Thorsten Krämer

Marxloh

Im Museum der Ungleichzeitigkeit
verschwindet die Gegenwart
hinter nikotingelben Vorhängen.

Zum Frühstück frischer O-Saft
aus der Tüte, ein Familienbetrieb
in letzter Generation.

Auf der Straße: Brautmoden
und Trainingshosen, ein Dresscode
zwischen zwei bis drei Kontinenten.

Wann immer jemand No-Go-Area
sagt, stirbt hier ein Kettenraucher.
Im Schatten parkt ein Kombi.

25. Juli 2016 20:08










Markus Stegmann

Münchnerin

Frau Atnan sagt, der Polizeisprecher der Stadt München habe am fortgeschrittenen Abend im Fernsehen gesagt, man gehe von einer akuten Terrorlage aus. Durch die sachliche Tonlage des Polizeispreches hindurch habe sie, Frau Atnan, jedoch bodenlose Ungewissheit vernommen. Und dies trotz aller Mikrofone, die einzig das Ziel gehabt hätten, die Lage zu klären. Auch sie, Frau Atnan, habe nichts anderes dringlicher gewollt, als Gewissheit über den Zustand Münchens zu erfahren. Aber sie wohne doch gar nicht in München, wende ich vorsichtig ein, um den Furor Frau Atnans nicht allzu pragmatisch zu brechen. In diesen Minuten, Sekunden habe sie in München gewohnt, da war ihr, als habe sie ihr gesamtes Leben in München zugebracht, als sei sie Münchnerin durch und durch, obwohl sie in Wirklichkeit noch kein einziges Mal in München gewesen sei. Aber das sei in diesen Minuten, Sekunden egal.

23. Juli 2016 22:42










Markus Stegmann

Bierflasche

Ich wolle ja nichts sagen, sage ich, ich sei mir auch nicht sicher, aber irgendwie sei mir dann doch, wenn ich alles recht bedenke, dass ich und nicht sie, Frau Atnan, die Flasche geworfen hätte. Sie, Frau Atnan, trinke ja gar keinen Alkohol. Wenn einer in diesem Haushalt trinke, sei ich es, das habe sie selbst seit Jahren immer wieder aufs Neue beklagt. Sie sei sehr wohl imstande, eine Bierflasche zu werfen, auch wenn sie gar kein Bier trinke. Der Konsum von Bier und das Schmeissen von Bierflaschen stünden nicht in einem kausalen Zusammenhang, lässt sich Frau Atnan unwiderlegbar vernehmen.

23. Juli 2016 22:31










Hendrik Rost

Schädelbasisbruch

Erinnere dich an das, was an
dich erinnert, das Gefühl von
Kühlergrill nach deinem ersten

Unfall, die kurze Flugphase,
als die letzte Stufe doch nicht
die letzte war, erinnere dich

an den überlebenden Zwilling,
der sich an dich geklammert hat,
als ging es darum, in einer sehr

großen Welt nicht das Kleinste
zu sein, jede Art von Gefühligkeit
wars, die du wie Zungenbrecher

jahrelang nicht übers Herz gebracht
hast, hier spricht endlich es dir, in
Symptomen und Launen, sich aus,

wie weit es ist von Glück zum Glück,
und dann fangen die Ereignisse an
vor Übermut wie Nasen zu bluten.

23. Juli 2016 20:21










Gerald Koll

Das fünfzigste Jahr (15/16)

26. Juni 2015, ein Freitag

Mit reißendem Kopfweh erwacht. Nasenspray, später auch Aspirin. Nach dem Aufstehen sofort wieder flach gelegen. Die ganze Zeit die Sorge, wie das gehen soll, um 9:30 Uhr mein erstens Aikido-Training zu leiten. Verbissenes Grübeln, ob der Kopfschmerz nur Lampenfieber sei, oder ob Durchbeißen den Schmerz schlimmer macht.

Training ging: vor allem Kontaktübungen. Der Kopfschmerz blieb nur als Schatten haften. Aikido zu lehren macht Spaß, ich kann viel lernen dabei.

