Mathias Jeschke

Nachts am Sonar

Ich bin der Wal deiner Träume. Ich verwirre
mich jedoch immer wieder im Geflecht
langsamer Gefühle, diesen Netzen, denen
wir beide nicht gewachsen sind, du liegst und
vielleicht schläfst du, ich aber sitze mich hier
zuschanden, das Wasserglas immer am Mann.
Nie hat mich keiner gefragt, wie wohl mir ist
am Abend. Ich schwimme hinaus, eigentlich
nur auf der Suche nach dem Punkt, der richtigen
Stelle, an der ich gut die Wasseroberfläche
durchbrechen kann, um zu springen. Wohin
denn sonst! Wenn ich zurück ins Wasser falle,
dringe ich ein in deinen Schlaf und du wirst
unruhig. Ich aber sinke hinab, weit unter deine
von den Rettungskreuzern bereits geortete
Position, in das gnädige Dunkel, das mich erinnert
an die Regionen jenseits der beleuchteten
Zentren auf den Bildern Rembrandts, die vom
Anglerfisch bewohnte Tiefsee, dieses Dunkel,
das nur mir gehört, solange ich weiter schweige.

8. Januar 2019 23:00










Mathias Jeschke

In den Pilzen II

Mit meinem Vater durchs Unterholz,
zeitweilig verloren wir uns aus den Augen,
dann hallten die Rufe durch den Wald.
Mischwald musste es sein, Brombeeren,
Farne und Moose in der Nähe, Pilze,
egal welche, waren notwendig, sonst
stand die Chance auf Maronen, Steinpilze,
Birkenpilze und Rotkappen schlecht.
Am besten vorsichtig gehen, lautlos, sonst
verstecken sie sich vor dir. Ich lief,
den Korb in der einen, in der anderen
das Messer, war voller Aufmerksamkeit,
ganz gespanntes Schauen, auf der Jagd
nach diesen Waldwesen, denen ich
manchmal beim Wachsen zusehen konnte.
Sie schlüpften durchs Moos, eine Kappe
von Nadeln und Blättern saß ihnen keck
auf dem Kopf wie Calimero die Eierschale.
Später hatte ich das Messer nur noch dabei,
benutzte es nun aber, auf mich allein gestellt,
nicht mehr, ich hatte mich schlau gemacht,
drehte die Pilze heraus. Hatte aber gelernt,
mich in Acht zu nehmen vor Bauer Maggot
und seinen fürchterlichen Hunden.

21. Dezember 2018 21:10










Mathias Jeschke

In den Pilzen I

Auf Regentour den oberen Neckar entlang,
der Soundrack von Black Sea Dahu aus den
Boxen, Stream of Consciousness zum sanften
Hin- und Herschwingen – zwischenzeitlich
halbwegs im Takt der Scheibenwischer –
inmitten von Bergen, bunten Wäldern und
Auen, mit schwanweißen Gießkannen besteckt,
am Ufer die Mandorla eines Boots. Es wartet
im Blauen Haus das Pilzgericht, zubereitet
aus den kleinen Schlingeln, mit denen ich
am Morgen im Wald Verstecken spielte, ich
musste so lachen. In einem dieser Ufernester
plötzlich eine Dekohölle aus grellbuntem Glas
und unter jeder zweiten Dorflinde hockt wie
ein Igel ein Landgasthof mit Namen „Zum
grünen Baum“. So fahre ich hin und her, fahre
mir hinterher, ich fahre wohl invertiert zu mir
zurück. Und während ich sitze am aufrichtigen
Holztisch im Blauen Haus, angekommen und
satt, leuchtet vor mir immer noch golden
das große Brett mit den Pfifferlingen, denen ich
nicht über den Weg traue, weil ich nicht weiß,
ob es nicht doch nur falsche sind. Sie und ich,
wir zwinkern uns zu, vertagen uns auf morgen.

20. Dezember 2018 22:11










Mathias Jeschke

Synopse

Die vom Wind berauschten Bäume, keine Eichen wie in Dodona
(Peter Handke weist in einem Interview, dem ich auf YouTube
gefolgt bin, auf das Orakel hin), Birken und Eschen, umstehen
die Erzgrube, in der ich eben noch geschwommen war, ich legte
das Buch aus der Hand, um die Sätze nun meinerseits aus den
Bäumen zu ziehen, da fiel mir die morgendliche Herrnhuter
Losung ins Hirn zurück, wo der Evangelist Lukas erzählt, dass
Jesus sich zu Petrus umwendet, und als ich wieder zu Hause in
der Konkordanz nachschlug, stieß ich darauf, dass Jesus sich
in den Berichten der Evangelisten zwölf Mal zu Menschen
umwendet und daraufhin zu ihnen spricht, was mich wiederum
an das Schwimmen im See erinnerte, bei dem es, wie genauso
beim Schwimmen im Meer, für mich immer vor allem darum
geht, vom Ufer fortzuschwimmen, mich zu entfernen, um dann
mich umzuwenden, den Blick zurückzuwerfen und das, was
mich vormalig umgab in der Zusammenschau, der Synopse,
wahrzunehmen (wie Jesus es tat, wenn er vom Boot aus zu den
am Ufer wartenden Menschen sprach), auch die Bäume, vom
Wind berauscht und zu mir, ja, mir, geheimnisvoll sprechend.

