Hendrik Rost

Parolen als Platzhalter

„Wirsing ist für alle da“ –

an einer Hauswand

„Wirsing ist Liebe“ –

auf einem Briefkasten

 

Hamburg, September 19

 

 

 

 

22. September 2019 07:32










Tobias Schoofs

SANTIAGO

ein freilicht-museum für ortho
pädie man grüßt mit der krücke

wie geht es? der reinste zynismus
man bekommt eine ganz neue sicht
aufs aua aufs leben auf aua die füße

das wort blase geht um wie die pest
und footmassage ist thema nummer
eins in der schlange am fahrkarten

schalter nächstes jahr knieschaden
in fátima? geh mir weg du christ!

20. September 2019 17:52










Hendrik Rost

Idiom

Meine Freunde sind Idioten
geworden. Ich bin mit Idioten
verwandt, meine Feinde sind
Idioten. Was für ein Segen
für Idioten wie mich, sich nicht
mehr verstecken zu müssen.

16. September 2019 07:19










Christian Lorenz Müller

AUS DEM PERSONALBÜRO EINES POETEN

Das Nomen
Sitzt hinter seinem Schreibtisch, steht an seiner Werkbank über die Jahre. Setzt gerne Fett an, wartet gutmütig und träge bis zu seiner Pensionierung oder vorzeitigen Entlassung. Adjektive zaubern ihm Farbe ins Gesicht, Verben bringen es ein paar Sätze lang auf Trab.

Das Adjektiv
Ist oft zu konventionell oder viel zu schrill. Hat die Angewohnheit, sich sofort dem stärksten Nomen um den Hals zu werfen, ganz besonders dann, wenn es paarweise oder in Gruppen auftritt. Trotzdem absolut unentbehrlich. Ein, zwei originelle Adjektive, und alle anderen Wörter lockern die Krawatten, lächeln und gehen gerne wieder ihrer Arbeit nach.

Das Verb
Kann keinen Moment lang stillsitzen. Hält die Hauptwörter in ständiger Bewegung, vertreibt die Adjektive vom Kaffeeautomaten. Sorgt unnachgiebig dafür, dass eine angefangene Sache bis zum Punkt kommt.

Das Adverb
Unscheinbar und bedürfnislos. Assistiert dem Verb bis zur Selbstverleugnung. Tritt kaum jemals in Konkurrenz zu seiner lauteren Kollegin, dem Adjektiv.

Die Konjunktion
Zeigt keinerlei Eigeninitiative. Wird nur dann lebendig, wenn es etwas zu verkuppeln gibt.

Die Präpositionen
Ungeliebte Laufburschen, die oft an der falschen Stelle stehen. Werden meist sträflich vernachlässigt. Erhalten sie nur ein wenig Aufmerksamkeit, tun sie klaglos ihren Dienst.

Die Interjektion
Riecht nach Heu und nach Mist. Abstrakte Begriffe rümpfen in ihrer Gegenwart die Nase; alle anderen Wörter erinnern sich wieder daran, woher sie kommen.

14. September 2019 11:36










Christine Kappe

Licht
ist ein Pfeil
im Nebel der Erkenntnis
plötzliche Sortierung meinerseits
damit einhergehender Sprachverlust
Verbindung deinerseits
„Ich kenne das noch…“
das ist dein Gebiet:
Hinauszögerung des Todes
so gelingt es mir
(noch) prosaischer zu sein als du
einzige Hilfe:
mäßige Bewegung mit nicht zu vielen Eindrücken
treffe die Hausmeistertochter
die eine Frau ist & eine Fahne hat
die Kinder graben das Haus aus

7. September 2019 21:55










Mirko Bonné

Immortelle

Dass
du
nie
tot
bist
Kind
als
Baum
Immortelle
Stern
aus
Stroh
hell
zart
grün
mein
Staubgeselle
der
nicht
stirbt
zeig
(sag)
mir
den
Grund
Immortelle
Sonnenzitadelle
Immortelle Immortelle