Der Kopfschmerz ist jetzt, 12:40 Uhr, annähernd weg. Es fühlte sich ja geradenach wie Migräne an, wie ein krampfartiges Verknoten der Kopfadern rund um die Stirnhöhlen. Gleich, 12:45 Uhr, geht es zum Belastungs-EKG. Danach, gegen 16 Uhr, fahren Freund K. und ich in die Sächsische Schweiz zum Wandern – der zweite Anlauf heuer in diese Gegend. Der erste – zusammen mit Kitty – endete ja damit, dass der Wagen auf der Hinreise liegen blieb.

Ergebnisse vom Belastungs-EKG: normale Werte eines Sporttreibenden. Ziemliches Gestrampel auf dem Rad. Erhöhte Cholesterinwerte, die der Doktor aber als genetische Veranlagung fortwinkt. Sogar Zucker sei normal. Kurzum: keine Beanstandung. Mal abgesehen vom Übergewicht. Was haben Ärzte nur für freche Waagen! Selbst beim Knie, das ja immer noch zwickt, rät der Arzt von einem atroskopischen Eingriff ab.

29. Juni, ein Montag

Wochenend-Urlaub mit Freund K. in der Sächsischen Schweiz. Nach später Ankunft spontan – noch in Latschen – abenteuerlustig in die steinigen Hänge gestiegen. Dann beim Bier draußen vor der Baude gesessen und geplaudert. Klingelnde Diskurse, Echos aus akademischer Periode. Ich werde in solchen Dingen immer mehr zum Taschenspieler, der sich mit diesem oder jenen Trick begnügt.

Am Sonnabend entdeckten wir eine verlassene Fabrik, die den Namen Linolit trug, PVC-Fußbodenbeläge hergestellt hatte und nun ruinös und zerborsten vor sich hin schimmelt. Stinkt auch. Da Betreten verboten war, stieg Freund K. umgehend über den Zaun, um mit der penetranten Lust eines Casanova einzudringen und alles zu durchstöbern. Er ist dreifacher Familienvater.

Dazu dieses entzückende Klein-Gebirge, das uns das Gefühl des Wie-Wanderns gab. Zum Richtigwandern ist der Raum zu klein. Es könnte alles auch der Park eines romantisch entzündeten Sachsen-Fürsten sein. Reichlich Fotos. Übergewicht, ja, das ist sichtbar. Solche Fotos werden natürlich sofort gelöscht.

Zum Abschluss spähten wir am Sonntag in P. die Wohnstätte der Kitty-Familie aus. Wir spionierten in einem Wohngebiet herum und fanden tatsächlich ein Haus, dessen Beschreibung passte. Auch bewegte sich ein Schemen hinter der Glaswand … Dann heimwärts.

Dort in “The Tribe”, den Eröffnungsfilm des ukrainischen Filmfests: ohne Worte, ein Drama unter Gehörlosen über einen Jugendlichen, der neu in eine sehr ruinöse Anstalt kommt, wo Gangs herrschen und zwei junge Frauen an LKW-Fahrer vertickern. Der Neue verliebt sich in eine der beiden und verdirbt es allen damit. Er fleddert und frisst ihren neuen Pass, der ihr die Ausreise nach Italien ermöglicht hätte, wird verdroschen und gefoltert. Am Ende rächt er sich an seinen Peinigern und zertrümmert den Schlafenden mit ihren Nachtschränken die Köpfe, einen nach dem anderen.

20. Juli 2016 11:44










Gerald Koll

Das fünfzigste Jahr (13/14)

23. Juni 2015, ein Dienstag

Ist nun Tagebuchschreiben ein Projekt? Nur bilden publizierte Tagebücher wehleidiger Erwerbsuntätiger, die sich mangels anderer Interessenten sehr für sich selbst interessieren, keine Marktnische. Anders natürlich Tagebücher von todgeweihten Größen wie Schlingensief oder Herrndorf: Schreibvermögen Voraussetzung, ein Tumor als Zusatzqualifikation günstig.

Halbherziges Stöbern in Stellenanzeigen. Den Nachmittag verbraten mit einer Bewerbung bei einem Architekturbüro. Die Bewerbung hat nur allergeringste Aussichten und bietet im günstigsten Fall eine Aussicht, die ich nicht mag. Das ist nicht eben das, was die Weisen raten, wenn sie sagen, nur genau das zu tun, was man täte, wenn man wüsste, dass man morgen stürbe.

