Mirko Bonné

Plattmachen, ich meine / Nordenham

Plattmachen, ich meine
Nordenham, das Grau,
endlose Verlassenheit.
Das Betonschanzkleid
der Stadt entlanggeirrt,
an der alten Weser, der
seegrauen, atlantischen,
wo kein Licht, nichts flirrt.
In der Ferne, am anderen
Ufer diesen regnerischen
Nachmittag, Bremerhaven,
die abstrusen Containerter-
minals, Behälterabferti-
gungspiers, siebzig
Flugzeugträger
lang, Deich
aus Schafen.
Die Weser. Der
verbaute Himmel.
Der dich überwölbt.
Fabrik für neue Laser-
technologien. Plattes
Land, das Oldenburger
Land. Wo ist die See? Du
musst die See nicht sehen,
weil nichts ist flach ohne Meer,
das Land gibt auf, geht über. Möwe
kommt näher, Möwe zieht Bahn, Möwe
dreht ab und saust knapp hin überm höchsten
Nordenhamer Punkt, eine vier Jahrhunderte alte
Platane, die alle vergessen haben umzumähen. Das
wird schon noch, das wird, man abwarten. Plattmachen, warten.

Plattmachen heißt nicht, es ist. Plattmachen heißt, es ist vorbei, es war.

*

3. Dezember 2018 17:55










Christian Lorenz Müller

DER ERSTE REISENDE DOWAYO* AN SEINEN STAMM:

Ihr Dowayos!

Die Weißen sind seltsam. Ich habe euch ja schon oft von ihren riesenhaften Steinhäusern erzählt, die voller großer Kisten und rätselhafter Gerätschaften sind. Ein einziger Raum in diesen Häusern ist so groß wie eine ganze Hütte in Dowayoland, und dieser Raum wird immer nur von einem einzigen Menschen bewohnt und niemals von Mann und Frau, Kindern, Kindeskindern, Cousins, Cousinen, Onkeln und Tanten wie bei  uns.

Nun aber, da es kalt zu werden beginnt, geschieht etwas Merkwürdiges: Die Weißen bauen sich Hütten aus Holz, Hütten, neben denen sich selbst die Lehmbehausungen von uns Dowayos stattlich ausnehmen. Die Hütten werden mitten zwischen die allergrößten Steinhäuser gestellt und sofort bezogen. Ganz anders als die Steinhäuser, an denen ich kaum einmal einen Schutzzauber gesehen habe, werden diese Hütten mit Unmengen von seltsamen Fetischen und Amuletten behängt: Mit hölzernen Figürchen in kuttigen Kleidern, die allesamt Flügel haben; mit stacheligen Kränzen, auf denen Kerzen brennen; mit Sternen aus Stroh und bunten Kugeln, in denen man sein Gesicht erkennen kann. Diese Schutzzauber müssen sehr stark sein, denn die Weißen kommen in Massen, um sie zu kaufen.

Das Erstaunlichste aber, ihr Dowayos, ist, dass ausnahmslos alle Weißen, die es zwischen die Hütten zieht, einen magischen Trank zu sich nehmen. Er wird in großen Kesseln angerührt und erhitzt und schmeckt genauso ekelhaft wie das Gebräu, das uns unsere Dowayozauberer verabreichen. Die Weißen schlürfen ihn mit großer Gier, damit sie ihren Göttern näher kommen. Denn nicht wenige beginnen nach zwei oder drei Tassen klagende Weisen zu singen, Weisen, die sich ganz anders anhören als alles, was ich bisher an Musik im Land der Weißen gehört habe.

Ihr Dowayos, die Weißen sind wunderlich! Ein ganzes Jahr lang tun sie so, als gäbe es keine Magie und keinen Zauber, als wären ihnen ihre Götter völlig egal. Und dann plötzlich spüren sie ihre Seelen, bauen Hütten aus Holz und brauen magische Tränke.

Vielleicht sind sie uns doch viel ähnlicher, als ich es bisher geglaubt habe.

* Der Stamm der Dowayos lebt im Süden Kameruns in unzugänglichem Bergland. Kontakte zur „weißen Zivilisation“ sind selten. Erstmals näher beschrieben wurden die Dowayos von dem britischen Ethnologen Nigel Barley, der mehrere Jahre unter ihnen lebte. (Nigel Barley: „Traumatische Tropen. Notizen aus meiner Lehmhütte“. Erhältlich als dtv-Taschenbuch.)