3. Oktober 2017 00:20










Mathias Jeschke

Veauville

Erneut spiegeln wir uns im Himmel,
während wir auf wellenden Wegen gehn,
Bäume, Sträucher an den Rändern,
wie auf einer Radierung:
ein Pärchen Rotmilane, kreisend.

Beim Eintreten der Honigduft,
wie in jenem Imkerschuppen
vor Jahrzehnten: Hyazinthen.

Die meiste Zeit verbringen wir
mit dem Buch, unserer Fernbedienung,
in der Hand vor dem Feuerofen,
immer schon der bessere Fernseher.

Ich schlafe, wäre dies
das Haus eines berühmten Dichters,
im Sterbezimmer.

Die Puppengesichter in den Wänden,
zwei kindliche Buddhas, blicken auf uns
herab, wie die ertrunkenen Geschwister.

Der Gekreuzigte auf der Holztruhe.
Der Gekreuzigte an der Gartentür.
Der Gekreuzigte auf dem Ofensims.
Der Gekreuzigte im Schrank unter der Treppe.

Im Schlaf wischt meine Mutter
den Schlaf mir aus den Augen.

28. Februar 2016 22:15










Mathias Jeschke

Bibelhaus

Ich stieg hinab ins Archiv und fand
zwei Bücher aus der Mitte des
19. Jahrhunderts. Neue Testamente,
eines in Tswana, eines in Maori,
beides im Süden der Welt.

Sie sind in London gebunden worden
von Burn & Son. Burn oder sein Sohn
hatte vor mehr als 150 Jahren
ein braunes Leder gewählt,
das mich in einen Urzustand versetzte.

Meine Assoziationen ließen mich
in einem englischen Ledersessel versinken,
ein rauchiger Whisky auf dem Beistelltisch,
das Feuer im Ofen entfacht,
Flammen, die vom Anfang erzählten.

Da lagen zwei Bücher vor mir, die mich
die Geschichte des Buches an sich
erahnen ließen. Sie sangen ein Lied,
das ich unter der Kopfhaut, auf meiner
Herzkruppe spürte: Fühle. Lies. Lebe.

23. Februar 2016 23:18










Mathias Jeschke

Literaturmuseum der Moderne

Ein Leitmotiv im Film über mein
Leben sind die Rufe der Bussarde.
Auf das akustische Signal folgt
der Kameraschwenk, so wie ich
immer meinen Kopf wende, um mich
neu zu orientieren, anhand der
Bussard-Koordinaten herauszufinden,
wo im Raum ich mich befinde.

Den Soundtrack liefert ein öffentlich-
rechtlicher Radiosender im Norden
oder Süden, der die Musik meiner
Kindheit und Jugend spielt, versetzt
mit knappen Informationen zum
Tagesgeschehen, einem launigen
Schlagabtausch zwischen Moderator
und Wetterfrosch und allen Toren.

Die Texte werden nach den Gesetzen
des Betriebes vergehen, ich könnte
auch gleich ein Feuer im Garten
entfachen. Dennoch schreibe ich
weiter, das gehört zu diesen schrägen
Absurditäten, die ja nicht nur mein
Leben bietet. Die Kinder zumindest
danken es mir. Und mich drängt es.

Was ich in Marbach denn abliefern
soll, wenn nicht meine Festplatte,
frage ich die Leiterin. Sie zeigt mir
einen Fotoapparat, eine Musik-Cassette
und Stachelschweinstacheln. Ich
denke an manches, was ich Zeit meines
Lebens angesammelt habe, weiß aber
plötzlich: Meine Stimme wird bleiben.

Warum meine Stimme? Meine Stimme
fügt zusammen, sie überbrückt und
vermittelt. Nicht immer freundlich,
zugegeben, aber ich bemühe mich,
ihr Manieren beizubringen. Sie findet
schnell Freunde bei Kindern, das
macht auch mir Riesenspaß. Und ich
spür immer, ja, da ist was lebendig.

