Christian Lorenz Müller

ES ROLLEN DIE HEISSEN TAGE (Gedichte aus dem Gemeinschaftsgarten 1)

Die Pumpe: Dunkelgrün lackierte Achse
um die sich alles dreht.
Unermüdlich geht der Schwengel
auf und ab und auf und ab,
rollen die heißen Sommertage
über die Beete.
Aus allen verfügbaren Gießkannen
blitzen Speichen silbern zur Erde.
Hell klingelt das Wasser
auf der Haut, wenn du dir
einen Guss auf die Waden gönnst.
Der Himmel eine Packtasche,
zum Platzen angefüllt mit Blau,
und unablässig, unablässig
geht der Schwengel,
treibt dich die Sorge
um die Rücklicht-roten Tomaten,
um die Zucchini, die den Umfang
eines trainierten Oberschenkels hat.

Spätabends endlich steht das Rad.
Du liegst erschöpft im Gras,
schaust hinauf in den Himmel
wo der Mond
sein Standlicht eingeschaltet hat.

16. August 2018 10:46










Tobias Schoofs

PESSOA

vorgeblich beim mittagessen haupt
sächlich beobachtend die zeit wie
sie vergeht nein nicht die zeit was
in der zeit vergeht nämlich ein herr

am nebentisch vorgeblich beim mit
tagessen hauptsächlich beobachtend
nein nicht die zeit wie sie vergeht
vielmehr was in der zeit vergeht ein

herr am nebentisch vorgeblich beim
mittagessen hauptsächlich nein nicht
die zeit beobachtend vielmehr was

in der zeit vergeht er selbst der herr
beobachtend wie er vergeht wie er
beobachtet nein nicht die zeit

12. August 2018 19:29










Christian Lorenz Müller

HÄNGEMATTE AM MEER

Deine Hängematte: Natürlicher Bindebogen
zwischen zwei Aleppokiefern.
Seit Stunden das Konzert der Zikaden
und das Applausrauschen der Brandung.
Du trägst deine Bräune
wie einen gut geschnittenen Frack.
Immer wieder verneige ich mich
vor deinem Nabel,
vor dieser vollendet gespielten ganzen Note.
Das Salz in deinem Haar
ist das Kolophonium
das mich singen lässt.

Sforzatisches Blau bis zum Abend,
bis der Applaus verebbt,
die Hängematte
von den Bäumen genommen wird.

31. Juli 2018 13:35










Mirko Bonné

Saalberg in Aachen

Wir sind hinauf unter die Vogelausgucke in den
Linden und Kastanien gestiegen, seine Gedichte

und ich, unter die Säulen, ins Säulengelände
auf dem Lousberg, der seinen Namen womöglich

einem französischen König verdankt oder einer
Frau Lou, der einer ein Stück Aachen schenkte.

Seine Gedichte gingen mit mir durch das Blinken.
Linder Julinachmittag. Die Leute staunten jeder

winzigen Windbö nach und riefen: „So ein Tag!“
Einer, der den Tod nicht nötig hat als Spiegel,

so voller Leben, dass immer wieder momentlang
alles gut war. Alles meine ich, wie es hier steht

in diesem Gedicht, das fast von ihm sein könnte,
was durchaus Absicht ist. Unter Amselschimpfen

am Lousberg in Aachen las ich lauter Kindern vor.
Die Fröhlichkeit wehrt sich. Wir geben niemals auf.

*

20. Juli 2018 14:26










Tobias Schoofs

BELÉM

das wort bellt einen direkt an
wachhund vor der neuen welt

hängt den entdeckern am bein
die meisten gehen unter oder
sterben langsam am skorbut

vielen jedenfalls fehlt später
ein stück körper holzbein herz
und augenklappe ähnlich sieht

