Björn Kiehne

Ablandiger Wind

Ablandiger Wind
treibt mich aufs
Meer.

Ich schwimme
in die offene See,

hoffe auf das
Archipel der Wörter,
die Blauen Inseln,
in deren Dünen der
Ginster brennt.

Verzeih, ich kann
nie anders, als die
Ufer laufen zu lassen,
dich stehen zu lassen
am Strand.

Ich schwimme
in die offene See.

Ablandiger Wind, Du
entzündest die Dünen,
treibst mich aufs Meer.

1. Dezember 2017 10:04










Markus Stegmann

Rosaleda

Im Rosengarten Gegenlicht
trommelt Wasser in den
Brunnen regnet über
blasse Blüten hinterleuchtete
Nachmittagssonne letztes
Rosagelb des Jahres

Es ist Ende November
kleiner Engel
deine schwarze Silhouette
steht stumm im Licht
hält unbewegt
im Rauschen inne

Auf der Höhe unserer Augen
zieht ein silbriger Strahl
am Himmel alle
Instrumente im Cockpit
auf Abzug gestellt
verschwinden hinter Rosenhecken
ins Licht kein Luftzug
um Lärchen Leuchttürme
Porzellan und Tauben

Hinterm Kristallpalast
plustern sich barocke Pokale
auf der Balustrade Streiflicht
schlägt glockenheller
Himmel wirbelt Jahreszeiten
schaut schon dünner
um Mund und Maisfeld

Bleib bei mir
rosarotes Welken
ich pflücke dich
oder lieber noch
hänge mich
einfach
neben dich

3. Dezember 2017 22:03










Mirko Bonné

Im Sargzimmer

Nur erfolglose Vertreter und mittel-
mäßige Autoren bringt man so unter,
zumindest in Berlin. Die Hauptstadt?

Nicht deine. Deine Hauptstadt ist eine
unsichtbare, umso hörbarere dafür. Dort
rauschen die Bäume, braust der Regen,

sind die Tiere freie Bürger, ist verkappter
Selbsthass unbekannt. Im Sargzimmer
der deutschen Hauptstadt weißt du es

wieder, du bist nicht besser als jeder
ausrangierte Güterwaggon, abgestellt
an einem Feldrand an der polnischen

Grenze oder tief in Belgien irgendwo.
Niemandszüge rattern vorüber, und
einer wird kommen, dich anzukoppeln,

wart’s nur ab, zwei, drei Jahre noch, und
Schluss! Du horchst. Von Wand zu Wand
sind es anderthalb Meter. Träum schön.

*

6. Dezember 2017 16:44










Christian Lorenz Müller

REPEATING VOCABULARY: TO TRUMP

to trump – Trumpf spielen, auftrumpfen
to come up trump – etwas auf die Reihe bringen
to trump up – erfinden
to trump somebody – jemanden ausstechen
to trump something up – übertreiben; etwas vorgeben, das nicht der Wahrheit entspricht

7. Dezember 2017 12:38










Thorsten Krämer

*

Der Moment im Bett, wenn du nicht schlafen kannst und
plötzlich merkst, dass du ja in stabiler Seitenlage liegst, wie
nach einem Unfall, als hätte jemand anderes dich vorsichtig
in Position gebracht, damit du unbeschadet bleibst, der Kopf
geneigt, dass nichts die Atmung stört, und du verstehst, dass
dieser Jemand wohl dein Körper war — wie freundlich dieser
Körper also sein kann, auch wenn du diese Art der Fürsorge
für etwas übergriffig hältst.

9. Dezember 2017 13:49










Tobias Schoofs

BLAST

jetzt stirbst du eines gewaltsamen
todes auf diesem bootssteg: eine
halbherzige brücke: abgebrochene

kommunikation: eine rausgestreckte
zunge. und denkst dass du vielleicht
etwas anderes hättest lernen sollen
etwas das dir erlaubt hätte dich zu

verlieben auch an orten an denen du
geboren wurdest aufgewachsen bist
oder sonstwas gemacht hast. jetzt
mein freund ist das egal denn jetzt

wird sich wohl keiner mehr an dich
erinnern außer einem vielleicht der
gedichte über b-movies schreibt

11. Dezember 2017 23:45










Julia Trompeter

Dionysiou Areopagito

Unendlich lange, immerwährende Traurigkeit,
zwischen den Hügeln aufgespannte Leine,
die das Auge an einen Berghang kettet, der, oben abgeflacht,
die Akropolis streift und alles mit dem Schwarz der Pupille verbindet,
drüber und drunter nichts als blauer Himmel, und immer wieder
ein arges Würgen, Auswringen des Zwerchfells:
Not, Not, Not! Überall Krise, auch im eigenen Interesse
sollten Sie diesem Text etwas schenken,
Aufmerksamkeit zum Beispiel oder ein paar
mut- und muntermachende Tränen,
gibt es denn Freiwillige, die auf der Leine tanzen wollen,
oder was war das eben für ein zustimmendes Rauschen
in den Pinien, den Olivenbäumen, den Mandarinen,
oder war es das Klirren der Eiswürfel im Kaffee,
das plötzlich gefrorene Herz der Zikaden?

