Gerald Koll

Das fünfzigste Jahr (111)

7. Dezember 2015, ein Montag

Am Sonnabend nachmittag kam Frau S. aus Frankreich zurück. Abend und Nacht verliefen traulichinniglieblich, doch wie wühlt alles in meinem Kopf, wenn ich das Fotoalbum öffne – wie eine Flasche, aus der die Dschinnis der Vergangenheit strömen.

7. Dezember 2016 12:34










Hendrik Rost

Die Luftfreunde

Deine Freunde schreiben dir Wolken
aus den Ländern, in denen sie vielleicht
wohnen. Dem Regenland und dem Land
der Physik. Sie schicken in Tropfenform
kleine Gemeinsamkeiten: das Wasser,
das den Weg allen Wassers geht.
Sie schreiben dir, das Ende endet nie.
Es beginnt an einem beliebigen Punkt
in den Luftbriefen oder den Kapillaren
der Bäume. Du kannst uns ja lesen,
schreiben sie in Kumuli. Lies bitte,
was wir über die Wiese hinterm Haus
wissen. Lies auch den Angstwald
zwischen den Schulterblättern. Schreib
zurück von deiner Suche mit dem Gesicht.
Deinen zweifelnden, wissenden Augen,
denen wir trauen. Hier, das Liebeswürdige.
Deine Freunde schreiben dir Leben,
schreiben, weil es dich gibt. Ameisenähnlich
prickelt’s dich im Fuß – dein Herz,
es erhebe sich. Sie schicken dir Zuversicht
ohne Grund, diese Freunde. Diese Luft,
in ihr findest du Wetter, Briefe und Physik.
Du kannst ja lesen. Du kannst ja, wissen Wolken.

6. Dezember 2016 13:29










Gerald Koll

Das fünfzigste Jahr (110)

4. Dezember 2015, ein Freitag

Interview mit einer Drehbuchautorin eines offenbar satt budgetierten Spielfilms über Franz Osten und seinen 1925 gedrehten Die Leuchte Asiens. Mein eigener Dokumentarfilm darüber liegt knapp 15 Jahre zurück. Wissens-Rausverkauf. Zuvor ein galliges Erwachen mit jenem chronisch fiesen Nebenhöhlen-Druck, der mir das Liegen verleidet. Laut HNO-Arzt eine Nasenscheidewandkrümmung, laut HNO-Arzt operabel, leider, denn zu so einer Operation habe ich keine Lust; lieber wäre mir der Bescheid, dagegen sei die Medizin leider machtlos.

Dazu eine mitrauschende Unruhe, die ich auf das Digitalisieren von Familienfotos zurückführe. Sie lösen mehr aus, als von bewusster Erinnerung registriert werden könnte. Diese Bilder verströmen kleinste Erinnerungspartikel an Pullover, an Momentgefühle, an Gummispielzeuggeruch, an Angst vor Schmalzbrot, an Strumpfhosenkratzen, an damals nicht nennbare und denkbare Zwänge, an lauter Sekrete, die das Gift des Lebens bilden. Gerade höre ich die Sinfonie von Edgar Elgar. Furchtbar. Plötzlich steht die eigene Sterbestunde vor Augen, und der letzte Wunsch (…).

4. Dezember 2016 13:00










Gerald Koll

Das fünfzigste Jahr (109)

3. Dezember 2015, ein Donnerstag

Eine ungestillte, nicht zu bändigende und zu bremsende Wut bricht sich nachts Bahn. Zwei Nächte mit Träumen aus Wut, wütend geschlafen, wütend erwacht, ganz aus Wut bestehend. Jetzt gleich zum Zahnarzt.

Vom Zahnarzt zurück: Da fiel das Wort “Wurzelbehandlung”. Er erwähnte es “nur für den Fall”. Gleichzeitig (und offenbar angelegentlich) mahnte er, gründlich Zähne zu putzen, und zwar “nicht nur zwei bis drei Minuten, sondern fünf bis sechs”. Wie ein Pennäler steht man da. Ob er das auch gesagt hätte, wenn er wüsste, dass ich inzwischen in Weissensee wohne? In Weissensee wird man schneller alt als man Zähne putzen kann. So sehr ich aus ethischen Gründen die Altersvielfalt in Weissensee begrüße, so lästig schlägt mir hier der rapide Verfall entgegen: Panoramen meines bevorstehenden Siechtums.

3. Dezember 2016 15:15










Gerald Koll

Das fünfzigste Jahr (108)

2. Dezember 2015, ein Mittwoch

Immer diese verschwendeten Mittwoche: Behördengänge und Formalitäten. Aber dann ein Moment freudigen Aufmerkens, als die Mitarbeiterin in der Agentur für Arbeit vom Gang zum Jobcenter abriet: “Da machen Sie sich nackt.”

