Mirko Bonné

Der Glastisch

Er steht heute im Dunkel in meinem Keller,
   der Glastisch, um den mein Vater und ich
herumstrichen, als es um alles ging, mein
   Aufbegehren, seine Gewalt, letztendlich
um Worte, um Selbstbestimmung, was ich
   und was er war und was er da spürbar
nicht länger hat zusammenballen können.

Mein Onkel will einmal seine Verlobte O.
   derart gereizt haben, dass sie ihn hilflos
auf den Glastisch schleuderte, worauf der
   zerbrach. Die gläserne Platte erneuert,
schoss mein Onkel die Frau zum Mond,
   wollte sie nicht mehr, gab den Glastisch
mir und will seither nichts von ihm wissen.

Ich saß an dem Glastisch, hatte Stapel von
   Steuerunterlagen vor mir, im Raum tobte
die Rasselbande, und es liefen Erik Saties
   Descriptions automatiques. Für die Frau
meines Lebens seinerzeit sei das, sagt sie,
   der eine Moment, in dem alles zerplatzte,
unser Leben, die Familie und ihre Zukunft.

Ein Junge war ich noch, immer unterwegs,
   ich stieg in die Bäume, um alles zu lesen,
und einmal, durstig, sah ich durchs Fenster,
   wie der Freund meiner Mutter geklammert
an den Glastisch zusammenbrach und starb.
   Tot lag er auf der Couch neben dem Tisch,
ums Kinn ein Geschirrtuch, das ich kannte.

Ich kenne das Möbelgeschäft am Isarufer
   von Tölz, aus dem der Glastisch stammt.
Ich weiß um seine Noblesse, weiß, er blitzt
   in einem Zimmer, das ewig leblos scheint.
Chrombeine hat er, immer kalt, absolut glatt.
   Er ist wie ein Fabeltier, das ausgerechnet
von meinem Leben alles mitangesehen hat.

Für Klaus Johannes Thies

*

29. April 2021 01:11










Christian Lorenz Müller

MAN KOMMT AUF DEN GESCHMACK

Mit tausend grünen Zungen
leckt der Bärlauch Licht.
Die scharfen roten Sprünge
eines Eichhörnchens hoch in den Bäumen.

Geschlossenen Auges
sitzen die Leute auf den Bänken:
Gaumen, die vorsichtig
von der Sonne kosten.

Schon breitet ein junges Paar
eine Picknickdecke aus, Serviette,
auf der es sich selbst serviert.

19. April 2021 08:26










Björn Kiehne

Famara

Wissen wir, woher die Winde kommen,
die auf den Ozean einschlagen und
Wellen vor sich hertreiben wie
Herden wilder Pferde?

Dünenzüge, Täler und Berge,
gepeitschte Steppen, ganze
Gebirge kilometerlang,
dann Land, unser sicheres Land –

Sand unter ihren Hufen, zutreten,
sich strecken, sich aufbäumen,
wiehern mit Gischt vor dem Maul als
Kliff- und Strandbrecher heranstürmen –

sieh, wie das Leben in ihren Mähnen schäumt.

18. April 2021 11:03










Hans Thill

Gesammelte Dörfer

DAS NÄCHSTE DORF schwitzte, schwitzte, nach Art der Affen, die auf den Bäumen wuchsen. Zur Arbeit kamen sie herab, nachts, um von den Leuten nicht gesehen zu werden. Man hatte Zitronen in den Genen oder Zwiebeln. Sauer macht lustig, sagte der Lehrer in Erläuterung des Dorfs. Das Gelächter kam uns auf der Straße entgegen, ein bitterer Geruch aus den Unterführungen, wo sich die Biker an ihren Tanks wärmten. Statt im Regen über den Makadam zu schlittern, hätten sie lieber dem Dorf ein Kühlung zugewedelt. Die Affen hielten sich an ihren Schwänzen fest. Es war heiß, heiß. Die Dörfer rückten zusammen, um das Klima zu besiegen.

14. April 2021 16:48










Konstantin Ames

geht so

die pute fragte
ob man nach fukushima
noch gedichte schreiben könne
lebt noch
die fische vor fukushima

13. April 2021 16:33










Mirko Bonné

Keine Schonung

Umzug, Umzug, Karneval im leeren Regal.
Diebisch lachen die Freunde diese Nacht,
komische Vögel. Ich trage das Faxgerät,
Geschenk einer Giraffe von Galeristin,
bei der ich zwischen lauter Kartons las,
für die Trödeljäger auf die Straße. Zack,
und weg. Im neuen Garten der Goldregen,
soll giftig sein. Werde ich, irgendwie, testen.
Keine Schonung, ein verwildertes Wäldchen
liegt hinterm Haus für die Zeit unter Kindern.

