Christian Lorenz Müller

SUCH DIE QUELLE

Such die Keller, die Schatzkisten voller Kühle,
such die Schluchten und ihre versteckten Schatten,
such die Quelle, die aus einem kälteren Jahrhundert tritt,
die sonnenlose Helle der Nacht auf der Haut
moosige Feuchte der Finsternis Frösteliges
der Schreck junger Glieder
beim ersten Sprung in den sternbespiegelten See
der Sommer der sich in das Lagerfeuer zurückzog
das klamme Gemüt mitten im August
die steifen Knie noch nach fünfzehn Radkilometern
die Rückkehr ins warm beheizte Elternhaus,
such in der Waschküche, wo Kühle erleichternd
an den Leinen hängt,
such in den Kavernen verrohrter Bäche,
den Bedienungselementen der Klimaanlagen, such.

24. Juni 2026 09:07










Mirko Bonné

Eine Ewigkeit in Schwelm

Im Augenblick, als ich zur Uhr sah, blieb sie
stehen. Da waren schwarze Blöcke
im Schneegestöber, Eingang
zu drei Tunneln,
                     Tunneln,
Tunneln am Ende des Lichts:
Der Ostwest-Express raste heraus,
vom Marais bis nach Moskau und zurück
Eisblumen, Eisblumen an den Fensterscheiben
aller Waggons, für alle Zeit
Eisblumen.

*

21. Juni 2026 14:30










Thorsten Krämer

22 °C in Sprockhövel

Als ich gestern Abend schon im Bett lag und noch
einmal auf mein Handy schaute, war dies die letzte
Benachrichtigung, die mir angezeigt wurde.

Ich weiß nicht, ob ich jemals in Sprockhövel
gewesen bin. Aber für mein Handy ist die Sache
klar: Es entlässt mich nicht in die Nacht
ohne den Gedanken an das Wetter dort.

Ich muss zugeben, von allen möglichen Gedanken
vor dem Schlafen ist dies nicht der schlechteste.

21. Juni 2026 09:17










Tobias Schoofs

HUNGER

der hunger wächst unermüdlich
so sehr man auch stopft

die müdigkeit ruht nie aus
auf den schlaf folgt der hunger
und dann wieder müdigkeit

und dazwischen immer im takt
das atemholen als hätte man angst
die luft ginge aus in der welt

6. Juni 2026 00:01










Tihomir Popovic

tellsplatte

der traum aus
geschüttet

topasberge legen
ab im kahn

du bleibst
am ufer

mit tanne
fichte

hohle
gedichte

in der höhe
die autobahn

4. Juni 2026 12:23










Karin Fellner

Dies ist ein Forst, kein Wald.

Ein Fort, in dem es von doppelten Böden hallt.
Ein geradeaus-Marsch, Sandpapier auf der Zunge.
Wann kommt Trost in die Lungen in Form eines Nach-Regen-Rauchs?

Rehe wie anmontiert. Instruktive Schau ausgestorbener Moose.
Riecht es hier nach Kadaver?
Papaver somniferum!

Wie uns das Rot verbindet, innerlich, alte Schuld,
Schlundgurgeln der Ahnen.
Hielten wir noch das Wort: si omnes ego non?

Ver- und Gebrechen umstanden jeden Stumpf,
ein lautes Hecheln, Unruh.
Voll war das Blech von ausgebleichten Fichten.

Tja, und jetzt singst du, singst, Amsele,
zidütriä, in den leeren Himmel.

29. Mai 2026 19:25










Sylvia Geist

Immern üben

Wir sitzen unter dem Walnussbaum.
Im Sommer haben wir immer unterm
Walnussbaum gesessen. Wir saßen
auf unseren steinwarmen Plastikstühlen
unter diesem Walnussbaum und sahen
dem langsamen Abend zu. Jetzt werden
wir da nicht mehr sitzen. Werden für
immer unter unserem Walnussbaum
gesessen haben, abgeernet von Wind oder
flinken, schwärzlichen Eichhörnchen,
und dort näher nebeneinander gerückt als
an irgendeinem Sommerabend nicht sehen,
wie lang wir über die mondhellen Kiesel
wachsen, raffen wir uns auf und gehen.

29. Mai 2026 00:12










Florian Knöppler

Füchse

Füchse schleichen durch meine Träume,
reiben sich an Bäumen. Hier ist unser Revier.
Warum knurren ihre Mägen?
Es ist noch Herbst.
Da sind Mäuse am Boden,
Beeren in den Sträuchern.
Genug für sie alle.
Halten sie mich für tot?

Sie lassen die Beeren hängen,
springen nicht nach Mäusen im Laub.
Langsam umkreisen sie
meinen duftenden Körper,
heben misstrauisch die Nasen,
Ein erster berührt feucht
meine eisigen Finger.

Ich bin wie festgefroren,
erwarte den ersten Biss.
Aber sie rollen sich ein,
neben meinen Beinen.
Körper und Herzschläge
auch an der Brust
und am Ohr. Wie warm,
denk ich, so kann ich schlafen.

22. Mai 2026 15:48










Hans Thill

Strapaziersonett no. 61

Petrarca: Benedetto sia ´l giorno e ´l mese et l´anno

Gepriesen Tag Monat Jahr
Saison Zeit Stunde Moment
Land, liebliches, und Ort da mich (von mir) getrennt
gefesselt und gefügt das schöne Augenpaar;

gepriesen erstes Bangen süße Gefahr
erschöpftes Keuchen, Amor rennt,
mit Pfeil und Bogen, direkt im Herzen brennt
der Wundkanal des Treffers der mir beschieden war.

Gepriesen zahllose Stimmen ausgetrieben
als ich der Herrin Namen in der Luft verstreute
und Seufzer, Tränen, Sehnsüchte nach Belieben;

gepriesen alle Blätter vollgeschrieben
zu ihrem Ruhm, was ich erdacht in Schaffensfreude
gilt ihr — für andere ist nichts geblieben.

7. Mai 2026 16:13










Mirko Bonné

Einfach schwierig

Wir müssten wieder einfacher schreiben.
Das Schwierige schreckt zu sehr ab. Wir
sollten vielleicht schwieriger schreiben.
Das Einfache schreckt zu viele ab. Ich
glaube, ich schreibe immer weiter, weil
ich kann einfach nicht anders. Schwierig.

*

16. April 2026 00:17