Tobias Schoofs

HUNGER

der hunger wächst unermüdlich
so sehr man auch stopft

die müdigkeit ruht nie aus
auf den schlaf folgt der hunger
und dann wieder müdigkeit

und dazwischen immer im takt
das atemholen als hätte man angst
die luft ginge aus in der welt

6. Juni 2026 00:01










Tihomir Popovic

tellsplatte

der traum aus
geschüttet

topasberge legen
ab im kahn

du bleibst
am ufer

mit tanne
fichte

hohle
gedichte

in der höhe
die autobahn

4. Juni 2026 12:23










Karin Fellner

Dies ist ein Forst, kein Wald.

Ein Fort, in dem es von doppelten Böden hallt.
Ein geradeaus-Marsch, Sandpapier auf der Zunge.
Wann kommt Trost in die Lungen in Form eines Nach-Regen-Rauchs?

Rehe wie anmontiert. Instruktive Schau ausgestorbener Moose.
Riecht es hier nach Kadaver?
Papaver somniferum!

Wie uns das Rot verbindet, innerlich, alte Schuld,
Schlundgurgeln der Ahnen.
Hielten wir noch das Wort: si omnes ego non?

Ver- und Gebrechen umstanden jeden Stumpf,
ein lautes Hecheln, Unruh.
Voll war das Blech von ausgebleichten Fichten.

Tja, und jetzt singst du, singst, Amsele,
zidütriä, in den leeren Himmel.

29. Mai 2026 19:25










Sylvia Geist

Immern üben

Wir sitzen unter dem Walnussbaum.
Im Sommer haben wir immer unterm
Walnussbaum gesessen. Wir saßen
auf unseren steinwarmen Plastikstühlen
unter diesem Walnussbaum und sahen
dem langsamen Abend zu. Jetzt werden
wir da nicht mehr sitzen. Werden für
immer unter unserem Walnussbaum
gesessen haben, abgeernet von Wind oder
flinken, schwärzlichen Eichhörnchen,
und dort näher nebeneinander gerückt als
an irgendeinem Sommerabend nicht sehen,
wie lang wir über die mondhellen Kiesel
wachsen, raffen wir uns auf und gehen.

29. Mai 2026 00:12










Florian Knöppler

Füchse

Füchse schleichen durch meine Träume,
reiben sich an Bäumen. Hier ist unser Revier.
Warum knurren ihre Mägen?
Es ist noch Herbst.
Da sind Mäuse am Boden,
Beeren in den Sträuchern.
Genug für sie alle.
Halten sie mich für tot?

Sie lassen die Beeren hängen,
springen nicht nach Mäusen im Laub.
Langsam umkreisen sie
meinen duftenden Körper,
heben misstrauisch die Nasen,
Ein erster berührt feucht
meine eisigen Finger.

Ich bin wie festgefroren,
erwarte den ersten Biss.
Aber sie rollen sich ein,
neben meinen Beinen.
Körper und Herzschläge
auch an der Brust
und am Ohr. Wie warm,
denk ich, so kann ich schlafen.

22. Mai 2026 15:48










Hans Thill

Strapaziersonett no. 61

Petrarca: Benedetto sia ´l giorno e ´l mese et l´anno

Gepriesen Tag Monat Jahr
Saison Zeit Stunde Moment
Land, liebliches, und Ort da mich (von mir) getrennt
gefesselt und gefügt das schöne Augenpaar;

gepriesen erstes Bangen süße Gefahr
erschöpftes Keuchen, Amor rennt,
mit Pfeil und Bogen, direkt im Herzen brennt
der Wundkanal des Treffers der mir beschieden war.

Gepriesen zahllose Stimmen ausgetrieben
als ich der Herrin Namen in der Luft verstreute
und Seufzer, Tränen, Sehnsüchte nach Belieben;

gepriesen alle Blätter vollgeschrieben
zu ihrem Ruhm, was ich erdacht in Schaffensfreude
gilt ihr — für andere ist nichts geblieben.

7. Mai 2026 16:13










Mirko Bonné

Einfach schwierig

Wir müssten wieder einfacher schreiben.
Das Schwierige schreckt zu sehr ab. Wir
sollten vielleicht schwieriger schreiben.
Das Einfache schreckt zu viele ab. Ich
glaube, ich schreibe immer weiter, weil
ich kann einfach nicht anders. Schwierig.

*

16. April 2026 00:17










Florian Knöppler

Reiher im Winter

Als ich ein kleiner Junge war,
nahm dir ein Reiher fast das Auge,
aber du bliebst ganz gelassen.
Ein kurzer Schreck, dann nur dein Lächeln.
„Er ist aufgetaut, so viel ist sicher.“

Halbtot war er, als ihr ins Warme kamt,
die Muskeln starr, beinahe schon gefroren.
Deine Fingerspitzen an den Flügeln, Beinen,
dann der Ruck, der lange Hals wie eine Schlange,
die Schnabelspitze scharf am Ziel vorbei.

Wenig später nahm dir irgendwer das Leben.
Zufall oder Schicksal oder Gott?
Vom Vater im Himmel keine Antwort,
aber eines weiß ich sicher: Könnte ich ihn hören,
er hätte deine Stimme.

14. April 2026 08:05










Björn Kiehne

Gespräche mit dem Regen

Ich erinnere mich
der halbe Mond stand
zwischen Tarifa und Tangier

ein Tanker zog
wie der Schieber eines Reißverschlusses
das Meer auf

legte den Blick auf den Grund frei

wo Atlas
neben dorischen Säulen

und gesunkenen Galeeren
im Sand schlief

das Himmelszelt
wie eine Decke
über seinen müden Körper gelegt

atmete er leise
von der Last
seiner Aufgabe
befreit

Blitze zuckten
auf die kein Donner folgte

ein feiner Schauer fiel
obwohl keine Wolke
am Himmel war

ich lag wach

hörte

den fallenden Tropfen zu

wie sie auf den Fliesen der Terrasse
zersprangen

ordnete die Gedanken
ihrem Takt unter

übte mich darin

den Himmel

abzulegen

die Hölle
und alles dazwischen

lernte eine neue Sprache

zu sprechen

zuzuhören

leise Gespräche

mit dem Regen
zu führen

12. April 2026 10:42










Thorsten Krämer

*

ICH WAR DER LETZTE MENSCH AUF FACEBOOK.
Man sagte es mir ganz zum Schluss.
Ein letzter Klick, dann nur noch Werbung.
Auch so verging die Zeit.

Sicher, es hatte Zeichen gegeben: Namen,
Kommentare, die ich mir nicht erklären konnte.
Die schiere Anzahl der Produkte, deren Sinn
ich nicht verstand.

Im Rückblick weiß man vieles besser,
auch das habe ich durch ein Video gelernt.
Ich sehe das Gesicht noch vor mir, das es
mir erklärte.

Die Hand, die früher täglich tippte,
liegt jetzt in meinem Schoß.
Ich freute mich am Widerspruch.
Jetzt schau ich aus dem Fenster.

Ich war der letzte Mensch auf Facebook.
Einsam war ich nie.

1. April 2026 19:30