nach der visite aus europa auch
die neue welt gealtert aus

15. Juli 2018 12:06










Andreas Louis Seyerlein

von der Twitterhölle

12.08 – In einem mehrstündigen, äußerst strapaziösen Versuch, Gedanken auszutauschen mit Menschen, die eine Twitterhöllenkammer befeuern, habe ich Folgendes gelernt. Es ist nämlich so, dass in der Vorstellung dieser Menschen bald Ankerzentren existieren werden, umzäunte Gebiete, die Personen beherbergen, Personenmenschen, welche aus dem Süden bereits zu uns gekommen sind oder furchtbarer Weise noch kommen werden. Weiterhin habe ich bemerkt, dass Menschenpersonen, die sich in jenen umzäunten und bewachten Gebieten zwangsweise aufhalten sollten, in der Wahrnehmung der Höllenkammerbewohner immerzu jung sind und gesund und Männer. Man vermutet, dass diese männlichen Menschenpersonen möglicherweise schwächere Menschen auf hoher See vorsätzlich von Bord gestoßen haben könnten, vor allem Kinder und Mädchen, das ist selbstverständlich reine Behauptung, die durch stetige Wiederholung in der Höllenkammer nach und nach zur Gewissheit wird. Diese jungen Männer nun, sie sind sehr häufig von schwarzer oder dunkler Haut bedeckt, sollen außerdem über finanzielle Mittel gebieten, die ihre Flucht oder Reise überhaupt erst möglich machten, sie seien also, so erzählt man, weder arm noch in irgendeiner Weise hilfsbedürftig, sie würden beileibe nicht südlichen Hungergebieten entkommen oder vor Bürgerkriegen geflohen sein, vielmehr sollen sie von irgendwoher angereist sein wie aus dem Nichts, um auf Kosten verarmter Ureinwohner in der Mitte Europas Mischbevölkerung zu erzeugen. Weil sie sich sorgfältig kleiden, weil sie über Telefone gebieten, weil sie mitnichten ausgehungerte Elendsgestalten sind, werden sie verdächtigt, gut organisierte Ankermenschen zu sein, Vorhut oder Schlimmeres. Ja, so in dieser Art und Weise wird vorgestellt, wird ausgedacht, wird Gewissheit erzeugt. Ich stelle fest: Menschen, die keine Menschenpersonen, sondern Patrioten sind, Menschen, die in dieser skizzierten Gewissheit leben, sind empfindlich, sind wütend, sobald man sich mittels Wörtern fragend nähert. Sie schreiben unverzüglich zurück, dass man den Fragenden selbst sehr gerne häuten würde bei lebendigem Leibe, erschießen, nach Afrika verjagen, da doch der Fragende ein linker Faschist sei, ein Antisemit, ein Mitvergewaltiger, das Böse schlechthin. stop. Die Sonne ist rund. – stop

> particles

9. Juli 2018 20:37










Christian Lorenz Müller

ZUM TOD VON OLEG JURJEW

Gott atmete aus – und Nebel glitt über den Spiegel Land
radial ausbreitend sein graues Silber …
Die glatten Schatten begannen den Rand
rund zu umfließen, die eigenen Spuren tilgend.
Schatten tauscht Schatten, Nebel blättert um: Nebel.
Ein schwaches Grün sog in sich die Gegend.
Schon taute die letzte Schicht.
Sein Antlitz kam auf der Scheibe in Sicht.

… Ein Spiegelchen ja der Poet am Mund einer kranken Welt …

Aus: “In zwei Spiegeln”. Gedichte, 1984 – 2011.
Übersetzung aus dem Russischen: Elke Erb

9. Juli 2018 13:58










Gerald Koll

hub 4.2 kann sein linkes Auge aufblasen

Als wir hub 4.2 entdeckten (Koordinaten-Segment 33.5°/5.3°),

waren wir uns hinsichtlich seiner Größe zunächst uneinig,

bis wir feststellten, dass seine Größe hochflexibel war.

Nachdem wir hub 4.2 dank Dr. Gerst sicherstellen konnten

(Außenbordeinsatz 12 der Mission Horizons, noch mal danke, Alex),

gaben wir uns größte Mühe, den Fund vor der Öffentlichkeit geheim zu halten.

Natürlich ist es eine brisante und hochexplosive Sensation,

zum ersten Mal der Menschheitsgeschichte extraterristrisches Leben

zu sichten und zu bergen. Wir nannten diese Lebensform daher hub 4.2.

Wir zögerten nicht, hub 4.2 einiger Experimente zu unterziehen.

Auch hier erwies sich seine staunenswerte Flexibilität: Kaum gelandet,

schrumpfte es auf die Größe eines terristrischen … Insekts.

Kaum auf einer vertikalen Landefläche (90°) platziert, änderte hub 4.2

seine Grundfarbe von Aschgrau

zu Farbton 10310 C (Referenz Pantone PLUS). Punktiert.

Kaum änderte es seine Position, lediglich bei disharmonischer Bildkomposition

justierte es seine Lage geringfügig nach. Aus ästhetischen Gründen.

Wir empfehlen hub 4.2 als Küchendekoration. Und ja, es kann auch sein linkes Auge aufblasen.

8. Juli 2018 16:42










Mirko Bonné

Die Bordwand

Ja, und? Das heißt was, für die Schiffe? Die Leute? An Land? An Bord? So what? Sind das Gerippe, oder was, sind das Tiere? Sind das nichtswürdige Existenzen? Hä? Was sagt das Gedicht dazu? Ist das Gedicht denn die Bordwand?

30. Juni 2018 00:05










Tobias Schoofs

SCHIFFSKATALOG

hier liegen die schiffe und spucken
rentner aus mit kurzen hosen und

krebsroten beinen die laufen in die
shops auf denen typisch steht und
kaufen souvenirs und halten das

englisch das der indische verkäufer
ihnen zu liebe spricht für landes
sprache sie sagen gracias und wo

fährt denn hier die berühmte bahn
dann werden sie wieder eingesaugt

29. Juni 2018 20:12










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