12. Dezember 2017 15:56










Andreas H. Drescher

CLINT EASTWOOD GESTEHT: „ICH HABE ABGETRIEBEN!“

Autokorso / Der Bürgermeister mit der schmalen Unterlippe / Pillen / Das Schielen aufs Stadtwappen / Ein Taschenrechner / So viel Zuneigung / Die terrassierten Uferböschungen / Ein Ball im Flussbett / Ein Ball in der Kläranlage / Dem Bräutigam gelingt es schwanger zu werden / Statt der Braut und statt der Schwiegermutter / Schmerzlose Reisen durch das Kindbettfieber / Der Schluckauf des Bürgermeisters autokratisch / Er lässt den Ball aufsteigen / Aus dem Seim / Aus dem Flussbett / Apfel-Schaumbad darin / Der bleiche Säugling / Bis in die Bläschen hinein die Rebellion des Taufregisters / Leder / Schartig geworden / Der Ball ist eben aufgerissen / Und das Kind in seiner Geburtsurkunde versteckt

15. Dezember 2017 22:21










Julia Trompeter

Brahmselnatz

Ich bin verwirrt. Der Schnee von draußen wiegt.
Der Kirchturm schlägt sich Schneisen in die Luft
mit seinem schweren Ton von anno dazumal.
Die Mischungen der Töne in c-moll und der Gesänge
im Wohnraum zum dritten Advent: leise und laut.
Und immer wieder wird die Alltagssinfonie,
die sich in den Dezembermorgen schmiegt,
von einem frechen Hundetext durchjault.

17. Dezember 2017 11:08










Mirko Bonné

Jede Nacht die Sterne

Jede Nacht zwischen halb
vier und halb fünf wachte er
auf und trat ans Fenster, und
stets war er da auch draußen
unterwegs auf der Straße,
als Hund vielleicht,
                       oder
er schwankte als welkende
Stockrose an einem Zaun durch
das Dunkel. Er lag im Bett. Er
schlief und war zugleich
unterwegs unter
Bäumen.
           Lange stand
er im Zimmer am Fenster,
war ruhelos und lief so müde
wie unermüdlich, ob in seiner Stadt
oder einer anderen, zugleich
durch das schlaflose
Hereinbranden,
                   das Herein-
branden und -branden des Lichts
der Sterne. Das Sternenlicht.
Jede Nacht die Sterne.

*

17. Dezember 2017 12:13










Andreas H. Drescher

Nikkei

Nikkei
der zahme Orca
hat seiner Trainerin
nach zwanzig Jahren
beide Beine abgebissen

Ihre Frisur allerdings
hat keinen Schaden genommen
deshalb nimmt sie das mit Gleichmut auf
Sie kann beweisen dass das nicht der Gleichmut einer Idiotin ist
Denn Nikkei ist jetzt ihr Unterkörper Sein Blasloch beatmet sie stetig

19. Dezember 2017 15:04










Christian Lorenz Müller

GOLDEN GLEITET DAS CHRISTKIND

Rote Kerzen, rotes Gekugel,
Glühweintassen schmelzen Blut
in die Eiszapfen-Finger.
Der Flügelschlag eines Schneeschauers
verkündigt das Eintreffen
einer weiteren Kaltfront.
Kinder hüten Schafe im Streichelzoo,
Touristen aus dem Morgenland
folgen dem Leuchten
ihres digitalen Sterns.
Weihrauch wölkt von den Mündern,
golden gleitet das Christkind
gleiten die Münzen
von einer Tasche in die andere.

Am Ausgang kniet einer nieder
und übergibt sich,
gleich neben einer Roma-Frau.
Ein paar Münzen klimpern
auf das zerknitterte Bild
von Mann und kleinem Kind
in ihrer Bettelschale.

Weiße Plastiktüten
voller Weihnachtszauber
werden zum Parkplatz getragen.

