drei Jahre. Weiter erzählte er, er habe nach der Übersetzung eines tibetanischen Textes 40 Tage lang fastend meditiert. Am Ende konnte er kein Wasser mehr aufnehmen. Buddha habe ihm dann angeraten, ein grünes Blatt zu essen. Auch habe er sechs Monate lang in einer Höhle gelebt, versorgt von einem Jungen, der ihm immer mal etwas Gemüse vor den Eingang legte. Er selbst habe im Inneren gehaust, ohne Aussicht, im Dunkel. Sechs Monate! Ich wurde recht neidisch auf seine Visionen und seinen Buddha.

D. und ich zogen weiter. Einer meiner Lieblingstempel war vor zehn Jahren der sogenannte Bekkaku 1, der nicht zu den 88 Tempeln der eigentlichen Route gehört. Er stand immer noch mit seinem groben mächtigen Holz im wuchernden Grün. Der Koch einer Udon-Küche hatte sich, als wir bei ihm einkehrten, erboten, uns dorthin zu fahren. Er riet uns zum Abschied, den Rückweg über die Straße zu nehmen. Nahmen wir aber nicht, denn im Wald war es schöner. Allerdings entzifferten wir Schilder, die vor Giftschlangen warnten.

D. hat ein wenig Pech. Die Japan-Reise war für ihn eigentlich eine Flucht, um mit seinen Allergien dem deutschen Frühling zu entgehen. Hier aber blühen derzeit die Kirschen wie wild. Gerade jetzt, im Anraku-ji-Tempel, hat D. ununterbrochen gehustet, als würde er ersticken. Seit wir die Betten wieder eingerollt und verstaut haben, geht es besser. Sie müssen im Kirschblütenwind ausgelüftet haben.

15. April 2017 23:46










 1 2 3 4 5 ...162 163