Sylvia Geist

Am Ameisenstrand

Die frischen Wohnhalme, die Arbeiterinnen,
die mit den unbezahlten Leben übern Trichterrand
der Siedlung rieseln, ihren kleinen grauen Löwen
Traurigkeit wecken: Alles klar wie die Skyline
hinter van Eycks Kathedralenwiese,

die bedachten Fronten, der Untergang
zwischen den Häusern. Erkennbar
hängt nichts zusammen unter der Sonne,
das nicht wäre wie ich oder du und anders
als unsere Hunde unberührbar, scharf.

Nie können wir das abzahlen, aber manchmal
trifft das Wehrlose das Wertvolle in der Leuchtschrift
über einer Kneipe, manchmal hält es wie Wörter.
Löwenmäulchen. Ameisenstrand. Manchmal
finden sich Attraktionen, Attribute wie klein, grau, arm

und -brust, Geisterdiät, diktiert von Mikroben,
Mirakel bis auf Millimeter, Mindestlohn. Streiche
klein und grau, wir finden uns am Rand und fallen
zusammen durch, bis dahin laufen wir, rieseln
berieselt von dem Monolog

unter uns oder darüber, und danken. Danken.
Kommen wir noch mal besser auf die Hunde.
Die laufen so mit als Scharren, Knarren,
die suchen und finden die Klinke, die Tür
wirft den Schatten, den wir wollen.

8. April 2016 20:30










Hendrik Rost

Das innen Hohle

Mit der Einjährigen auf dem Arm trete ich aus der Terrassentür und öffne die Schlagläden. Über den Rasen stolziert ein Vogel. „Sieh, die Dohle“, sage ich, aber sie schaut nach oben und verfolgt mit dem Blick zwei Krähen, die sich über den kahlen Baumkronen jagen. „Krah“, sagt sie und ich sage „Ja, zwei Krähen“. Ich muss ihr nichts zeigen, weil sie es schon sieht, kann es nur so benennen, wie wir, die schon länger reden, es kennen.

6. April 2016 10:37










Christian Lorenz Müller

SO FRÜH IM APRIL (Ekstase in Haiku)

Grüne Fontäne
der Weide, ein Springbrunnen
so früh im April.

Leute auf Bänken
blicken mit geschlossenen
Augen zur Sonne.

Und der erste Rock:
Fallschirm aus dem Frühjahrsblau,
gelandet im Gras.

Die Fahrradfelgen
blitzen, silberne Sonnen,
eingespeichtes Licht.

Goldregenschauer
durchnässen uns. Wir wollen
nie wieder trocknen.

Und die Gardinen,
sie lecken aus den Fenstern,
so süß ist die Luft.

Die Hunde im Grün.
Das Gras erleuchtet ihre
Mäuler und Schnauzen.

Und acht Haikus lang
ein grüner Junge sein, grün
in dem grünen Gras.

4. April 2016 08:34










Andreas Louis Seyerlein

~

0.18 – Für sei­nen Sohn, der gerade fünf Jahre alt gewor­den ist, hat sich Gus­tav L. etwas Beson­de­res aus­ge­dacht. Er ist in den Kel­ler gestie­gen, um dem klei­nen Lukas einen Dra­chen zu bauen, ein Geschenk von eige­ner Hand. Im Kel­ler lager­ten Holz und Sei­den­pa­piere in rot und blau, und Schnüre, davon feine Sor­ten und etwas kräf­ti­gere Gewinde. Im Kel­ler waren außer­dem Werk­zeuge zu fin­den, Sägen, Fei­len, Häm­mer, Cognac, alles das, was man so braucht, einen wun­der­baren Flug­d­ra­chen zu bauen. Es ist ein schö­ner Okto­ber­tag. Man zieht kurz nach Voll­endung des Kel­ler­wer­kes los auf die nächste Wiese, die schön blüht, Mar­ge­ri­ten vor allem. Lukas ist stolz auf den Dra­chen und der Vater ist es auch. Aus dem Dra­chen einer rei­nen Vor­stel­lung ist ein wirk­li­cher Dra­chen gewor­den, den man berüh­ren kann, ein drei­stö­cki­ger Kas­ten­dra­chen, der knis­tert. Gus­tav fühlt sich wohl, es ist ihm so rich­tig warm gewor­den, er hat sich gut ein­ge­pegelt. Einige Bie­nen flie­gen zick­zack herum. Ein star­ker Wind geht, der Dra­chen fliegt hoch hin­auf. Der Sohn und der Vater hal­ten ihn gemein­sam an der Schnur. Sie ren­nen über die Wiese. Ein­mal hebt der kleine Junge ab, der Vater erwischt ihn gerade noch am Fuß. Dann fällt der Vater um. – stop

5.06 – Schwierig sei, sagte Yolande, dass sie eine Großmutter habe, die in Armenien geboren wurde, und einen Großvater, der in Usbekistan lebte, und dass ihre Mutter ihre Kindheit in der Türkei verbrachte, dass sie ihren Mann in Griechenland kennenlernte, dass sie zwei Töchter gebar in Deutschland im Jahr 1995, dass die Sprache ihrer Mutter nicht Deutsch gewesen sei, dass sie selbst zunächst aber die deutsche Sprache lernte, dass sie in dieser Sprache träume, das sage man doch so, und dass sie über einen deutschen Pass verfüge, dass sie aber zugleich dieses dunkle Haar trage und ihre Augen von der Natur schwarz und mandelförmig gestaltet worden seien, weswegen sie sich stets anhören müsse, wie gut sie integriert sei in Deutschland, und wie gut sie doch die deutsche Sprache sprechen würde, so gut, dass man fast meinen würde, dass sie eine Deutsche sei, wo das aber doch nicht möglich ist, weil sie doch diese ihre Augen trage, und ihre Haut etwas dunkler sei auch im Winter, und dieses Haar, denkt man, sagte Yolande am 16. März des Jahres 2016 um kurz nach zehn Uhr abends, als sie gerade eben in einem Zug Platz genommen hatte. – stop

> particles

2. April 2016 21:39










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