Mirko Bonné

Ein Glas Tränen

Trink das Glas, trink es und
Sommerwolken spiegeln sich.
Das Wasser fließt, ein Fließen

geht durch alle deine Jahre.
Grün der See, grün Seele.
Also fürchte dich nicht mehr,

die Sommerwolken spiegeln sich
auf Fluss und See. Im grünen Licht
trink aus dein Glas, trink es ganz leer.

*

21. Januar 2023 16:39










Christian Lorenz Müller

ODE AN EINEN URAL
(Pavel Ivanowytsch, Hochspannungselektriker,
gibt einer Journalistin ein Interview)

Ich mache das schon seit 31 Jahren,
nie hat sich jemand dafür interessiert,
und jetzt kommen Sie
und wollen einen Helden der Arbeit sehen,
tschjort, der wahre Held, das ist mein URAL,
der das Licht der Fabrikhalle erblickte
als Breschnew Chruschtschow stürzte,
beide wurden in der Ukraine groß, wussten Sie das?,
und mein Lastwagen ist kein Russe,
sondern ein echter Sowjet, aus Miass im Ural,
er kann nichts für das Z, das die Hebebühne
in die Landschaft schreibt, wenn wir
unter einer Leitung stehenbleiben, der URAL
brüllt dir bei 50 Sachen die Ohren taub,
aber er braucht keine Straße,
er kommt überall hin, so wie neulich,
als einer von diesen idiotischen Rasenmähern
iranischer Bauart einen Masten rasierte,
ich steuerte eisbrecherhaft über den Acker,
brach durch die gefrorenen Wellen schwarzer Erde,
vorbei am versackenden Wrack eines Panzers,
20.000 Dollar kostet so eine Drohne,
und dann macht sie nicht mehr kaputt
als ein paar Isolatoren, ein paar Streben,
nu, der Mast war ziemlich krumm,
aber was soll’s, er stand,
und wir malten unser Z in den Himmel
und hingen die beiden Kabel,
die am Boden lagen, wieder auf,
Bindebögen nach Charkiv, und als der Strom
endlich summte, setzten wir uns in den URAL,
er kann ja nichts dafür, dass sie ihm anderswo
Raketenwerfer auf den Rücken schrauben,
mein Sohn hat mir Fotos davon geschickt,
er wurde an dem Tag geboren,
an dem Jelzin in Moskau auf den Panzer stieg,
jetzt ist er in Bachmut, Artillerie, Kaliber
alles klar
, schreibt er, Zugmaschine ausgefallen,
wir schleppen das Geschütz mit einem Traktor
,
31 Jahre, hören Sie, seit 31 Jahren
mühen wir uns nur für meinen Sohn,
mein URAL und ich.

19. Januar 2023 10:52










Björn Kiehne

Ein gutes Land

Zieh den Nebelmantel an
und lass uns über die Heimat
sprechen, das gute Land in dir.

Dein Haar, ein Wald im Gebirge,
die Vögel warten in den
Zweigen auf das erste Licht,

das die Nebelschwaden
leuchten lässt und den
Wind befreit aus den Tälern.

Über Schläfen, Wangen,
Nasenrücken treibt er
sie, eine Herde Wasserwesen,

auf Pfaden alter Erzählungen
über Mund, Kinn durch
das Urstromtal zum Nabel,

zurück zum Anfang der Welt,
an dem der Wind abnimmt und
die Stille beginnt zu singen.

Es gibt einen sicheren Ort,
grenzenlos, friedlich und frei,
und, wenn sie in den Krieg ziehen,

zieh du den Nebelmantel an
und sprich über die Heimat,
das gute Land in dir.

15. Januar 2023 09:53










Tihomir Popovic

die baasler

ihr rhein
voller goldvische
duftet nach kirchenschatten
im frühherbst
ihr fährmann
im kupferharnisch
streitet mit bräsigen
bogenbrücken
ihr münster
müderot lehrfreudig
überragt die silberzikkurats
am anderen ufer
steine entzwei
bricht ihr lachen