*

2. September 2019 23:41










Tobias Schoofs

OKAPI IM ZOO

im technischen zeitalter öffnet sich
eine stahltür und herein tritt ein wesen
halb giraffe halb zebra stehen
geblieben am wegrand der evolution

du kannst es dir nicht verkneifen
zückst dein smartphone und schießt
ein foto halb selfie halb gedicht

31. August 2019 23:07










Hans Thill

Die orphischen Dörfer

DAS NÄCHSTE DORF: hier hängt man die Heiligen, solange sie noch am Leben sind. Man bringt ihnen das Ertrinken bei, bevor es das Meer tut. Hier heißt es Chili con Carne statt Silikon Valley, Bamberg statt Bombay, Bayreuth, ein Beirut für Feiglinge. Man spricht ein schwebendes Schwäbisch, reist von Krankfurt nach Siechburg, von dort geht es dann nach Fluchhafen usw.

30. August 2019 14:23










Christian Lorenz Müller

WIE SPÄTER NUR NOCH

Fallende Birnen trommeln
mich in die Zeit zurück
in der Großvater die Fässer
an die Stallwand stellte,
blaue Kunststoffhumpen,
in die er schubkarrenweise
die Früchte füllte,
Süße des Spätsommers
an der sich die Wespen
summend berauschten.

Die Fässer standen dort im Schatten
bis der Frost kam.
Dann schürte Großvater das Feuer
unter einem bauchigen Kessel
der in einer dumpfen, engen Kammer stand,
saß stundenlang auf einem Hocker
und sah zu
wie sich aus gäriger Trübnis
heiße Klarheit erhob, durchscheinend
in die große Glaskaraffe tropfte –
Tage, an denen der Geruch nach Katzenurin
und feuchter Kleidung
sich verflüchtigte,
an denen allein der Duft
des Alkohols in der Kammer klarte.

Tage, an denen ich die Essenz
eines ganzen Jahres
aus dem Handteller leckte
und mir daran die Zunge verbrannte
wie später nur noch an der Poesie.

28. August 2019 11:39










Christine Kappe

Der Niedergang des Offlinehandels

Michael hatte einen Laden in MD. Es war mal ein Kopieladen. Aber, als ich hineinging, gab es keine Kopierer, nur alles andere stand noch herum, erinnerte aber mehr an eine Wohnzimmereinrichung. „Hallo, ich wollte eigentlich was kopieren.“ „Siehst du hier einen Kopierer?“ „Nein, aber… hattest du nicht mal welche?“ „Ja, aber ich fand das blöd. Die Bedeutung des Kopierens wird völlig überschätzt. Außerdem machen sie ungesunde Luft. Ich wollte nicht krank werden.“ „Das verstehe ich. Die Luft ist jetzt viel besser.“ Ich schaute mich um. „Aber wozu ist dieser Laden jetzt da?“ „Warum muss ein Laden denn immer zu etwas da sein. Ich mag das nicht. Ich möchte, dass die Leute einfach so kommen. Das ist doch viel schöner.“ Er umarmte mich. Das war ganz angenehm. Aber ich musste weiter, ich brauchte ja noch die Kopien. Außerdem brauchte ich eine Regenjacke.

„Weißt du, wo man gute Regenjacken kaufen kann?“, fragte ich Michael. „Gegenüber hat doch Maik seinen Laden. Der will den zwar aufgeben, weil alle nur noch per Internet bestellen, aber seine Restbestände verkauft er noch. – Warte, ich komm mit.“ Er schloss den Laden ab und wir gingen zusammen. Maik hatte ebenfalls einen dunklen, etwas verwahrlosten Verkaufsraum. Es stellte sich raus, dass er nur gebrauchte Kleidung verkaufte. Aber dafür teure Marken, er zeigte mir ein paar Jacken. Die Farben gefielen mir aber nicht, orange, gelb, rot, irgendwelche Brauntöne, nur ein Mantel, der war sehr lang, enggeschnitten, durchsichtig, die Kapuze in Blumenform, aber die konnte ich ja abmachen, „Ja, ich glaube, den nehme ich. Schaut mal.“ Doch die beiden Männer waren hinterm dunklen Tresen in ein Gespräch vertieft, es war so eine Atmosphäre wie beim Frühschoppen, dabei war es schon Nachmittag.

19. August 2019 22:02










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