Tobias Schoofs

ESTOU ALÉM

wieder versinkt ein ort
im gedächtnis ein name
der dröge ersatz für die stimme
die leiser wird
und endlich verklingt

der bleistift kratzt
eine farblose spur aufs papier
die nirgendwo hinführt
sich windet und abbricht
ohne dass etwas gesagt wär

sie · die hand auf der schulter
des gitarristen · singt:
não consigo dominar
und ich warte mit ungeduld
dass die stimme nun leiser wird

(für Marifá)

19. November 2017 20:15










Konstantin Ames

Lyrisches Ich, Tag nach der Steinzeit

O Eure ostige Melankolie.
Ich weiß, Schweiß darf nicht aus geringen Gründen fließen.
Dass. Würde mich (geleert).

Ey Olifant! Der Pharao hat Gicht.
Mir platzt der Spind im Gesicht.
Marderbisse klingen wie das Piepsen an den Kassen.

«Genau.» sagen sie, statt zu sagen: «Halt’s Maul!»
Ich bin der Welt Abseitsfall,
der Welt Langschläfer, pff.
Oi Pöbel! Willst’s doch auch.

Dasselbe und als wärst du selbst nichts als neuverliebte Eltern.
Die abgespielte CD. Zirpt.
Eine Grille. So geht das, Sieger.

17. November 2017 22:03










Andreas H. Drescher

BRUNNEN

Die Strähnen eingefasst in ihre erste
Raute wo sie leuchtet angesungen
dieses Säusel-Dur noch einmal auf
gerichtet Hände dieser Tastatur
über der Hülle Tod und Mädchen
also Touchpad einzeln wo es einzeln
werden will der Dreitür vor den
Buchenschatten unter Wolken
Lindenholm und ein verschlossner
Sekretär Bücher im Perpetuum
des Falls ein Bad in Weiß und
wieder Weiß vor Fächern und
vor Blättern das Geheimnis dass
auch Schatten sich bewegen Kind
heiten vorverlegt in ihren Ernst
wo er noch glücklich macht und
formt vier rechte Winkel formt
aus Armen ohne Aus Glissando
dieser Lampe eine Lippe die den
Kopf des Instruments berührt und
einlöst also heiser vorgestellt das
rechte dann das linke Bein Finger
beeren über Saiten in im Scroll
langsamer als der Tanz wo er
beginnt wo er noch raut die auch
noch nicht sich selbst umblättert
eingeklungen der Akzent in A

WIEPERSDORF-TRIO 1 ///
KOMPOSITION UND GEIGE:
ELISABETH PAULUS,
KOMPOSITION UND PIANO:
JONATAN FIDUS BLOMEIER

15. November 2017 10:07










Julia Trompeter

liebe

muse, schöne weiche wilde
frau auf dem bett luken hintern
nichts als blaue stunde, lust
oder laune oder kaffee
muse, schöne sanfte hügelige
landschaft aus gischt oder doch nur
lose verliebt oder doch nur

schöne wilde weiche muse
hintern bett luken frau auf dem
nichts als blaue lust, stunde
oder kaffee laune oder
muse, schöne sanfte hügelige
gischt oder doch nur aus landschaft
nur lose verliebt oder doch

14. November 2017 17:14










Hans Thill

Guillaume Apollinaire zum 99. Todestag

Wir trinken den weißen Schlamm der Felder, tragen uns über Mauern
aus Reisig und Tarnseide. Im Hof der Pioniere kauen wir Getreide,
Musik aus Menschenhaut und ein Hund spricht objektiv. Ein Kopf
redet von den Mörsern und zerschossenen Kiefern. Die Knochen
reden. Ein Kopfverband im Wilhelmjubel. Wir blättern weiter
zu dem Zeigefinger über Züri. Wir blättern weiter zu den Arimaspen
über der Schampann. Die (kurze) Zeit heißt plötzlich ich und hat
bei eins schon ausgezählt. Es geht ein bißchen rauf, es geht
ein bißchen runter. Dazwischen liegt der tote rote Fluß.
Babel. Die Affen verlassen die chemische Fabrik, ein ganzer
Wald geht da nachhause. Ein Zeigefinger, der wandert, hängt
am Faden einer Maus. Ich lege meinen Leib neben die Marquise.
Ihr Schoß ist weich wie ein Turnschuh. Ich bin der Kosack
eines umzäunten Reichs aus Holz und Kohle. Ich bin
ein Sack Mehl auf dem Maultier nach Montmartre.
Die Marquise öffnet den spitzen Schirm, der eine Kirche ist
In einer Garage hinter festem Draht und Zucker bäckt sich
kyrillisches Latein, der Magen liest sich lieber satt mit Maggipulver.
Nieder mit Wilhelm, à bas Guillaume, in dieser Nacht waren beide eins
und zwei. In dieser Nacht fiel es ab von mir wie Gips, der einmal
Stein war. Ich lag versteckt im Hof des Kalahari, der damals Bischöfe
buk zu kühlem Brot. Es gab (wir aßen) Algen aus Algeciras,
Äpfel aus Baumwolle. Im Hof der Pioniere lagern die Tiere

Aus: Museum der Ungeduld

9. November 2017 22:50










Christian Lorenz Müller

UND WENN DU HINAUSGEHST

Langsam verlanden die Farben,
das Jahr zieht sich zurück.
Schlickiger Nebel,
Tage ohne festen Grund.
Hie und da nur
zappelt ein Sonnenstrahl
in einer Pfütze.
Irgendwo, ganz fern,
das Rauschen der Stadt.