15. Januar 2023 08:53










Christian Lorenz Müller

GEBORGEN HINTER FICHTEN FUHREN WIR NACH LVIV

Lviv – Slavske, etwas über zwei Stunden,
was war ich froh, aus der Stadt hinaus-
zukommen, es klackklack-, klackklack-,
klacklackte der Zug durch die Ebene,
eine unversehrte Hochspannungsleitung
schwang ihre Kabel über das winterbraune Land,
das Gediesel der Generatoren blieb hinter mir,
die Abgasschwaden verrauchten,
und ich freute mich auf die Stelle
bei Stryi, an der die Kinder sich immer
ans Fenster gedrängt hatten, immer liegt Schnee
auf den Gipfeln meiner Erinnerung,
immer war es Anja, die die Säge trug,
jedes Jahr erzählte ich den Kindern,
vom 5.1.92, immer wollten sie wissen,
wie groß der Baum gewesen sei,
viel zu groß, sagte ich, viel zu groß
für die zarte junge Frau,
der ich durch den Wald gefolgt war,
sie war leicht, sie lief über einen  Deckel
aus gläsern gefrorenem Schnee,
der mein Gewicht nicht hielt,
ständig brach ich ein, es harschte splittrig
gegen meine Knie, und meine Stiefel
waren Kellen, die Eiseskälte schöpften,
oberhalb des Gürtels schwitzte ich,
als sie endlich stehen blieb, vor diesem
viel zu großen Baum, eine Eisensäge
aus dem Rucksack holte und sich niederkniete,
ich merkte wohl, wie sie sich mühte,
wie das viel zu feine Blatt durch das Splint-
holz schmierte, ich bot Hilfe an,
sie lehnte ab, sie hatte Zacken, Kanten,
die der Säge fehlten, zweimal ging das so,
dann nahm sie an, sie ließ es sogar zu,
dass ich den großen Baum zur Haltestelle zog,
sie trug meinen kleinen, entlang der Gleise
war ein junger Wald gewachsen,
in dem die Passagiere standen,
und als die Elektrytschka anhielt,
wanderte der Wald hinein,
geborgen hinter Fichten fuhren wir nach Lviv,
Anja und ich, und es war warm
im duftenden Waggon, und als es dunkel wurde
fiel vor dem Fenster daunig-leichter Schnee.

 

4. Januar 2023 10:03










Thorsten Krämer

Sfumato III

Verrauchtes Rauschen, verzaubertes Publikum
vor der Waschmaschine. Das sind so mechanische
Ersatzhandlungen, der Blick durch Lumpen.

Oder Urlaube, Dauerbelichtungen unter südlicher
Sonne: unkenntlich längst die Gesichter, das
Wischiwaschi des Sentiments.

Das Konkrete ist der Feind des Wollens. Das
ist das Geheimnis, das in diesem Bild versteckt
sein soll. Aber das kann nicht sein, es

steht doch offen da.

30. Dezember 2022 11:28










Mirko Bonné

Unmöglich in Orplid

Wie kommt es, dass du an Tagen,
wenn Zeit wäre, weiterzuschreiben
an dem Roman um ein im Schnee
versinkendes Schiff voller Leuten,
Auswanderern, stattdessen lange
gedankenversunken hinausblickst
in den Hof, ewiges Geniesel, das
Grau, und dich dann unvermittelt
an den Tisch rettest, loszulegen,
halsbrecherisch, mit Gedichten
wie diesem? Wovor flieht Einer
wie du? Was gäbst du hin, noch
immer den Uhrzeigersinn für die
Stunde wirklicher Ergriffenheit?
Ich weiß wohl, ich lebe ja nicht
in Orplid, nur … unter Schloten,
in den Einkaufsmalls der Schrott-
vororte, bei den Glücksvisagen da
der Behämmerten, im ganzen Ruin
leb ich genauso wenig, deswegen
entschiede ich mich, stünd es mir
zur Wahl, für gar Sonderbares, für
Beschwören, Märchen und Magie.
Ich sprenge es, jag es in die Luft,
alles Mögliche. Vergesse Athen,
Rom, Beijing und New York, bin
Unmöglicher, zu Haus in Orplid.

Für Volker Sielaff

*

28. Dezember 2022 13:16










Markus Stegmann

Mörike repainted, Peregrina

Weniger als nichts
lichtloser Dezember
jene Augen des Waldes
flackern um verschlungene
Hälse nur schönfalte mir
nicht den Tod in Kelchen
der Nacht vergessene Blicke
stumm einzutauchen in
den Spiegel der See
wo halbverhängte
Stunden erstickte Küsse
Raketen und Rosen brennen
eh das Frührot schien
führten veilchenblasse
Lippen um Lilien im
Schatten des Meeres
verfing sich zag
ein Widerschein

