Markus Stegmann

Dunst

Schritte längs des blassen Betons,

Wolken mit stumpfer Nase,

verschlossenem Tor, Bananenbäume,

Farne, löchriges Karminrot,

Kartonschachteln und

überfüllte Gewächshäuser.

Mit einer Pistole durch die Luft

geschossene Landschaft, Bauland,

verlassene Terrassen, Lastwagen.

Pflücke ich gelbe Blüten,

befestige den Mond am Morgen,

von Vögeln gefilterter Vormittag,

als aus Zisternen ein fahles Bild

auslief oder aus Mauern wuchs, steil

der Sonne ausgesetzt, heftet sich

mein Mund an den Dunst,

die Augen in die schattige Schlucht

versenkt, aus der Drehung die

nächsten Schritte scheinbar

mühelos in den Himmel gelenkt,

auf dem Weg

der wenigsten Insekten.

20. Juni 2022 20:40










Hans Thill

karaoke fisch

19. Juni 2022 09:58










Mirko Bonné

Ob, wann, wo und wie

1
Sie schreibt dir früh, sie habe dich
   lieb. Du wirst davon wach, erkennst
wieder: Bäckerei, das Licht. Rauchend
    stehen Frauen in den Hauseingängen,
reden, lachen, und der Regen friert, es
    schneit, es wächst dir dein Gesicht.
Die Nacht siehst du und verschwimmen
    die Straße, die Lichter, einen Lösch-
zugeinsatz gegen sechs. Brennendes
    Verlangen nach Talk Talk im Morgen-
dröhnen. Nach Zimmerwind. Und dass
    der neue Tag mit ihrer Stimme beginnt.

2
In den Fenstern siehst du Lichter
    oder Leute, vereinzelt, fremd, die
sich fit halten, da unbeirrt glauben
    an Instandhaltung, die Haltbarkeit.
Das Mädchen mit dem Dutt nimmt
    die Brüste in die Hände und hüpft;
mit den beiden Huskys streicht der
    Maharadscha vorbei. Der Schnee,
verharscht. Zum 55. Mal 21. Februar.
    Die Stadt sinkt in die Stille ein, die
Tatenlosigkeit. In Nachtfrost. Warte
    auf kein Wunder mehr. Lass sein.

3
Was der Harsch meint: Da liegen
    Schneereste auf den Lichtungen.
Was die Hand des Nachbarjungen
    in den Schnee schreibt auf deiner
Motorhaube: Thanks Mister Winter.
    Was du wissen solltest: Unlenkbar
alles Glück. Es kommt, es geht vorbei.
    Bei Flockentreiben bleibt innen die
Stimme, die immer schon zu dir sagt:
    Hast du noch Lieder, dann sing sie
wem vor. Horch auf das Ticken im aus-
    kühlenden Motor: Sei Ticken und Ohr.

4
Fern: das Dorf im Luberon, das alte
    Haus mit den blauesten Fenstern,
mitten im Ort, unter dem Kirchlein,
    mit Blick von der Terrasse ins Tal,
mitten im Feigenduften. Manchmal
    scheucht der Mistral das Nichtfest-
genagelte die Straße hinunter. Nah:
    Kinder, Geister, unermüdlich Spiel.
Im Licht versteckt sich die Eidechse,
    der Parkplatzoleander schneit. Näher
als nah: sie und ihr Löwinnenverstehen
    aller Zweifel, ob, wann, wo und wie.

