Björn Kiehne
Jetzt steht das Auto endlich still.
Das Garagentor schließt sich,
diese dunkelrote Muttertür –
ich, embryogekrümmt im Bauch des VWs.
Suche noch immer das gelbe Tuch,
das du mir schenktest.
Du trugst es drei Tage lang um den Hals.
Es roch nach dir,
und als du gingst, blieb mir dieses Tuch und
dein Geruch zwischen meinen Fingern.
Nun atmet die Stadt endlich leiser.
Der Balkon löst sich vom Mietshaus,
ein Schiff mit Margeritensegeln –
ich, unterwegs in die Nacht.
Taste noch immer nach der Frage,
die in mir flüsterte.
Sie war so unaussprechbar klar.
Sie sprach mit dir.
Und als ich allein war, blieb mir diese Frage
im dunklen Raum zwischen Zunge und Gaumen.
Jetzt füllt die Stille endlich den Raum.
Auf deinen Anruf warten,
blitzende Satellitensignale –
weiter atmen, ein und aus.
11. Dezember 2009 14:14
Andreas H. Drescher
DARWIN:
So hart der Wind mir auch vor der Stirn steht und so tief ich mich auch in ihn hinein lehne: Er nimmt doch nichts von diesem Schwindel mit. Das ist ein anderes Meer als damals, mit vier Jahren, am Strand von Abergele. Kein Sand, um die Zehen hinein fahren zu lassen, wenn das Anlandige mit seinem Salzgeruch mich ankam. Hier liegt nichts unter mir als ständig neu geschrägte Planken. Auch nichts breit Daliegendes mehr in diesem Blau, das zugleich See und Himmel ist. Fortwährend fährt es um mich herum. Schlimmer noch: In mich hinein. Zu einem bösen Rühren, dass mir die eigenen, schlecht gezeichneten Korallen vor die Augen treibt. Schwarz kreisen sie vor mir wie der schwarze Samt-Rock meiner toten Mutter. Wenn der Sturm weiter so zunimmt, wird er bald wieder um mich sein, dieser Korallen-Rock, das Schwarz, das jetzt wieder aufsteigt…
MUTTER:
Korallen. Kein Lebewesen hat jemals etwas Größeres erschaffen. Steinkorallen voller Würmer und Weichtiere. Feuerkorallen voller Stachelhäuter und Krebse. Atolle, die von unten her auf den Meeresspiegel zu kriechen. Saumriffe entlang der Festlandsküste. Barriereriffe an der Kante des Kontinentalschelfs. Siehst du, wie sich die Erde formt und formt, mein Sohn? Das wird dir den Weg weisen.
(Aus dem Hörspiel „Darwins Schöpfungsgeschichte“, bei Bellerive)
9. Dezember 2009 13:18
Marjana Gaponenko
(Schlaf)
Bevor du hinter den Lidern verschwindest,
in den eigenen Augen deine Spuren verlierst,
flammt die liebste Erinnerung auf : die Nacht
unter deren Zweigen du erhobenen Hauptes nicht gehst,
weil sie dich auf ihren Schenkeln, den Straßen, rollt.
Zuvor nagst du dich daran satt,
beißt dich fest in das, was nicht zu halten ist:
des Nebels zärtlichen Handschuh,
den Rabenschlaf – der Bäume Winterfrucht.
Du schaust dich wund
am Antlitz einer Frau,
der einzigen die du nicht haben kannst –
ein Engel der nur zu lieben weiß
durch dich hindurch die Welt.
7. Dezember 2009 19:06