2. Dezember 2016 13:54










Mirko Bonné

Das Kind Kalifornien

An den Wänden die Bilder von dem Kind,
das größer geworden ist als Kalifornien.
Du siehst sein Gesicht wachsen auf
blassen Fotografien und erkennst
das Kind an seinen Ohren, dem Blick,
der Sehnsucht nach dem Ende der Enge.
Das Kind Kalifornien schrieb nie einen Brief.
Es rief keinen an. Es ging fort und blieb
in der Ferne. Von den Wänden dort,
wo du schläfst, manchmal träumst,
blickt es dich an und doch nicht dich.
Rätsel, Zweifel, wildes Wollen, wonach
sucht so ein Kind, und wonach sucht es
nicht? In jeder Regung, jeder Bewegung,
jeder Entgegnung hat das Kind ein Gesicht,
das mahnt: Trau der Festigkeit der Dinge.
Da, die Gelächterschönheit. Glaub mir,
sagt das Kind an der Wand des Hauses,
das dir Asyl gewährt. Im Zweifel Zweifelnder.
Sei selber dein Sehnen. Wenn nötig ein Land.
Wenn nötig ein fernes. Wenn nötig Kalifornien.

*

1. Dezember 2016 12:01










Gerald Koll

Das fünfzigste Jahr (107)

1. Dezember 2015, ein Dienstag

Herrliches Tenchi-nage-randori mit Jascha, Heiko, Julian, und ich würde allzu gern das Rätsel entschlüsseln, wie Jascha seinen Schub so hinter die Hand bekommt, dass er so leicht fliegen kann. Sensei unterwies mich beim Schwert, “aus dem Geist der Stille heraus” zu schneiden. Und mir schien, dass dieser Hinweis einen neuen Weg wiese, heraus aus dem Ampeln der Technik ins freie Feld des wirklichen Aikido.

Um 21:45 Uhr ins Kino, in The Assassin von Hou Hsiao-Hsien. Verstanden habe ich so gut wie nichts von diesem Mittelalter-Martial Arts. Schon während der ersten monotonen Dialog-Passage war ich eingeschlafen. Ich erwachte in Gemälden aus Nebeln, meditiativen Gobelins. Das genügte mir.

1. Dezember 2016 11:25










Nikolai Vogel

Große ungeordnete Aufzählung (Detail)

Weltflucht,

1. Dezember 2016 00:05










Gerald Koll

Das fünfzigste Jahr (106)

30. November 2015, ein Montag

Eigentlich ist noch Sonntag, es ist kurz nach Mitternacht, nun ja, 00:45 Uhr, und ich komme aus dem Adventswochenende im norddeutschen Elternhaus. Es ist offenkundig, dass die Familie kein Zufluchtsort mehr ist. Mich ereilen dort mehr Panikattacken als anderswo. Fragt mich die Schwester, was ich derzeit arbeite (mit Betonung auf “arbeite”), flüchte ich schwitzend ins Wohnzimmer mit der für alle erkennbaren Ausrede, dort die Digitalisierung der Märchenplatten besorgen zu müssen. Vom Prinzregenten bin ich zum Patienten geworden, behütet von Mitleid und anderen Formen der Herablassung, und so ist die Familie ein Kampfgebiet geworden, in dem jedes Mal unter Aufbietung aller Kräfte und Duldung neuer Verluste ein Waffenstillstand verteidigt werden muss.

In diesem Alter noch Aufwallungen gegen den Vater, wer hätte das gedacht? Widerstände gegen Rechthaberei, Herausrederei, Angeberei … und wahrscheinlich deshalb, weil ich diese Tendenzen an mir selbst sehe. Könnte sie ihm als Gen-Erbe anlasten, gäb’s dafür nicht eine Ohrfeige der Existenzialisten. Tröstlich wiederum: Während wir drei Geschwister doch einige Neurosen aufzuweisen haben, ist die nachfolgende Generation erstaunlich cool und chillig geraten.

Kein Wunder, dass ich in die Anden reise. Ein neuer Fluchtpunkt desjenigen, der den Statthaltern der widrigen Zufluchtsstätte demonstriert, dass er gar nicht weit genug, hoch genug, riskant genug reisen kann, um seine Zuflucht in der Flucht zu suchen.

Zeitig zurück nach Berlin, um es in den kolumbianischen Film Embrace of the Serpent zu schaffen: über zwei Forscher im Amazonas-Urwald. Deutlich beeinflusst von Werner Herzog. Schönes Schwarzweiß. In den Passagen satirischer Darstellung christlicher Kolonisierung unangenehm theatralisch. Aber schön in den Bildern, in denen die Natur übermannt und die Regie übernimmt über das Geschehen (blöder Ausdruck). Ich schlief zwischendurch, vielleicht sickerten die Bilder durch die schläfrigen Lider noch besser ein. Zumindest fuhr ich heim mit dem mulmigen Gefühl, demnächst selbst in diese grünen Raubtierhölle, diesen menschenwehrenden Wahnsinn zu reisen.

30. November 2016 13:00










Konstantin Ames

du, der beste mittelmäßige kopf mensch al forno

du, der plural dieser stadt pinkfarbenen gestanks (erst
ist das zweite, dann war das erste …,« hätte A
zum – zu wem auch immer – zum
B zum beispiel beim souper gesagt haben
können, ernsthaft) du einziges saartier ohne fanschal
bedarfst zweier dinge: der haftbeschichteten pfanne
unter dir, des morgensterschen monds in dir
dieser dinge nur dieser
tage du, ach was sag ich Ich, feuhernde kühe.

A = Adorno
B = Luhmann

(das sag haben« 18.10.2013)

30. November 2016 12:47










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