26. Dezember 2022 23:10










Christian Lorenz Müller

TOTALAUSFALL

II

Dunkelheit erfüllte den Flur,
ein Zuhause ist dort, wo Licht ist, Wärme,
das begriff ich, als ich vor der Garderobe stand,
meine Finger den Mantel aufzuknöpfen suchten,
meine Füße aus den Stiefeln wollten,
immer, wenn ich heimkomme, brühe ich mir Tee,
ich setze mich für eine Viertelstunde aufs Sofa
und höre Musik, bevor ich dusche, esse,
Totalausfall, ich hatte eine Flasche Wasser
aus der Klinik in der Tasche, das war alles,
65 Prozent, ich tastete hinein
in die muffige Finsternis des Kühlschranks,
Butter, Wurst, Smetana und der große Topf
mit dem Borschtsch, seine Kälte gor
zwischen meinen Händen, als ich ihn
ins Wohnzimmer trug, ich hatte Hunger
nach roter Hitze, nach einem Teller,
der dampfend vor mir stand, ich hatte Ekel
vor dem Fett, das meinen Gaumen überfror,
vor dem klammen, dunklen Brot,
am meisten aber fehlte mir der Tee,
sein Zuckerleuchten auf der Zunge,
ich aß nicht viel, ich setzte mich aufs Sofa
und schrieb Maksym, 59 Prozent, alles in Ordnung,
nur kein Strom, kein Wasser, die Rayonsverwaltung
verspricht einen Tanklastwagen
für den kommenden Vormittag, das Gelbe
soll man stehen lassen, das Schwarze spülen,
morgen Vormittag würde ich in der Klinik sein,
dort war es warm, dort gab es Tee, 43 Prozent,
ich schaltete das Mobilnyk aus und zündete
eine Kerze an, ein Lichtbleistift schrieb
in flackernder Schrift Rätselhaftes auf die Wand,
ich hockte da, wartete in Mantel, Mütze, Schal,
bis ich die Wohnung wieder verlassen durfte,
spürte die Kälte um meine Stiefel zischeln,
sie kam aus Maksyms Kammer, ihr Reptilienleib
wand sich um meine Beine, schlüpfte durch die schad-
hafte Balkontür hinaus ins Freie, Schlange,
die immer dann beweglich wird
wenn draußen der Frost glüht,
schließlich putzte ich mir die Zähne,
zog das Sofa aus und ging ins Zimmer
meines Sohnes, ich nahm sämtliche Decken
von seinem Bett, das Laken nackt und bleich
im schummrigen Schein des Mobilnyks,
ich spürte, dass er fror, dass die Feldküche
vielleicht getroffen worden war, 38 Prozent,
ich legte mich aufs Sofa, zog mir die Decken
über die Augen, dachte an den süßen Glanz
heißen Schwarztees und hatte doch nur
schwarze Bitterkeit im Mund.

22. Dezember 2022 10:22










Mirko Bonné

An die Sternen

IHr lichter die ich nicht auff erden satt kan schawen /
Ihr fackeln die ihr stets das weite firmament
Mitt ewren flammen ziert / vndt ohn auffhören brent;
Ihr blumen die ihr schmückt des grossen himmels awen
Ihr wächter / die als Gott die welt auff wolte bawen;
Sein wortt die weisheit selbst mitt rechten nahmen nennt
Die Gott allein recht misst / die Gott allein recht kent
(Wir blinden sterblichen! was wollen wir vns trawen!)
Ihr bürgen meiner lust / wie manche schöne nacht
Hab ich / in dem ich euch betrachtete gewacht?
Regirer vnser zeitt / wen wird es doch geschehen?
Das ich / der ewer nicht alhier vergessen kan /
Euch / derer libe mir steckt hertz vndt Geister an
Von andern Sorgen frey was näher werde sehen.

„An die Sternen“, ein Sonett von Andreas Gryphius (1616 – 1664), ist Teil der dritten Sammlung des Dichters und erschien gegen Ende seiner niederländischen Studienjahre 1643 in Leiden. Ein Jahrzehnt jünger als Rembrandt, der die Universitätsstadt 12 Jahre zuvor verlassen hatte, war Andreas Greif aus Glogau in Schlesien, der sich Gryphius nannte, da 27 und seit sechs Jahren poeta laureatus. Anders als von „Es ist alles eitell“ und „Menschliches Elende“ gibt es von „An die Sternen“ keine Erstfassung in den „Lissaer Sonetten“. Auch deshalb erscheint mir „An die Sternen“ einzigartig und wundervoll. In meinen Augen ist das fast 380 Jahre alte Gedicht eines der schönsten in meiner Sprache. Lesen lässt es sich als Anrufung, Huldigung oder Preisung der Himmelsgestirne und somit, wenn man will, Gottes, von dessen Welterschaffung sie Zeugnis ablegen. Davon sprechen jedoch allein die ihre Alexandriner wie auf stellaren Bahnen über die Zeilen führenden Verse der beiden Quartette. Die in den Anfang zurückmündenden sechs Zeilen der mit schweifenden Reimen versehenen Terzette erzählen dagegen von der Lust des dichterischen Gemüts am Staunen über die Welt und ihre Darstellbarkeit durch das so hell wie ein Stern leuchtende Wort. Es geht Gryphius um das gar nicht göttliche, vielmehr immer aufs Neue aus dem eigenen Ich schöpfende Wunder der Benennung: eine Lebendigkeit stiftende Kraft, die der Dichter stellvertretend für jeden festzuhalten versucht, der wie er nach Spuren und Zeichen der „Herz und Geister ansteckenden Liebe“ sucht. Ich stelle mir, wenn ich „An die Sternen“ lese, auch Andreas Greif vor, in einer Nacht unter freiem Himmel, den Blick erhoben, staunend, rätselnd und sicher nur seiner selbst.

*

15. Dezember 2022 09:27