22. Februar 2016 22:21










Mathias Jeschke

DIE VORSOKRATIKER von William Carpenter

Diese Gespräche werden immer komplizierter,
je weiter man sich entfernt.
So spät hast du angerufen, ich schlafe geregelt.
Ich wache auf mit diesem Klingeln im Ohr.
Du machst die Dinge viel größer, als sie sind. Übermäßig.
Es ist unmöglich, dass du „Parmenides in die Arme gelaufen“ bist.
Wie sollte er gesagt haben, dass „die Sonne täglich neu ist“?
Vielleicht haben sie so gedacht, die Vorsokratiker.
Sie waren so wunderbar naiv in jenen Tagen.
Vielleicht waren sie auch jeden Tag bis zu ihrem Tod einfach jung.
Wie ich es sehe, sehnt sich die Sonne nach dem Tod,
so wie jeder andere.
Jetzt gerade kannst du es sehen, am späten Nachmittag,
sie möchte ein roter Riese werden.
Sie möchte mit ihrer eigenen Spiegelung die Ehe schließen.
Sie möchte in ein Becken steigen, voll von ihrem eigenen Blut.
Ehrlich, ich fürchte mich vor diesen langen Abenden.
Fernsehen bringt’s grad auch nicht mehr.
Es geht auch niemand mehr raus, die Straßen sind gefährlich.
Das Kino, in dem wir „Eraserhead“ sahen, wurde abgerissen.
Wenn die Sonne jeden Tag neu ist, gilt das auch für die Nacht.
Das Telefon sitzt da, eine Hand auf dem Herzen,
sein langer, gelockter Schwanz.
Du bist zornig, weil du nie Kinder hattest.
Es ist immer dasselbe, was soll ich antworten?
Die Chinesen nehmen ein Sonnenbad an ihren gelben Flüssen.
Sogar die Sonne ist schwanger auf der anderen Seite der Welt.
Es gibt keine Autobahn, die von diesem Haus zu deinem Haus führt.
Sie befinden sich nicht mal auf derselben Karte.
Ich trage jeden Morgen eine neues Hemd oder eine neue Weste.
Ich versuche, glücklich zu wirken.
Bestand hat nur die eine Bedeutung einer Straße: Dass es sie gibt.

(Aus dem amerikanischen Englisch von Mathias Jeschke.)

21. November 2015 21:38










Mathias Jeschke

DIE TOTEN von William Carpenter

Unverzeihlich, diese Vergesslichkeit der Toten.
Sie würden nackt herumlaufen, wenn wir sie ließen, nicht
wegen irgendeiner bestimmten Unschuld, sie hätten
einfach vergessen, wo sie aus ihren Kleidern gestiegen waren.
Sie wollen, dass wir uns erinnern.
Das ist alles, was wir für sie tun können.
Was hätten sie denn davon, wenn wir essen, Sex haben,
am Strand herumliegen?
Sie wollen, dass wir uns hinsetzen und uns erinnern.
Sie sind froh, wenn wir dasitzen und über die Vergangenheit nachdenken.
Darin sind sie enthalten.
Meist sind sie die Stars der Szenerie.
Die Nebenrollen sind verblasst, die Details.
Sie wollen, dass wir uns an die italienische Küste erinnern,
wenn man von Venedig kommt,
die Bar, in der uns das Tintenfischsoufflé serviert wurde,
die Fahrt hinauf nach Urbino im Fiat 500.
Die Toten sind nicht nur lebendig,
sie sitzen am Steuer, sie fahren und essen.
Sie haben ein kleines umbrisches Restaurant entdeckt,
das nichts anzubieten hat außer Schinken und Käse.
Zu allem anderen sind sie strenge Vegetarier.
Sie picken den dünn geschnittenen Schinken heraus
und geben in uns, den Lebenden.
Sie sehen in uns Kannibalen oder Schweine.
Sie finden ihren Weg die steile Straße hinauf
zum Hotel Raffaello.
Sie feilschen mit dem Nachtwächter.
Die Toten sind gewieft in Finanzangelegenheiten,
weil sie in die Zukunft blicken können.
Sie wollen ein Zimmer mit Blick auf den Dogenpalast.
Sie führen uns auf den Balkon hinaus.
Fünf Stockwerke unter uns, da schreit eine Katze.
Die Toten haben keine Höhenangst.
Sie können im Mondlicht schwimmen, ohne zu ertrinken
oder verloren zu gehen.
Sie wollen, dass wir uns lieben, während wir noch angekleidet sind.
Sie sagen: „Das ist ein Notfall!“
Münzen aus unseren Taschen fallen
durch das Eisengitter.
Die Toten haben diese heftigen Orgasmen
in denen sie völlig verschwinden.
Am Morgen kommen sie von dort, wo sie waren,
hungrig zurück.
Sie wollen, dass wir ihnen ein paar von diesen kleinen Brötchen bringen –
Pannini, eine Frucht,
irgendetwas, eine Banane.
Sie hamstern, sie stecken sich ein Brötchen in die Tasche.
Sie wissen nicht, woher sie demnächst etwas zu essen bekommen werden.
Sie interessieren sich für Piero della Francesca.
Seine Figuren haben sich selbst vergessen.
Man kann durch ihre Körper hindurchsehen.
Hinter ihnen befinden sich Beispiele von Bauwerken und Bäumen.
Sie interessieren sich für Darstellungen von Christus als Kind,
weil Er von Anfang an verurteilt war,
davon kannst du erzählen wegen des Zweigs einer roten Koralle
um Seinen Nacken.
Die Toten starren aus den breiten Fenstern
und vergeben Machiavelli, Hemingway und Ezra Pound.
Weil sie kein Gedächtnis haben, können sie alles vergeben,
sogar während es gerade geschieht.
Deshalb wissen wir, dass wir bei ihnen sind.
Wir können fühlen, dass sie vergessen.
Wir werden im Auto aus Urbino hinausfahren.
Es wird regnen.
Sie vergessen den Regen.
Wir halten in einem hügeligen Städtchen
namens Sansepolcro.
Sie vergessen den Namen schon,
während wir ihn auf dem kleinen Schild lesen.
Wir werden nach Pieros Auferstehung suchen.
Christus wird ein erwachsener Mann sein.
Er wird ein Banner tragen.
Sein Fuß wird auf der Ecke des Grabes stehen.
Sie werden es vergessen.
Die Soldaten waren betrunken und schieden aus.
Sie sind Römer, in ihren Träumen geht es um Frauen.
Er hat ihnen bereits vergeben.
Alles, was Er will, ist mit Seinen Freunden über Land zu gehen.
Die Toten sind ein bisschen scheu und tolpatschig im Bett.
Sie wollen, dass wir etwas tun, trauen sich aber nicht, zu fragen.
Sie können nicht schlafen, erzählen von Alpträumen.
Wenn wir sie berühren, sprechen sie davon, sich im Regen aufzulösen.
Sie glauben schon lang nicht mehr an sich selbst.
Vergiss es, sagen sie. Das ist es nicht wert.
Sie schließen ihre Augen.
Sie bestehen darauf, im Schlaf zu sprechen.