*

18. Juni 2022 00:18










Christian Lorenz Müller

LETZTER ZUG NACH IRPIN

III

Die Datscha als Garderobe, als ein Ort,
an dem gedämpft das Poltern und Krachen
zu vernehmen war, mit dem die Bühnenarbeiter
die Kulissen aufbauten, nichts war ihm vertrauter
als das Knirschen und Quietschen der Türen im Haus,
wenn der Inspizient den Chor zur Arbeit rief,
wenn die Sopranistinnen ihre Hacken hell
auf die gefliesten Böden der Flure knallten,
die Altistinnen konnte man am schwereren Kaliber
ihrer Absätze erkennen, einer von vielen Musikerwitzen,
die in der Männergarderobe die Runde machten,
aber in der Kyjiver Oper roch es doch nicht so,
oder nur dann, wenn in den Werkstätten
geschweißt worden war, nicht so brandig und bitter,
nicht nach fettdunklem Rauch, alle Vorhänge
waren schwarz, sie gingen auf, es wurde Tag,
und er musste auf die Bühne, er lag im Bett
und ein Zittern ging durch ihn hindurch
wie von der alten Drehbühne, die sich immer
nur sehr widerwillig in Bewegung gesetzt hatte,
als er sich aufrichtete, erfasste ihn der Schwindel,
so stark, dass er sich wieder zurücksinken ließ,
draußen regnete es, ein Schauer schlug auf das Dach
von Jurij Fylypowytschs Häuschen, wie seltsam
dass es regnete, es war doch gestern noch
kalt und trocken gewesen, einmal hatten die Techniker
Quarzsand aus einem Sack auf die Bühne prasseln lassen,
die Gewitterszene aus Rigoletto, molto dramatico,
er hatte den Herzog leider nur drei Mal gesungen,
dann war er krank geworden, und Urussow,
sein ewiger Rivale, dieser Schönling, hatte übernommen,
es regnete, aber nur auf Jurij Fylypowytschs Dach,
und dieser Geruch, dieser bittere Geruch,
der in der Luft hing, der riesige schwarze Vorhang,
der zwischen Hinter- und Vorderbühne
aufgespannt gewesen war, wenn man nicht aufpasste,
verlor man sich in seinen lichtlosen Falten,
stolperte über dicke Kabel, die brannten,
Kunststoff kokelte, Kupfer glühte, Bühne in Flammen,
Feueralarm, man musste das Haus evakuieren,
sofort, das hatten sie hin und wieder geübt,
waren lachend hinaus auf die Straße gelaufen,
wieder ging ein Zittern durch ihn hindurch,
die Magistrale, sie war 500 Meter weit entfernt,
der Vorhang ging auf, er war wach.

8. Juni 2022 09:06










Christian Lorenz Müller

LETZTER ZUG NACH IRPIN

II

Für die Tonne war es eigentlich noch zu früh,
die Nachtfröste längst nicht überstanden,
und dennoch stieg Serhij Antonowytsch
gleich am nächsten Morgen auf die Leiter
und montierte das Rohr an die Regenrinne,
früher waren die Sommer nie so heiß, so trocken gewesen,
besser, man vergeudete keinen Tropfen,
und als er das Rohr mit Draht anzubinden suchte,
hörte er es gewittern, fern, ein Schlagwerker
klopfte mit den Fingerknöcheln auf Donnerblech,
und dann gab es ein akustisches Blitzen, lauter,
und ein giftiges Stakkato, da spielte ein Trompeter
Doppelzunge, ohne den Ansatz dafür zu haben,
Serhij Antonowytsch stand auf der Leiter,
und obwohl es windig war und frisch,
brach ihm der Schweiß aus, als junger Sänger
war es ihm so ergangen, auf der Bühne,
im Scheinwerferlicht, vor ihm nichts
als der schwarze Schrecken, nichts als das schwarze,
tausendköpfige Tier, das jeden seiner Töne
gierig verschlang, aber das gab sich mit der Zeit,
er lernte, das Tier mit seiner Stimme zu sänftigen,
und nun, auf der Leiter, war es wieder da,
seine Schwärze fraß den hellen Vormittag,
aber wenn sie schon über Irpin kamen,
dann über die Magistrale, nicht durch die Datschen,
die Magistrale war fast 500 Meter entfernt,
hier würde nichts passieren, nie war ihm auf der Bühne
etwas passiert, am Ende hatte es Ehrungen gegeben,
Blumen, bald schon kam der Frühling,
die Narzissen rund um die Regentonne treiben bereits aus,
und so zwang Serhij Antonowytsch den Draht
mit der Zange rund um das Rohr, ächzend
stieg er von der Leiter, kein Tropfen würde verloren gehen,
sein Handteller war nass von schwarzem Schweiß,
als er das Werkzeug zurück in die Kiste legte,
die leise klirrenden Krallen des Tiers.

 

 

 

