Mirko Bonné
Wenn wir über die Wäldergrenze hinausgingen,
in die freien Ebenen, an die Flüsse. Wenn wir die Städte
und das Land hinter uns ließen. Wenn wir nicht darauf achteten,
wer mit uns käme. Wenn da ein Licht wäre, und wäre es nur
ein vorgestelltes. Nur? Wenn die Geschichte einfach
endete. Wenn endlich Geschichten anfingen!
Eine Betriebsanleitung, ein Evangelium,
eine Dichtung, eine Scheidungsvereinbarung,
ein Verschweigen, ein Gesetzesentwurf, wenn alles das
eins wäre. Wenn wir Wyoming befreiten. Wenn die Unwirklichkeit
in Wyoming aufhörte. Wenn die Zuneigung zurückkehrte.
Wenn die Zuneigung zurückkehrte mit den Fischen.
Wenn alle die Fragen wohin, wodurch, wonach, welche,
weshalb und wann die Antworten ersetzten. Und wenn alles
mit einem Mal bliebe. Hier, dort. In Wyoming, überall. Ohne Ursache.
*
15. Februar 2016 21:07
Christian Lorenz Müller
Eine orange Brandung aus Schwimmwesten
Traumstrände, Dörfer in weiß und blau
zu Styropor erstarrter Gischt
Salzluft, die die Lungen reinigt
verrenkte Kleider in der Macchia
Baden in verschwiegenen Buchten
ein feuchtes Kopftuch auf Halbmast
spezielle Angebote für lesbische Paare
Schlauchboote, grau gestrandete Wale
bequem erreichbar ab Frankfurt, München.
12. Februar 2016 18:48
Markus Stegmann
Da sei immer Sand gewesen, Sand an den Sohlen, und ein schmirgelndes Geräusch habe sie begleitet, wenn sie auf Asphalt gelaufen sei. Frau Atnan fährt mit ihren Schilderungen aus Berlin fort. Ich habe Berlin-Schilderungen im Allgemeinen nicht sonderlich gern. Früher schon, heute nicht mehr. Heute kommt einem jeder mit Berlin-Schilderungen. Was mich daran am meisten bedrängt, ist die Botschaft eines echteren Lebens, das in Berlin und nur in Berlin zu finden sei. Daher begegne ich Frau Atnans Berlin-Schilderungen mit Skepsis. Wenn ich aber genau hinhöre, erzählt Frau Atnan gar nicht von einem besseren Leben, sondern von Sand an ihren Sohlen.
7. Februar 2016 22:38
Thorsten Krämer
Mit dem Wind verschieben sich die
Maßstäbe: deine Hand, schmetterlingsgroß,
auf der Rückscheibe.
Der Staub
hat die Farbe der Ziegel, frisch gebrannt
stehen sie in der Sonne.
Das Haus
des Ministers, drei Straßen weiter, gleicht
einer Ruine.
Deine Haut, die sich löst, wo sie
den Motor berührt hat – der Fahrer schmierte
Benzin darüber.
Sagte ich Straßen? Es gibt
hier keine Straßen, nur die Leere zwischen
zwei Behauptungen.
6. Februar 2016 11:56
Mirko Bonné
Ein junger Arzt sagt achtlos
deiner Tochter, die erschrickt:
„Der Tod seiner Frau, laut Akte
ist das kein halbes Jahr her.
Ein Glück, er erinnert sich
an nichts, weiß davon nichts.“
Aber wer weiß schon, hm,
was du spürst, was du
verstehst und welche
Bilder dir als wilde
Möwen um die Augen
segeln? Der Augensommer,
die Kirschbäume, die Wolken,
so weiß wie Krankenschwestern
im Klippengarten bei La grève blanche.
Natürlich, alle müssen wir sterben, solange
keiner den Tod in Frage stellt. Jede Liebe
ist ein Anker, und dein Körper, Claude,
weit oben auf der Oberfläche
der schwarze Rumpf,
treibt dort und dreht sich,
als wäre Wind aufgekommen.
Aber sieh doch das Erschrecken.
Diese Frau, die weiterlebt, weißt du,
das ist nicht deine, sie ist zur Hälfte
aber aus dir, deine Tochter ist sie,
und sobald du davontreibst,
hält sie alle davon ab,
dich aufzuhalten.
*
5. Februar 2016 11:10
Björn Kiehne
Die zwei Punkte am Schneehang das sind wir,
wie kleine Tropfen eingetrockneten Bluts
im kalten Stoff der Landschaft.
Früher spielten wir Fußball,
hier, wo die Feldmark beginnt.
Da wussten wir nicht, dass uns später,
alle Felder zu Schlachtfeldern werden,
dass die Steine unter unseren Schritten schreien,
die Hügel vor uns zurückweichen würden,
dass wir nicht werden warten können, unseren
Schmerz immer und immer wieder weiterzugeben.
Wer stellt uns jetzt noch die Kerze ins Fenster,
wer spricht uns jetzt noch die Einladung aus?
Krieger,
legt die Waffen nieder,
lasst den Schmerz,
kommt nach Haus.
3. Februar 2016 12:45
Christine Kappe
Thorsten hatte einen Holzkopf. Deswegen hörten alle auf ihn. Wenn er redete – und er moderierte ja immer die Wochentage – schlug er sich ein paar Splitter vom Schädel. Damit unterstrich er seine Worte. Das sah beeindruckend aus. Manchmal ließ er absichtlich ein paar Späne hängen, sie lockten sich dann und ließen seinen Kopf größer und schöner erscheinen. Natürlich wurde sein Kopf in Wirklichkeit immer kleiner. Aber das wollten wir nicht wahrhaben. Wir liebten nicht nur seine fetzigen Vorträge, sondern waren energetisch angewiesen auf ihn, ohne dessen Sound wir in der lähmenden Lethargie unseres kleinen Dorfes versunken wären.
2. Februar 2016 12:25