Andreas Louis Seyerlein

Оксана Стомина / Oksana Stomina

… ich hörte zu, es war an einem Mittwoch gewesen, eine Lesung der ›Brücke von Papier‹, und obwohl ich zunächst kein Wort verstand, war ich sofort berührt und verbunden gewesen mit Oksana Stominas Stimme, ein feiner Faden unbekannter Wörter, die ich fühlte. Jahre sind seither vergangen. 2022 musste Oksana Stomina aus ihrer Heimatstadt Mariupol fliehen. Ihr Mann blieb zurück, um die Stadt am Meer zu verteidigen. Zusammen mit anderen Helden von „Asowstal“ geriet er in eine über vier Jahre dauernde russische Kriegsgefangenschaft. Seit dem Überfall der Russischen Föderation auf die Ukraine sind ungezählte Menschen verwundet und getötet worden, überall im Land Mütter, die Särge ihrer Töchter und Söhne umarmen. Die Bürgerinnen und Bürger der Ukraine leiden unermesslich, die Ukraine widersteht. Oksana Stomina reist seither durch zahlreiche Länder Europas, liest und schreibt, kämpft für die Freilassung ukrainischer Gefangener und unterstützt Freiwillige und Soldaten an der Front. Ihre Gedichte sind Widerstand: Sie erzählen von der Hoffnung, von der Liebe, von einem Land  in Zeiten des Krieges, von den Grenzen des Sagbaren. Sie sind Unterstützung für die Seelen ungezählter Menschen, zugleich ein Mikroskop, das in Worten belichtet, was geschieht, wenn eine Nation, ein freies Land Europas, überfallen wird. Ich freue mich von Herzen sehr, ein Gedicht Oksana Stominas im Original und in der Übersetzung von Claudia Dathe, an dieser Stelle im Namen der Autorin in den „Goldenen Fisch“ senden zu dürfen.

 

Oksana Stomina

Wir kommen zurück

Wir kommen zurück, hörst du, denn sie sind dort Fremde in der Fremde.
Mein Herz, mein Kämpfer, trauriger Wächter, hüte diese
Langen trauten Träume, die den Heimweg kennen,
Über sie führe mich durch Verzweiflung, Enttäuschung und Schwäche!

Denn so wie ich werden sie die Ankömmlinge nie lieben.
Denn sie kennen die Stadt vom Ertasten, mit ihrem Namen,
von den aprikosensüßen Küssen, vom Gleiten der
weißen Möwen überm Meer, von den Sonnenstrahlen auf den Segeln.

Denn niemals und niemals und niemals und niemals
Haben sie dort einen Schatz gesucht, denn sie kennen den Schulweg nicht,
Waren nicht ihre Kinder, naiv und frech,
Bargen sich nie in den Armen der Großmütter und ihre Großmütter wurden dort nie geborgen.

Denn nie maßen sie die Strecke bis zum Horizont in Trippelschritten
Damals, als sie Mauern noch dick, die Bäume hoch,
Die Sommer wärmer waren und länger als die
Kriege und die Freunde behaust und lebendig.

Wir kommen zurück, hörst du, lern diese Worte wie ein Gedicht!
Wir kommen zurück, sag mir das einfach ins Gesicht!

Denn so wird es sein. Denn so lang der Krieg auch dauert,
heimisch werden die Besatzer nie und nimmer!
Denn sie erkennen die Stadt nicht mit geschlossenen Augen,
Denn sie lieben die Stadt nicht, denn das hat man sie nicht gelehrt.
Denn grundlos brannten sie die Stadt nieder.
Denn in Wirklichkeit haben sie bis jetzt keine Schlüssel.

 

 

Оксана Стомина

МИ ПОВЕРНЕМОСЬ

Ми повернемось, чуєш, бо вони там – чужі чужинці.
Моє серце, мій воїн, сумний вартовий, бережи ці
Довгі затишні мрії, що знають дорогу додому,
Проведи мене ними повз розпач, зневіру і втому!

Бо прибульці ніколи його не любитимуть, так як я.
Бо не знають це місто на дотик, на справжнє ім’я,
На солодкі, як смак абрикос, поцілунки, на крила
Білих чайок над морем, на промені сонця в вітрилах.

Бо ніколи, ніколи, ніколи, ніколи, ніколи
Не шукали там скарб, бо не знають дорогу до школи,
Не були його дітьми, наївними та зухвалими,
Не ховались в обіймах бабусь і бабусь не ховали там.

Бо не міряли відстань за обрій маленькими кроками
Ще тоді, коли стіни були міцними, дерева високими,
Коли літа були тепліші і довші від
Війн, а друзі були прикаяні і живі.

Ми повернемось, чуєш, завчи ці слова, як вірш!
Ми повернемось, просто скажи мені, що ти віриш!

