Tihomir Popovic

Dragica Užareva

Links der Sonne

Dort links, und selbst links der Sonne,
pflückt die Hand ausgestreckt die Wolken
und zieht den Nebel in die Niederungen.

Der Rzav wiehert, ein junger Hengst mit Sattel,
entflieht er dem selbstvergessenen Blick.
Im Rot des Oktober badet der Wald,
wogen unbändig Gedankenwälder.

Ich kehre zurück in Seelengegenden voll Schatten,
die Gegend, aus der Güte in die Welt strömt.
Von ihr zu mir ausgestreckt
die Dornenarme des Himbeerstrauchs.

„Levo od sunca“, aus: „Nebeska mehanika“ („Himmlische Mechanik“), Stefan Prvovenčani, Kraljevo 2025 (aus dem Serbischen von Mirko Bonné und Tihomir Popović)

Rzav: Fluss in Westserbien. Er mündet bei Arilje in die Moravica.

Dragica Užareva (*1971 in Šabac, Serbien) ist eine serbische Lyrikerin, Essayistin und Übersetzerin. Für ihr Werk wurde sie unter anderem mit den Literaturpreisen „Branko Miljković“ und „Miloš Crnjanski“ ausgezeichnet. Derzeit ist sie an der Serbischen Nationalbibliothek in Belgrad tätig.

7. August 2026 16:19










Tihomir Popovic

tellsplatte

der traum aus
geschüttet

topasberge legen
ab im kahn

du bleibst
am ufer

mit tanne
fichte

hohle
gedichte

in der höhe
die autobahn

4. Juni 2026 12:23










Tihomir Popovic

île sainte-marguerite

hinter der festung
nur wald und kind
der eukalyptuswind
treibt die wolken
aufs meer hinaus

wir finden
unsere bucht
ihr tuberosenduft
nimmt mir sacht
die maske ab

gut kann ich
nicht schwimmen
aber atmen

8. Februar 2026 18:49










Tihomir Popovic

ein abschied

in jener nacht
siezte er sich
erstmals selbst

er saß am tresen
im silberbecher
ein künftiger könig

der schnee ächzte
am berghang und
unterm hermelin

vom seeufer kam
der blässhuhnpfiff
er folgte ihm wortlos

ohne wappen ohne garde

24. November 2025 09:34










Tihomir Popovic

granatapfel

das haus
windschief
verfallendes
versailles
feige
umgeh ich
die schlangen
brutgärten
bleib stehen
vorm familien
granatapfel
und lass ihn
hängen bis der
südwind kommt

zum gedenken an Tomislav Marinković

Tomislav Marinković, geboren 1949 im westserbischen Lipolist, war einer der bedeutendsten serbischsprachigen Lyriker unserer Zeit. Seinen ersten Gedichtband, Dvojnik (Doppelgänger), veröffentlichte er 1983. Zuletzt erschien Šta o nama misle andjeli (Was die Engel über uns denken, 2024). Seine Poesie wurde mit den wichtigsten Lyrik-Preisen in Serbien ausgezeichnet, u.a. mit dem Branko-Miljković-, dem Vasko-Popa-, dem Dis-, dem Desanka-Maksimović- und dem Zmaj-Preis. Marinkovićs Lyrik wurde u.a. ins Englische, Spanische, Russische, Portugiesische und Japanische übersetzt. Am 8. August 2025 ist Tomislav Marinković in seinem Geburtsort Lipolist gestorben.

10. August 2025 11:08










Tihomir Popovic

hitze

auf dem igelhügel
halten wir inne
mit singenden gläsern
die mutterkatze
bei fuß

unter uns
die weiße stadt
spillerig
glattrasiert
schlagfertig

die segelbrücke
kehrt uns den rücken
unverrichteter dinge
sticht sie in see
kurs norden

31. März 2025 10:57










Tihomir Popovic

mäusebussard

über dem nabel
der stadt segelt
der mäusebussard
sein säbelschnabel
blitzt in der hitze
die schwingen
tätig untätig

in seinem blick
alle streuner
auf belgrads straßen
flöße auf der sawe
jeder schiffer
mit dem donaukummer
voller schwarzmeerfurcht

26. Januar 2025 11:49










Tihomir Popovic

purcell

sing on
bis der see
die stadt überschwemmt

sing on
bis der tang
die turmuhren umschlingt

sing on
bis die boote
in fliederhecken blühen

bis die mailänder rosen
einschlafen im beten
sing on

30. Dezember 2024 22:15










Tihomir Popovic

fünf jahre

alles
fast alles
am alten platz

folianten
hauswurzen
elefanten

mit viel zu kurzen
hängerüsseln
aus plüsch

gut versteckt
im wohn
gebüsch

von ihr
die zwei porträts
ihre kleider im schrank

ihre notenblätter
ihre treue
familie

und linde
südliche winde
im speisezimmer

8. Dezember 2024 17:55










Tihomir Popovic

stadtvedute mit vater

ich sah sie
sah die stadt
im fluss

in einer tasse
passionsfruchttee
in montmartre

hinterm bachwasserfall
auf der konzertbühne
in der salle gaveau

in den fenstern
der fliegenboote
die mein vater liebt

im verschmitzten
sternengeschimmer
der boulevards

bei fnac sah ich sie
denn mein vater folgt
dem spatzengesang

im schwarzen kaffee
zu unserem späten
kaminfrühstück

in seiner iris
dem leuchtlächeln
sah ich sie immer

ich sah die stadt
da war sie noch
paris

21. November 2024 11:22










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