Mirko Bonné

Sommertag in Hundsmühlen

Schreiend liefen wir zum Fluss hinunter.
In meiner Erinnerung stößt der Rasen ans Ufer,
und da war ein Steg. Wir rannten
durch den Garten
auf die Planken und sprangen
aus der Sommerhitze in das kalte Wasser.
Es war braun. War stark und schnell.
Die Hunte griff uns um die Beine.
Ich weiß noch, meine Arme,
das Rudern, um am Steg zu bleiben.
Und er zog an mir, der Fluss drückte mich
weg, in das späte Sommerlicht hinein. Aber
schreiend lief ich wieder hinunter zur Hunte.
Und neben mir schneller rannte mein Bruder.
Da war das Gras. Und ich spüre es noch.
Der Fluss der Freund den Nachmittag.
Die Magnolien da. Ein Duft nach Majoran.
Immer wieder schwamm ich zu dem Steg zurück.
Und unsere Großmutter kam und saß mit uns im Gras.

Für Stephan Bonné

*

8. Mai 2019 14:00










Andreas Louis Seyerlein

~

Wenn ich das Wort Schreib­ma­schi­ne höre, den­ke ich an Lebe­we­sen mei­ner Kind­heit, an Krea­tu­ren mit Wal­ze und Tas­ten, die merk­wür­di­ge Geräu­sche erzeug­ten, sobald man sie beweg­te. Was waren das damals doch für Unge­tü­me, Knöp­fe auf Stel­zen so groß, dass sie von mei­nen klei­nen Fin­gern kaum bewegt wer­den konn­ten. Hoch oben auf einem Tisch­chen ruh­te die Schreib­ma­schi­ne, manch­mal war sie ver­bor­gen unter einer Hau­be, dann wie­der klap­per­te sie. Mut­ter saß am Tisch und tipp­te vor sich hin. Von Zeit zu Zeit setz­te sie mich auf ihren Schoß und ich sah ihren Fin­gern zu, wie sie sich beweg­ten, indes­sen Mut­ter mit mir sprach oder dem Radio zuhör­te. Ich glaub­te manch­mal in den Bewe­gun­gen ihrer Hän­de, etwas Frei­es, Unab­hän­gi­ges zu sehen, als wären die Hän­de mei­ner Mut­ter eigen­sin­ni­ge Lebe­we­sen. Wie nur nennt man die­se Ver­rückt­heit, dass einer gern Bücher auf einer Schreib­ma­schi­ne tippt, anstatt sie zunächst nur zu lesen, wie einen, der nur lesen kann, was er auch schreibt mit den Hän­den? — stop

> particles

13. Mai 2019 20:53










Andreas H. Drescher

DER FADEN (Kapitel aus dem Roman „Kohlenhund“)

Die Befriedigung, die ihm das Knacken der trockenen Zweige und Tannenzapfen unter den Füßen verschafft. Der Blick durch die Lichtmulden in den Baumkronen. Von Helligkeit aufgelöst selbst die Vögel in den Zweigen. Nur ihr Gesang übrig. Wechselnde Töne. Das setzt noch einen Raum in den Raum. Dann wieder ein Knacken, grundlos scheinbar, zwischen den Stämmen. Schließlich die winzige, lichtgelbe Raupe vor ihm. Sie windet sich, spinnt ihren Faden. Unsichtbar, sichtbar, unsichtbar. Lange steht er da und sieht das an…WEITERHÖREN

15. Mai 2019 06:20










Tobias Schoofs

WAS NICHT GESCHIEHT

sie ruft an
der cafébesitzer gibt ein bier aus

der nachrichtensprecher meldet
prince und david bowie seien nicht tot

da liegt ein brief auf dem tisch
von meinem ebenfalls unverstorbenen vater
er habe es nicht mehr ausgehalten sagt er
da (also hier) im absurden europa

dieser schrecklichste aller innenminister
tritt endlich zurück – einfach so

ich höre auf zu rauchen
ich sage nein danke zum bier
das der cafébesitzer mir hinstellt

das telefon klingelt

17. Mai 2019 14:24










Gerald Koll

Auf den heutigen Tag vor dreißig Jahren …

… geben um eine halbe Stunde nach zehn Uhr Spielmannszüge des schleswig-holsteinischen Landes auf der „Frahmkoppel“ genannten Anlage des Gettorfer Kleingartenvereins ein Platzkonzert zu Ehren des hundertjährigen Bestehens des Gettorfer Turnvereins. Sternmarsch! Er mündet auf dem Schulhof der im Park befindlichen Grundschule und eskaliert in einem Großkonzert.

27. Mai 2019 08:19










Hans Thill

Die orphischen Dörfer

DAS NÄCHSTE DORF trocken wie Reis, bevor ihn die Mäuse fressen. Dicht an dicht bei den Säcken die Sicherheitsleute, im Ohr einen Knopf, die Fäuste in die Hüften gedrückt. Dahinter zählte man das Geld und stopfte die Patronen. Die aufrechten Männer, schwarz und muskulös wie Traktoren. Im Zwischenraum ein lockiges Wesen, das keiner bewachte. Mariezibill hätte anders ausgesehen. Man glaubte ihr Bild auf den Banknoten zu sehen, aber das war schon so verschwommen. Das Reisig band man zu Besen, denn plötzlich regnete es Rost. Oben in den Alpen, oben in den Alpen.

29. Mai 2019 17:03










Christian Lorenz Müller

UKRAINISCHE FELDER

Einheitlich marschieren sie
morgens hinaus auf die Felder,
alle in Gummistiefeln
und mit der Hacke über der Schulter,
der wirkungsvollsten Waffe
gegen das Unkraut seit Jahrhunderten.
Gewinkeltes Bajonett,
fährt sie blitzend in die Erde.
Bald werden Karotten und Rote Rüben
auf den Beeten exerzieren,
werden Erdäpfel stramm in Reihe stehen

während weit im Osten
der Spelz der Patronenhülsen
auf dem Boden liegt,
sich die leeren Schalen der Granaten
wie ausgehöhlte Kürbisse
neben den Geschützen stapeln.
Wer dort zur Hacke, zum Spaten greift,
sät mit den Minen Tod und Verderben
oder gräbt eine notdürftige Stellung,
Ackerfurche der Angst
in schwarzer, fruchtbarer Erde.

30. Mai 2019 12:24










Hendrik Rost

Vorletzte Dinge

Küss mit, wo geküsst wird.

Stirb mit, wo gestorben wird.

Stell Thesen auf, wo eine Vase ist.

31. Mai 2019 14:28