*

12. April 2021 14:24










Christine Kappe

aus 97

Unser Zimmer ist leer
Ausgehöhlt von einem Tag ohne Heizung
Es kann nicht genug Stille um uns herum sein
Ferne Klaviere bestätigen das
Der plötzliche Glockenschlag

Wie ungeheuer schwer ist diese Glocke
Und wir –
Messen dem Zeitvergehen eine Leichtigkeit zu, die es nie besessen hat
(Es sind übrigens immer die nahen Glocken, die zuerst aufhören zu läuten
In der Ferne schlagen sie länger)

Heidemarie* auf der Straße getroffen
Ich sah schlimm aus: wollte mir gerade ein Bier vom Kiosk holen
Ungekämmt, schlunzige Klamotten mit Müllresten
(Der Beutel war mir gerissen)
„Wohin gehst du?“
Zart nimmt sie mein Gesicht zwischen ihre Hände

„Zu Männern von Frauen
Die mir zeigen wollen, was sie geschrieben haben“
Momente, in denen das Leben anhält
Und einem eigentlich klar werden müsste
Wie richtig alles war
________________________

* Gibt es Dich noch?

11. April 2021 23:36










Christian Lorenz Müller

APRILBLÜTEN

Süß duftendes Schnee-
gestöber, blüht die Schlehe
am Sonntag im Park.

Die Schlehenblüte
des frisch gefallenen Schnees
am Morgen danach.

6. April 2021 08:40










Tobias Schoofs

UNTER WASSER

we should mesh them together
(Kim Deal)

tief im meer lebte ein kraken
er wude vertrieben aus seinem
garten vom klärschlamm den
london hamburg und andere

unter sich ließen ein walross
als es sah was vor sich ging:
was ist das für ein eiertanz!
um die neunte stunde schrie

der kraken und verschied
ein mann nahm den leib und
wickelte ihn in ein laken

2. April 2021 20:19










Andreas Louis Seyerlein

~

2.28 UTC – Ich lese in Dorothy Bakers Roman Young Man With A Horn. Plötzlich denke ich an Giuseppi Logan ( Hört ihm zu! ) dem ich im Jahr 2010 im Thompkins Square Park persönlich begegnet sein könnte. Viele Tage sind vergangen, seit ich eine Geschichte gelesen habe, von der ich mich sagen hörte, sie sei eine Geschichte, die ich nie wieder vergessen werde, die Geschichte selbst und auch nicht, dass sie existiert, dass sie sich tatsächlich ereignete, eine Geschichte, an die ich mich erinnern sollte selbst dann noch, wenn ich meinen Computer und seine Dateien, meine Notizbücher, meine Wohnung, meine Karteikarten während eines Erdbebens verlieren würde, alle Verzeichnisse, die ich studieren könnte, um auf jene Geschichte zu stoßen, wenn sie einmal nicht gegenwärtig sein würde. Diese Geschichte, ich erzähle eine kurze Fassung, handelt von Giuseppi Logan, der in New York lebt. Er ist Jazzmusiker, ein Mann von dunkler Haut. Logan, so wird berichtet, atme Musik mit jeder Zelle seines Körpers in jeder Sekunde seines Lebens. In den 60er Jahren spielte er mit legendären Künstlern, nahm einige bedeutende Freejazzplatten auf, aber dann war die Stadt New York zu viel für ihn. Er nahm Drogen und war plötzlich verschwunden, manche seiner Freunde vermuteten, er sei gestorben, andere spekulierten, er könnte in einer psychiatrischen Anstalt vergessen worden sein. Ein Mann wie ein Blackout. Über 30 Jahre war Giuseppi Logan verschollen gewesen, bis man ihn in einem New Yorker Park lebend entdeckte. Er existierte damals noch ohne Obdach, man erkannte ihn an seinem wilden Spiel auf einem zerbeulten Saxophon, einzigartige Geräusche. Freunde besorgten ihm eine Wohnung, eine Platte wurde aufgenommen, und so kann man ihn nun wieder spielen hören, live, weil man weiß, wo er sich befindet von Zeit zu Zeit, im Tompkins Square Park nämlich zu Manhattan. Es ist ein kleines Wunder, das mich sehr berührt. Ich will es unter der Wortboje Giuseppi Logan in ein Verzeichnis schreiben, das ich auswendig lernen werde, um alle die Geschichten wiederfinden zu können, die ich nicht vergessen will. – Heute las ich, dass der alte Mann im April 2020 im Lawrence Nursing Care Center in Far Rockaway, Queens während der COVID-19-Pandemie in New York City an den Folgen einer SARS-CoV-2-Infektion gestorben ist. – stop

für Karin Fellner

Fotographie Jon Rawlinson

„Niemand klang in einem Ensemble so wie
Giuseppi [Logan]. Bei seinem Spiel hielt er seinen Kopf weit zurück;
dazu erklärte er: „Auf diese Art ist meine Kehle weit offen“,
so konnte er mehr Luft einziehen. Er spielte in einem
Umfang von vier Oktaven auf dem Altsaxophon. Was
ihn als Improvisator von anderen unterschied,
war die Art, wie er seine Noten platzierte
und damit einen bestimmten Klang schuf,
dem die anderen der Gruppe dann folgten.
Seine Stücke waren aus diesem Grund sehr
attraktiv; Giuseppi hatte seine ganz eigenen
Ansichten über Musik …“ – Bill Dixon

> particles

25. März 2021 16:31










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