24. Juni, ein Mittwoch

Um 16 Uhr bei Heilpraktikerin H., Seelenheilerin. Adrette Wohnung, sauber, frisch. Frau H. geht davon aus, dass ich (wie jeder andere auch) Erbe der Konflikte meiner Vorfahren bin und diese auszutragen bzw. zu lösen habe. Frage: Wenn meine Konflikte gleichsam transgenetisch über die Vorfahren zu mir kommen, gäbe es ja – da die Methode doch recht jung sei – unzählige Konflikte aus 20 und mehr Generationen, die sich in mir auftürmen. Frau H.: Nein, es geht selten über die fünfte Generation hinaus. (So haltbar sind sie denn doch nicht.)

Anlass zu Optimismus: Es würde sich in schweren Krisenzeiten ja alles zum Besseren entwickeln. Da sei ich, widerspreche ich, im Zweifel, wenn ich die Motz-Verkäufer in der U-Bahn betrachte. Sagt Frau H: Das würde sie bei mir anders sehen. (Nette Parteinahme, aber die Motz-Verkäufer gehören auch nicht zur H.-Klientel, dafür ist die Sitzung zu teuer.)

Zwischenfall: Eine Spinne seilt sich an der Liege ab. Ich krieche über den Boden, um sie zu erwischen, aber sie ist zu schnell. Irgendwann habe ich sie, aber sie ist sofort derart eingekrümmt, dass ich nicht weiß, ob sie noch lebt. Vorsichtig werfe ich sie aus dem Fenster.

Stichworte unseres Gesprächs: Ausgeschlossensein, Unerwünschtsein, Ziellosigkeit, Überwältigungs-Stau – das letzte Wort lässt Frau H. aufmerken … Anlässlich des Stichworts Überwältigungs-Stau wird der Ursprung dieses Staus ausgemacht, und zwar durch einkreisende, mechanisch und zügig gestellte  Fragen durch Frau H. Ich beantworte sie nicht bewusst, sondern liege lediglich auf der Liege und lasse meine Hände in den Händen von Frau H. Sie hebt diese Hände immerzu hoch, lässt sie gleichsam pendeln und stellt dabei Fragen. Je nachdem, ob meine Zeigefinger am höchsten Punkt nun einander berühren oder nicht berühren, ergibt das eine Antwort. Die Antworten entziehen sich meinem Wissen und Bewusstsein. Die Antworten, so die Theorie, entströmen den Speichern meines Unterbewusstseins.

Eingekreist und ausgemacht in diesem Fragespiel wird meine verstorbene Großmutter E. Sie verstarb Ende der 50er bei einem Auto-Unfall. Großmutter E. also sei zuständig meine geografische Orientierungslosigkeit, denn E. schlingere im Totenreich herum und könne sich seit 60 Jahren nicht dareinfinden, so vom Tode überwältigt worden zu sein. Die Lösung erfolgt, indem ich mich – gedanklich in einen imaginären “heiligen Raum” begebe, mich mit der mir sonst unbekannten Großmutter E. “verbinde” und einige Tropfen einspeichle, die Frau H. mit einer Pipette verabreicht. Zum Abschluss geleiten drei Engel – Barachiel, Raphael und E.s persönlicher Schutzengel (wieso jetzt so was apokryphes, wir waren doch immer evangelisch?) Großmutter E. ins Totenreich. Lautlos wiederhole ich soufflierte Sätze von Frau H.: dass E. jetzt gehen dürfe, dass zwar die anderen überlebt hätten und E. allein gehen müsse, dass jetzt aber ihr Mann auf sie warte dummdideldumm. (Nun ja, von den Überlebenden leben nur noch Wenige.)

Wie ich mich fühle, fragt Frau H. Ich empfinde, sage ich, eine gewisse Schräg- bzw. Krummlage, die Frau Hoppe als Bestätigung interpretiert: Dies sei die Korrektur der bisherigen Schräglage, die ich eben bislang irrig als austarierte Lage wahrgenommen hätte. Ganz schön gerissen, meine Frau H.

Rückweg. Besuch beim Baum im Park am Friedrichshain. Ich mach auch wirklich jede Scheiße mit. Dann sehr müde und zu Bett.

