Hans Thill

Die orphischen Dörfer

DAS NÄCHSTE DORF so dahingesagt und dann wieder weggequatscht. Hat man es verstanden, ist es ein Wald vor lauter Bäumen oder eine Liebe, die mit ihrem Tüchlein in der Lichtung steht. Das Dorf der Tiere? Anderswo. Frag einmal Marie Laurencin mit dem Blauen Denim aus Nîmes. Frag einmal die Hutfrauen, eine nach der anderen, ob ihnen die Obacht schwer fällt.

4. Juni 2019 09:47










Christine Kappe

Regenschirm, Taschenlampe, Taschenmesser
Landkarte nicht vergessen
An der Trampe wartet schon
die Dunkelheit auf mich
Gleich das erste Auto hält
Zwei junge Typen, kaum älter als ich
Sie fahren wie die Henker
Und nur bis zum nächsten Dorf
Aber dann habe ich schonmal ein Stück geschafft
Hätten wir bloß nicht meine Cousine überholt
Sie wird mich verpetzen
Aber erst nach der Tagesschau

(work in progress: Kindheitsgedichte)

6. Juni 2019 09:25










Julia Trompeter

Immer bei Regen ziehen Schwaden von Zigarre

vom Innenhof hinauf zu mir und den Meinen,

die mir nicht gehören, und vernebeln unsere Luft,

die wir abwechselnd ein- und ausatmen, ein und aus, und ich frage mich:

Wer im Hinterhaus raucht hier Zigarre?

Das lesbische Paar mit den winzigen Töchtern, die nie schlafen, ist es nicht

Der Geiger mit der Armprothese, der unendlich üben kann, ist es nicht

Die verräterische Oma mit dem Veilchenparfum ist es nicht

Die Stadtreinigung ist es nicht

Auch Bob Dylan ist es wahrscheinlich nicht

Bleibt noch der Hofhund wider Willen

Bleibe noch ich, vor Jahren

Bleibt noch

x

6. Juni 2019 19:52










Björn Kiehne

Der sechste Kontinent

Du hast ein schweres Herz
hat man mir gesagt
geh niemals schwimmen
du ertrinkst

Aber ich bin in immer
kleinere Häuser gezogen
leichter geworden bis ich
in diesem Körper ankam nur
noch den Geist als Fenster

Ich riss es weit auf!

Nun liegt er vor mir
die Inseln wie Trittsteine
in seine Freiheit
der sechste Kontinent –
das strahlende Meer.

Samos, Sommer, 2019

11. Juni 2019 10:05










Christian Lorenz Müller

DREI APHORISMEN FÜR EHEMÄNNER

Sie war seine Sonne. Wie erstaunte er, als er bemerkte,
dass sie sich selbst verzehrte, um ihr Licht auf ihn zu werfen.

Die Ehe ist eine Prüfung. Nicht selten gibt ein Partner,
der keinerlei pädagogische Fähigkeiten besitzt,
ganz besonders strenge Noten.

Der Hochzeitstag birgt die Erinnerung an ein Versprechen,
aber nicht jeder Ehemann, der ihn vergisst, hat es gebrochen.

 

12. Juni 2019 08:20










Christine Kappe

Stadt Strand Petersburg

Gegen Abend würden die letzten Wolken über dem Meer verschwinden und einen anderen Kontinent sichtbar werden lassen. Was hier angespült wird  – die letzten Dinge. Auf jeden Fall eine Krankheit – die Sommersprossen  auf den Wellen. Nichtzerplatzende Blasen, zögerndes Geschäum. Mal  hierhin fallend – mal dahin, hinüber. Fäden einer geheimen, sich  unaufhörlich selbst schreibenden Schrift. Der Müll? Verändert  szenenartig seine Lage. Ist Statist. Tanz der Hüllen am Strand. Tanz auch von etwas Unbestimmbarem, was die Möven ausgepickt haben, Schalenleben. Der Übergang zwischen Luft und Wasser bleibt Geschichte  des Meeres. »Über austrocknende und nichtaustrocknende Pfützen.« Dazwischen ein rostiger Wasserhahn, aus dem der Wind sich einen dünnen  Strahl zieht.

12. Juni 2019 14:00










Hendrik Rost

Fantasma
Für ein Europa der Toten und der Lebenden.
Für eine Landschaft der Gräser und Überwindungen.
Für das Recht auf das Recht zu singen.
Für die Anwesenheit von Sturen.
Für genug Heiliges, um eine sagenhafte Leere zu füllen.
Für kein Geld der Welt.
13. Juni 2019 11:25










Tobias Schoofs

POETIK

jedes gedicht ist ein liebes
gedicht jedes gedicht ist teil

einer affäre einer beziehung
jedes gedicht ist eine und oft
keine kommunikation es gibt
nichts als wörter in gedichten

die liebe ist nicht hier sie ist
in körpern zungen zähnen da
in lippen in der stimme wird sie
ganz von selbst zu text jedes

gedicht ist ein liebesgedicht
eine unvollkommene sünde

16. Juni 2019 14:34










Hendrik Rost

Hermes

Die Fliege, die du gestern
Abend nicht gefangen
hast, sagt mein Sohn,
zappelt jetzt im Netz
der Zitterspinne. Er ist
erschüttert. Ein Bündel
am Fenster. Und im Juni
ist Licht das häufigste
Phänomen neben dem
Rascheln der Linden.
Als ob Jahre zurückkämen.

