Hendrik Rost

Spieltrieb
Seit Jahren und heute betrachte
ich den Kampf einer Wahrheit
gegen eine andere. Jede mischt
ihr Gift in den Zustand,
bis er als Krankheit wirkt.
Die Zähne haben sie
der einen ausgeschlagen.
Die andere muss damit leben,
dass sie gesiegt hat.
Das Beobachten entpuppt sich als blutig.
31. Dezember 2017 23:08










Hendrik Rost

Apnoe in der Stimme

Statt wie sonst morgens in der Offenbarung des Johannes zu schmökern
und zu lesen, wie das Lamm das Buch mit den sieben Siegeln öffnete,
woraufhin im Himmel Stille eintrat,
etwa eine halbe Stunde lang –
Die Schar derer, die mit dem Siegel gekennzeichnet sind, ist groß
ging ich ans Regal und nahm mir ein Jahrbuch mit Gedichten
und öffnete es an beliebiger Stelle:
„Die Stimme deiner Spezies weckt dich und you drown.“
Es ist unnötig, sich abzufinden mit der üblichen Gefangenschaft.

28. Juni 2017 10:07










Hendrik Rost

Alles, manches, das meiste,

was von Schwärmern und Spöttern über Büchner gesagt wird, ist falsch oder abgestanden. Jetzt ist
aber eine wunderbare Gelegenheit, Jan Wagner zu gratulieren: Alles, alles Gute
und viel Inspiration weiterhin!

Ich las so vor mich hin und fand schnell zwei sehr schöne “Versuche”.

Einmal über Mücken:

als hätten sich alle buchstaben
auf einmal aus der zeitung gelöst
und stünden als schwarm in der luft

bringen von all den schlechten nachrichten
keine, dürftige musen, dürre …

Ein anderes Mal über Seife:

wurde weniger wie fast alles

und alle sitzen am tisch:
mondloser abend, duftende hände.

23. Juni 2017 15:55










Hendrik Rost

Bruch

Aus allem, was keiner sagte,
kann eine Strömung werden,
ein Luftzug, eine Weltreligion.
Immer noch rinnt das Wasser.
Ein Wort nur, und deine Seele
ist flüssig: Aus vorsokratischen
Fragmenten wurde zuerst Fluss,
dann Weltbild. Ein Quantum Blut
aufs Volumen des Lake Superior
reicht aus, schon erkennt ein Hai
dich als Beute. Besteig einen Berg
und sag – nichts. Der Blick reicht
bis nach Lesbos, und es pulsiert
das Wort noch, nach dem Gesetz,
wie es schon galt, als du schliefst,
allein. Ganz allein bei den Scherben
am Ufer. Bevor die Vase zerbrach.

7. März 2017 12:11










Hendrik Rost

Beweisfoto

Schweden

Sieh genau hin: Eine Meinung wird gebrochen durch den, der sie hat,
und zeigt seine eigentliche Position.
Ich war von morgens bis mittags im Zimmer
der Sterbenden. Sie atmete nur noch aus.
Bin dann zum Essen gegangen. Es gab Huhn,
Rüben und eine Art Kartoffelbrei mit säuerlicher Soße.
Der Schokopudding hatte Altersflecken.
Als ich zurückkam, war sie gestorben. Eine Hand
lag auf der Brust.
Ich atmete ein, was von ihr noch im Raum war,
die Gardine wehte hinter ihr,
auf dem Regalbrett stand Lebenshilfe, unangerührt.
Meiner Meinung nach war ich hier und sie
war ein Körper. Beide waren wir allein.
Und ein Fasan scheucht uns durch den Staub.

21. Februar 2017 16:12










Hendrik Rost

Initiativverweigerung

Alles, was jetzt noch kommt,
ist Bonus. Das Wichtigste
im Leben habe ich erreicht:
bin geboren, nicht
verzweifelt. In Teams
bin ich verloren – meine Stärken
liegen im Betrachten
der freien Stellen.

8. Februar 2017 13:37










Hendrik Rost

Tyche

Werde welcher du bist erfahren

Im Land für Freunde und erschöpfte Feinde,
wer hier lebt, der steht über dem Gesetz,
dass alles, was du tust, jemandem nützt.
Du bist weder der eine noch der andere.
Das Wetter ist schön auch ohne das Volk,
im Wald stehn junge Bäume als Kommentare
auf die alten. Du hast geliebt, und der Erfolg,
dich einzuklinken ins Leben, trägt für Jahre.
Im Land für Freunde und erschöpfte Feinde,
wer dort lebt, der steht über dem Gesetz,
dass alles, was du tust, Reiz ist und Reflex.
Lass gut sein, Pindar. Es ist Wochenende.
Nichts ist entschieden, Athen oder Theben.
Du wirst als eine von allen Fakten leben.

27. Januar 2017 09:34










Hendrik Rost

Kein Entkommen

Ungefähr alle 11 Minuten …

… ist Liebe plakatiert und käuflich.
… bellt ein Dackel im Hunsrück.
… fällt ein Schnitzel in Bratfett.
… prügelt ein Kerl seine Geliebte.
… fällt ein Urteil im Strafgericht.
… ist der Wille frei – so gar nicht.
… macht ein Präsident verbal klar Schiff.
… verfällt eine Welt in Panik.

17. Januar 2017 10:28










Hendrik Rost

Security Briefing

„Die richtige Erklärung ist aber die, daß ein großer Teufel in ihm Platz genommen hat und die Unzahl der kleineren herbeikommt, um dem Großen zu dienen.“

Franz Kafka

11. Januar 2017 14:56










Hendrik Rost

Rites de Passage

Wir werfen Heringe auf die Terrasse
und hoffen, Albatrosse werden sie holen.
Bitterkalt ist es heute, wir fahren

zum Einkaufszentrum, lassen kurz
das Kind im Wagen, es will weiter Fleurs
hören. Zurück auf dem Parkplatz, da steht

eine Traube Menschen am Auto, Polizei –
sie holen einen erfrorenen Hund
aus dem Wagen neben unserem.

Das Kind wedelt mit den Armen,
imitiert die gigantischen Antarktissegler.
Sprache nutzen wir fast nur, um

über Verständigung zu spotten, Blubb,
oder Meinungen, vermischt mit Fakten,
als Grimasse aufzusetzen: Demütigung

und Verschleiß. Wir müssen Furchtbares
aushalten, austeilen, um den Alltag zu genießen.
Seit dem Ende der Sterndeuterei

wird unsere Liebe von Matrosen bedroht.
Wir sind träge, ein gemaltes Schiff
auf einem gemalten Meer. Der Wind

bläst gut und weiß schäumt die Flut.

(neue Version)

6. Januar 2017 15:29










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