Du wohnst in einem
kantigen Leuchtturm
mit blinder Linse.
Wenn du hinausgehst
muscheln Silben im Laub.

7. November 2017 18:39










Mirko Bonné

Säge

wer wüsste mehr von trennen und gelingen
zugleich? die feinen zähne des piranha,
der schlanke griff – und schimmern wie die klinge,
die zwischen sigurd und der keuschen bryn-

hild ruhte, bis die morgensonne
durchs fenster auf das bettuch rieselte.
und plötzlich kehrt der duft der sägespäne
zurück, jener moment im zirkuszelt,

in dem die jungfrau lächelnd in zwei teilen
sich wiederfand, der große zambonini
den hut abnahm, um ihn just dort zu wedeln,

wo beides wahr schien, zwischen rumpf und beinen
im trommelschwellen, im wirbel des lichts
nicht etwas da war, aber auch nicht nichts.

Jan Wagner

Herzlichsten Glückwunsch, Jan, Du großer Zambonini!

*

28. Oktober 2017 12:54










Gerald Koll

Dieser Kafka wieder …

… schrieb am Sonntag des 12. November 1911 im Alter von 28 Jahren in sein Tagebuch, nachdem er am Vorabend einem Vortrag des französischen Schriftstellers Jean Richepin

beigewohnt hatte:

“Ein großer starker Fünfziger mit Taille. Die steif umherwirbelnde Frisur (Daudets zum Beispiel) ist, ohne zerstört zu werden, ziemlich fest an den Schädel gedrückt. Wie bei allen alten Südländern, die eine dicke Nase und das zu ihr gehörige breite faltige Gesicht haben, aus deren Nasenlöchern ein starker Wind wie durch Pferdeschnauzen gehn kann und denen gegenüber man genau weiß, daß dies der nicht mehr zu überholende, aber noch lang andauernde Endzustand ihres Gesichtes ist, erinnerte mich auch sein Gesicht an das Gesicht einer alten Italienerin hinter einem allerdings sehr natürlich gewachsenen Bart.”

Das war der zweite Absatz. Der erste:

“Sonntag. Gestern Conference Richepin: ‘La légende de Napoléon’ im Rudolfinum. Ziemlich leer. Wie zur Prüfung der Manieren des Vortragenden ist auf dem Weg vom Eingangstürchen zum Vortragstisch ein großes Klavier aufgestellt. Der Vortragende kommt herein, will, mit dem Blick ins Publikum, auf dem kürzesten Weg zu seinem Tisch, kommt daher dem Piano zu nahe, staunt, tritt zurück und umgeht es sanft, ohne mehr ins Publikum zu schauen. In der Begeisterung des Abschlusses seiner Rede und im großen Beifall hat er das Piano natürlich längst vergessen, da es sich während des Vortrags nicht bemerkbar gemacht hat, er will möglichst spät, die Hände auf der Brust, dem Publikum den Rücken kehren, macht daher einige elegante Schritte seitwärts, stößt natürlich ein wenig an das Piano und muß auf den Fußspitzen den Rücken ein wenig durchbiegen, ehe er wieder in freies Terrain kommt. So hat es wenigstens Richepin gemacht.”

Einziger Tagebucheintrag vom 13. November: “Und dieser Mann ist, wie ich heute erfahren habe, zweiundsechzig Jahre alt.”

24. Oktober 2017 09:08










Tobias Schoofs

ABSPANN

der moment in dem du im kino sitzt
und siehst wie einer im film aus dem
kino kommt und musik aus dem saal
dringt durch die offene tür durch die

zuschauer ehemalige zuschauer des
films herausströmen aus dem saal
in dem gerade noch der film lief und
immer noch der abspann läuft nein

nicht dieser moment eher der andere
später während du wie betäubt vor
dem abspann deines films sitzt und

dir dämmert dass die musik die du
hörst die ist die du gehört hast als
der im film aus seinem kino kam

22. Oktober 2017 16:01










Christian Lorenz Müller

LAUB (JANWAGNERISMUS IN HAIKU)

Das rote Schwänzeln
des wilden Weins. Ein Windstoß
und er verschwindet.

Keine Radfahrer,
Scheren blitzen. So lassen
die Hecken ihr Laub.

Nur für Sekunden
ein gelber Wind im Park. Die
Ahornfarbe: Kahl.

Als Zigaretten-
glut steht die Buche. Noch ein
Lungenzug Herbstluft.

Die Kehrmaschine
quirlt die Blätter. Wie schön doch
die Farben schäumen.

Das frisch gespülte
Glas der Luft. Lippenstiftrot
leuchten die Blätter.

19. Oktober 2017 10:10










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