Hans Thill

Ortsveränderung: Die Dörfer

DAS NÄCHSTE DORF roch nach Nelkengestrüpp. Blut in der Pfanne! stand auf einem Wirtshausschild. Eine alte Frau öffnete eine Luke im Fachwerk und rief: Verräter. Wir sprangen über Geländer, ließen die Kinder bei der Garderobe zurück.

28. Dezember 2010 10:37










Hans Thill

Ortsveränderung: Die Dörfer

DAS NÄCHSTE DORF lag in den Zeilen von Rüben, Kohl und Besen. Die Bewohner trugen Augenklappen mal rechts mal links. In der Mitte stand eine Pyramide. Hier fand früher das Blutgericht statt, unter Buchen, sagte ein Gemeindediener. Wir dachten an Alexander, der dem Kläger nur ein Ohr lieh (Plutarch). Mit tastenden Schritten gingen Knaben über den Kiesweg. Frauen wischten Farbe von den Steinen, die an der Kirchenwand hingen.

21. Dezember 2010 10:00










Hans Thill

Ortsveränderung: Die Dörfer

DAS NÄCHSTE DORF hatte ein Bretone ganz hinuntergeschluckt. Jetzt hieß der Flecken nach den Fischen eines nahegelegenen Teichs, in dem die Bauern ihre Traktoren wuschen. Wir hörten in den Monokulturen den Zucker steigen, als wir trockenen Fußes auf dem heißen Band der Wirtschaftswege trabten, klopften wir mit Stöcken auf den weichenden Belag.

14. Dezember 2010 16:27










Hans Thill

Ortsveränderung: Die Dörfer

DAS NÄCHSTE DORF hatte ein Sektierer seinen Katzen vermacht. Kinder saßen in den Binsen, jedes so ein Stück Fell in der Hand. Die Stengel auf den Feldern waren zerbissen, aus dem Kirchenportal hörte man Streichmusik. Es war wie in alten Bildergeschichten (Epinal): die Früchte stapelten sich bei den Stallungen am Ausgang. Hatten die Frauen an Spielgeld gerochen? Waren die Männer auf Motoren unterwegs?

7. Dezember 2010 11:12










Hans Thill

Ortsveränderung: Die Dörfer

DAS NÄCHSTE DORF zog sich, zog sich mit Wegen bis zum hohen Hahn. Vor den Garagen trocknete Mais und ein rotes Salz, das man sich auf die Wunde streut. Wir gingen in die Apotheke, kauften Tränen. Bei dem großen Scheunentor lag ein Student unter einem Stein.

30. November 2010 09:43










Hans Thill

Ortsveränderung: Die Dörfer

DAS NÄCHSTE DORF lag bei einer umgestürzten Wassertonne. Männer in Blau rauchten über dem Holz. Am Ortsausgang die winkenden Kinder. Kalt und zackig lag das Buch vor dem Rathaus, ein Kommando für Fuchs und Wolf. Mit der Wäsche an der Leine wischte sich der Himmel frei

23. November 2010 09:56










Hans Thill

Ortsveränderung: Die Dörfer

DAS NÄCHSTE DORF auf gesägtem Gelände, tröstlich und nackt. Erst spät trat man hinter den Pflug und die Wörter waren rar wie Orangenwachs. Für Hose, Baum, Buch und Kiste genügte ein kurzer Lippenlaut, zögerlich geraten. Auch die Getränke verhallten rasch und einsilbig, als wir in der Stube aßen und die Tiere zu brüllen begannen.

9. November 2010 10:03










Hans Thill

Ortsveränderung: Die Dörfer

DAS NÄCHSTE DORF roch schon von weitem halb nach Auftrieb halb nach Schweiß. An der schmalen Front der Hügel lag die Sonnenseite, wo Greise ihre Kartoffeln unter Steine legten. Die Erde trinckt für sich, die Bäume trincken erden (Opitz). Ein Traktor rüttelte an jedem Stamm.

2. November 2010 10:03










Hans Thill

Ortsveränderung: die Dörfer

DAS NÄCHSTE DORF begann in der frischen Morgenluft mit Flecken an der Leitplanke. Hier hingen die Öfen aus dem Haus. Die Männer: rußige Gesichter, Zündhölzer zwischen den Zähnen. Wir sahen die Mäuse über die Fahrbahn huschen, dachten Opitz und Pest. Frauen kamen flach wie die Kinder des Olymp und wollten tanzen mit zusammengehenckten Händen.

26. Oktober 2010 10:15










Hans Thill

Ortsveränderung: Die Dörfer

DAS NÄCHSTE DORF, eine Durchgangssiedlung. Freche Völker hatten es zwischen weißem Bengelholz auf Isolatoren und Lehm errichtet. Wo man mit der Ferse kratzte, glänzte es elektrisch hervor. Wir suchten Unterkunft für Sekunden. Fremde werden gepackt, gebündelt und entflammt, warnte Seneca. Wir stellten unsere Teller vor das alte Tier, das sich mit Worten zierte.

19. Oktober 2010 10:15










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