Бо так буде. Бо скільки би не тягнулася ця війна,
Окупанти ніколи-ніколи не стануть нами!
Бо не знають це місто з заплющеними очима,
Бо не люблять це місто, бо їх цьому не навчили.
Бо спалили це місто без жодних на то причин.
Бо насправді і досі не мають від нього ключів.

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Oksana Stomina auf Instagram
Eine Brücke von Papier
Oksana Stomina Lettere Non Spedite

 

 

12. September 2026 10:56










Mirko Bonné

Var

Wieder brennt das Hügelland
Löschhelikopter tragen in Säcken
Mittelmeerwasser über die Hänge
in einem Schwall rauscht es
hunderte Meter tief auf
qualmende Anhöhen

Ich bin der Beifahrer
Beobachter der Manöver
Main Mix on Radio Paradise
Wasserfälle in der Luft
die Täler voller Dunst
verkohlt Pappelwipfel

Schreib es auf frag dich
wohin führt dich das Leben
was hat das mit Poesie zu tun
Berghänge Pappelwälder
alles nur mit dir nichts
bittergelb der Rauch

*

9. September 2026 12:44










Thorsten Krämer

Letzte Möhre vor der Autobahn

So ruft die Mutter, die am Steuer
sitzt. Ob das nun eine Warnung oder ein
Versprechen ist? Das lässt sich ihrem Tonfall
nicht entnehmen. Sie blickt dabei nicht

in den Spiegel, sieht nicht die Gesichter
auf der Rückbank. Die Brotbox ist noch
kalt vom Kühlschrank, und wer bin ich
in diesem Bild? Ich bin die Mutter, bin

die Kinder, bin die Möhre, auch die
Brotbox und das Auto bin ich; und die
Welt, durch die es fährt, die bin ich auch.
Von hier an wird es nicht gesünder.

7. September 2026 11:26










Christian Lorenz Müller

MARESENSPITZ

Langstieliges Gras bepinselt die Waden mit Tau,
das zarte Morgenzirpen der Schienen
unten im Tal, tote Fichten vergrauen den Gegenhang,
hier stemmen sich junge Lärchen
der Baumgrenze entgegen,
dann wieder Gras, Schafe wolken
in einem Kessel, überflackert
vom Schatten eines Gänsegeiers,
spreizflügeliger Vogel in kaltem Aufwind,
das Knirschen von schuppigem Gneis unter den Sohlen,
die Müdigkeit in den Oberschenkeln um die Mittagszeit,
Pause am beginnenden Grat, der Nebel aus der Tiefe heraufschert,
die Finger fassen so nackt nach den Broten,
wärmen sich vergeblich an einem behandschuhten Scherz,
nur weiter, weiter, dorthin, wo sich alles
verschmälert, verjüngt, wo der nächste Schritt
genau vor einem liegt, wo schneidig
seine alte Bedeutung zeigt,
wo die Geländerlosigkeit des Daseins
sich bei jedem Blick beweist
und der Freund Lebkuchen reicht,
Süßes überm Nebelreißen, wie abgründig
doch ein Gipfel sein kann,
aus Stein, aus Erfolg, aus Verlangen,
wie weit der Rückweg doch ist
zu den zirpenden Schienen im Tal.

Für Florian Vernschach

4. September 2026 08:09










Björn Kiehne

Dos Pasos – zwei Schritte

Durch die undichte Tür
fegt kalter Wind vom Rio Plato

in das leere Ecklokal El Gardel,
bewegt mit unsichtbaren Händen

weiße Papierservietten über das Parkett,
als wolle er die Schrammen im Holz

wegwischen,
Erinnerungen so vieler Schritte:

Zwei langsame vorwärts,
Wiegebewegung am Platz,
Seitschlussschritt,

eine Weltkarte
der verschwundenen Kontinente, Länder, Städte,

der Angst, zurückzukehren
an die Orte der Herkunft,

zu den Häusern, den Wörtern, den Lieben.

Werden sie uns wiedererkennen?

Werden wir uns wiedererkennen?

Zwei langsame Schritte vorwärts,
Wiegebewegung am Platz,
Seitschlussschritt,

mit den Füßen
Linien ins Holz ziehen,

dem Verlust
eine Bewegung geben,

dem Schmerz
eine Melodie,

dem Heimweh
eine Heimat.