19. Juli 2016 14:48










Gerald Koll

Das fünfzigste Jahr (10/11/12)

19. Juni 2015, ein Freitag

Am liebsten würde ich bis zu dem Wunder, auf das ich warte, durchschlafen. Immer dieser zähe Klumpen im Schädel. Um 16 Uhr zur Tortenschlacht zum Babylon-Kino, der Auftakt der Laurel&Hardy-Reihe. Nette Fotos. Dann Aikido.

Kitty hat auch an diesem Tag mein facebook-Winseln nicht beantwortet. Als ich online ging, meldete sie sich ab – ich sah noch gerade den grünen Punkt verlöschen. Mit zierlicher Anmut.

20. Juni, ein Sonnabend

Ich erhielt vom Rechtsanwalt die Abschrift der eingereichten Klage gegen die Zeitung, die mich nach 25 Jahren telefonisch ohne Abfindung entließ. Meine Schreiben von eigener Hand haben sie ignoriert, den Anwalt können sie nicht ignorieren. Auch erbärmlich, wie verächtlich dieses Arbeitsverhältnis endet.

Wieso gelingt es mir eigentlich dauernd, Leute gegen mich aufzubringen? Ich dachte lange, Kitty macht mich rasend. Das ist womöglich umgekehrt. Empirisch betrachtet reagieren lauter Leute auf mich nicht ohne Grund aggressiv. In diesem Alter ADHS?

22. Juni, ein Montag

Mond ging unter, Sonne riss auf. Schon beim Aufwachen muss ich den Kopfhebel bewusst auf Entspannung stellen, damit sich die einbrechenden Existenzsorgen nicht sofort zu einer handfesten Migräne verknoten. Zum anderen aber ist alles nicht unmittelbar existenzbedrohend und die große Sorge irgendwie auch ein Luxusproblem. Die miserable Gemütsverfassung ist auch Tribut an den gesellschaftlichen Anspruch, dass es zu Zeiten der Arbeitslosigkeit nicht gut gehen darf, weil man sonst in Verdacht gerät, ein Schmarotzer und Hallodri zu sein. Schon aus Pflichtgefühl also geht es miserabel. Die Eltern fragen besorgt nach dem Befinden. Obacht, jetzt ist es soweit, jetzt wirst du ihnen peinlich! Das peinliche Berührtsein aber verschieben sie auf meinen erotischen Call-me-Kitty-Fotofilm, den sie selbst “auf gar keinen Fall ansehen” würden, aber den ihre Enkelin bereits glaubwürdig als peinlich klassifiziert hat.

18. Juli 2016 10:04










Tobias Schoofs

LICHT

die stadt ist ans licht genäht so
heißt es am morgen schält sich

überall form aus dem dunkel die
burg der restauradores marquês
die stadt eine borte genäht ans

gedächtnis ein nächtliches nähen
umnähen zunähen am abend ver
schluckt das dunkel die form die

stadt ist so heißt es ein tägliches
nähen zunähen umnähen nähen

17. Juli 2016 13:52










Gerald Koll

Das fünfzigste Jahr (8/9)

10. Juni 2015, ein Mittwoch

Kitty will mit zum Geburtstag von M. (zumindest will sie nicht absagen), besteht aber darauf, am Sonntag um 15.45 Uhr zurück in Frohnau zu sein und besteht zusätzlich darauf, statt der normalerweise angesetzten drei Stunden mit sechs zu rechnen, damit sie auf keinen Fall zu spät komme. Zudem habe Freundin L. vorgeschlagen, am Sonntag zum Nacktbaden zum Heiligensee zu fahren. Keine so hübsche Aussicht: Ich sehe Kitty nur noch im Kreisrund ihrer Frohnauer Sekte. (…) Es bestehen beste Chancen, dass diese Fahrt in einer Katastrophe endet. (…)

15. Juni, ein Montag

Tja, seltsam. Wir haben uns gar nicht getrennt. Jedenfalls nicht am Donnerstag. Im Moment sieht es allerdings wieder danach aus, und sehr wahrscheinlich handelt es sich auch lediglich um den Verzögerungseffekt des Donnerstags, aber vielleicht der Reihe nach.