3. Juni 2022 07:57










Christian Lorenz Müller

LETZTER ZUG NACH IRPIN

I

Serhij Antonowytsch kam mit der letzten Stadtbahn,
er wanderte entlang des Flüsschens zu seiner Datscha,
zwei Kilometer, unzählige Male zurückgelegt
in seinem langen Leben, er erinnerte sich gut
an die Hitlersoldaten in Kyjiv, an die Ruinen,
die nach ihrem Abzug an den Straßen standen,
81 Jahre war er nun und gedachte, auch den Angriff
der Russen zu überleben, er sagte sich, dass sie
über Hostomel vorrücken würden, nicht über Irpin,
gewiss hielt auch Jurij Fylypowytsch die Stellung,
sein Nachbar, ein pensionierter General, der von sich sagte
ein Ohr für die Blockflötenmelodie der Granaten zu haben,
für ihr Pfeifen und Schrillen, für die Ballistik der Töne,
der Krieg als Konzert, auch das hatte Serhij Antonowytsch ,
42 Saisonen lang Sänger an der Kyjiver Oper,
dazu bewogen, den letzten Zug zu nehmen,
und tatsächlich, in Irpin war alles ruhig,
in der Datscha warf er die Gasheizung an,
goss sich ein, und die Vergangenheit klarte im Glas,
als er eine alte Scheibe mit Volksliedern
aus dem Plattenschrank zog, er dachte daran,
wie er und eine Kollegin anno 77 in bestickte Blusen
gesteckt worden waren, um dem Marschall vorzusingen,
Tito, der sich bedankte und alle Hände herzlich schüttelte,
während sein Gastgeber Breschnew, stockbetrunken,
in seiner Rede über die Freundschaft der sozialistischen Völker
mehrmals peinlich ins Stocken geriet,
Serhij Antonowytsch legte die Platte auf,
senkte die Nadel in die schwarze Rille aus Zeit,
die sich zurück in seine Jugend spiralte
und hörte sich selber singen, immer noch drang sein Tenor
frisch aus dem Knistern der Jahrzehnte, immer noch
war er ein junger Karpatenbursche, der seine Liebste
unter eine Hollerstaude zog, busyna, deren schwarze Früchte
Spuren auf ihrem weißen Sonntagskleid hinterließen,
auch im Garten seiner Datscha gab es so einen Strauch,
es gab den Hollerlikör, den er Viktorija verdankte,
seiner Frau, die ihn beschworen hatte, nicht zu fahren,
aber in Irpin war alles ruhig, noch ein Gläschen Likör,
sie kamen gewiss nicht über Irpin, Hostomel
würde ihr Weg sein, es war gut, dass er gefahren war,
nicht auszudenken, wenn Plünderer auf der Suche
nach Geld, nach Alkohol die Schränke durchkramten
und dabei die Platte mit den ukrainischen Liedern
zu Scherben zertraten, bis nichts mehr davon übrig blieb
als der Kartonkreis mit dem Loch in der Mitte,
nicht auszudenken, murmelte Serhij Antonowytsch
der nun sehr müde war und sich seufzend niederlegte,
längst schon stand die Nacht vor den Fenstern der Datscha,
buzyna, die schwarzen Früchte, hollerdunkel, schwer.

 

1. Juni 2022 09:14










Tobias Schoofs

TAGE

in der mitte des textes
der aussatz

mir geht es gut ich
schreibe viel ich
liebe dich

(nach Roberto Bolaño)

24. Mai 2022 15:45










Andreas H. Drescher

DER TAG NACH DEM TOD

Mein Blick wird stumpf angesichts der stummen, von Großvater verlassenen Dinge, von denen jedes mit einer eigenen Fremdheit gegen mich ansteht. Da ist es wieder, das ungelenke Starren, das sich schon in meiner Kindheit angekündigt hat. Aus meinem Blick während der Nachtangst in die Heillosigkeit des Dunkels. Ein Starren, das kein Ende finden kann, da sich jeder Gegenstand in der Nacht aus dem Bezug zum Menschen zurückzieht und nur noch für sich selber da ist. Bald halte ich es nicht mehr aus in der Fremdheit der Gegenstände und springe eilig die Treppe in den ersten Stock hinauf.

Als ich wieder vor Großmutter sitze, spreche ich von dem Schutz, der in meinen Kindernächten von ihrem Atem neben mir ausging. Da strahlt sie.

Es ist wahr. Nur ihre Fülle, ihre breite Wärme (Sie lacht, weil sie damals so viel schwerer war als jetzt.) bewahrte mich vor all der Leere. Sie war so sehr da, dass das Nichts nicht ankonnte gegen sie. Schon ihr Atem setzte eine eigene Geschichte gegen das Klaffen. Ihre Stimme hatte durch ihr Erzählen vom Fundevogel oder Frau Holle den Raum schon in einer Weise vorgeformt, dass sie das durch ihre langen Atemzüge nur noch aufrechtzuerhalten und zu bestätigen brauchte. Gleichgültig, wie vollkommen uns die Dunkelheit des Schlafzimmers umgab, es war kein Schwarz darin, nichts stand mehr stockschwer um meine Augen, wie wenn ich allein war, nichts griff mehr nach mir, nichts saugte mehr an mir, Großmutter war schließlich bei mir.