21. Dezember 2017 11:32










Claudia Gabler

ICH BIN GANS GLAIN UND DEMÜTICK

Nun itz wiedder Weihnachtsseid – und ich willl einen Puntsch an mich selber riechten,
(das Grüßtkind macht eh nie, was ich willl) ::: Schreib, alte Sogge, wieder mehr
für das Nerz. Das Nerz ist der Ort, wo alles bassiert, was sonsd nirgens bassiert.
Und auch wenn du mal den Anschluss verlohren hast oder meinst, den Anschluss
verlohren zu harben, dann denk einfach: denk nicht daran, ist ja auch wurscht, gib
einfach die alten Codes wieder rein und raus kommt vielleicht ein Gedircht oder
gar Lyrrik. Also versprochen, die ollen Soggen sind ja auch wirklich nicht mehr die
fischesten. Schönes Fezz und auch was dannach hofferlich komt!

22. Dezember 2017 12:04










Thorsten Krämer

*

Der Moment in der RB48, kurz nach Mitternacht, wenn die
junge Frau am Fenster gegenüber auf den Klappmülleimer
kotzt, du hörst das Plätschern und blickst auf, reichst wortlos
ein Paar Taschentücher, wie sie dann aufsteht und in Richtung
Türen geht, und wieder hörst du dieses Plätschern — kein
lautes Würgen, Husten oder Spucken, nichts Expressives oder
Körperliches — nur dieses sanfte, freundliche Geräusch, die
unerschütterbare Unaufdringlichkeit.

22. Dezember 2017 17:55










Tobias Schoofs

SPESSART

lametta à la schlange im laub
zwei burschen durchs gebüsch

im glanz der weihnachtskugeln
frisieren räuber sich häng bloß
nicht auch noch hirsche hin

zitier auch keine römer was im
kino läuft lass unerwähnt für
themen ist der wald zu finster

bis zum wirtshaus mische bloß
mediales nicht mit medialem

24. Dezember 2017 13:20










Thorsten Krämer

I remember Finnentrop

Einmal sah ich hier eine Horde Germanen
durch den Wald laufen. Sie stürmten schreiend
den Hang runter bis vor die Blue Lounge. Dort
tranken sie Latte Macchiato im Stehen und
warteten auf den Bus.
                           Eine Stadt wie
ein Symbolfoto: der Mittelstand, das Mittel-
gebirge, das mittlere Einkommen in the heart
of the heart of the Süderland.
                                     Und der Zug
schlängelt sich durch die Landschaft wie das
weiche Deutsch eines Persers.

28. Dezember 2017 11:56










Mirko Bonné

Wulin

Von den binnen Wochen erbauten Wolken-
  kratzern hängt das Grün aus dem Himmel
in die Straßen hinunter. Alte mit einem Eisberg
  aus Styropor fahren vorbei, und in den Augen
der Kinder liegt die Tiefe der konfuzianischen
  Zeit. Kummer ist eine Art schwerer Zweifel.

Eine Reklame, groß wie eine Schule, bunter als
  die Nacht unter Vögeln: Betrink dich im Bezirk
Wulin! Spür den Wind dort! Die schlaflose Stadt
  ist das Paradies! Im selbstfahrenden Bus nach
Wulin. Der eingeschlafene Fahrer, dem ich den
  Anorak über die schlotternden Beine breite.

Kanalbaumuseum, Schiffbaumuseum, Vögel-
  museum, Scherenmuseum, Messermuseum,
Wundenmuseum, Schießpulvermuseum, Katzen-
  museum, Tannenbaummuseum, Regenschirm-
museum, Regentropfenmuseum, Tränenmuseum.
  Komm nach Wulin! Bleib in Wulin! Für immer!

*

29. Dezember 2017 17:00










Christine Kappe

Bach würde zu ihr passen

Bach würde zu ihr passen
auch wenn sie ihn nicht hört
auch wenn sie am Ende mich anguckt
als sei ich wahnsinnig
jetzt noch eine Frage zu stellen
sie hat mehrfach bewiesen
dass das alles geht
mit der Menschlichkeit
als Göttin

30. Dezember 2017 16:55










Hendrik Rost

Spieltrieb
Seit Jahren und heute betrachte
ich den Kampf einer Wahrheit
gegen eine andere. Jede mischt
ihr Gift in den Zustand,
bis er als Krankheit wirkt.
Die Zähne haben sie
der einen ausgeschlagen.
Die andere muss damit leben,
dass sie gesiegt hat.
Das Beobachten entpuppt sich als blutig.
31. Dezember 2017 23:08