5. Dezember 2018 11:00










Konstantin Ames

style jaune

(entstanden im April 2015)

8. Dezember 2018 11:37










Julia Trompeter

GEZeiten

Ebbe Ebbe in der Kasse Kasse

Mutter, an der Tür ist ein Glatzenhummel.
Ein was?
Ein wer?
Ein Glatzenhummel. Räuberisch mit Degeto am Revers.

(~) Aber der Tatort. Aber der Fußball. (~)

Sag dem Hummel: Wir kaufen Nix.
Ist ihm recht. SAGT ER. Solang wir zahlen.

Noch mehr Ebbe Ebbe in der Kasse Kasse

13. Dezember 2018 08:36










Christine Kappe

fast das Leben

Heute einen gemütlichen Vormittag mit meinem Sohn verlebt. Just als er zur Schule aufbrechen wollte, bekam er so starke Bauchkrämpfe, dass er sich mit Decke und Kotz-Schüssel aufs Sofa legen musste. Fieber hatte er auch.
Nachher stellte sich raus, dass es eine starke allergische Reaktion auf den Stabilisator in der Hafermilch war. Das ist so typisch für unsere Zeit: Nur weil ein paar Leute eine Kuhmilchunverträglichkeit haben, müssen lauter unsinnige Milchersatzprodukte kreiert werden, die einem dann fast das Leben kosten.

13. Dezember 2018 14:10










Mirko Bonné

In Brake war das Weite

In Brake war das Weite     zu fühlen. In Brake
hörten die Seemöwen     sich so zeitlos an.
In Brake küsste ich dich     und es war egal,
wo wir waren. In Brake     klingelte unten
am Strom dein Handy und     hast du mit der
Welt telefoniert. In Brake     war das völlig
okay. Ich liebte dich mehr     als alles andere
auf der Welt in Brake.     Und es gab vieles
in Brake, was infrage kam.     Es gab drüben
Harriersand und gab hier     Brake, was hieß,
es gab hier Brake und drüben     Harriersand –
Weite und Stille, für die     Brake stand. Und
die Weser. Und dazwischen     das dünne Land,
zu dem eine Fähre fuhr,     wovon der Kapitän
jedoch abriet. Es sei zu     still dort. Gehen Sie,
gehen Sie lieber weiter,     weiter durch Brake!
In Brake gab es fraglos     das Weite, die See
und Georg von der Vring,     der sich nicht
sicher gewesen war, wie     entscheiden, ob
ein Mensch sein oder     einer, dem gleich
ist, was es heißt,     Mensch zu sein. Schade,
und selber schuld,     aus Ihnen hätte einer
werden können, ein     Dichter, Herr von der
Vring aus Brake,     der später Dylan Thomas
übersetzte. Immerhin     gab es in Brake ja den
Optischen Telegraphen –     – Zeichen, telepor-
tiert über Strom und Land.     Ja, es gab Brake!
Es gab Brake in der Nähe     und im Weiten!
Es gab uns! Dich gab es,     mich, die Musik
des Weiten, ja sogar der     Weser. In Brake
lernte man als Kind Block-     flöte spielen. In
Brake waren alle Block-     flöten Seemöwen.

*

16. Dezember 2018 00:47










Mathias Jeschke

In den Pilzen I

Auf Regentour den oberen Neckar entlang,
der Soundrack von Black Sea Dahu aus den
Boxen, Stream of Consciousness zum sanften
Hin- und Herschwingen – zwischenzeitlich
halbwegs im Takt der Scheibenwischer –
inmitten von Bergen, bunten Wäldern und
Auen, mit schwanweißen Gießkannen besteckt,
am Ufer die Mandorla eines Boots. Es wartet
im Blauen Haus das Pilzgericht, zubereitet
aus den kleinen Schlingeln, mit denen ich
am Morgen im Wald Verstecken spielte, ich
musste so lachen. In einem dieser Ufernester
plötzlich eine Dekohölle aus grellbuntem Glas
und unter jeder zweiten Dorflinde hockt wie
ein Igel ein Landgasthof mit Namen „Zum
grünen Baum“. So fahre ich hin und her, fahre
mir hinterher, ich fahre wohl invertiert zu mir
zurück. Und während ich sitze am aufrichtigen
Holztisch im Blauen Haus, angekommen und
satt, leuchtet vor mir immer noch golden
das große Brett mit den Pfifferlingen, denen ich
nicht über den Weg traue, weil ich nicht weiß,
ob es nicht doch nur falsche sind. Sie und ich,
wir zwinkern uns zu, vertagen uns auf morgen.

