Christian Lorenz Müller

VON DER LIEFERUNG EINES FRÜHBEETS

Nichts anderes als eine große Kiste,
geeignet zum Transport
von eineinhalb Kubikmetern Frühsommer
in den März. In die Lieferung inkludiert
ist die Erwartung auf die feinen Flügel
der ersten Spinatblätter,
auf eine chlorophyllgetragene Zunge,
die hinüber ins Frühjahr gleitet.
Der Plexiglasdeckel der Kiste
eine liegende Tür zu einer wüchsigen Welt,
in der Same und Entwicklung
nicht bloß Metaphern sind.

Die Paketbotin allerdings heißt Gegenwart,
sie verlangt eine Quittierung,
aber nicht mit dem ersten Spatenstich,
dann läuft sie zu ihrem Transporter,
voll ist er mit Kartons, sie gehen allesamt
in die Ukraine, den Libanon, Iran.

9. März 2026 09:23










Christian Lorenz Müller

DAS PATROZINIUM DES BÄRLAUCHS

Die Bärlauchzungen
lecken nach Licht. Wie gut mir
doch die Sonne schmeckt.

Der Staub der Haseln
vergoldet den Wind. Prächtig
glänzt der Nachmittag.

Der Schal löst sich auf,
hängt als lose Volute
barock um den Hals.

Hell tabernakelt
die Sonne, Wärme wandelt
bärlauchgrün den Wald.

27. Februar 2026 10:05










Hendrik Rost

Realitätscheck
Leben ist Ja
zu sagen
 
auf die Frage,
ob du schon schläfst.

*
Lies diesen Text
immer wieder.

Fallen dir die Augen zu,
bist du wach.
22. Februar 2026 07:25










Tihomir Popovic

île sainte-marguerite

hinter der festung
nur wald und kind
der eukalyptuswind
treibt die wolken
aufs meer hinaus

wir finden
unsere bucht
ihr tuberosenduft
nimmt mir sacht
die maske ab

gut kann ich
nicht schwimmen
aber atmen

8. Februar 2026 18:49










Björn Kiehne

La Corniche

Der Strand im Winter,

müde Wellen

bewegen die Sandkörner,

komponieren

ein feines Rascheln,

das schon auf der Uferstraße

nicht mehr zu hören ist.

Ein leichter Regen

verwischt den Horizont,

dimmt das Tageslicht,

in dem

vereinzelt Spaziergänger

über die Corniche gehen.

In Schuhen

wie Schiffe,

Sardinenschwärme

durchziehen ihre Gedanken,

die Blicke in den Pfützen,

ihre Herzen voll

Ozean.

27. Januar 2026 10:33










Hans Thill

Zettel

8. Januar 2026 16:44










Mirko Bonné

New Jersey

Du bist ein amerikanisches Mädchen
Rotschopf leerer Blick
Lebst wie eine Sommersprosse
Im Gesicht der Welt

Noch so ein sterbendes Kind das zu früh zu viel gelernt hat
Du bist nicht so gut wie deine Mom aber so gut wie tot
Du bist so gut wie tot New Jersey ist nicht die ganze Welt

Welche deiner Schüsse haben sich ausgezahlt?
Neunundzwanzig mit deinem Kind
Das nichts zurückgibt und frisst
Was von deiner jungen Seele übrig ist

Noch so ein sterbender Funke der zu schnell zu früh gebrannt hat
Du bist nicht so schlimm wie dein Dad aber so gut wie tot
Du bist so gut wie tot New Jersey ist nicht die ganze Welt

Lass mich nicht zu lang allein hier draußen
Nimmst du mich auch da hin mit?
Lass mich nicht zu lange allein hier draußen
Nimmst du mich auch da hin mit?

Red House Painters
Lyrics von Mark Kozelek
Demos. Outtakes. Live. 1989–1995
Disclogs, Beaverton, Oregon, 1999
Übersetzt von Mirko Bonné

*

6. Januar 2026 19:25










Björn Kiehne

Katze

Und wieder findet eine Katze
ihren Weg nach Haus.

Ihr Heimweg
auf nasse Straßen gemalt,
in Wasserfarben,
die verschwinden,
wenn der Regen
darüber wischt.

Doch sie findet
nach Haus,
zurück zur Sprache,
in der sie sich
Geschichten erzählt,

ein Katzen-Ich gibt,
das miaut
und schnurrt
und sein Fell
mit rauher Zunge
leckt.

2. Januar 2026 11:41










Mirko Bonné

Zgorzelec

Erinner dich, sage ich mir,
an Görlitz und an die Stadtteile

am anderen Ufer der Lausitzer Neiße,
die Zgorzelec hießen und in Polen lagen

unter den gleichen im Sommerwind
blinkenden uralten Kastanien.

Es ist lange her, du in Zgorzelec.
Über die Brücke bist du gegangen,

und auf einem schattigen Platz, da
stand ein Bau wie aus einem Traum,

wo alles fremd wirkte, man selbst auch.
Hundert Leute saßen darin auf Stühlen,

alt, die Menschen, Stühle, der Traum,
und vorn, in einem hellen Leuchten,

las Adam Zagajewski seine Gedichte.
Das Licht, das leise Rasseln des Laubs

und sogar die Leute und ich, wir Skeptiker
und Skeptikerinnen aus Zgorzelec, Görlitz,

von wer weiß wo, alle waren wir offenbar
ergriffen von lauter Lebendigkeit.

Eine wundersame Stunde, wahrlich
unverhofft. Erinnerst du dich?

*

23. Dezember 2025 18:09










Sylvia Geist

Der Geschmack von Fadenschein

Alles wird gut im Schlafsaal der Engel. Wo unter einem Dach so blau
wie Welpenaugen die Dinge sich dem Sinn ergeben, den sie zuvor,
kraft welcher Zauberwörter immer, gemacht haben. Woanders leben

Menschen, finden Zuversicht in Gebeten oder der Gewissheit, dass
Singen den Vagusnerv beruhigt, und kommen mit der S-Bahn durch
den laufenden Monat. Hallen, Tunnelhallen unter glatten Himmeln,

vorbei an Markthallen, Lagerhallen, Hallen voll mit plattem Land.
Im Gang hält jemand eine Ansprache an die Satten, die Geizigen,
die Heuchler. Was wird eine Sprache hier, wo sie nicht mehr bittet,

die bittere? Im Bauch das Frettchen Scham, wird sie still. Ich glaube
an die Gespräche in den verrückteren Zimmern dessen, was ich meine
Sinne nenne, und wenn du von dem Tag erzählst, als die Wetterapps

eigentlich noch einen mehr auf dem Trockenen versprochen hatten,
und von dem dünnen Farbband überm Gleis, zum sichtbaren Beweis
für unser Sonnenlichtspektrum geoffenbart vom Schauer in der Sekunde,

da deine Bahn ab in den Untergrund rauschte, macht mein Mund O
wie in good oder god. Nicht weil ich sähe was du siehst, nur liegt mir
die Vokabel Fadenschein auf der Zunge und schmeckt nach Honig.

3. Dezember 2025 13:38