Nun lächelt sie ihre Bettdecke an, blinzelt dabei aber ein paarmal kurz hintereinander, sodass ich nicht sicher bin, ob ich sie nicht überfordert habe. Ich versuche mich an meine einzelnen Sätze zu erinnern, kann es aber nicht. Es scheint mir, als hätte ich sie unmittelbar an meinen Gedanken teilhaben lassen wollen. So fasse ich das noch einmal ein wenig griffiger zusammen:

„Ich war eben beschützt von deinem Atem. Er schob mir alle ängstigenden Figuren ganz ruhig in seine Nischen zurück. Es war eine wahre Pracht.“

Dann aber nennt sie einen Begriff, der mir bewusst macht, wie sehr ich sie unterschätzt habe, obwohl es kein Begriff von ihr, sondern einer der Groß, ihrer eigenen Großmutter, ist: „Johannisangst.“ So hatte sie die Furcht ihrer Enkel vor der Nacht genannt. Großmutter erinnert sich daran, dass die Groß einer Nachbarin riet, eine Eichenmistel dagegen unters Bett zu legen.

„Deine Anwesenheit war Magie genug. Das Fassen und Schnappen um mich her konnte mich nicht mehr erreichen, wenn du nur neben mir lagst.“

Was ich sagen will, ist etwas anderes. Dass es diese Nicht-Figuren, dieses seltsame Weben des Numinosen in der Nacht, nicht geben konnte, wenn sie im Raum war. In der Atmosphäre um sie her verlor das Schreckliche den Boden unter den Füßen, wie sonst ich ihn in dessen Gegenwart verlor. Das war Großmutters milde Verneinung des Nichts.

(Auszug aus dem Roman „Schaumschwimmerin“)

18. Mai 2022 09:10










Andreas Louis Seyerlein

nahe mariupol

14.32 UTC — Auf Luftbildfotografien dieses Winters wird Olga nicht zu sehen sein, zu klein dieses menschliche Wesen. Oder doch vielleicht sichtbar im Sommer unter einer Lupe, wie die alte Frau in ihrem Garten Himbeeren pflückt. Es ist ein wilder Garten geworden, weil Olga den Gewächsen ihres Gartens nicht länger Herr wird, sie muss oft im Haus sein bei ihrem Mann, dessen Namen ich nicht kenne. Er ruht im Wohnzimmer auf einem Bett, weil er alt ist und kaum noch gehen kann. Als er noch nicht ganz so alt war wie in diesem Winter, 8 Jahre jünger, war das mit dem Gehen bereits schwer geworden, weil er von einem Splitter harten Holzes in die Hüfte getroffen worden war, als eine Granate in einem Februar im Garten des Nachbarn explodierte. Der Nachbar lag drei Tage reglos auf dem Rücken im Schnee, weil er nicht mehr lebte. Dann hörte der Krieg auf. Nein, der Krieg entfernte sich, war jedoch nah genug geblieben, dass man ihn hören konnte und immer noch hören kann. Olgas Mann liegt auf dem Bett und lauscht zum Fenster hin, was man von dort hört vom Krieg, ob er näher kommt. Auch hört er Olga, es ist Abend, die in den Keller gestiegen ist. Sehr steile Treppe. Es ist hell da unten, weil eine Kamera der alten Frau in den Keller folgte. Ein Mann trägt diese Kamera auf seiner Schulter, ein weiterer Mann trägt grelles Licht, eine Frau stellt Fragen, Olga antwortet: Wenn der Krieg wieder zu uns kommt, dann wird unser Sohn das Bett und seinen Vater in den Keller tragen. Dort wird es stehen, genau dort wo die Zwiebeln liegen. Hier werden wir sicher sein. Der Atem der alten Olga dampft. Von der Decke hängen Fäden, auch schneeweisse Gebeine, Spinnen, die Olga noch immer fürchtet, so, stell ich mir vor, könnte das sein. Sie schaut jetzt direkt in die Kamera. Ich betrachte ihr altes, müdes Gesicht, das sich nicht zurückziehen kann, weil ich den Film angehalten habe auf dem Bildschirm meines Fernsehgerätes. — stop

Dieser Text wurde im Januar notiert. Seither habe ich gelernt: Menschen, wenn sie tot sind, wenn sie auf Strassen liegen, sind sichtbar vom Weltraum her gesehen. – Ich bitte Sie folgende Petition des Zentrums Liberale Moderne zu unterstützen: Die Sache der Ukraine ist auch unsere Sache!

4. Mai 2022 20:13










Tobias Schoofs

APRIL

da hocken sie aufeinander
hündin und hund halbieren
ihren bezirk mit seinem auf

jaulen laufen sie los wie sie
sich verspielt auftürmt er
zieht sich verstört zurück

(nach William Carlos Williams)

4. Mai 2022 11:10










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