18. Juni 2019 09:48










Andreas H. Drescher

CHAMPIGNONS (Kapitel aus dem Roman „Kohlenhund“)

„Ganze drei Schichten habe ich´s unter Tage ausgehalten, bis mir die Schinderei zum Hals heraushing. Aber auch danach bin ich die Stollen nicht losgeworden, hab in der Champignon-Züchterei angefangen, in dem alten Schacht im Limberg. Ein Nachbar hat mich eingestellt. Ein pensionierter Bergmann, der billig an die ausgedienten Stollen gekom-men war. Fünfzig Meter ging es in den Stein. Überall der Geruch nach Hopfen. Die Donner-Brauerei hatte dort unten noch kurz vorher ein Bierlager gehabt.“ VOLLSTÄNDIG ANHÖREN.

21. Juni 2019 08:20










Christine Kappe

Eigentlich sind es Felsentauben

Ein Mann bestellt eine Donauwelle, mit junger Stimme
eigentlich ist er alt
Draußen mischen sich die Krähen mit den Tauben
eigentlich sind es Felsentauben
Eine japanische Radfahrerin bestellt für ihre Tochter einen Bienenstich
und kann das Wort nicht aussprechen
Eigentlich müsste sie einen Helm tragen
Eine dicke Alte setzt sich draußen auf die Bank und wippt mit dem Oberkörper
Eigentlich müsste sie zahlen
Eigentlich hat die Verkäuferin schon frei
Jetzt bedient sie noch, in Jacke –
Wie das Wetter plötzlich schlecht wird und der Bagger wegfährt
Wie der neue Verkäufer sich bemüht
„Haben Sie 15 Cent? Wenn Sie nur 5 oder 1o haben – auch gut.“
Dann räumt er den Getränkeautomaten ein
Lauter Coladosen. Wer trinkt die alle?
Die türkischen Männer? Sie gehen vorbei
sehen ernst aus, streichen sich die vorhandenen und nichtvorhandenen Bärte
Zwischen vorhandenen und nichtvorhandenen Krähen
Eine hat tatsächlich den Winter überlebt
Obwohl die TiHo prophezeite
Sie würde nie in einem Baum sitzen oder irgendetwas greifen können
Eigentlich wollten wir sie in einen Karton tun und hinbringen
Aber wir schafften es nicht

(work in progress: „Vögel und Städte“)

27. Juni 2019 07:29










Hans Thill

Ich allein bin Calvin Klein

großer calvinistischer Bonobo, also ein Pferd in der Hölle
und das Mädchen schläft weiter, die Di als
Wildfrau, Waldvenus

im Körbchen eines mongolischen Herzmuschelsammlers
mit Sand im Salat und zwischen den Zähnen. O Nasnblutn,
o Holz von Ednkobn, nun wahrhaft

Seehundfarbn und ganz nah Quercus, es ist Vollmond,
ideale Bedingung, um ein Gedicht zu lesen,
der Ford Capri fahrlässig geparkt in der Klosterstrasse

bei der unvergessenen Miss Ferguson, deren halber Mund
einer anderen Zunge gehört. Also mein ganzes Auge
schwimmt in einer Salzlake,

mein Vater hat die Rote Spinne gekillt, es herrschte bitterer
Nebel auf der Vogesenstrasse, nicht weit von hier
hat Adomnán die Ewigkeit gesehen.

Lüeg emol: l´éternité, jamais vu de l´exterieur. So ein
Mannbaum mit Sardelle, vermutlich aus Mannheim,
wo man die Seife verteidigt als wäre sie

ein durstiger Bulldog aus der Notfalltasche. Botoxiere
die Falte auf der Stirn des Zürngottes, mach das
mit dem ganzen Olymp von Paris, das nennt man

Party. Tote Tiere pflastern deinen Weg, (gemeint ist wohl:)
Pavarotti und seine Vogelverwandtschaft.
Wir fahren nach Genf nach Speyer

mit Gepäck aus Dunmail und Dunlop. Wir fahren nach
Bullerbü. Hätt ich dich, so äss ich dich (Grimm).
Noch schubsen sich die Wörter

auf Hochland-Latein (Wein redt Latein), geben es sich
mit den Ellbogen, noch ist Kirschenzeit und mein
Augensalz kommt von

einem Dichtertattoo, wenn es nicht einem Skibbo aus Skiddaw
gehört, mit mehr Haut als Haaren. Und jetzt übersetz
das mal ins Küstenschwäbisch, mein

alter Bazillus aus der keuschen Familie Castrol, ich
ist ein anderer GTX

Edenkoben, 26.6.2019

Begrüßungsgedicht für
Meg Bateman, Cheryl Follon, Iain Galbraith, Peter Mackay, Peter Manson, Paul-Henry Campbell, Daniela Danz, Sina Klein, Uwe Kolbe, Tobias Roth, Lea Schneider

27. Juni 2019 11:49