20. Dezember 2018 22:11










Christian Lorenz Müller

UND ES BEGAB SICH ABER ZU DEM BAUMARKT

Dies ist die Zeit, in der auf dem Parkplatz
des Baumarkts Wälder wachsen,
in der sich der Leiter der Gartenabteilung
zu einem mürrischen Engel verwandelt.
Die Glut seiner Zigarette zieht als Stern
durch dämmrige Stunden.
Ein Rom treibt einen abspenstigen Einkaufswagen
zurück zu seiner Herde,
kettet ihn gegen fünfzig Cent
in den Stall, und natürlich
fängt es an zu schneien,
die Flocken nässen
einen abgestellten Kinderwagen.

Gleich hinter der Eingangstür
plärrt der Säugling,
seine erschöpften Eltern
tragen ihn durch Kerzen, Lichterketten,
durch goldenes Gekugel im Sonderangebot
und zwei Sorten Räucherwerk
in der praktischen Plastikdose.

Wer auch immer hier
auf Herbergssuche ist
geht in die Baustoff-, die Holzabteilung
und zimmert sich sein Obdach selbst.

21. Dezember 2018 09:49










Mathias Jeschke

In den Pilzen II

Mit meinem Vater durchs Unterholz,
zeitweilig verloren wir uns aus den Augen,
dann hallten die Rufe durch den Wald.
Mischwald musste es sein, Brombeeren,
Farne und Moose in der Nähe, Pilze,
egal welche, waren notwendig, sonst
stand die Chance auf Maronen, Steinpilze,
Birkenpilze und Rotkappen schlecht.
Am besten vorsichtig gehen, lautlos, sonst
verstecken sie sich vor dir. Ich lief,
den Korb in der einen, in der anderen
das Messer, war voller Aufmerksamkeit,
ganz gespanntes Schauen, auf der Jagd
nach diesen Waldwesen, denen ich
manchmal beim Wachsen zusehen konnte.
Sie schlüpften durchs Moos, eine Kappe
von Nadeln und Blättern saß ihnen keck
auf dem Kopf wie Calimero die Eierschale.
Später hatte ich das Messer nur noch dabei,
benutzte es nun aber, auf mich allein gestellt,
nicht mehr, ich hatte mich schlau gemacht,
drehte die Pilze heraus. Hatte aber gelernt,
mich in Acht zu nehmen vor Bauer Maggot
und seinen fürchterlichen Hunden.

21. Dezember 2018 21:10










Karin Fellner

die strudelnden

Plätze, Pläne (sag gleich: Projekte) drängln herbei und belagern,
belangen mich nicht, ein Mund strömz aus und noch einer, nichts
hält und eine Weile lässt sich lange so sitzen im Eck, leere Wand, leere Welle

Zuspruch aus dem Off: „Wann die Münder so krachen, heißts, dass die Spucke sich ändert“

hier ende ich langsam, ach, all die wrongen Worte, unser hastig Gebaren!
die trunkene Pappel geht in mein Ohr, mir ein, Oratorium, mich
driftend erscheinen Menschen, Namen, Orte, scheinige Sprach-
salven, wolln nicht verfangen

dabei teilen wir doch und ganz konkret unsre Knochen, werden durchgespeist,
suchen, versuchen, stochern –

23. Dezember 2018 10:38










Mirko Bonné

Du schläfst

Lachend, mit den hellen
Stimmen der Bäume am Bus-
bahnhof, erzählen die Mädchen
einander am Morgen ihre Träume.

Munter kreist ein Taubenschwarm
das Viertel ein, niemand, auch ich
nicht, entkommt ihm. Meine Blicke
gehen nach oben wie in Zimmer.

Du schläfst noch mal. Gut so!
Ein Duft braucht einfach seine
Zeit. Trotzdem höre ich dich,
du bist ja in jeder Stimme.

Um es klar zu sagen: Schlaf,
sweet love, und so lange ist sie
grau, die Stadt. Die Sonne, ich
weiß nicht. Was soll sie sein

ohne dich zwischen den Jahren.

*

30. Dezember 2018 17:41