(…) am Freitag verlief unser gemeinsames Tortebacken sogar recht hübsch, auch wenn wir keinen Fruchtzucker fanden und fürchten mussten (wie sich herausstellen sollte: mit Recht), dass die Torte nicht schmeckt. Aber egal: Nüsse, Sauerkirschen, Quark usw. und fröhlich gebacken. Miteinander (… ) so satt vor Glück (…) und nette Ankunft in dem seriös-schmucken Weinkeller in H., wo Sangliches und Dichtkunst anhob, auch Gespräch und Scherz, nur scheiterte ich dauernd, Kitty dafür zu erwärmen (…) Kitty (…) wollte im Auto warten, einfach die Zeit im Auto absitzen (…), doch M. kam nun hinzu, bat um Bleiben, und Kitty zeigte Bleibewille, stieg in den Tanzkeller und bot aber nun das Bild einer gänzlich eingekapselten Bewegungsminimalistin im demonstrativen noli me tangere. (…) Ich völlig hilflos (…) Morgens Heimfahrt nach Berlin (…) Dann das Blödeste: H. rief an, der uralte Freund, und ich Esel raunzte ihm am Wasserturm das ganze Desaster zu, als auch schon Kitty anrief und fragte, ob sie dazukommen könne. Worauf wiederum, als man selbdritt im Crêpe Suzette den ersten Cidre glücklich schluckte, H., dieser Hund, das heikle Thema anschnitt und, getrieben von seinem Mediatoren-Ehrgeiz, alles den Bach runterging. (…) Heute morgen aufgewacht mit reißendem Kopfweh. Dann Kittys Satz, dass unsere Beziehung “für’n Arsch” sei. Nach erstem Zögern beigepflichtet.

Beim Bäcker überlegte Kitty angestrengt, ob ihr nun die Idee einer Beziehung grundsätzlich nicht gefalle, oder ob ihr eine Beziehung mit mir nicht gefalle. Es wurde nun fast heiter, als wir die mathematischen – polygamen, monogamen – Lösungsmöglichkeiten durchspielten. Nur das Ergebnis war nicht so schön. Heute zieht sie zur Probe für drei Tage nach Frohnau.

17. Juli 2016 10:25










Gerald Koll

Das fünfzigste Jahr (6/7)

8. Juni 2015, ein Montag

Zwischenfall beim Aikido-Sesshin am Sonntag. Zusammenprall mit Partner, final gekrönt von seinem gezischelten “Ich schmeiß dich gleich aus dem Fenster, Mann!” Fluchtartig verließ ich das Dojo, duschte, zog mich um, ging zum Auto, kehrte um (so ein Abgang wäre allzu dumpf), wartete, zitterte, Tränen.

9. Juni, ein Dienstag

Auf dem Polizeirevier, Dienststelle 15, Eberswalder Straße. Wache hält ein rundlicher Polizist, der sich griesgrämig gibt. Ich wolle, gebe ich zart Auskunft, meine Schlüssel abholen, die gestern hier abgegeben worden seien … doch der Amtsträger wischt meine Worte aus der Luft, rudert unwirsch mit den Armen und kommandiert: “Name!” “Danke für Ihre Freundlichkeit”, entgegne ich artig und benenne mich. Das könne er ja nicht riechen, sagt der Polizist, öffnet, weist an, wo ich zu sitzen habe und verschwindet.

Kehrt zurück. An gespitzten Fingern baumelt das Schlüsselbund, ja, sehr nah lässt er den Bund vor meinem Gesicht pendeln. Aber kaum, dass ich mit “Das ist es!” danach greife, zieht der raffinierte Mann es auch schon zurück. Den Ausweis! “Na, dann halten Sie mir den Bund doch nicht so hin, wenn Sie ihn gleich wieder zurückziehen!” Er: Das müsse schließlich mit ordentlichen Dingen zugehen. “Niemand”, pflichte ich kampflustig bei, “hat weniger Interesse als ich, dass Sie Ihre dienstlichen Obliegenheiten vernachlässigen.” Er kontrolliert fachgerecht, händigt aus und setzt sein Schlusswort: “Und verlieren Sie ihn nicht wieder!” “Ja, so wollen wir’s halten!” Verließ ihn vergnügt.

16. Juli 2016 09:34










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