(Aus dem amerikanischen Englisch von Mathias Jeschke)

18. November 2015 00:08










Mathias Jeschke

Ein Gedicht von William Carpenter

EIN BANNSPRUCH, DAMIT DAS HERZ NICHT IN DIE UNTERWELT GETRAGEN WIRD

Es ist das zweite Maiwochenende und ich hatte den Tisch auf die Veranda
gebracht. Ich hatte mir ein “Molson Golden” aufgemacht, um der Mannschaft
des ersten Segelboots zuzuprosten, das seinen Weg über die Bucht nimmt,
Die erste Einsiedlerdrossel singt im Fichtenwäldchen, ihre vier oder fünf
zeitgleichen Flötentöne bringen die Luft dazu, gläsern zu werden.
Es ist schwer, sich heute Abend die Unterwelt vorzustellen, überfüllt
von den Booten der Toten, dunkel und – still, außer den Schreien
der Leute, die erkennen, dass ihre Herzen entfernt worden waren und
dass sie sich nicht mehr an die Gesichter ihrer Familie erinnern oder die
Körper ihrer Ehemänner, die treu neben ihnen geschlafen hatten Nacht um Nacht.
Ich beobachte ein kleines Hummerboot mit Außenborder, das einen einzelnen
Punkt umkreist, als würde es nach etwas suchen, einer Falle aus dem letzten Jahr
oder einen im Winter verlorenen Anker oder Motor. Man kann dort drei, vier
Meter tief sehen, vielleicht sechs, wenn man das Gesicht eintaucht. In der
Unterwelt ist das Wasser tintenschwarz und die Fischreiher am Ufer, sie fischen
nicht, sondern beobachten aus den Augenwinkeln die Reisenden.
Manche sind echte Reiher. Die anderen sind Götter des Schreibens und der Literatur.
Die Reiher der Unterwelt haben selbst keine Herzen und
ich hoffe nur, dass es ihnen nicht gelingt, deins zu entfernen,
sondern, dass du es bis zum passenden Zeitpunkt in deiner Brust trägst.
Ich erinnere mich, wie sie in Venedig einen kleineren Kanal ausbaggerten.
Sie versiegelten ihn und legten ihn trocken, drei Männer arbeiteten
in unerträglichem Dreck, ein blaues Boot an ihrer Seite und auf dem Heck
ein rotkariertes Tischtuch, drei Gläser, eine Flasche italienischer Wein.
Festlich kann es bei jeder Gelegenheit zugehen. Auch das Herz ist eigenständig.
Es bleibt ruhig oder aber es singt vom Grund seiner Tiefe.

(Aus dem amerikanischen Englishc von Mathias Jeschke.)

21. Oktober 2015 21:33










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