Markus Stegmann

Mirabellen

Im Nabelgebiet der Nacht
lösen Wangen das Haar
mäandern Mirabellen
deiner Mundschnur längs

11. November 2014 23:04










Mathias Jeschke

„Brandenburger Tor“ von William Carpenter

Ich liebe es, im November spazieren zu gehen, denn
es ist zur Abendbrotzeit schon dunkel und man kann
an den Fenstern der Leute vorübergehen und sie beim
Kochen und Essen beobachten. Wenn du Glück hast,
kannst du sogar sehen, wie der Mann von der Arbeit
kommt und die Kinder von ihren Nachmittagsterminen.
Du kannst den Ausdruck auf ihren Gesichtern sehen, wenn
sie einander begegnen, nachdem sie sich den ganzen Tag
bei der Arbeit oder in der Schule abgemüht haben. Jetzt
zum Beispiel gehe ich gerade an dem neuen Mobilheim
in meiner Nachbarschaft vorbei, wo sich jemand
allein die Nachrichten im Fernsehen anguckt. Familie
ist keine zu sehen, aber er hat ein Bier in der Hand und
eine Zigarette und er macht einen glücklichen Eindruck.
Ich trete dicht an das Fenster heran und blicke hinein.
Im Fernsehen reißen sie gerade die Berliner Mauer nieder.
Einige sind hinaufgeklettert und beginnen zu tanzen,
andere hacken mit ihren Taschenmessern herum, hacken,
bis sie ein größeres Stück Beton herausgebrochen haben,
manche von ihnen nehmen das Bruchstück mit.
Ich selbst habe ein Schweizer Messer, es hat
einen Kreuzschlitz-Schraubenzieher, und weil ich
an der Weltgeschichte teilhaben will, beginne ich
die Aluminiumplatten vom Haus des Mannes abzuschrauben.
Ich bin überrascht, wie einfach das geht: Jede Platte
eröffnet einen weiteren Abschnitt seines Wohnzimmers,
bald schon habe ich ein ordentliches Stück Wand
von einer Wohnwagenecke bis zum Fenster demontiert,
dadurch fährt ein Wind in sein Haus, so dass
der Mann seinen Kragen enger um den Nacken zieht.
Der Staatsratsvorsitzende der DDR,
Egon Krenz, spricht im Fernsehen zu seinem Volk.
Er benutzt das Wort Freiheit, es läuft
auf Deutsch und auf Englisch über den Bildschirm.
Und nun bricht er selbst ein kleines Stück aus der
Mauer – in seiner Hand wird der Beton zu Staub
und er bläst ihn mit einem Kuss in unsere Richtung,
in Richtung der Kamera und des Satelliten und
der Vereinigten Staaten von Amerika, wo ein Mann
mit einer Flasche Bier in der Hand Fernsehen guckt
und ein Mann mit einem Schraubenzieher dessen Haus
zerlegt. Es ist November. Keine Blätter mehr
an den Bäumen. Nur noch die vier Wände leisten
ein wenig Widerstand gegen die anrückende Kälte.

(Aus dem amerikanischen Englisch von Mathias Jeschke)

6. November 2014 19:53










Mirko Bonné

In Abwesenheit

Einer, der allein über ein Feld geht, weiß,
solang in der Luft der Schnee liegen bleibt,
gibt es die Schwarzpappeln dort, er meint,
im Innern genauso zu schneien und dass
es daher auch Innenpappeln gibt, immerzu,
in jedem Moment ab jetzt ist er vorbereitet.
Und genauso weiß auch ich mit einem Mal:
Pappelreihe! Das ist ein Ufer aus Bäumen,
und weiß auf einmal auch: mein Notizbuch!
Das sind Momente wie Jacken im Schrank,
im fremden Mundwinkel ein Funkeln, oder
jemand im Bus, der ihn in eine Geschichte
davonfährt. Während die Eisblumen blühen
an den Fenstern und immer was in Händen
zu halten ist, nimmt das Aufhören ein Ende.
Es schneit, als wartete der Morgen darauf,
nach einer so endlos erscheinenden Nacht
das Verlorengegangene sich wiederzuholen.
Schnee ist das, was ich nicht anhalten kann,
so als wäre jeder hier, auch in Abwesenheit.

*

5. November 2014 18:14










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