1. September 2026 20:25










Mirko Bonné

Mantis Mantisse

Auf Augenhöhe sitzt sie an der Hauswand
reglos seit Tagen hinterm Fensterladen

außerirdisch infernalisch rostbraun
eine in dünne Streifen geschnittene

Kartoffelschale mit Beinen angelegten
Flügeln und am Kugelkopf zwei Fühlern

die Scherenarme zusammengeklappt
wartet sie worauf zum Glück unersichtlich

ein Gewitter ein auffressbereites Männchen
versprengt eine Waldameisenkohorte

womöglich erhofft sie sich Rettung wie ich
und weiß doch genauso es gibt keine

sie wendet ihr Gesicht mit einem Ruck
und blickt mich an wer bin ich was

fiele mir nur mein Gedicht wieder ein
das ich 1983 im Matheunterricht schrieb

Gottesanbeterin erbeutet Logarhitmus
Mantis Mantisse ja ich glaube so hieß es

*

21. August 2026 14:25










Florian Knöppler

Almkuh

Hier oben im Gebirge
sollen andere bestimmen.
Ich bin zu klein, zu jung,
um zu verstehen, laufe
zwischen hohen Felsen,
von denen Wasser rinnt
und Steinchen rieseln,
fallen, fielen, fallen werden,
wenn von mir schon lang
kein Mensch mehr weiß.

Warum werd ich nicht verschluckt,
erschlagen, von diesen Bergen,
in Geröll und Schlamm
begraben? Ich bin geduldet,
ein paar Stunden hat man
mir zugestanden, wohl wissend,
ich werde wieder
schnell verschwinden.
Oder ich bin dem, der hier
das Sagen hat, zu winzig,
um sich mit mir abzugeben.

Später hör ich Glocken,
Kühe kauen Gräser,
Flockenblumen,
Margeriten, Enzian.
Eine schaut mich an,
kommt mir entgegen,
lässt sich kraulen, schubbern,
zeigt mir, wo sie’s am liebsten hat.
Über ihrem Rücken ragen
Berge bis ins Blau.

Hier auf der Wiese sind
Geröll und Schlamm
vergessen, die Felsentürme
freundliche Gesellen.
Die Kuh und ich, wir sterben
im Handumdrehen,
aber heute könnte es nicht schöner sein.
Sie wird gekrault, ich darf ihr Gutes tun,
zwischen zarten Blumen, um die sie
im Lauf des Sommers ihre Zunge legt.

18. August 2026 17:52










Tihomir Popovic

Dragica Užareva

Links der Sonne

Dort links, und selbst links der Sonne,
pflückt die Hand ausgestreckt die Wolken
und zieht den Nebel in die Niederungen.

Der Rzav wiehert, ein junger Hengst mit Sattel,
entflieht er dem selbstvergessenen Blick.
Im Rot des Oktober badet der Wald,
wogen unbändig Gedankenwälder.

Ich kehre zurück in Seelengegenden voll Schatten,
die Gegend, aus der Güte in die Welt strömt.
Von ihr zu mir ausgestreckt
die Dornenarme des Himbeerstrauchs.

„Levo od sunca“, aus: „Nebeska mehanika“ („Himmlische Mechanik“), Stefan Prvovenčani, Kraljevo 2025 (aus dem Serbischen von Mirko Bonné und Tihomir Popović)

Rzav: Fluss in Westserbien. Er mündet bei Arilje in die Moravica.

Dragica Užareva (*1971 in Šabac, Serbien) ist eine serbische Lyrikerin, Essayistin und Übersetzerin. Für ihr Werk wurde sie unter anderem mit den Literaturpreisen „Branko Miljković“ und „Miloš Crnjanski“ ausgezeichnet. Derzeit ist sie an der Serbischen Nationalbibliothek in Belgrad tätig.

7. August 2026 16:19










Christian Lorenz Müller

FRAU FEUER KOMMT ZU UNS

Der Name des Tags
ist Esse. Morgens dreht sich
die Welt in die Glut.

Veraschendes Gras.
Über uns flammt ein Flugzeug,
zieht vorbei, verlöscht.

Nicht der Mast einer
Laterne – der Düsenstrahl
einer Rakete.

Flüssiger Asphalt.
Die Hitze ist aus Kohle,
ist aus Öl gemacht.

Klimaanlagen:
Kühle Kirchen für die Haut,
brummendes Beten.

Wir sind aus Wasser,
Schweiß zu Schweiß, so kehren wir
zur Sonne zurück.

Erschöpftes Warten
auf den Abend, auf den Un-
tergang der Esse.

28. Juli 2026 10:13










Mirko Bonné

One For the Vine

Unter dem Blauglockenbaum
sitzen wir vielleicht an der Mauer.
Und durch den Hof jagen Schwalben,
mit weißem Mönchsbauch, nacht
-blau Rückenfedern. Sie warten,
Frau Feuer. Komm zu uns.

In Zimmern Erinnerungen
nachformende Schatten, hinter
Sommerregengittern, einem Wall
gegen Tanklastwagen. Wie still
trotten durch die Hügelzeilen
Weinbergpferde. Komm …

Frau Feuer, komm zu uns!
Verbrennen, verbrennen. Dunst,
den grauen Tag! Im vergessenen Glas
steht noch der blaue Wein, eine Flamme
im Nieseln. Und da, die zwei Fackeln.
So lachen Füchse aus der Nacht.

Für Hans Thill

*

15. Juli 2026 18:36